Spieg­lein Spieg­lein… (Teil 1)

Ein Kunst­werk auf der Couch? Der Psycho­ana­ly­tiker Jacques Lacan schreibt sehr kompli­ziert, hat aber einiges inter­es­santes zur Bezie­hung zwischen dem Menschen und (seiner) Kunst zu sagen! Im ersten Teil dieser Reihe zu Kunst und Psycho­ana­lyse wird die Bezie­hung zwischen Kunst und den Theo­rien Lacans deut­lich gemacht. Für den nächsten Teil kommt ein Kunst­werk auf die Couch: Aus welchen Elementen, der Künstler*innen und der Rezipient*innen besteht es?

Ein Anfang: Kunst wird angesehen

Kunst ist auf unser Auge ange­wiesen. In Bezug auf bildende Kunst und Theater ist das sofort ersicht­lich, aber auch bei Konzerten ist es nicht nur die bessere Klang­qua­lität, die uns anzieht. Gerade auch das Perfor­ma­tive, das sich durch Akteur*innen ausbil­dende Gesamt­erlebnis, ist ein wich­tiger Faktor bei der Entschei­dung für den Besuch eines Live-Konzertes. Wir schauen Kunst also an. Wenn das passiert, werfen wir nicht nur einen flüch­tigen Blick auf ein Gemälde, ein Thea­ter­stück, oder eine Tanz-Perfor­mance, sondern wir erwarten etwas. Kunst soll uns etwas zeigen, zum Beispiel zum Nach­denken anregen, neue Perspek­tiven vermit­teln oder Humor trans­por­tieren. Wir erwarten das Ergebnis des Schaf­fens­pro­zesses von Künstler*innen.

Diese Fest­stel­lung ist bis hierher wenig über­ra­schend. Inter­es­santer wird es, wenn wir mithilfe der Bild­theorie des Psycho­ana­ly­ti­kers Jacques Lacan ergänzen, dass Kunst selbst eine Reak­tion ist, auf den Blick, den wir (über das Kunst­werk) auf Künstler*innen werfen. Kunst ist demnach das, was diesem Blick preis­ge­geben werden soll. Damit ist klar, dass auch Künstler*innen ein Auge auf ihre Rezipient*innen haben, wenn sie ihre Kunst entwerfen. Wenn wir also ein Kunst­werk anschauen sehen wir nicht direkt den dahin­ter­ste­henden Menschen, sondern ein Produkt, dass unseren Blick befrieden soll. Meis­tens ist dieses Vorhaben erfolg­reich, unsere Erwar­tung wird von dem Kunst­ob­jekt erfüllt und wir treten in eine Ausein­an­der­set­zung mit dem Kunst­ob­jekt, eine Ausein­an­der­set­zung, die zum Ziel hat zu ergründen, was das Kunst­werk über uns selbst verrät. Lacan bezeichnet diese Ausein­an­der­set­zung als „sich sich sehen sehen“. Wir enden in einer Ausein­an­der­set­zung mit uns selbst, in einer Art ‚Ich schaue, also bin ich.'

Noch nicht entmu­tigt von soviel Theorie? Lacan gilt als einer der kompli­zier­testen Schreiber des 20. Jahr­hun­derts. Doch eine Beschäf­ti­gung mit seinen Theo­rien lohnt, sich in Bezug auf Kunst: Lacan ermög­licht es Kunst als imagi­nierte Ausein­an­der­set­zung mit uns selbst zu begreifen. Gewis­ser­maßen als Reak­tion auf die Frage „Wer bin ich?“. Ziel des folgenden Beitrags soll es sein etwas genauer zu beleuchten, wie Lacan zu diesen Schluss­fol­ge­rungen kommt und zu begründen, warum diese Perspek­tive für die Analyse, viel­leicht sogar die Kritik von Kunst fruchtbar gemacht werden sollte. Voran­ge­stellt ist dem eine Vorstel­lung von Jacques Lacan selbst, seiner bekann­testen Theorie, dem Spie­gel­sta­dium und eine genauere Betrach­tung der oben skiz­zierten Bildtheorie.

„Wenn Sie verstanden haben, liegen Sie falsch"

Das obige Zitat von Jacques Lacan ist zual­ler­erst eine Zusam­men­fas­sung seiner Vorstel­lung der mensch­li­chen Realität, die er als äußert wider­sprüch­lich charak­te­ri­siert. Es lässt sich aller­dings auch sehr gut auf seine Schriften anwenden. Dazu zunächst ein Zitat von Claude Lévi-Strauss, dem es (zusammen mit dem Philo­soph Maurice Merlau-Ponty) ähnlich erging, wie vielen Lacan-Lesern:

„I’d have had to read ever­ything five or six times. Merlau-Ponty and I used to talk about it and concluded that we didn’t have the time.“ (zitiert in Chiesa, S. 3)

Auch ich habe mich mehr­mals an den Origi­nal­texten von Lacan versucht, musste aber zum Verständnis haupt­säch­lich auf Einfüh­rungs­werke zu seinen Schriften zurück­greifen. Die Kompli­ziert­heit seiner Texte ist aller­dings nicht die einzige streit­bare Eigen­schaft seiner Theo­rien und seiner Person. Warum also die Texte von Lacan ergründen? Am schönsten ausge­drückt hat es wohl Peter Widmer in seiner Einfüh­rung in Lacan:

 

Klick: Inter­es­sante Infor­ma­tionen zur Biogra­phie Lacans finden sich auf Wikipedia

„Das Primat gehört dem begeh­renden Subjekt, dem Subjekt als Frage; vorschnelle Antworten, die sich bei einem Bild beru­higen wollen, stellen sich von selbst ein. Wahr­heit blitzt dort auf, wo sie am wenigsten erwartet wird. Sie kann nur dann durch­bre­chen, wenn sich das Subjekt etwas von der ursprüng­li­chen mensch­li­chen Not sagen lässt, wenn das Rätsel seiner Exis­tenz sich in einem Augen­blick vollen Spre­chens verdichtet.“ (Widmer, S. 11)

Kunst ist mit dieser mensch­li­chen Exis­tenz, mit diesem Rätsel eng verflochten. Gerade deshalb ist es schwierig Kunst zu defi­nieren, auch bei einem der Produkte mensch­li­cher Exis­tenz stellen sich schnelle Antworten von selbst ein. Lacan selbst ist kein Kunst­phi­lo­soph gewesen, sondern Psycho­ana­ly­tiker, der sich Zeit seines Lebens mit dem ‚begeh­renden Subjekt‘ beschäf­tigt hat. Ein Blick auf seine Theo­rien lohnt sich aber gerade aus kultur­wis­sen­schaft­li­cher Perspek­tive: Was passiert, wenn dieses „Subjekt als Frage“ ein Bild, ein Thea­ter­stück, eine Tanz­per­for­mance erblickt und sich damit auf das Produkt eines anderen Menschen einlässt? Um sich dieser Frage anzu­nä­hern, lohnt sich ein Blick auf die bekann­teste Theorie Lacans: Die Theorie vom Spiegelstadium.

„Wer bin ich?“ -

Die Konstante des Subjekts ist die Suche nach sich selbst im Anderen

Der wohl wich­tigste theo­re­ti­sche Ansatz von Lacan stammt aus einem Brief des fran­zö­si­schen Dich­ters Arthur Rimbaud: „C'est faux, de dire je pense. On devrait dire ON me pense. Pardon du jeu de mot : 'je est un autre’.“ (Es ist falsch zu sagen, ich denke. Man müsste sagen, man denkt mich. Entschul­digt das Wort­spiel: Ich ist ein Anderer.) „Ich ist ein anderer“ wird zum wich­tigsten theo­re­ti­schen Grund­pfeiler der Theo­rien Lacans. Das Subjekt findet zu sich selbst vor allem in Bezie­hung zu seiner Umwelt, vor allem zu anderen Menschen, aber auch zur kultu­rellen Phäno­menen, wie der Sprache, die ihn umgeben.

Der Prozess dieser Selbst­fin­dung über andere Menschen startet im Klein­kind­alter. Lacan veran­schau­licht das mit der ersten Selbst­be­trach­tung eines Kindes im Spiegel. Das Kind erkennt sich selbst im Spiegel: Im Spiegel befindet sich aber nicht das wirk­liche, eigent­liche ‚Ich‘ (das Lacan ‚je‘ nennt), sondern eine Reprä­sen­ta­tion dieses Ichs (das ‚moi‘). Trotzdem denkt das Kind, es würde sich selbst erbli­cken. Das Spie­gel­bild wird als ‚Ich‘ imagi­niert: Das Kind hat zum ersten Mal die Möglich­keit, sich selbst wirk­lich zu begegnen, sich selbst zu sehen und steht doch nur einem Anderen gegen­über. Für Lacan, setzt sich diese imagi­näre Selbst­fin­dung über Andere im weiteren Leben fort. Das Subjekt findet sich selbst nur im Anderen und bezieht sein Selbst­bild aus dieser imagi­nären Bezie­hung. Wenn diese imagi­näre Selbst­fin­dung zu stark wird, spricht Lacan von Psychosen. Vor allem Narzissmus weist auf eine starke Ausprä­gung der imagi­nären Dimen­sion hin. Andere werden nicht mehr als ‚Andere‘ aufge­fasst, sondern nur noch als dem eigenen Selbst­bild zuar­bei­tende Bestätigungen.

Aus dieser imagi­nären Dimen­sion gibt es für Lacan nur den Ausweg über das Symbo­li­sche, beispiels­weise die Sprache, oder andere gemeinsam geteilte Systeme und Reprä­sen­ta­tionen, die außer­halb der zwischen­mensch­li­chen Bezie­hung begründet sind. Die Dimen­sion des Imagi­nären stellt auch die Brücke zu Lacans Bild­theorie dar, die im folgenden beschrieben werden soll: Diese Dimen­sion voll­zieht sich vor allem in der Visua­lität, im Sehen. Lacan unter­scheidet hier zwischen dem Auge (die eigene imagi­näre Bezie­hung zum Anderen) und dem Blick (die Tatsache, dass auch ‚die Anderen‘ uns anschauen).

Narzissmus at its best!
Die Funk­tion des Auges

Die Funk­tion des Auges ist für Lacan das bewusste, inter­na­tio­nale Sehen. Das Ansehen geht immer vom Subjekt selbst aus, das was das Subjekt ansehen möchte ist das Objekt (wenn es ein Mensch ist spricht Lacan von dem Anderen). Lacan macht hier aber noch eine wich­tige Unter­schei­dung: Das Subjekt sieht niemals das, was es sehen will, sondern dass, was es sich imagi­niert, das es sieht. Dieses Imagi­nierte bezeichnet Lacan als das Bild. Das Bild ist also die Reprä­sen­tanz des Objektes. Das Bild ist aber eine vom Subjekt geschaf­fene Reprä­sen­tanz, also von ihm abhängig. Wenn ich einen Menschen anblicke, sehe ich nicht den tatsäch­li­chen Menschen, sondern das was ich aus ihm mache: Den Freund, die Freundin, die Mutter, den Vater oder den unver­schämten Nach­barn… Wenn man die Funk­tion des Auges allein betrachtet, bietet es sich an, wieder vom Narzissmus zu reden. Die Funk­tion des Auges für Lacan ist rein selbst­be­züg­lich. Aber: Das Subjekt sieht nicht nur, was es glaubt zu sehen, sondern gleich­zeitig auch das, was es gezeigt bekommt. Diesen Prozess beschreibt Lacan als ‚Blick‘.

"Kunst und Sprache exis­tieren allge­mein, um den Mangel zu verbergen."

Zur Entste­hung von Kunst (Der Blick)

Hierzu ist ein Perspek­tiv­wechsel notwendig. Jedes Subjekt wird auch ange­blickt. Das Objekt (das Andere), das ich anschaue, wird von mir ange­blickt und reagiert darauf. Lacan spricht hier von einem ‚Schirm‘, den der oder die ‚Erblickte‘ vor sich aufstellt, um sich dem Blick zu entziehen. Für Lacan stellt der Blick eine Gefahr für das Subjekt dar, weil es den eigenen Mangel, die eigenen Unzu­läng­lich­keiten aufde­cken und so das imagi­näre Selbst­bild zerstören könnte. Der Schirm ist eine Art ‚Selbst­re­prä­sen­ta­tion‘ also das, was ich dem ‚Anderen‘ von mir zeigen möchte. Letzt­end­lich fallen Bild und Schirm zusammen und das ist für meinen Beitrag die wohl entschie­denste Erkenntnis. Das, was ich vom ‚Anderen‘ sehe, setzt sich zusammen aus meiner selbst­be­zogen-imagi­nären Vorstel­lung vom ‚Anderen‘ (Bild) und der Reak­tion der/des ‚Anderen‘ auf meinen Blick: Das was mir gezeigt wird (der Schirm). Dies ist für Lacan der Ursprung der Kunst:

„Der Maler gibt dem, der sich vor sein Bild stellt, etwas, das für einen Teil der Male­rei wenigs­tens in der For­mel zusam­men­zu­fas­sen wäre – Du willst also etwas erbli­cken [regar­der]. Nun gut, dann sieh [vois] das! Er gibt etwas, das eine Augen­wei­de sein soll, er lädt aber den, dem er sein Bild vor­setzt, ein, sei­nen Blick in die­sem zu depo­nie­ren, wie man Waf­fen depo­niert. Dies eben macht die pazi­fi­zie­ren­de, apol­li­ni­sche Wir­kung der Male­rei aus. Etwas ist nicht so sehr dem Blick, son­dern dem Auge gege­ben, etwas, bei dem der Blick dran­ge­ge­ben, nie­der­ge­legt wird.“

Klick: Zitat von der Webseite "Lacan entziffern"

Kunst entschärft also die entlar­vende Bedro­hung des Blicks einer­seits und verschiebt die Aufmerk­sam­keit des Subjekts auf eine Beschäf­ti­gung mit sich selbst. Indem Künstler*innen so etwas von sich zeigen, ist die Erwar­tungs­hal­tung an Kunst befrie­digt und das Subjekt wird sich wieder mit der Funk­tion des Auges also mit dem ‚Bild‘ (das jetzt vom ‚Schirm‘ mutbe­ein­flusst worden ist) ausein­an­der­setzen und so die Frage: Wer bin ich? Mit dem Kunst­werk aushan­deln. Wegen dieser zwangs­läu­figen Selbst­be­zo­gen­heit der Ausein­an­der­set­zung mit Kunst ist es unmög­lich sich nicht mit Kunst zu iden­ti­fi­zieren. Gerade weil sowohl das von mir selbst stam­mende ‚Bild‘ als auch der künst­le­risch geschaf­fene ‚Schirm‘ für das Subjekt eine Reprä­sen­ta­tion des Anderen darstellen, verfällt es in die anfangs beschrie­bene Spiegel-Bezie­hung. Das Kunst­werk fungiert als Reprä­sen­tant des ‚Anderen‘.

Ein Beispiel vorab: Der große Rats­saal im Dogen­pa­last von Venedig

Das Beispiel soll als Zusam­men­fas­sung dienen, gleich­zeitig möchte ich die Perspek­tive noch etwas erwei­tern: Es gibt immer zwei Augen genauso wie zwei Blicke, weil die Bild­theorie Lacans eben von zwei betei­ligten Blick­win­keln ausgeht.

Lacan selbst erwähnt den Großen Rats­saal im Dogen­pa­last von Venedig, um seine Theorie an einem Beispiel zu erläu­tern. Nehmen wir an, ein Subjekt (Reisende z.B.) betritt den Saal. Das Subjekt, wird etwas erblicken wollen in diesen Bildern und wird sie (wenn es histo­risch infor­miert ist) als Selbst­dar­stel­lung des Rates, des Dogen oder des poli­ti­schen Systems der alten Repu­blik Venedig verstehen. Die Malerei im Saal befriedet diesen Blick als 'Schirm' und stellt so genau das von sich selbst dar, was sie zeigen will. Auch als Werk des berühmten Malers Tinto­retto lassen sich manche Werke im Saal anbli­cken: Dann wird man etwas von Tinto­retto zu sehen bekommen, genau das, was er von sich (bzw. seinen Malkünsten und seinem Blick auf das Darge­stellte) preis­geben möchte. Das Auge des Subjekts will aber auch etwas ganz bestimmtes sehen und erzeugt so eben auch ein eigenes 'Bild' vom Gese­henen. Als Beispiel: "So sah es also aus in dieser grau­samen Zeit der Renais­sance." (Oder zeit­ge­nös­sisch zur Entste­hung der Malerei: "Das ist also unsere stolze Republik.")

Gleich­zeitig können wir aber genau­sogut die Perspek­tive wech­seln: Auch das Subjekt fühlt sich durch die Malerei im Saal erblickt. Die Auftrag­geber der Bilder oder Tinto­retto hatten auch die anschau­enden Subjekte im Blick, als die Kunst geschaffen oder in Auftrag gegeben wurde. Viel­leicht kann man dieses Gefühl des 'Erblickt-seins' am ehesten mit der scheinbar naiven Frage "Was will mir das Bild sagen?" umschreiben. Noch stärker muss dieser Blick auf die zeit­ge­nös­si­schen Besucher*innen des Dogen­pa­lastes gewirkt haben. Umgeben von Schlachten und Abbil­dungen der bedeu­tenden Rats­herren, werden sich normale Bürger*innen der Repu­blik erblickt gefühlt haben: Sie sind gemeint und sollen sich als Teil des vene­zia­ni­schen Systems sehen, den glei­chen Idealen huldigen. Zu diesem Blick muss sich das Subjekt verhalten und kreiert so selbst einen Schirm, der sein Verhältnis zum System (zum Anderen) zum Ausdruck bringt. Der 'Blick' des Systems führt also zu einer Selbst­dar­stel­lung auch auf seiten des Subjekts!

Fehlt noch das 'Auge' hinter der Malerei, also der Auftraggeber*innen bzw. Künstler*innen: Auch diese wollen mit den Gemälden Verhalten auslösen, dass sie selbst in ihrer Rolle bestä­tigt. Das Auge sah die zeit­ge­nös­si­schen Besucher*innen als Unter­tanen an (ein Bild!). Huldi­gendes Verhalten durch diese imagi­nierten Anderen bestä­tigt das herr­schende System und spie­gelt und bestä­tigt so das eigene Selbstbild.

Das Subjekt wird also erblickt, blickt aber auch selber, genauso wie das Auge des Subjektes und das Auge der Urheber*innen der Malerei in dieses Wech­sel­spiel verwi­ckelt sind. 2 Augen, 2 Blicke, zwei Bilder und 2 Schirme. Das wäre die nume­ri­sche Bilanz der Bild­theorie Lacans. Gleich­zeitig sehen wir: Einer der beiden Teile des Wech­sel­spiels können auch Systeme sein (oder durch Personen reprä­sen­tierte Systeme). Der Blick ist immer ein passiv gespürter auf den entspre­chend reagiert wird, die Funk­tion des Auges immer mit dem inten­tio­nalen, bewussten Sehen verknüpft.

 

Klick zur Veran­schau­li­chung: Hier ein 360-Rund­gang durch den großen Rats­saal von Google Maps

Kunst mit Lacan: Wozu das Ganze? Ein Ausblick…

Dieser Blick auf Kunst lohnt sich in doppeltem Sinne: Er ermög­licht eine Diffe­ren­zie­rung zwischen dem Teil des Kunst­werks, das mit der Erfah­rungs­welt, den Wahr­neh­mungen und Selbst­bil­dern des Künst­lers / der Künst­lerin zu tun hat einer­seits und dem ‚Bild‘, dass sich das Subjekt vom Kunst­werk macht ande­rer­seits. Er inte­griert außerdem das Kunst­werk in die imagi­näre Selbst­fin­dung des Subjekts. In diesem Sinne wären die Elemente eines Kunst­werkes zu iden­ti­fi­zieren, die den Rezipient*innen ange­boten werden aber auch jene, die die Rezipient*innen dem Kunst­werk selbst einschreiben.

In einem zweiten Teil dieser Reihe zu Lacan und der Kunst soll der Versuch unter­nommen werden, ein Kunst­werk exem­pla­risch in dieser Hinsicht zu analy­sieren. Ich denke, dass man sogar noch weiter­gehen könnte: Durch das Zusam­men­fallen von Produkten zweier Subjekte (den Künstler*innen und den Rezipient*innen) kann Kunst auch eine Hilfe sein, aus der imaginär-narziss­ti­schen Bezie­hung zu sich selbst in den Bereich zu kommen, den Lacan das Symbo­li­sche nennt. Gemein­sam­keiten, die Verbin­dungen zwischen Künstler*innen und Rezipient*innen, aber auch unter den Rezipient*innen schaffen könnten wären so zu analy­sieren. Das Expe­ri­ment geht also weiter, das nächste Mal dann also mit einem Kunst­werk auf dem Couchtisch!

Zum Schluss: Wer sich für die Theo­rien Lacans inter­es­siert, dem seien folgende Einfüh­rungs­werke empfohlen:

Gerda Pagel, Jacques Lacan zur Einfüh­rung, 7. ergänzte Auflage, Hamburg 2019.

Peter Widmer, Subver­sion des Begeh­rens. Eine Einfüh­rung in Jacques Lacans Werk, Berlin 1997.

Lorenzo Chiesa, Subjec­ti­vity and Other­ness. A philo­so­phical reading of Lacan, Massa­chus­sets 2007.

Zur Bildd­theorie Lacans:

Claudia Blümle und Anne von der Heiden (Hrsg.), Blick­zäh­mung und Augen­täu­schung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie, Zürich 2009.

Ein Beitrag von Martin Berghane