Teil 1: Zwischen Inspiration, Ausprobieren und Scheitern
von Paula Spitzner

Kultur studieren. Was von außen oft vage klingt, ist am Kulturcampus der Universität Hildesheim ein Studienalltag zwischen künstlerischer Praxis und wissenschaftlichem Arbeiten – eine Kombination, die in der deutschen Hochschullandschaft eher ungewöhnlich ist. Doch was macht dieses Studium mit der eigenen Kreativität? Schafft es Freiräume zum Ausprobieren oder setzt es unter Druck? Studierende berichten von ihren Erfahrungen zwischen Inspiration, Anspruch und Realität.
Im ersten Teil geht es um die Momente, in denen Kreativität entsteht: Wie wichtig sind Freiräume, Experimentieren und auch das Scheitern für den eigenen künstlerischen Prozess? Die Studierenden erzählen von Projekten, die sie geprägt haben, von unerwarteten Ideen und davon, warum gerade Umwege oft die wertvollsten Erfahrungen sind.
Luca Müller (Name von der Redaktion geändert): “Ich bin deutlich freier geworden.”
Ich war vor dem Studium schon sehr kreativ und habe unglaublich viel gemacht, das war aber irgendwie ziemlich ziellos. Außerdem war ich sehr eingeschränkt durch bestimmte Vorstellungen davon, wie Kunst oder Kunstmachen auszusehen hat, damit es als gut genug oder überhaupt als “richtige” Kunst gilt. Ich hatte damals sehr hohe Ansprüche an mich selbst.
Heute bin ich deutlich freier geworden. Ich lasse meiner Kreativität viel mehr Raum und bin viel eher bereit, Dinge einfach experimentell auszuprobieren. Generell traue ich mir inzwischen viel mehr zu.
Dabei hat mich eigentlich alles inspiriert, was meinen persönlichen kreativen Werkzeugkasten erweitert hat. Das waren ganz unterschiedliche Dinge: manchmal Methoden, manchmal theoretische Inhalte. Musiktheorie zum Beispiel hat mir damals unglaublich viel gegeben. Dadurch hatte ich plötzlich einen viel besseren Überblick darüber, womit ich eigentlich arbeite und was ich damit alles machen kann. Auch Geschichte finde ich immer sehr spannend. Generell inspiriert es mich sehr, mich mit Werken anderer Menschen auseinanderzusetzen, zu sehen, dass jemand bestimmte Ideen oder Techniken schon einmal ausprobiert hat, erweitert den eigenen Blick dafür, was man selbst machen könnte.
Luca Müller studiert Szenische Künste im 6. Semester
Lilly Madeleine Singer: “Ich konnte wirklich mein eigenes Ding machen.”
Im zweiten Semester habe ich parallel zwei Kurse belegt, die sich thematisch unglaublich gut
ergänzt haben. Ich studiere bildende Kunst sowie Film und Bewegtbild als Fächer und genauso haben sich auch diese beiden Kurse aufgeteilt: In einem haben wir uns viel mit politischer Kunst beschäftigt, aber auch mit Fragen wie: Was macht Kunst eigentlich einprägsam? Was macht Kunst wirkungsvoll? Wann löst Kunst Emotionen bei Betrachter*innen aus? In dem anderen haben wir Filme geschaut, uns aber auch intensiv mit unseren eigenen Familienarchiven beschäftigt. Dadurch habe ich angefangen, den Spuren in meinem eigenen Familienarchiv nachzugehen. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, eine künstlerische Arbeit in Form eines Fotobuchs zu machen. Ich wollte diese Form ein Stück weit desillusionieren – also weg von diesem romantischen Vibe, bei dem nur die schönen Momente gezeigt werden. Ich wollte mich auch mit den Schattenseiten beschäftigen, der Familiengeschichte während der NS-Zeit.

Im Filmkurs haben wir dann den Film “Endlich Tacheles” geschaut. Darin setzt sich ein junger jüdischer Mann mit seiner Familiengeschichte auseinander. Das hat mich sehr inspiriert. Später habe ich in einer Ausstellung Arbeiten des Künstlers Diego Monero gesehen, der ebenfalls mit seinem Familienarchiv gearbeitet und Fotografien übermalt und verfremdet hat. Diese beiden Impulse habe ich dann miteinander verbunden.
Ich habe ein Fotoalbum mit Bildern erstellt und darüber jeweils eine Klarsichtfolie geklebt. Auf dieser zusätzlichen Schicht habe ich geschrieben, gezeichnet und Dinge aufgeklebt. So habe ich versucht, mich an Geschichten und weniger schönen Aspekten meiner Familiengeschichte abzuarbeiten. Bei der Werkschau habe ich dafür sehr viel positives Feedback bekommen und gemerkt, dass die Arbeit die Leute wirklich berührt und viele Gespräche angestoßen hat.
Insgesamt war das eine sehr positive Erfahrung, weil ich von beiden Dozierenden unglaublich viel Freiheit bekommen habe. Ich konnte wirklich mein eigenes Ding machen und gleichzeitig inhaltlich sehr viel aus den Seminaren mitnehmen.
Lilly Madeleine Singer studiert Kulturwissenschaften und künstlerische Praxis im 4. Semester
Lennart Höhne: “Am Ende entsteht oft etwas völlig anderes als ursprünglich geplant.”
Vor Beginn meines Studiums hätte ich meine Kreativität schon als sehr hoch eingeschätzt und heute würde ich das eigentlich immer noch genauso sagen. Verändert hat sich weniger, wie kreativ ich bin, sondern wie ich kreativ arbeite.
Am Kulturcampus wird eigentlich ständig experimentiert. In allen praktischen Seminaren, die ich bisher besucht habe, wurde unglaublich viel ausprobiert. Es wurde immer wertgeschätzt, wenn jemand etwas Neues versucht hat – selbst dann, wenn es am Ende nicht funktioniert hat. Deshalb empfinde ich Scheitern an der Domäne als einen ganz natürlichen Prozess: Oft startet man mit einer riesigen Idee, merkt irgendwann, dass Manches nicht funktioniert, verwirft Teile und entwickelt das Projekt weiter. Am Ende entsteht oft etwas völlig anderes als ursprünglich geplant. Gerade in der Literatur und in der bildenden Kunst habe ich deshalb den Eindruck, dass Experimentieren ausdrücklich gefördert wird. Eigentlich wird sogar erwartet, dass man sich an neue Dinge heranwagt und bewusst an Grenzen geht.
Wir lernen unglaublich viele unterschiedliche kreative Prozesse kennen. Gerade in praktischen Schreibseminaren konnte ich verschiedenste Übungen und Techniken ausprobieren. Dadurch bekommt man neue Werkzeuge an die Hand, mit denen man die eigene Kreativität noch stärker herauskitzeln kann. Deshalb würde ich sagen: Meine Kreativität ist deutlich facettenreicher geworden.
Lennart Höhne studiert Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus im 6. Semester
Anna-Maria Gans: “Das versprochene Sicherheitsnetz fehlt.”
Einer der ersten Sätze, die ich an der Domäne gehört habe, kam von Julius Heinicke: “Bitte scheitern Sie.” Das hat mich gefreut und ich hatte das Gefühl, in einem Umfeld zu sein, das mich im Fall eines Scheiterns auffängt.
Im Laufe der letzten vier Jahre habe ich allerdings eine andere Erfahrung gemacht: Es wird zwar immer wieder betont, dass man experimentieren, ausprobieren und scheitern darf. In der Praxis fehlen aber häufig genau die Strukturen und Unterstützungsangebote, die man nach einem Scheitern braucht.
Ich selbst bin bei Klausuren, Kursen oder Fragen zur Anerkennung von Leistungen gescheitert. In diesen Situationen hatte ich häufig nicht das Gefühl, aufgefangen oder unterstützt zu werden. Deshalb fühlt es sich für mich so an, als würde zwar gesagt werden, dass Scheitern erlaubt ist, das versprochene Sicherheitsnetz aber letztlich nicht wirklich existiert.
Anna-Maria Gans studiert Kulturwissenschaften und künstlerische Praxis im 8. Semester
Stella Withenius: “Mit jedem Scheitern wird es besser.”
Mich begleitet der Leitsatz “Scheitern als Chance” schon sehr lange. Natürlich ist das auch immer wieder ein Kampf: scheitern, weitermachen, scheitern, weitermachen. Aber mit jedem Mal wird es ein bisschen leichter – versprochen.
Manche Strukturen einer Universität vermitteln das Gefühl, dass ein vermeintliches „Nicht-richtig-Machen“ automatisch zum Ausschluss führt, obwohl ein Studium einem diese Angst eigentlich nehmen sollte.
Auch wenn in der direkten Arbeit mit Kommiliton*innen und Dozierenden für mich der Spaß und die Freude am gemeinsamen künstlerischen Schaffen überwiegen, bin ich mir nicht sicher, ob unsere Universität genügend Raum bietet, sich auch mal ein bisschen deppert zu verhalten, komisch, seltsam, falsch oder hässlich zu sein. Dinge auszuprobieren, die vielleicht nicht funktionieren. Gerade in einem kreativen Umfeld wäre genau das wünschenswert.
Stella Withenius studiert Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus im 6. Semester
Hinweis: Den zweiten Teil von “Kulturstudium – Freie Spielwiese oder Kreativitätskiller” findest du hier: LINK FOLGT