kulturelle
erwachsenenbildung
Was ist kulturelle Erwachsenenbildung und in welchen institutionellen Kontexten tritt sie auf?
Wie definiert die VHS Hildesheim kulturelle Erwachsenenbildung und welches Lernkonzept verfolgen sie?
was ist kulturelle
erwachsenenbildung?
Die kulturelle Erwachsenenbildung versteht sich als Bestandteil der Allgemeinbildung, gleichgestellt mit politischer, schulischer oder jedem beliebig anderen Bildungszweig. Sie entsteht durch das Interesse kultureller Weiterbildung der Konsument*innen und dient der Entfaltung von Kreativität und kulturellen Kompetenzen. Im Fokus steht die Selbstoptimierung eines jeden Individuums sowie die Selbstverwirklichung anhand von aktiver Partizipation beziehungsweise Präsentation der eigenen Werke.
geschichte
Durch Unterstützung der Weimarer Verfassung (1919) war die kulturelle Bildung zuerst bei den Volkshochschulen (VHS) fester Part des Programms und wurde es dann auch bei verschiedenen anderen öffentlichen und privaten Trägern, von Cafés über Bibliotheken, bis hin zu Kulturvereinen. Während in den 1950ern die Hochkultur kein wichtiger Bestandteil des Bildungskonzeptes an den Volkshochschulen war, wurde 1970 ein fester Anteil hochkultureller Bildung durch die Weiterbildungsgesetzte der Länder im Rahmenprogramm der VHS gesichert. Zu dieser Zeit konnten an den Volkshochschulen in erster Linie rezeptive Kurse belegt werden, wohingegen heute in einem Großteil des Angebotes die produktiv-kreativen Kurse im Vordergrund stehen.
institutionelle kontexte
Durch die mittlerweile sehr verbreiteten unterschiedlichen Institutionen und deren verschiedenen Strukturen ist es unmöglich, eine eindeutige Definition des Begriffs „kulturelle Erwachsenenbildung“ zu festigen. Durch eben diese Institutionen kann aber eine große Vielfalt und eine breit gefächerte Zielgruppenorientierung gesichert werden.
die volkshochschulen
Deutschlandweit gibt es ca. 900 Einrichtungen in 16 VHS-Landesverbänden. Die VHS ist die größte Institution bezüglich allgemeiner Erwachsenenbildung. Der kreative Programmbereich nennt sich „Kultur – Gestalten“. Er ist die drittgrößte Sparte. Die angebotenen Kurse sind sowohl vom Aufbau, als auch zeitlich gesehen sehr variabel; vom Einzelvortrag von einzelnen Minuten bis hin zum Workshop über mehrere Wochen finden sich für jedes Interesse Veranstaltungen. Das Konzept der VHS ist eine Mischung aus Zuverlässigkeit (Wiederholung gefragter Kurse, Aufbaukurse, Spezialisierungskurse) und der Orientierung an aktuellen Trends, sodass beständig neue Programme geplant werden. Unterstützung und neue Impulse bekommen sie hierbei durch die enge Zusammenarbeit mit ihren Dozent*innen, die meist als Freiberufler*innen arbeiten. Ebenfalls gibt es Kooperationen mit anderen Bildungseinrichtungen.
Ziel der VHS ist es, sich an Menschen mit den unterschiedlichsten Neigungen, Ansprüchen und Wünschen zu orientieren:
„Dazu gehören diejenigen, die in Kindheit und Jugend nur eingeschränkte Möglichkeiten hatten, ihre musischen und künstlerischen Talente zu entwickeln, die Mut zum Experimentieren oder Begeisterung für das kreative Gestalten haben und sie mit professioneller Anleitung weiter entwickeln möchten, die am kulturellen Reichtum ihrer Region oder am Reichtum anderer Kulturen teilhaben wollen, die sich auf eine Ausbildung in einem künstlerischen Beruf vorbereiten möchten“, heißt es im Band „Die Volkshochschule – Bildung in öffentlicher Verantwortung“.
die vhs hildesheim
Die VHS Hildesheim besteht seit mehr als 100 Jahren. Insgesamt hat sie vier Standorte. Auch sie hat die oben genannten Kooperationen, beziehungsweise Partnerschaften unter anderem mit dem Theater für Niedersachsen oder der Kunstschule Hildesheim. Insgesamt bietet sie jährlich über 2500 Kurse in den Bereichen Sprachen, Gesundheit, berufliche Weiterbildung, Schulabschlüsse, Kreatives und Kultur an.
Die VHS Hildesheim erhält öffentliche Zuwendungen, aber diese dürfen nicht verwendet werden, um die Kurse, Personal etc. zu finanzieren. Das muss über die Kursgebühren passieren. Trotzdem versucht die VHS den Zugang so niedrigschwellig wie möglich zu halten, obwohl das unter diesen Bedingungen erschwert ist. Im Bereich “Kunst & Kultur” gibt es wenige Möglichkeiten zur Kursermäßigung, aber die VHS versucht trotzdem allen Menschen Zugang zu verschaffen. Die meisten Kursteilnehmer*innen sind im gemischten Alter von durchschnittlich ca. 40 Jahren. Es nehmen viele Rentner*innen teil und verhältnismäßig wenig junge Leute. Dafür sind die Zielgruppen divers aufgestellt. Nur im Geschlechtervergleich überwiegen die Frauen. Männliche Teilnehmer findet man fast nur in Drechselkursen, in digitaler Fotografie, in Musikkursen oder Theaterangeboten.
In den Kursen sind Austausch und das Miteinander besonders wichtig. Es findet ergebnisorientiertes Lernen auf Augenhöhe statt. Die Prinzipien der kulturellen Erwachsenenbildung werden bei der Programmkonzeption beachtet, aber weder im Marketing, noch in der Kommunikation mit Teilnehmenden verwendet. Auch wenn vom Land Niedersachsen messbare Lernziele vorgeschrieben und gefördert werden, findet ebenfalls ein soziales Lernen statt. Kompetenzen, wie der Umgang mit den Themen Geduld, Scheitern und Erfolg werden unbewusst mit gelehrt.
erkenntnis
Abschließend lässt sich feststellen, dass die kulturelle Erwachsenbildung stets als Leitbild und Konzept in der VHS im Arbeitsalltag mitgedacht wird, aber nicht spezifisch gegenüber Teilnehmenden so genannt wird. Vielmehr stellt die VHS einen Begegnungsraum von Menschen verschiedener Kulturen dar und bietet damit eine Möglichkeit, kulturelle Erwachsenbildung stattfinden lassen zu können. In dem Sinne versteht die VHS sich als einen Ort, an dem lebenslanges Lernen ermöglicht wird. Damit nimmt die VHS Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen und reagiert auf diese in ihrer Programmgestaltung und ermöglicht somit Teilhabe an kultureller Bildung. Dies ist unter anderem möglich, da die VHS Hildesheim sich als eine Institution versteht, die einen weitgefassten Kulturbegriff vertritt.
Wenn von „kultureller Bildung“ die Rede ist, tritt bei vielen die Assoziation „Kinder und Jugendliche“ auf. Dabei sind Kinder und Jugendliche zwar eine, aber nicht die einzige Zielgruppe von kultureller Bildung. Auch Erwachsene nehmen an Angeboten der kulturellen Bildung teil, häufig an Volkshochschulen. Daher haben wir für unsere kleine Forschung im Seminar „Grundbegriffe der kulturellen Bildung“ das Thema „Kulturelle Erwachsenenbildung am Praxisbeispiels der Volkshochschule Hildesheim“ gewählt. Wie definiert die VHS Hildesheim kulturelle Erwachsenenbildung und welches „Lernkonzept“ verfolgen sie? Wie gestalten sie ihr Programm? Wie steht es um die Punkte Finanzierung, Zugang und Politik? Diesen Fragen versuchen wir anhand eines Interviews (Interviewfragen im Anhang angefügt) mit der Programmleiterin für Kunst und Kultur, Mathilde Perrnot, zu beantworten. Mathilde Perrnot ist Kulturvermittlerin und seit Februar 2016 an der VHS Hildesheim zuständig für den Programmbereich. Sie organisiert Kurse und Veranstaltungen und sucht Dozent*innen.
Die VHS Hildesheim verfolgt mit ihrer kulturellen Erwachsenenbildung die Ansätze der Partizipation und Teilhabe. Sie versucht, ein Programm zu bieten, an dem möglichst alle teilhaben können. Zudem gestalten sie ihr Programm so, dass Teilnehmende aktiv werden. Sie sollen möglichst wenig rezeptiv lernen, sondern aktiv kreativ tätig werden. Dozierende nehmen dabei die Rolle der Vermittler*innen oder Pädagog*innen ein. In der Theorie wird bei der VHS Hildesheim kein großer Unterschied zwischen kulturelle Bildung und kultureller Erwachsenenbildung gemacht. In der Praxis unterscheiden sich die beiden Begriffe durch einen anderen Ansatz und eine andere Vermittlungspraktik (zielgruppenorientiert). Kulturelle Erwachsenenbildung als Begriff taucht allerdings weder in der (externen) Kommunikation auf, noch wird er bei der Durchführung von Kursen oder den Teilnehmenden thematisiert. Teilnehmende betreiben also während eines Kurses „kulturelle Bildung“, es wird von oder vor ihnen aber nicht
so benannt.
Die Programmgestaltung an der VHS Hildesheim funktioniert über eine Bedarfsanalyse. Ein bis zweimal im Jahr setzen sich alle Leiter*innen der verschiedenen Bereiche zusammen und überlegen, welche Kurse gut/nicht gut funktionieren oder wo Bedarf an neuen Kursen besteht. Die Entscheidung, welche Kurse angeboten werden oder wegfallen, ist also eine strategische. Beispielsweise funktionieren Literaturkurse an der VHS Hildesheim allgemein nicht gut, deshalb lohnt es sich nicht, solch einen Kurs in das Programm aufzunehmen. Die VHS Hildesheim kooperiert viel mit anderen Institutionen der Region, um ein breiteres Angebot, aber keine Konkurrenz zu schaffen. Der Kurs „TfN hinter den Kulissen“ beispielsweise ist einer der beliebtesten in jedem Semester und eine Kooperation mit dem TfN in Hildesheim, bei dem Teilnehmende sich sowohl Theaterstücke als auch die Produktion dessen anschauen dürfen. Mit Volkshochschulen aus anderen Städten wird hingegen gar nicht kooperiert. ◀
Von Joana Krzossa, Juliane Schlimme & Meret Buchholz
Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski