kulturelle bildung
im Ländlichen Raum
Der Bund und die etlichen Länder widmen sich in ihrer Koalitionsvereinbarungen konkreten Förderungsprogrammen. Kulturpolitik ist vor allem Stadtpolitik und deswegen fließen sehr viele Anteile in die kulturelle Infrastruktur der großen Städte. Alles was teuer und größer ist, findet in den Städten statt, wie z.B. Theater, Orchester, Festivals und vieles mehr. Dazu steht die kulturelle Bildung auf dem Land abseits, es geht hier um regionale Kulturarbeit. Öffentliche Kulturpolitik und kulturelle Bildung können weder die Kultur in einer Region bestimmen noch prägen. Im ländlichen Raum wird die Kultur vielmehr durch die gelebten Traditionen und die historisch gewachsenen Menschen geprägt. Der ländliche Raum brauch eine effektive kulturelle Infrastruktur, die die Gelegenheit zur kulturellen Teilhabe öffnet. Hierbei ist die geografische Lage sehr wichtig. Es ist ein Unterschied, ob eine Region dünn besiedelt ist, oder ob es drum herum Klein- und Mittelstädte gibt, die ein kulturelles Angebot vorhalten. Das Hauptproblem ist hier, dass viele wegziehen, beispielsweise wegen des Studiums und deswegen gibt es hier das Problem der „Unterjüngerung“, sprich: Das Schrumpfen der jüngeren Altersgruppen.
Das kulturelle Angebot in der Region und die kulturelle Bildung der Menschen sind entscheidende Voraussetzungen für die kulturelle Teilhabe. Für den Bereich der kulturellen Bildung spielen neben den ehrenamtlichen und kommerziell organisierten Angeboten, natürlich auch die Schulen eine wichtige Rolle.
Raumabgrenzungen
Bei Raumabgrenzungen handelt es sich um Methoden zur besseren Erkenntnis darüber, ab wann bestimmte Gebiete als ländlich oder städtisch gelten. Es gibt zwei Methoden zur Raumabgrenzung. Die erste Methode richtet sich nach der Besiedlung von Flächen. Die Aufteilung findet hier in den Kategorien „ländlich“, „teilweise städtisch“ und „überwiegend städtisch“ statt. Das wird nach zwei Kriterien bestimmt: Bevölkerungsdichte und Siedlungsabdeckung. Demnach bedeuten eine hohe Bevölkerungsdichte und eine hohe Siedlungsabdeckung, dass es sich um ein städtisches Gebiet handelt. Im Gegensatz dazu steht das ländliche Gebiet mit einer geringen Bevölkerungsdichte und einer geringen Siedlungsabdeckung/viel Freiraum. Die zweite Methode der Raumabgrenzung wird mit der Lage begründet. Die Aufteilung besteht aus den Kategorien „peripher“, „sehr peripher“, „zentral“ und „sehr zentral“. Diese Methode beruht auf Erreichbarkeitsanalysen. Das bedeutet, dass die Nähe von Bevölkerungskonzentrationen zu Arbeitsplätzen und Versorgungseinrichtungen analysiert wurde. Außerdem geht man bei dieser Methode nicht von der Wohnbevölkerung, sondern von der Tagesbevölkerung aus. Tagesbevölkerung bedeutet, dass auch Menschen mit einberechnet werden, die an dem untersuchten Ort arbeiten. Um also auch die Bedeutung von (Arbeitsmarkt-)Zentren berücksichtigen zu können, gibt es eine Halbwertzeit: Pro zehn Minuten Fahrtzeit zum Arbeitsplatz wird nur noch die Hälfte aller Arbeiten mit einberechnet. Diese beiden Methoden der Raumabgrenzung lassen sich auch miteinander verbinden.
Beispiele
Auch im ländlichen Raum gibt es, wenn auch geringer als in der Stadt, verschiedene kulturelle Angebote in Form von Kulturzentren, Theatern und Kinos. Bemerkenswert ist, dass diese Angebote, abgesehen von den Kulturzentren, häufig nicht an einen bestimmten Standort oder eine Institution gebunden sind. Amateurtheater nutzen verschiedene Veranstaltungsorte und sind mitunter auch manchmal in Turnhallen zu finden, Kinos entwickeln Formate, die sie mobil machen, Musikschulen nutzen Räumlichkeiten von Grundschulen und so weiter. Auch das Ehrenamt und die Projektarbeit spielen eine große Rolle. Neben den „klassischen“ kulturellen Angeboten bestehen aber auch noch, in manchen Fällen sogar viel präsenter, Angebote wie die örtlichen Sport- und Schützenvereine, die freiwillige Feuerwehr, und auch Bräuche und Feste wie zum Beispiel das Osterfeuer oder das Feiern von Jahrestagen in der Nachbarschaft, die ein wichtiger Teil vom Zusammenleben auf dem Land sind. An diesem Punkt stellt sich für uns die Frage, inwiefern über solche Angebote, die nicht der „klassischen“ kulturellen Bildung zuzuordnen sind, trotzdem kulturelle Bildung stattfinden kann. In der Diskussion kommen wir vorläufig zu dem Schluss, dass es vor allem darum geht, von welchem Kulturbegriff man ausgeht. Wenn wir uns im Konsens einer weit gefassten Kulturdefinition befinden, so lassen sich auch in diesen Angeboten Aspekte der kulturellen Bildung finden, vor allem bei Themen wie Selbst- und Wertebildung wie auch bei der Frage danach, wie wir zusammenleben wollen.
Als konkretes Beispiel für kulturelle Bildung im ländlichen Raum stellen wir die BEGU Lemwerder vor. Die BEGU (kurz für Begegnungsstätte) ist ein soziokulturelles Zentrum in der Nähe von Bremen. Dort befinden sich mehrere Seminarräume, ein Veranstaltungssaal und ein großer Garten mit Terrasse samt integrierter Bühne befindet, außerdem gibt es ein Restaurant. Das Programm der BEGU setzt sich aus verschiedenen Abendveranstaltungen (Kabarett, Konzerte, Theater etc.) und Kursangeboten (Kinder- und Jugendzirkus, Töpfer- und Yogarkurse, integratives Theater für erwachsene Menschen mit Behinderung etc.) zusammen, die jeweils von der BEGU und auch von externen Nutzer*innen wie der örtlichen (Kreis-)Volkshochschule bespielt werden. Einmal im Jahr findet ein großes Kinder- und Familienfestival, „Drachen über Lemwerder“ statt, das über die Grenzen Lemwerders und der unmittelbaren Umgebung bekannt ist. Ein Interview mit Timo von den Berg, der seit 2018 Leitung der BEGU ist, gibt bessere Einblicke darin, was es bedeutet, ein Kulturzentrum im peripheren Raum zu sein. Die wichtigsten Zitate sind:
Zum Beitrag, den die BEGU zur Kulturellen Bildung Leistet:
„Ich begreife mich […] als jemand, der Kultur geschehen lassen möchte, und gar nicht immer so sehr darauf schaut, ob es hier einen Markt dafür gibt, sondern eher darauf, dass ich den Leuten das bieten möchte, dass es das gibt.“
Zu vor- und nachteilen
der ländlichen Lage:
– „Ein Nachteil ist auf jeden Fall […], dass wir zwar ein großes Einzugsgebiet haben,
aber wenig Leute.“
– „Ich kann mir vorstellen, dass man auch ein bisschen offener ist für Dinge, weil
man nicht so viel Auswahl hat.“
– „Die Leute, die kulturell interessiert sind, zieht es auch schnell eher in Städte.“
zur finanzierungsfrage:
„[Wir sind] zu 100% Teil der Gemeinde [und finanzieren uns] aus Geld der Gemeinde, aus Projekten und aus Eintrittsgeldern. Die Gemeinde kann und muss sich die BEGU leisten. Dass sie es muss, liegt daran, dass man den ländlichen Raum als Kommune irgendwie attraktiv machen muss. Diese Infrastruktur hättest du in der Stadt ja sowieso, weil es Cafés und Kneipen und immer irgendwo Kultur geben wird. […] Aber hier auf dem Land gäbe es ja sonst nichts. […] Wir können auch für die Projekte auf spezielle Fördermittel, die den ländlichen Raum fördern, eingehen, und das machen wir natürlich auch. Und da wir als kultureller Player einer von ganz wenigen hier sind, haben wir vielleicht auch nochmal eine bessere Chance auf Sponsoren, als in der Stadt, wo ganz viele um das Geld buhlen.“
herausforderung
Kulturschaffende, die kulturelle Bildung auf dem Land anbieten möchten, sollten ihre Angebote auch an eine ältere Zielgruppe richten, da junge Menschen oft in die Stadt ziehen. Außerdem muss damit gerechnet werden, dass Menschen im sehr peripheren Raum eine weite Anfahrt haben und auf ein Auto angewiesen sind. Ohne ein etabliertes Kulturangebot können Menschen leicht überfordert werden, sodass Hemschwellen abgebaut werden sollten, indem Angebote niedrigschwellig konzipiert werden. Außerdem müssen Grundstrukturen der kulturellen Bildung oft erst aufgebaut werden und aufgrund mangelnden Fachpersonals sollten Anfahrtskosten für Kulturschaffende einberechnet werden.
chancen
Der ländliche Raum bietet Freiräume für innovative Projekte und Vorteile durch geringe Mieten, mehr Platz und Ruhe, sodass Projekte auch mit geringerem Budget verwirklicht werden können. Weitere Vorteile bieten die lokalen Fußballvereine und die Jugendfeuerwehren, welche man in die Projekte einbeziehen kann.
Genauso wichtig ist auch das ehrenamtliche Engagement auf dem Land, da viele Eltern Kulturschaffende bei ihrer Arbeit unterstützen. Wenn man ein Projekt mit Kindern gestalten möchte, lassen sich Schulen als Kreativ-Räume für künstlerische Projekte nutzen.
finanzierung
Zitat der Bundesregierung von 2018:
„Indem wir Kultur und (kulturelle) Bildung für alle zugänglich machen, im urbanen und ländlichen Gebiet, unabhängig von Einkommen und Herkunft, ermöglichen wir echte Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben.“
Es besteht kein allgemeingültiges Finanzierungskonzept für kulturelle Bildung auf dem Land. Häufig ist die Zivilgesellschaft Träger von ländlichen Kulturangeboten, welche aufgrund ehrenamtlichen Engagements wenig Geld benötigen und häufig in Strukturen organisiert sind, die oft keinen Anspruch auf kommunale Kulturförderung haben. NGOs wie Vereine sind auf einen aufwändigen Finanz-Mix angewiesen. Es gibt immer häufiger Projektförderung für innovative Projekte von Bund, Ländern, Kommunen und Stiftungen, aber keine langfristige Förderung, sodass keine finanzielle Sicherheit für Kulturschaffende auf dem Land gegeben ist.
Beispiel: Land KULTUR ist eine Fördermaßname des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft von 2017. Ziel ist es, kulturelle Aktivitäten und Teilhabe in ländlichen Regionen zu stärken. Es wurden schon 260 Projekte mit Fördersummen von 10.000 – 100.000 Euro, mit einer Laufzeit von 1-3 Jahren gefördert. ◀
Von Anneke Wiese, Jana von Dömming & Madlen Mataruga
Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski