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Kulturelle Bildung im digitalen Zeitalter

  • 16. Juli 2020
  • Kulturpraxis

kulturelle bildung im digitalen
zeitalter – youtube – funk

Youtube ist die erfolgreichste Webvideo-Plattform im Internet, wodurch sie einen festen Bestandteil im Alltag von Jugendlichen einnimmt. Youtube ist für alle da! Jeder kann auf der Plattform teilhaben, mit der Voraussetzung eines Internetzugangs. Die Videos können mit geringem technischen Aufwand hochgeladen werden und daraufhin geteilt, kommentiert und rezipiert werden. Youtube kann von zu Hause aus genutzt werden und ist damit einfach zugänglich und hat ein niedrigschwelliges Angebot. Die Videos können von allen Nutzer*innen hochgeladen und gestaltet werden, wodurch verschiedenste Zielgruppen angesprochen werden. Zudem sind die Nutzer*innen durch das vielfältige Angebot direkt global vernetzt. Die Internetkultur auf Youtube stellt eine Form von Wertevermittlung auf, welche über Youtuber*innen definiert werden. Die Youtuber*innen sind als Persönlichkeiten vertreten, welche sich als Alltagsexpert*innen vor die Kamera setzen. Dies ist eine neue Form von Aufklärungsarbeit, da es nicht mehr darum geht, über Menschen zu sprechen, sondern von Menschen zu lernen, welche selbst von etwas betroffen sind und somit in einen Austausch über verschiedenste Themen zu kommen.

studie zur kulturellen
bildung auf youtube

Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Jugendliche durch Youtube inspiriert werden, kulturelle Tätigkeiten auszuüben? Das erste Ergebnis der Studie beschreibt die Situation an Bildungseinrichtungen und deren Umgang mit Youtube. Diese ergibt, dass sehr viele Jugendliche YouTube-Videos als Hilfsmittel für ihre Lern- und Bildungsprozesse nutzen. 

Youtube ist damit ein digitaler Kulturort, welcher durch die Bandbreite und das Angebot verschiedener kultureller Formate besteht. Die Studie stellt die weiterführende Fragestellung, ob die Jugendlichen durch Youtube eine kulturelle Aktivität in einer kulturellen Einrichtung ausüben.

Für Jugendliche sind Webvideos anregend, selbst kulturell aktiv zu werden.[97] Die erste These beantwortet somit die Frage, dass Jugendliche durch die neuen Möglichkeiten, welche sie über Ästhetisierungsformen und dem Kontakt mit Angeboten von Youtube erlangen, zu kulturellen Aktivitäten inspiriert werden. 

Die nächsten Thesen besprechen die Wichtigkeit der Einbeziehung von Youtube in den Schulunterricht. Die Schüler*innen sehen viele Vorteile in der Arbeit mit der Webvideo-Plattform, da die Videos ständig Verfügbar sind und somit Inhalte einfach wiederholt werden können. Die Art und Weise, wie Videos präsentiert werden, ist oftmals zugänglich und Inhalte werden niederschwellig aufbereitet. 

Im Zusammenhang mit der Studie fielen die Begriffe Leitmedium und Digitalisierung. Youtube wird in der Studie als ein Leitmedium bezeichnet.[98] Der Begriff Leitmedium bezeichnet ein zentrales und führendes Medium.[99] Medien, die als Leitmedium bezeichnet werden, existieren neben den anderen Medien – ein Beispiel für ein Leitmedium ist das Buch ab dem 15. Jahrhundert. Die Digitalisierung bezeichnet den Prozess, bei dem analoge Medien digital verfügbar gemacht werden. So werden beispielsweise Bücher digital aufbereitet, sodass man sie als E-Book lesen kann. Dieser Prozess darf jedoch nicht mit den “Neuen Medien” verwechselt werden, da diese bereits von Anfang an digital existierten und nicht erst in eine digitale Form umgewandelt werden mussten.

 

probleme der
digitalisierung

Auch wenn die Digitalisierung und damit die Möglichkeiten, sich selbst weiterzubilden, viele Vorteile mit sich bringen, gibt es unterschiedliche Problematiken, die diese mit sich tragen. So tauchen nun, auf den Sozialen Plattformen, Hass-Postings und Hetze auf.[100] Ein weiteres Problem ist die potenzielle Fehleranfälligkeit: Die vielfältige Veröffentlichung der Inhalte wird immer komplexer und, da sowohl Expert*innen als auch Laien für die Inhalte verantwortlich sein können, ist es wahrscheinlicher, dass Fehler auftreten.[101] Bei dem heute enorm großen Angebot an Inhalten, ist es nicht möglich, all diese auf Richtigkeit zu überprüfen. Ein weiteres Problem stellt dar, dass Bildungs- und Kulturinstitutionen nicht richtig darauf vorbereitet sind, dass Jugendliche Youtube – und auch andere Plattformen – zum Lernen nutzen (wollen).[102] Möglicherweise fehlt das Geld für digitale Ausstattung, die dieses ermöglichen könnte oder die Lehrenden können selbst nicht richtig mit dem Medium umgehen.

der öffentlich-rechtliche rundfunk ist mit youtube konfrontiert


Die Problematik „Digitalisierung und kulturelle Bildung“ lässt sich anhand von YouTube und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kontrastieren. YouTube dient hier als Beispiel für eine umgreifende digitaltechnologische Entwicklung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Kulturträger dient als Beispiel für eine mediale Kulturinstitution, welche mit der Digitalisierung konfrontiert ist. So ist zunächst festzustellen, dass digitale kulturelle Angebote hauptsächlich in audiovisuellen Formaten rezipiert werden. Dies war lange der Gegenstandsbereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit dem selbstregulativen Rundfunkstaatsvertrag wurde ein expliziter „Kulturauftrag“ konkretisiert.

„Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. […] Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.“
Rundfunkstaatsvertrag – § 11 Abs. 1

Bemerken lässt sich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun durch Internetplattformen wie YouTube einer ähnlichen Drucksituation ausgesetzt ist, wie beim Aufkommen der privaten Sender. Wie kann nun ein sogenannter „Kulturauftrag“ gewahrt werden und in die aktuellen Formen des Medienkonsums/ Medienentwicklung integriert werden? YouTube lässt sich anhand der StudieJUGEND / YOUTUBE / KULTURELLE BILDUNG. HORIZONT 2019 des Rates für kulturelle Bildungdurchaus als vielseitiger Kulturort verstehen. Es ist aber dennoch die Frage zu stellen, in welchen Rahmenbedingungen sich dort „kulturelle Bildung“ realisiert, denn YouTube verfolgt als privatwirtschaftliches Unternehmen dezidiert keinen Kulturauftrag. Ganz im Gegenteil findet sich dort werbefinanzierte unkritische Unterhaltung, die in eine Aufmerksamkeitsökonomie eingebettet ist. Nun ist zu Fragen, ob es nötig ist, von Seiten des Staates oder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, bestimmte Regulierungen und Eingriffe vorzunehmen, um YouTube als einen Gestaltungsraum für kulturelle Bildung einzurichten. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf die Maßnahmen der Öffentlich-Rechtlichen. Dies ist zum einen die Entwicklung eines dezidierten Jugendprogramms: besagtes Netzwerk „Funk“, zum anderen die Ausarbeitung eines Medienstaatsvertrages[103], welcher den seit 1991 bestehenden Rundfunkstaatsvertrag ersetzen soll. Diese Strategie ist ein Vorgehen von oben und unten. Sowohl also eine Beeinflussung auf gesetzlicher Ebene, als auch Akteur*in und somit Teil des Ökosystems auf YouTube zu werden. Der Entwurf des Medienstaatsvertrags (Verabschiedung Ende 2020) ist vorrangig als rechtliche Reaktion auf die Effekte der Digitalisierung zu lesen und soll den Einflussbereich des Staates und des Rundfunks auf neue Medien ausdehnen. Dabei sollen Plattformen, Benutzeroberflächen und Intermediäre (zB. Plattformen wie YouTube) in den Rundfunk gebündelt werden. Ein weiterer Punkt des Entwurfes ist, dass die Kriterien der Inhaltsauswahl der Plattformen transparent gemacht werden sollen. Sogenannte „wertvolle“ Beiträge – also auch die der kulturellen Bildung – dürfen in der Präsentation und Ordnung auf den Plattformen nicht diskriminiert werden; sie sollen in einer kritischen Auslegung privilegiert werden. Der Deutsche Kulturrat äußert sich dazu, dass dadurch eine medienübergreifende Gewährleistung kultureller Vielfalt, Menschenwürde und Jugendschutz verbessert werden könne. Auch Ertragsmöglichkeiten von Rechteinhabern durch einen erweiterten Urheberschutz können zu einem angenehmeren Produktionsklima führen.

aktuelle forschungsförderung:
spannungsverhältnis
kultureller bildung und digitalisierung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert mit 10 Millionen Euro interdisziplinär ausgerichtete Grundlagenforschung zur Digitalisierung in der kulturellen Bildung. Angestrebt wird, Fragen der Wechselwirkung zwischen kultureller Bildung und Digitalisierung zu erforschen.[104] Welchen Veränderungen ist die kulturelle Bildung durch die Digitalisierung ausgesetzt? Und auch umgekehrt: Wie begegnet die kulturelle Bildung der Digitalisierung? Werden sich die Angebote und Inhalte verändern? Interessant scheint der Ansatz, ob sich die Entwicklungen der Digitalisierung gerade durch kulturelle Bildung reflektieren lassen könnten? Prof. Dr. Jörissen (Ansprechpartner und Leiter der Metastudie des Forschungsauftrages zur „Digitalisierung in der kulturellen Bildung“) steht diesem positiv gegenüber:

 

„Digitalisierung manifestiert sich nicht nur informationell, sondern gleichermaßen ästhetisch-kulturell. Sie ist Teil unserer Kulturen, ob wir es wollen oder nicht; sie verändert kulturelle Formen, Ästhetiken, Wahrnehmungsweisen. In der Digitalisierung von Kultur und Ästhetik und einer Digitalen Kulturellen Bildung liegt das Potenzial, Digitalisierung im Rahmen ästhetischer Prozesse und Vollzüge umfassender zu erfahren und zu verstehen, als es mit bloßen kognitiven Mitteln möglich wäre.“[105]

 

Ob die Digitalisierung durch die Digitalisierung der Kultur, Ästhetik und der kulturellen Bildung durch sich selbst verstanden werden kann, bleibt jedoch zu klären. Somit ist abschließend die Frage zu stellen, ob der kreative-ästhetische Umgang mit digitalen Technologien für einen Bildungsprozess zur Zeit ausreichend reflektiert und arrangiert ist oder ob es tiefgreifender und erweiterter Rahmenbedingungen bedarf? ◀

Von Julia Metzner, Isabelle Kaltner & Julius Kerstan 

[97] Rat für Kulturelle Bildung e.V. (2019): “Jugend/Youtube/Kulturelle Bildung Horizont 2019”. In: bosch-stiftung.de, S. 8.
[98] Ebd. S.7.
[99] Dudenredaktion (o.J.): “Leitmedium” auf Duden Online.
[100] Hoffmann, Dagmar (2017): “Hass-Postings, Fake News und konfrontative Meinungsmache im Social Web”. In: kultur-bildet.de.
[101] Ebd.
[102] Pfeffer, Kilian (2019):  “Kulturelle Bildung im Netz”. In: SWR2, 11.11.2019.
[103] Rundfunkkommission der Länder (2019): “Medienstaatsvertrag”. In: rlp.de.
[104] Unterberg, Lisa (2018): “Überblick: Forschungsvorhaben zur Digitalisierung in der Kulturellen Bildung”. In: Kulturelle Bildung Online.
[105] Jörissen, Benjamin; Unterberg, Lisa (2019/ 2017): “Digitale Kulturelle Bildung: Bildungstheoretische Gedanken zum Potenzial Kultureller Bildung in Zeiten der Digitalisierung”. In: Kulturelle Bildung Online.

 

Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski

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