Klasse gemacht

Eine Hommage an die Klas­sen­kids / Gedanken / Bour­dieu mal wieder aufgreifen / Bour­dieu hätte auch ja echt ne Stadt in Frank­reich sein können/ Text kann DEFINITIV ohne Vorkennt­nisse über fran­zö­si­sche Städte oder Sozio­logen gelesen werden/ Klas­sismus ist ein Thema

Ja dafür gibt’s jetzt erstmal einen Klopfer auf die eigene Schulter. Als Arbeiter*innenkind an eine Hoch­schule zu kommen, ist nämlich gar nicht so selbst­ver­ständ­lich, wie mensch meint. Der folgende Text richtet sich nicht nur an Arbeiter*innenkids, sondern auch an all jene sonst, die nicht so tun, als ob es in Deutsch­land keine Klassen geben würde. Doch er soll auch eine Hommage sein an alle Nicht-akademiker*innenkids. Dies geht an alle Zweifel, Unsi­cher­heiten, jede Scham & jedes Fragen nach Daseinsberechtigung(en) und dem daraus folgenden „Pah, wir haben es trotzdem geschafft!“ Das muss man sich ja mal sagen. Herz­li­chen Glück­wunsch an euch – und an mich!
Als Arbeiter*innenkind an eine deut­sche Hoch­schule zu kommen wird zwar immer gängiger, dennoch gründen sich an vielen Hoch­schulen gerade immer mehr Gruppen, die sich mit dem Thema Klas­sismus beschäf­tigen. Und das zu Recht: ein Resultat des noch zu unsicht­baren Diskurses um Klas­sismus, der viel­leicht gerade ein klein biss­chen sicht­barer wird.

Nein, ich war in meiner gesamten Kind­heit nie mit meinen Eltern im Theater. Jajaja, aber ich kenne super viele Staf­feln des Dschun­gel­camps auf RTL und ja klar, die Serie habe ich auch geguckt.

Wieso habe ich manchmal ein anderes Verhältnis zu Geld als meine Kommiliton*innen? Ich spare gerne und stehe nicht gerne dazu. Für mich ist Geld nichts Selbst­ver­ständ­li­ches. Ich habe schnell Angst, dass es irgend­wann nicht reicht.

Wo sind meine Role­mo­dels? Kann mir hier mal jemand sagen, was ein Modul ist oder wie ich gut eine Bewer­bung schreibe?

Nicken und so tun, als ob ich den Namen der Künst­lerin oder des Poli­ti­kers schon gehört hätte. Mhm, hoffent­lich lassen wir das Thema fallen und meine Unwis­sen­heit fällt nicht mehr auf.

Die Zitate beschreiben Gedanken, die ich im Austausch mit Studie­renden mit Arbeiter*innenbackround und auch mir selbst gesam­melt habe. Im Rahmen poli­ti­scher Bildungs­ar­beit habe ich vor drei Jahren einen Vortrag über Klas­sismus gehört.
Durch diesen Vortrag habe ich endlich gemerkt, dass es nicht an mir indi­vi­duell liegt, sondern dass es Leute gibt, denen es ähnlich geht und dass wir, neben tausend anderen struk­tu­rellen Problemen, auch ein Klas­sen­pro­blem haben – nicht nur an den Univer­si­täten. All die scham­be­las­teten Fragen, Themen und Situa­tionen, die eine*n begleiten können, vor allem in der Univer­sität, sind Klas­sen­themen. „Klas­sismus ist keine Kunst­epoche,“ ist ein guter Slogan der Polit­gruppe kiKK. Die haben auch eine Defi­ni­tion von Klas­sismus auf ihrer Website:

Klas­sismus bezeichnet die Unter­drü­ckung und Diskri­mi­nie­rung von Personen oder Perso­nen­gruppen aufgrund ihrer Klas­sen­her­kunft oder ‑posi­tion. […] Von Klas­sismus Betrof­fene sind dieje­nigen, die in unserem Gesell­schafts- und Wirt­schafts­system ausge­beutet und unter­drückt werden. […] Menschen werden bestimmte abwer­tende Eigen­schaften und Fähig­keiten klischee­haft zuge­schrieben, zum Beispiel ein bestimmter Geschmack oder eine bestimmte Sprache. […] Außerdem wird den Menschen in unserer Gesell­schaft erzählt, dass Erfolg davon abhängig ist, wie sehr sie sich anstrengen. Wer viel leistet, wird angeb­lich dafür belohnt. – Mit einem guten Job und viel Gehalt zum Beispiel. Jedoch ist es nicht für alle gleich möglich, Erfolg zu haben.

(https://kikk-bildungsban.de/themen/)

Dies ist nur eine Defi­ni­tion. Klas­sismus ist hier eine Diskri­mi­nie­rungs­form, die Menschen, die betroffen sind, nicht auf den ersten Blick anzu­sehen ist. Sie greift dennoch struk­tu­rell. Ein unsicht­bares Thema, das sicht­barer werden muss.
Ich bin in keinem so called „sozialen Brenn­punkt" aufge­wachsen und dennoch haben meine Eltern nicht studiert. Sie sind nicht in Deutsch­land geboren, aber haben mir Vieles ermög­licht. Dafür bin ich ihnen enorm dankbar. Bei uns zuhause stehen Regale mit hunderten Büchern und es wird über Politik geredet. Ich habe stre­ber­mäßig immer gute Noten geschrieben und mich ange­strengt, gut zu sein und viel zu lernen. Aber tun das Akademiker*innenkids nicht auch? Das Beispiel zeigt für mich auch, dass Klas­sismus schwer zu greifen ist. Ich frage mich oft: Bin ich „betroffen“ genug, um das hier zu schreiben? Wo fängt Klas­sen­be­nach­tei­li­gung an und wo hört sie auf? Wahr­schein­lich gibt es da keine klaren Trenn­li­nien. Wusste ich an der Uni Sachen tatsäch­lich nicht oder dachte ich das nur? Mitt­ler­weile ist meine Einstel­lung: Ich glaube, es wird viel geflun­kert und mit Wissen gespielt. Oft wird nur mit einer anderen Selbst­ver­ständ­lich­keit mit Wissen umge­gangen. Und das macht einen enormen Unter­schied. Ich wusste oft gar nicht weniger, das weiß ich mitt­ler­weile! Trotzdem fließen Linien. Linien, weil eine Diskri­mi­nie­rungs­form nie alleine irgendwo steht, sondern immer neben und in einem Netz von Gesell­schaft, die aus Diskri­mi­nie­rungs­formen besteht. Ich denke, auch Klas­sismus sollte inter­sek­tional gedacht werden. Ich bin nicht nur Arbeiter*innenkind, sondern auch Frau, habe Migra­ti­ons­ge­schichte, bin gleich­zeitig weiß und super privi­le­giert und so weiter.

Pierre Bour­dieu, um nur ein einziges Mal Name­drop­ping zu begehen, fing in den 1980ern damit an, über soziale Klassen zu schreiben. Was geschah dann? Nun, seit einigen Jahren rückt der Diskurs über Klas­sismus an den Univer­si­täten wieder mehr in den Fokus.

AND THERE WE ARE — die Antik­las­sismus Hoch­schul­gruppe in Hildes­heim, die Klas­sen­kids oder auch das Klas­sen­treffen genannt. Und sie ist offen für alle Fach­be­reiche. Ich bin sehr froh, dass an deut­schen Hoch­schulen was passiert. Dass deut­sche Hoch­schulen weiß und gene­rell alles andere als divers sind, ist Fakt. Es gibt unter­schied­liche Gruppen für Studie­rende, die nicht jegli­cher trau­rigen Norm entspre­chen. Und nun gibt es endlich einen Raum für Menschen, die sich beim Thema Klas­sismus ange­spro­chen fühlen. Und was passiert da?

Ich schreibe diesen Artikel vor allem, weil ich glaube, dass, selbst wenn ich in meiner kleinen Uniblase das Gefühl habe, dass sich Akademiker*innen immer mehr mit dem Thema beschäf­tigen (ich in Semi­naren beispiels­weise recher­chieren über den Zusam­men­hang von Klas­sismus und Theater kann), nicht genug passiert. Klas­sismus ist ein Thema – viel­mehr eine Diskri­mi­nie­rungs­form –, die unsichtbar scheint und dennoch eine proble­ma­ti­sche Struktur ist.

Ich bin seit Monaten immer wieder in Treffen der Hoch­schul­gruppe. Die klas­si­sche Frage, wie vernetzen wir uns und wie geht es weiter, wenn man sich so ein struk­tu­relles Problem anschaut? Ich habe keine Antwort. Ich glaube aber, dass es super gut ist, nicht allein zu sein. Ich glaube, dass Austauschorte suppor­tive sein können. Ich glaube, dass sich dadurch Struk­turen in dem Sinne verbes­sern können, dass man sich gegen­seitig helfen kann. Das ist das eine. Und wie gehen wir aus der Uni raus? Schließ­lich ist Klas­sismus überall. Ein akade­mi­scher Diskurs, und nu? Vernetzen, vernetzen, vernetzen scheint mir eine gute Antwort zu sein. Ich bin defi­nitiv nicht die größte Akti­vistin. Aber es juckt mich irgendwie. Und ich bin neugierig. Das ist alles.
Auf der Seite des Arti­kels findet ihr Infos und Kontakte, falls ihr Lust habt mal beim Antik­las­sismus-Treffen teil­zu­nehmen oder um euch einfach so zu informieren.

Ich freue mich über Kommen­tare. Lasst uns ins Spre­chen kommen!!

 

Ein Beitrag von Elisa­beth Sowa

 

Weitere Infor­ma­tionen & Tipps

Antik­las­sismus Hoch­schul­gruppe Hildesheim:

Gerade in der Grün­dungs­phase. Regel­mässig, einmalig im Monat statt­fin­dendes Treffen, wo sich dann privat oder in der großen Gruppe über Erfah­rungen und Dring­lich­keiten ausge­tauscht werden kann. Die Orga­gruppe, die büro­kra­ti­sche und andere wich­tige Themen klärt, trifft sich im 2‑wöchentlichen Rythmus.
Bei Fragen zum nächsten Treffen: hornig@uni-hildesheim.de

Arbei­ter­kind:

Gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tion, die kosten­lose Bera­tung bietet bei allen Fragen rund ums Studieren & Jobeinstieg

https://arbeiterkind.de/

kiKK:

"Bildungs­bande und Polit­gruppe", orga­ni­sieren Veran­stal­tungen, Work­shops und Bera­tungen zum Thema Klassismus

https://kikk-bildungsban.de/