Interview mit Sara Dahme

Interview mit der Stuttgarter Kunst- und Kulturvermittlerin Sara Dahme

Wir haben die Kunst- und Kulturvermittlerin Sara Dahme in Stuttgart zum Interview getroffen. Auf dem KAMMERCAMPUS #13 SCHWER VERMITTELBAR an den Münchner Kammerspielen hat sie bei den Studierenden des „Theater vermitteln“-Seminars von Prof. Dr. Birgit Mandel einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie performt, provoziert, uns auf ihrer ersten Powerpoint Folie erstmal ihre amerikanische Karre und später dann ihre unkonventionellen Vermittlungsformate präsentiert hat. Aber lest am besten selbst…

Hey Sara,
kannst du dich und deine berufliche Praxis kurz vorstellen?

Ich habe Abitur an einem humanistischem Gymnasium in Ravensburg gemacht mit Altgriechisch und Kunst als Leistungskurse. Dann bin ich nach Stuttgart an die Akademie der Bildenden Künste, wo ich 2003 angefangen habe Kunsterziehung zu studieren. Parallel habe ich dann an der Universität in Stuttgart und Tübingen noch Germanistik, Erziehungswissenschaften und Philosophie studiert. Da ich ein bisschen faul bin und mich nicht selbst um etwas kümmern wollte, begann ich 2011 mit dem Referendariat. Ich bin jetzt seit fünf Jahren fest an der Schule und unterrichte am Gymnasium Kunst und Literatur und Theater. Ich habe einen vollen Lehrauftrag, bin aber auch noch am Kultusministerium / ZKIS mit ein paar Deputatsstunden und am Schulamt jeweils für die Schulkunst tätig, ein spezifisches Programm in Baden-Württemberg, das es seit fast 30 Jahren gibt. Das Interessante hieran ist, dass es schulübergreifend ist und von der Grundschule bis zum Gymnasium über die Förderschule alles dabei ist. Ansonsten habe ich mit dem Studium auch relativ früh angefangen, ich glaube 2005, im Württembergischen Kunstverein Führungen zu geben, weil ich immer Geld brauchte und nicht nur Rasen mähen und Lateinnachhilfe geben oder in der Gastro arbeiten wollte. Das war so eine Mischung aus Geldnot und Faulheit. Ich habe mir dann gedacht, 50 € für eine Stunde reden ist einfach gut bezahlt. Und es hat Spaß gemacht, weil ich mich mit Sachen auseinandersetzen musste, die sehr gut für mich waren und trotzdem noch etwas dafür bekommen habe und coole Leute kennenlernen durfte. Das war eigentlich so eine Win-Win-Situation. Seitdem mache ich da an sehr sehr sehr vielen Sonntagen die Führungen und auch Künstler*innengespräche. Das hat sich dann, immer mehr ausgeweitet, sodass ich dann auch an der Staatsgalerie und anderen Institutionen, die irgendwie mit dem Bereich Kunst zu tun haben, gelandet bin. Momentan mache ich tatsächlich sehr viel, weshalb es sich hauptberuflich tatsächlich mehr nach 50 % Schule anfühlt. Der andere Teil ist sehr breit aufgestellt. Im weitesten Sinne ist das Kulturvermittlung, angefangen vom Theater Rampe, wo ich ein Format habe, bei dem es um keine Einführung geht. Immer noch der Württembergische Kunstverein, bei dem ich jetzt schon etliche Jahre bin. Die Staatsgalerie, auch jetzt seit zehn Jahren schon, wo ich mit Kinderworkshops und Kindergeburtstagen angefangen habe und momentan drei eigene Formate habe. Ich mache aber auch ganz andere Sachen, wie Autor*innengespräche im Literaturhaus in Stuttgart oder in der Stadtbibliothek Stuttgart oder auch in Ludwigsburg. Oder ich bin als Moderatorin, z.B. bei den Dragon Days, einem Fantasy Festival in Stuttgart, tätig oder führe Interviews, wobei mich das immer wundert, weil ich so schlecht Fragen stellen kann, aber das scheint niemanden zu interessieren. (lacht) Auch bei der Oper Stuttgart habe ich schon Formate ausprobiert. Ein weiteres Format habe ich in einer privaten Sammlung in Leinfelden, jetzt auch schon seit 2015. Dann lege ich noch in Clubs auf, weil es wird ja sonst auch langweilig. Ich liebe Musik und habe relativ viele Schallplatten und finde das total geil, dass Leute meine Musik hören möchten und ich die laut spielen darf und Getränke und Geld dafür bekomme, voll verrückt.

Was verstehst du unter Kultur-/Kunstvermittlung?

Mir geht es eigentlich darum, Menschen für etwas zu begeistern, was mich berührt und was mich begeistert. Ein bisschen wie beim Auflegen, wenn ich mir denke, großartige Platte, die müsst ihr einfach mal laut hören. Genauso ist es mit der Kunst oder dem Theater. Ich möchte diese Begeisterung dann weitergeben, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass das nicht immer unmittelbar funktioniert. Ich versuche dann eher etwas zu öffnen und mitzugeben. Und sehe mich mehr als eine Art Begleiterin.

Aber was ist mit Kunst, die dir nicht gefällt? Kannst du die auch vermitteln?

Ja, die kann ich auch vermitteln, aber nur wenn ich dafür bezahlt werde. (lacht) Ich hatte z.B. auch schon einmal eine Führung zu Neo Rauch, den ich nicht mag. Seine Malerei ist katastrophal, aber da es eine Veranstaltung vom Freundeskreis der Staatsgalerie war, habe ich es trotzdem gemacht. Am Ende kam eine Dame auf mich zu und meinte: „Also da merkt man richtig, dass sie Fan von dem Maler sind!“ Ich kann eben auch professionell. Es ist meistens sogar sehr viel schwieriger, Dinge zu vermitteln, die man gut findet. Das ist, wie wenn man verliebt ist. Erkläre das mal jemandem! Das ist so schwierig. Was ist denn so besonders an der anderen Person? Die ist einfach toll, aber was genau, kann man oft irgendwie doch nicht erklären.

Welchem Bereich ordnest du Kunstvermittlung zu? Der Pädagogik, der Kunst selbst, der Dramaturgie oder steckt vielleicht sogar etwas Politisches darin?

Mit Definitionen tue ich mich sehr schwer, deshalb vielleicht alles oder nichts hiervon?!? Am wenigsten der Pädagogik in jedem Fall. Ich finde diesen dramaturgischen Moment eventuell den spannendsten, weil der*die Dramaturg*in auch so eine Art Mittler*in zwischen den Welten ist. Das ist diese*r erste Zuschauer*in, der*die einschätzen kann, ob das Ganze funktioniert, wie etwas kommuniziert werden kann und was noch fehlt. Politisch braucht Kunst-/Kulturvermittlung nicht zu sein, da Kunst selbst politisch ist und gute politische Kunst meines Erachtens keine*n Sprecher*in benötigt. Ich glaube aber, dass meine Formate auch einen ganz hohen performativen Anteil haben und daher auch selbst in eine künstlerische Richtung gehen. Wenn ich Führungen geben, entsteht oft so eine Art Flow-Moment und dann kann es auch mal wissenschaftlich unkorrekt oder kunstgeschichtlich nicht so super penibel werden. Es gibt Leute, die das unmöglich finden, wie ich über Kunst spreche. Aber heutzutage kann ich auch einfach „Édouard Manet“ googlen und mir die Daten und Fakten dazu selbst aneignen. Um diese Abrufbarkeit geht es mir in meiner Arbeit nicht, sondern um etwas Emotionales, um eine Empfindung. Es geht mir um eine ästhetische Erfahrung und einen Möglichkeitsraum hierfür. Auch wenn das jetzt vielleicht etwas kitschig klingt. (lacht)

Am Theater Rampe in Stuttgart gibst du regelmäßig KEINE Einführungen vor Theateraufführungen. Wie sehen diese Nicht-Einführungen aus?

Das Format entstand zusammen mit Martina Grohmann, die die Dramaturgin und Intendantin des Hauses ist. Da sie es selbst nicht leiden kann, Einführungen zu geben, fragte sie mich, ob ich nicht hierzu Lust hätte. Das fand ich schon sehr charmant, dass sie als Dramaturgin zugibt, Einführungen nicht zu mögen. Ich habe mir dann darüber Gedanken gemacht, warum ich mir selbst noch nie eine Einführung angehört habe. Das ist so eine Vorwegnahme. Da ist jemand, der*die etwas besser weiß als ich in meiner Rolle als Zuschauer*in. Und mir wird dann vorweg erklärt, was ich zu verstehen habe. Das finde ich unerhört, weil es so schlimm bevormundend und von oben herab ist. Martina und ich haben uns dann, zugegebenermaßen mit viel Wein, darüber ausgetauscht, wie wir eine Einführung gut fänden, woraus das Format KEINE EINFÜHRUNG entstanden ist. Die Idee dahinter ist, dass ich das Stück nicht gesehen habe, genauso wenig wie die Besucher*innen, die an diesem Abend kommen. Alle Informationen, die ich bekomme, sind die selben, die der*die Besucher*in bekommt, nämlich einzig und allein das kleine Booklet, was an der Kasse mit der Eintrittskarte herausgegeben wird. Ich bin fünf Minuten vor meinem Format anwesend und lese in diesen fünf Minuten diesen Text. Ich bereite mich also nicht tagelang vor oder schaue mir die Biografien der Künstler*innen an. Und dann beginne ich sehr assoziativ den Text, den ich vorliegen habe, und den Titel des Stückes ein bisschen zu besprechen und verschiedene Denkräume zu öffnen. Es wird dann sehr schnell dialogisch. Das Format dauert auch nur 20 min, das ist ganz kurz und knackig, wie Speeddating. Es geht dann z.B. darum zu erfahren, warum die einzelnen Besucher*innen heute Abend hier sind. Was erwarten sie von dem Abend? Warum haben sie sich genau dieses Stück ausgesucht? Und das ist total spannend, weil es so weit gefächert ist von „Ich bin der Exfreund von der Schauspielerin und wollte mal sehen, ob sie es jetzt kann“, über „Ich studiere in Gießen Theaterwissenschaften und muss jetzt mal gucken, ob das hier was wird“, bis hin zu „Naja, ich musste heute Abend auf meinen kleinen Bruder aufpassen und hatte nicht schon wieder Bock auf Kino“. Andere kommen, weil sie eine Nachbarschaftskarte haben und das Stück dann umsonst sehen können oder weil ihr Mann Wolfgang heißt und der Name auch im Stück vorkommt. Das ist so wahnsinnig toll, weil alle aufgrund eines selben Momentes anwesend sind, nämlich um das Stück zu sehen, aber alle unterschiedliche Auslöser hatten. Es geht darum eine Gemeinschaft in dem Moment zu schaffen und vor allem darum, eine Angstschwelle abzubauen. Man muss keinen intellektuellen Hintergrund mitbringen, um ins Theater zu gehen. Das kann auch einfach eine profane Lust oder Unschlüssigkeit oder auch ein Zwang, wenn ich meine*n Partner*in begleite, sein. Daher sind auch Vorbehalte total okay. In Bezug auf das Stück und die damit verbundenen Erwartungshaltungen versuche ich im Intro ein bisschen zu provozieren. Und sage dann auch, dass ich bei dem Begriff „performativ“ eine Gänsehaut bekomme oder dass Mitmachtheater mein größter Albtraum heute Abend wäre, weil ich Zwiebeln gegessen habe und möglichst mit niemandem nah reden möchte. Ich versuche die schlimmsten Erwartungen oder Befürchtungen schon vorweg zu formulieren und frage anschließend, was die Zuschauer*innen denken, was passieren könnte. Hieraus entsteht dann meistens ein ganz schöner Dialog. Im Schnitt besuchen ca. 30 Personen die KEINE EINFÜHRUNG. Pro besuchte KEINE EINFÜHRUNG kann man sich dann auch einen Stempel auf der Sammelkarte geben lassen. Im Schwabenländle lohnt sich das. Und bei fünf Stempeln bekommt man eine Theaterkarte umsonst und darf mit mir ins Theater gehen. Dann gehen wir gemeinsam ins Theater, wo ich dann auch ganz klar sage, dass ich kein Theaterprofi bin und das weder studiert noch gelernt habe. Und danach gibt es dann die Zigarette danach, weil das Ganze schon auch ein bisschen auf einen Flirt ausgelegt ist. Ich stehe dann zur Verfügung, warte an der Bar und sage den Zuschauer*innen, dass wir gerne nochmal über das Stück reden können, wenn sie Lust haben. Und das wird tatsächlich total toll in Anspruch genommen, weil das etwas komplett anderes ist als ein Nachgespräch mit einem Profi, wo man sich blamieren oder etwas Falsches gesehen haben könnte. Das denken viele Besucher*innen. Und sie sind dann oft beruhigt, wenn sie hören, dass ich eine bestimmte Stelle der Inszenierung auch nicht verstanden habe. Sie sind dann beruhigt, dass es in Ordnung ist, wie sie das wahrgenommen haben. Oder auch jemandem einfach kurz mitzuteilen, wie sie es fanden, finden die toll.

Was meinst du ist wichtig, um Theater zu vermitteln?

Ich denke, es ist wichtig Vorurteile, Vorbehalte und Ängste abzubauen. Theater ist natürlich schon ein Extremraum. Ich befinde mich da in einem geschlossenen Raum und bin in einen zeitlichen Ablauf eingesperrt. Allein diese Panik davor, in der Mitte der Reihe zu sitzen und die Inszenierung eventuell schlimm finden zu können! Es ist hart, sich dann zu trauen aufzustehen und zu gehen. Das sind natürlich Konventionen und Zwänge, die einen Theaterbesuch nicht unbedingt leicht machen. Insbesondere vor nicht so konventionellen, linearen Inszenierungen wie am Theater Rampe, das als Off-Theater eher post-dramatisches Theater – das darf ich nicht offiziell sagen, da schimpft mich Martina immer (lacht) – zeigt, haben Leute natürlich auch einfach ein bisschen Angst. Uns geht es in dem Format KEINE EINFÜHRUNG darum, den Zuschauer*innen diese Angst, Erwartungen und Vorurteile zu nehmen und sie mit einer wohlwollenden und gut gelaunten Offenheit in dieses Stück zu schicken, damit sie etwas zulassen.

D.h. Performance Art, bzw. experimentelleres Theater stellt eine höhere Schwelle für Besucher*innen dar als ein Besuch im Stadt- und Staatstheater oder in der Oper?

Ja, da bin sicher. Wenn ich ins Schauspielhaus gehe, bin ich schließlich zu 90 % sicher, dass kein Schauspieler zu mir kommt, dass ich nicht aufstehen muss, also dass die Bühne die Bühne bleibt. Der Respektraum ist gewahrt und in der Oper sowieso. Das ist safe. Da kann ich auch schlafen, da ist es in Ordnung. Aber natürlich, in dem Moment, in dem dieses sichere Terrain verlassen wird, gehe ich als Besucher*in ein Risiko ein.

Wenn man Studien über das durchschnittliche Theaterpublikum anschaut, die belegen, dass die Mehrheit der Besucher*innen akademisch gebildet und tendenziell älter sei sowie einen höheren sozialen Status innehabe: Was läuft an den meisten Stadt- und Staatstheatern schief in puncto Vermittlung? Was muss sich ändern?

(lacht) Ohje, ich kann das nicht einschätzen, ob da etwas schief läuft. Es ist vielleicht nicht das Versäumnis der Theater oder der Szene selbst, sondern eher der Gesellschaft. Ich finde Kultur hat in der heutigen Gesellschaft einen viel zu geringen Stellenwert. Es ist nicht mehr en vogue in die Oper zu gehen. Ok, außer in Stuttgart. (lacht) Da ist das noch ein Ding. Aber vermittle das mal an junge Menschen! Das hat in deren Welt keine Geltung mehr. Eine Dauerkarte fürs Theater ist nichts, womit man angeben kann. Ich finde, es ist ein gesellschaftliches Problem, dass Kultur nicht mehr den Raum und die Wertschätzung erfährt, die sie braucht. Man sieht es allein daran, wie Gelder verteilt werden und was von öffentlichen Geldern finanziert wird. Wenn man in Kultur mehr Gelder fließen lassen würde, bin ich mir sehr sicher, würde diese auch bei dem*der Durchschnittsbürger*in mehr Anerkennung bekommen. Und ich denke tatsächlich auch, dass an Schulen versagt wird. Da stelle ich mich auch selbst an den Pranger. Es ist unglaublich schwierig, die Schüler*innen abzuholen und mitzunehmen in diesen Kulturkosmos. Dies benötigt eine sehr hohe Eigeninitiative der Lehrer*innen und ich kann verstehen, dass viele Kolleg*innen irgendwann auch erschöpft sind und ihre private Freizeit dafür nicht opfern möchten. Man muss schon ein Idealistenschwein sein, um sich permanent so aufzureiben und um diese Diskussionen auszuhalten. Das ist so eine grundsätzliche Problematik, die nicht an den Theatern liegt. Klar, könnten diese sich auch trauen, ein bisschen radikalere Stücke zu zeigen! Sorry, muss es dann noch einmal Faust sein, ich weiß es nicht?!? Es gibt so viele zeitgenössische, wunderbare Autor*innen, die Stücke von so hoher Relevanz schreiben. Aber immer dieses historisierende Moment der Rückbesinnung, der Sicherheit, des „damit kann man nicht so viel falsch machen“s, das ist einfach schade. Ich würde mir hier mehr Radikalität wünschen. Ich finde Theater muss auch auf eine gewisse Art weh tun, um etwas zu erreichen. Und wenn Theater nichts mehr erreichen will, dann ist es ein historisches Moment und dann reicht es auch, sich ein VHS-Tape anzuschauen. Hierfür brauche ich das Direkte nicht mehr.

Ein weiteres Format, das du zusammen mit Andreas Vogel anbietest heißt SuperSoundSculpture, bei dem ihr mit eurem fahrbaren Schallplattenspieler auf Kunstentdeckungstour geht. Was ist das besondere an dem Format? Und ist „schwerfällige Kunst“ durch Musik einfacher zu vermitteln?

Zweiteres zuerst: ja, ist sie! Das ist tatsächlich mein Lieblingsformat. Andreas und ich haben es gemeinsam entwickelt, weil ich irgendwann bei meinen Führungen bemerkt habe, dass die Leute schon begeistert sind, aber sich nicht die Kunst anschauen, sondern mich als Protagonistin. Das ist menschlich, ich bewege mich, habe ein schräges T-Shirt an, ich bin lustig, ich flirte mit den Leuten. Das mache ich! Ich flirte hardcore mit den Leuten, weil ich will, dass sie ein gutes Gefühl haben und ich benutze dafür gnadenlos alle Tricks. Es ärgert mich aber, dass sie sich die Kunst nicht angucken. Und so kamen wir auf den Plan, dass wir uns Werke aussuchen, die wir in Verbindung mit Musik bringen können, teilweise formal, teilweise zeitlich gesehen, strukturell oder in Bezug auf den Produktionsprozess. Also die unterschiedlichsten Elemente, die man in eine Verbindung oder auch in einen Gegensatz zu den Musikstücken stellen kann. Ich sage dann kurz etwas zu den Werken, so eine mini-Einführung, aber sehr unkonventionell. Wie geht es mir damit? Welchen Kontext hat es? Wer sind diejenigen, die es gemacht haben? Dann lässt Andreas eine Schallplatte laufen und die Menschen haben über die Dauer des Tracks Zeit, sich das Kunstwerk anzuschauen. Wir sagen auch vorher, dass diese Zeit nicht dafür gedacht ist, um miteinander zu reden, sondern dass wir danach darüber sprechen, sodass man die Möglichkeit hat, die Musik zu hören und sich dazu das Werk noch einmal in Ruhe anzuschauen. Danach erklärt dann Andreas, warum er das Stück ausgewählt hat. Das ist dann ein total schöner Moment, weil jede*r zu Musik eine Meinung hat. Jede*r hat eine Lieblingsband, jede*r findet was gut oder nicht so gut. Popkultur ist sowieso Alltag. Die Kunst in der Staatsgalerie ist eben Hochkultur, da ist die Barriere, etwas dazu zu sagen, einfach höher. Wenn wir einen Song laufen lassen, wippen die Leute mit oder jemand erzählt von seinem letzten Rolling Stones Konzert. Jede*r hat hierzu eine Empfindung und dadurch triggern wir natürlich etwas, sodass die Leute sich öffnen. Musik funktioniert noch unmittelbarer als Kunst. Das ist ein anderer Teil unseres Alltags. Und dann kann man z.B. anhand eines so grauenvollen Songs wie „Lemon Tree“ erklären, welche Systematik hinter dem Song steckt. Dass das ein Ohrwurm ist, weil er auf diese oder jene Weise gebaut wurde. Das ist dann vielleicht kein Song, den ich mag, aber an diesem Stück Musik kann ich ganz viel erklären und genau diese Strategien und Prinzipien lassen sich auch in der Kunst wiederfinden. Und das sorgt dann tatsächlich für diesen klassischen Aha-Moment, was so schön ist, weil danach dann auch echt gute Fragen gestellt werden. Man kann die Besucher*innen also knacken. Das Ganze verläuft dann auch tatsächlich nach einem dialogisches Prinzip, also ich rede, Andreas redet und dann öffnen wir immer die Runde und es werden Empfindungen ausgetauscht, Fragen geklärt, usw.

Kennst du ein Theater / Museum / …, das eine Vorreiter*innenrolle für Vermittlungsformate darstellt?

Ich finde, dass in den niederländischen Museen eine sehr gute Art von Vermittlungsarbeit geleistet wird. Diese bieten teilweise ganz ungewöhnliche Ferienworkshops oder Führungsformate für Kinder an. Generell würde ich sagen, dass dort ein sehr kinderfreundliches Programm angeboten wird. Und dadurch habe ich auch das Gefühl, dass es selbstverständlicher ist, das Kind ins Museum “abzuschieben“. Die Begleitprogramme sind offener und übergreifender gestaltet und interdisziplinärer, als ich sie aus Deutschland kenne. Da wird Kunst ganz selbstverständlich mit Musik, Schauspiel, Grafikdesign oder aber auch philosophischen Diskursen kombiniert. Hier scheint das immer noch Mangelware zu sein, weil sich die Institutionen nicht genug öffnen.

Was ist das schlimmste Vermittlungsformat, an dem du selbst teilgenommen hast?

Schule. (lacht) Also allgemeinbildendes Gymnasium Baden-Württemberg. Das war das schlimmste Vermittlungsformat meines Lebens.

Welche Tipps hast du für angehende Kulturvermittler*innen? Was möchtest du ihnen noch mit auf den Weg geben?

Ich würde mir wünschen, dass sie sich trauen, sich für Dinge zu begeistern, die vielleicht keinen hohen kulturellen Anspruch haben. Ich bin z.B. brennender Autofan. Ich liebe American Muscel Cars. Da geh ich voll drauf ab. Oder ich finde auch die Serie „Buffy“ großartig. Ich mag Ponys. Ich esse wahnsinnig gerne Sushi. Das sind so total profane, nicht-hochkulturelle Dinge. Man muss einfach etwas finden, was man toll findet und ich schwöre, dass sich das überall mit einbauen lässt. Wenn man es dann hinbekommt, diese Begeisterung weiterzugeben… Ich glaube, man muss diesen Anspruch, dass andere verstehen, was man selbst meint, einfach aufgeben. Ich mache z.B. eine Führung mit 60 Leuten, von denen wahrscheinlich drei danach wissen, welche Bilder wir gerade angeschaut haben. Früher hätte mich das verrückt gemacht. Weil ich ja dann doch echt viel Arbeit reingesteckt habe, um ihnen zu erklären, wer Imi Knoebel oder so ist. Aber scheiß drauf. Die Hauptsache ist doch, dass die eine gute Zeit hatten. Und das ist wirklich wichtig. Man muss unbedingt versuchen Spaß an dem zu haben, was man macht. Irgendetwas finden, was eine*n berührt und je spezieller die Sparte, desto geiler, finde ich. Außerdem ist es wichtig im Diskurs zu bleiben. Man darf nicht erwarten, dass andere eine*n verstehen. Es genügt vollkommen, wenn das Publikum einen Möglichkeitsraum hatte, etwas zu erfahren, was es bisher nicht erfahren hatte. Das muss dann auch keinen pädagogischen Mehrwert haben. Es reicht auch einfach zu wissen: „Hey, das hat heute Spaß gemacht.“ Wenn das passiert, bin ich total zufrieden. Und, ich glaube, wenn man das hinbekommt, hat man ganz viel richtig gemacht.

Danke Dir!

Das Interview wurde geführt von Jessica Dietz.

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