Instagram zwischen Scheinleben, Kreativität, Vergleichsdruck und Inspiration,

– was bedeutet die Plattform für Studierende?

 

 

 

 

 

 

 

                                               Ein Beitrag von Isabell Zehnder

 

 

 

 

 

 

 

Ich erinnere mich noch wie ich 2013 mit meinem Samsung Galaxy S3 mini random ein Foto meiner ausgetretenen Chucks machte, einen der vorgeschlagenen Filter draufklatschte und es dann auf Instagram postete. Gott sei dank sahen das damals nur meine Klassenkamerad*innen, da ich auch nur ihnen folgte. Das ist wohl eine meiner erste Erinnerungen an Instagram.

Seitdem hat sich viel verändert.  Was 2010 als schichte Fotoplattform, bestehend aus quadratischen alltäglichen Bildern für Freunde und Bekannte eröffnete, ist mittlerweile zu einem der multifunktionalsten und einflussreichsten Sozialen Netzwerke herangewachsen. 

Zu den mittlerweile nicht mehr nur quadratischen Bildern kamen erst Instastories, dann Instagram TV und schließlich die Reels. Doch nicht nur die Funktionen haben expandiert, es tummeln sich auf Instagram mittlerweile auch 500 Millionen Nutzer*innen. Und das sind nicht mehr nur Privatpersonen, die ihr Leben mit ihren Freund*innen teilen wollen, sondern auch allerlei Influencer*innen, die die perfekte Selbstinszinierung zum Beruf gemacht haben und für Markenverlinkungen bezahlt werden.

Im Instagram Feed von 2020 steckt hinter einem vermeintlichen Urlaubsschnappschuss möglicherweise ein ganzes Social Media Management und professionelle Bildbearbeitung. Den durchschnittlichen und oft jungen Instagram Nutzer*innen bleiben Social Media Management und professionelle Bildbearbeitung hinter einem scheinbar alltäglichen allerdings Post verborgen. 

Die Kritik an der Plattform, sie sei auf dem Weg ihre Authentizität zu verlieren, steigt. Die Kommerzialisierung und Professionalisierung der Plattform führe zu eine realitätsferne Selbstinszinierung, die den Vergleichsdruck steigert.

Andererseits haben auch visuelle Künstler*innen auf Instagram die Möglichkeit sich auszudrücken und durch die wachsende Professionalisierung der Plattform die Möglichkeit zur Vermittlung ihrer Kunst und zur Vernetzung innerhalb der Community.

Zwischen Scheinleben, Inspiration, Kreativität und Vergleichsdurck also schwankt Instagram.

Wie sehen das Studierende der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis? Wie intensiv nutzen sie die Plattform? Gibt sie eventuell Raum zum Ausdruck ihrer ästhetischen Praxis? 

Im folgenden werfe ich einen Blick hinter die oft unnahbar wirkenden Instagram Avatare und befrage vier meiner Komoliton*innen zu ihrer Perspektive auf und ihrem Verhältnis zu  Instagram:

Wie lange besitzt du bereits einen Instagram Account?

Seit Dezember 2015 ungefähr

Elsa: Ich glaube seit ungefähr 2017

Das weiß ich leider nicht mehr genau, ich denke ich habe mir den so mit 14 gemacht.

Ich habe meinen Instagram Account seit ich 16 bin, also seit 2016.

Wofür nutzt du ihn hauptsächlich?

Einerseits, um Informationen zu bekommen z.B bei Acounts wie Tagesschau oder Luisa Dellert, die über Politik und Nachhaltigkeit informiert. Aber auch zur Unterhaltung, indem ich Lifestyle und Fashion Seiten folge. Und dann nutze ich es auch, um Fotos von mir zu teilen, die irgendwie fotografisch künsterisch sind. Es ist allerdings nicht direkt ein Fototagebuch, das wäre mir zu privat.

Hauptsächlich für Information, um  zu sehen was Freunde gerade machen und was bei ihnen abgeht. Dann natürlich auch ein wenig für Selbstinszenierung, Unterhaltung und manchmal auch einfach, um Leute zu stalken.

Hauptsächlich benutze ich meinen Account zur Unterhaltung, Zeitverschwendung und oft auch aus Langeweile.

 

Für mich hat mein Instagram Account einen neuen Stellenwert bekommen, als ich für ein Jahr ins Ausland gegangen bin. Vorher war ich selten überhaupt auf Instagram aktiv. Als ich im Ausland war, war der Instagram Account eine gute Möglichkeit für mich a) Informationen und Nachrichten mitzuverfolgen (z.B. über die Tagesschau Instagramseite), ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben im Leben der Leute die ich in Deutschland zurückgelassen hatte und um in Kontakt mit Leuten zu kommen/bleiben, die ich im Auslandsjahr kennengelernt habe (Kollegen, Freunde, Couchsurfer). Zur Selbstinszenierung verwende ich meinen Account eher selten, habe aber schon einige Bilder, die aber nur meine Follower sehen können.

Postest du regelmäßig auf Instagram und wenn ja welche Kriterien muss ein Bild erfüllen,

um gepostet zu werden? 

Ein bis zwei Bilder im Monat, die einfach richtig cool sein müssen, also nicht nur Selfies. Sie müssen alle farblich zueinander passen, gut bearbeitet sein und sollten außerdem nicht zu viel verraten. Ich bin da sehr akribisch.

Ich poste nicht super regelmäßig. Meistens poste ich Bilder die einen Erinnerungswert für mich haben. 

Bilder poste ich eigentlich nicht so häufig, wenn dann eher eine Story. Ich bearbeite tatsächlich sehr selten meine Bilder, bevor ich sie online stelle. Meistens achte ich nur darauf, dass das Bild meinen anderen nicht zu sehr ähnelt.

Ich poste nicht sehr regelmäßig auf Instagram. Ich halte mich mit politischen Stellungnahmen eher zurück, da ich die gerade sehr boomenden Trendposts eher kritisch sehe. Was ich poste ist für mich und meine sozialen Kontakte bestimmt (Bilder mit Freunden, von Erlebnissen, ein paar Bilder auch von mir selber).

Was ist dein Lieblingspost auf deinem Account und die Geschichte dahinter?

Antonias Lieblingsbild

Ich war da grade in einer schwierigen Phase in meinen Leben, es hat sich einfach viel verändert und ich habe eine Rundreise durch die Niederlande gemacht. Dann bin ich an einem Cafe vorbei gelaufen und dachte sofort, dass das irgendwie cool aussieht. Man konnte am offenen Fenster sitzen und direkt daneben ist das Stadtleben und man sah die Leute vorbeilaufen. Es war einfach ein mega schöner Tag und die Atmosphäre war einfach mega toll. Ich verbinde mit dem Foto einfach die Wärme der Sonne auf meiner Haut und den Geruch von dem Kaffee. 

Elsas Lieblingsbild

Einer meiner Lieblings Posts ist der hier, weil ich diesen Moment, der mit diesem Bild festgehalten wurde einfach mit so viel Liebe verbinde. Das Bild ist etwa zu meiner Halbzeit in Indien entstanden. Wir hatten ‘halfterm evaluation camp’ meine Freunde und ich sind zusammen morgens um halb fünf aufgestanden, um uns aus dem Camp zu schleichen  und einen schönen ‘sunrise point’ zu suchen. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde gelaufen waren, fanden wir diese wunderschöne Stelle die über einen kleinen vernebelten Wald ragte. Wir kuschelten uns in einem Lungi zusammen und schauten uns das wunderschöne Spektakel des Sonnenaufgangs an. Auf unserem Rückweg kamen wir an einem kleinen Chai Laden vorbei, der schon so früh offen hatte. Der unglaublich süße Chai wärmte uns ein wenig auf und gab uns ein wenig Energie für den Tag, da wir alle nur so um die 3 Std. geschlafen hatten, ziemlich übermüdet und doch euphorisch waren.

Lilliths Liebingsbild

Ich habe nicht wirklich einen „Lieblingspost“ aber ich mag diese Bilder sehr gerne. Das ist mein Weg zur Uni in Johannesburg an der ich FSJ gemacht habe.

Inwiefern nutzt du Instagram für dein Studium?

Welche Accounts findest du inhaltlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht interessant?

Welche Accounts inspirieren dich in deiner eigenen ästhetische Praxis?

Ich nutze Instagram, um Fotos hochzuladen, die einen gewissen künstlerischen Anspruch haben und ich will auf jeden Fall meine eigene künstlerische Praxis ausdrücken. Vor allem @jimenareno inspiriert mich ästhetisch und auch von seinem Lifestyle her.

Inhaltlich und kulturwissenschaftlich inspiriert mich @catcallsofhildesheim. Sie schreiben mit Kreide Catcalls von Menschen auf die Straße, die an der Stelle belästigt wurden. Ich finde das bewundernswert weil man sieht, dass man nicht die einzige Person ist, die von anderen Belästigt wird.

 

 

 

Ich nutze meinen Account nicht, um in dem Sinne künstlerisch aktiv zu werden. Ich nutze Instagram aber definitiv um Denkanstöße oder Inspirationen zu Themen zu bekommen, die ich in meinem Studium behandle. Ästhetisch gesehen gibt es tatsächlich auch keine Accounts denen ich spezifisch deshalb folge. Es gibt aber einige Accounts wie @Nowhitesavior, @AufKlo“, oder @ze.tt“ die mich auf andere Weise inspirieren und mir Denkanstöße geben.

Wie viel Zeit verbringst du täglich auf Instagram?

Eine bis zwei Stunden je nachdem wieviel ich zu tun habe.

Ufff immer mal wieder wenn mir langweilig ist vielleicht zwei bis drei Stunden am am Tag.

Viel zu viel, weil ich sehr oft einfach auf Instagram gehe, wenn ich mein Handy entsperre.

Es gibt es aber Phasen, in denen ich mehrmals täglich auf Instagram bin und Phasen, in denen ich Instagram alle paar Tage mal öffne.

 Inwiefern hat sich deine Instagram Nutzung über die Zeit/Jahre verändert? 

Inwiefern hat sich die Plattform an sich verändert? 

Früher habe ich noch nicht wohl gefühlt Bilder von mir selbst hochzuladen. Das hat sich total verändert. Heute ist der ästhetische Anspruch an meinen Account viel höher. Zum Beispiel ist neu, dass ich darauf achte, dass meine Posts einen harmonischen Feed ergeben. Früher hat man auch eher nur Bekannten und Freunden gefolgt. Heute hat Instagram auch einfach viel mehr Funktionen mit Story, Reels. Es ist fast ein bisschen wie TicToc und Snapchat in einem.

Ich hatte es am Anfang hauptsächlich benutzt um meine Erfahrungen aus Indien festzuhalten und zu teilen mit den Leuten, die soweit weg von mir waren. Jetzt benutze ich es eher um schöne Momente einfach festzuhalten 

Ich habe mir früher viel mehr Gedanken über ein Post gemacht und auch darüber was andere von mir und meinen Bildern halten könnten. Mittlerweile nutze ich Instagram fast hauptsächlich für mich und denke nicht darüber nach was andere davon halten könnten. Ich habe mich früher auch sehr viel verglichen mit anderen Mädchen und auch das hat sich verändert. 

Wie gesagt hat sich die Nutzung durch meine Zeit im Ausland verändert. Ich folge inzwischen aber auch mehr informierenden Accounts als früher. Früher habe ich ausschließlich Leuten gefolgt, die ich kannte.

Hat Instagram eher einen positiven oder negativen Einfluss auf dein Leben? 

Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt deinen Account zu löschen?

Meinen Account zu löschen, könnte ich mir nicht vorstellen. Allerdings habe ich meinen Account schon öfter von öffentlich auf privat gestellt und andersrum.

Einerseits inspiriert und informiert mich Instagram sehr und manche Seiten bringen mich in meinem Leben auch weiter. Man kann mit Leuten Kontakt halten, den man anders vielleicht nicht gehalten hätte.

Manchmal ist es aber auch ein Zeitfresser, wenn man im Explore Feed unterwegs ist und am Ende wahrscheinlich keine Erinnerung und Mehrwert von den einzelne Posts hat. Letzten Endes nutzt man es dann doch, es ist eben einfach Entertainment. 

Es hat sowohl einen positiven als auch negativen Einfluss auf mich.  Ich merke, wie gerade Fitness Accounts mich oftmals deprimieren, da sie eine aufgesetztes ‘perfektes’ Leben zeigen, das ich niemals so führen würde. Andererseits gibt es tolle feministische Accounts wie “catcallsofhildesheim” die sehr inspirierend sind.

Ich habe meinen Instagram Account mal für 1-2 Jahre gelöscht. Das war die Zeit, wo ich mich viel verglichen habe und auch viel jünger war. Heute würde ich meinen Instagram Account nicht mehr unbedingt löschen, trotzdem denke ich dass er eher einen negativen Einfluss auf mein Leben hat. Einfach weil ich viel zu viel Zeit auf der App „verschwende“.

In meiner Schulzeit habe ich den Sinn von Instagram oft nicht ganz durchschaut und öfter mit dem Gedanken gespielt den Account zu löschen.
Inzwischen finde ich die App aber eigentlich zu interessant. Man muss nur seinen Konsum unter Kontrolle haben.

Beitragsbild: Pexels

Foto Autorin: Kulturpraxis Redaktion

Foto Antonia: Antonia Grün

Foto Elsa: Elsa Vogels

Foto Seynep: Seynep Tan

Foto Lillith: Lillith Sievers