Inklu-what?

Schriftliche Erfahrungsberichte 

Isabelle I Lukas I Birgit I Steven

Verschriftlichung Isabelles Erfahrungsbericht 

Der Begriff Inklusion bedeutet für mich erstmal ziemlich viel. Dahinter steht nicht nur eines der wichtigsten Menschenrechte, die wir haben, sondern auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, eine tolerantere Gesellschaft, für die wir eigentlich alle weiter kämpfen sollten. Unter Inklusion verstehe ich eigentlich hauptsächlich, dass alle Menschen die gleichen Rechte besitzen sollten, die gleiche Teilhabe ermöglicht bekommen, aber gleichzeitig auch alle individuelle Eigenschaften wertgeschätzt werden. Also dass es nicht nur normal wird, verschieden zu sein, sondern auch als bereichernd erlebt wird.
Welchen Stellenwert hat Inklusion für mich? Ja, Inklusion ist für mich mein Herzensthema. Es hat seit fünf Jahren einen sehr großen Stellenwert in meinem Leben. Einerseits weil ich selbst seit der Abiturzeit weiß, dass ich selber eine chronische Erkrankung habe und zwar eine Stoffwechselerkrankung, die bis heute noch nicht sehr gut erforscht ist und die im medizinischen Bereich einfach sehr viele Vorurteile hat. Diese Krankheit verursacht bei mir seit wahrscheinlich mit dem Einsetzen der Pubertät ein sehr hohes Übergewicht, was mich persönlich am meisten stört. Aber auch körperliche Schmerzen. Also oft starke Kopfschmerzen, Schwindel und so weiter.
Inklusion hat mich aber in der Schule davor schon erfahren, da ich diese Krankheit habe, interessiert. Dadurch ist es aber persönlicher und noch wichtiger für mich geworden und heute besteht mein Interesse an Inklusion auf einer wissenschaftlichen Ebene aber auch auf einer – ja, nenne wir sie mal aktivistischer Ebene. Also ich habe z.B. auch bei uns an der Universität im allgemeinen Studierendenausschuss das Referat Inklusion, davor für zwei Amtszeiten die Beauftragte für Barrierefreiheit, mit der ich versuche, die Studienbedingungen für uns Studierende mit chronischer Krankheit und/oder Behinderung zu verbessern und auch allgemein auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Aber ich habe auch ein wissenschaftliches Interesse: ich würde gerne später in der inklusiven Pädagogik promovieren und mich damit beschäftigen, wie wir Unterricht barrierefrei gestalten können.

Inklusion nehme ich eigentlich – so traurig es auch klingt – am meisten in nem Negativen war. Also hauptsächlich Barrieren im Alltag, auf die ich stoße. Dazu muss ich sagen: ich selber stoße innerhalb der Uni auf viele Barrieren. Also z.B. auf Treppen, weite Wege, die Belüftung in den Räumen, mit denen ich selber gesundheitlich zu tun habe. Aber innerhalb der Uni nehme ich natürlich auch Barrieren war, auf die ich selber jetzt nicht stoße, auf die ich aber versuche zu achten um sie verändern zu können. Auf dem Weg zur Uni stoß‘ ich dann aber auch selber auf größere Barrieren. Ich hab‘ z.B. auch ne Prüfungsangst und kann deshalb hier mit den Bussen auch nicht so gut fahren. Das Racing Team. Mach das deswegen alles zu Fuß. Dadurch sind die Wege auch oft weit und wenn ich bei der Uni ankomme bin ich meistens auch schon ziemlich kaputt. Die größten Barrieren nehme ich im Alltag auf sozialer Ebene wahr. Das sind oft komische Blicke auf meine größeren Oberschenkel, Blicke darauf, dass ich immer kurz stehen bleiben muss, weil ich nicht mehr so gut Luft bekomme, aber auch wirklich diskriminierende Äußerungen, Beleidigungen, die sind aber innerhalb der Uni wirklich weniger geworden. Das ist eher, wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs ist: auf Festivals oder so. Im Privaten begegnen mir häufig Barrieren, weil ich z.B. keinen Alkohol trinke. Dass man sich oft rechtfertigen muss oder komische Nachfragen dann bekommt. Also sprich: „Jetzt trink doch mal.“ Solche Reaktionen nerven mich natürlich aber sind jetzt auch nicht schlimm. Ich bestell‘ mir dann auch oft ne Apfelschorle und ein Bierglas und dann ist das Thema gar nicht mehr so wichtig für die anderen. Ein bisschen mehr nervt mich dann dieses Unverständnis, wenn ich dann kurzfristig Verabredungen absagen muss, weil ich z.B. gerade kurzfristig Migräne bekommen habe oder es mir wirklich nicht gut geht. Auch wenn viele Freunde von mir wissen, dass ich diese Krankheit hab‘ hat man schon oft das Gefühl, dass da kein Verständnis dafür da ist. Was natürlich schon echt ein bisschen nervt. Vielleicht liegt das auch daran, dass man gar nicht daran denkt, dass ich diese Krankheit hab‘, was ich schön finde, wenn man da nicht immer dran denkt. Und trotzdem kommt das manchmal ein bisschen komisch rüber und fühlt sich nicht so gut an.

Ja… Wie gehe ich mit diesen Barrieren um? Ich würde da einfach mal unterscheiden zwischen meinen privaten – also jetzt z.B. mit der Prüfungsangst: gehe ich halt so damit um, dass ich Busse und Bahnen einfach meide, wo ich Panikattacken bekomme. Damit komme ich super klar. Ich versuch der Umwelt zu liebe möglichst viel zu Fuß zu machen, aber das Pendeln zu meinem Heimatort geht halt nur mit dem Auto dann. Blöde Kommentar, Beleidigungen ignoriere ich manchmal, obwohl es da dann doch darauf ankommt, wer das sagt. Wenn ich merke, dass da Unwissen dahinter steht, versuche ich einfach aufzuklären und erzähl von meiner Krankheit oder mach‘ einfach bemerkbar, wie unangenehm das eigentlich für mich gerade ist. Bei fremden oder … Kommentaren belasse ich es aber dabei und denk‘ mir nichts dabei. Im Grundlegenden ist es mir aber wichtig, darüber zu sprechen, um eben Stereotypen und Diskriminierung abzubauen. Was ich aber eher im Namen mehrerer mache. Also wenn ich z.B. Leserbriefe schreibe oder wenn ich in meinem Amt agiere. Mit Barrieren auf dem Campus z.B. oder bei den verschiedenen Universitätsstandorten gehe ich halt damit um, dass ich mittlerweile wirklich eine gute Kooperation mit dem Baudezernat der Universität habe und mit Nachdruck mit ihnen über Barrieren spreche, vor allem drüber spreche, wenn Studierende damit auf mich zu kommen. Da man natürlich nicht immer alle baulichen Barrieren im Blick haben kann. Mein Ziel ist es aber schon bis zum Ende meines Studiums einige bauliche Barrieren, auch vor allem auf dem Hauptcampus und der Domäne abbauen zu können. Genauso wichtig sind mir aber eher die Barrieren in den Köpfen. Also besonders die Vorurteile in der Studierendenschaft aber auch Ängste und Sorgen von betroffenen Studierenden, weil es mir wichtig ist, dass niemand Angst haben muss im Studium seine Sorgen zu äußern und sich Hilfe zu holen. Mir ist es allerdings auch wichtig, dass wir alle anfangen sollten Verhalten und unsere Gedanken zu reflektieren. Also es ist ja kein Geheimnis, dass jeder von uns Vorurteile hat, dass jeder von uns mal Ängste hat im Studium – sei’s der Leistungsdruck, Prüfungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Barrieren, die bestehen, eigentlich in unseren Köpfen sind.

Was wünsch‘ ich mir? Naja, dass die Inklusion… Ich bin schon enttäuscht, wie langsam das im Moment vor sich geht und ich wünsch‘ mir auf jeden Fall, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die inklusive Entwicklung einfach zunimmt und dass mehr an Bord springen und dass auch mehr passiert, dass mehr gehandelt wird. Dass aber allgemein mehr Toleranz und Awareness von Diskriminierung in der Gesellschaft auftaucht. Und vor allem, dass dieses Thema ernst genommen wird. Nicht nur in der Politik, sondern auch von uns allen. Und dass wir alle Gleichheit und Gerechtigkeit unterscheiden. Ich hab‘ das Gefühl, dass viele unter Inklusion verstehen, auf den Teufel komm raus, dass alles gleich sein soll. Aber mir ist es auch ganz wichtig, dass wir verstehen, dass verschiedene Menschen auch verschiedene Unterstützungsbedarfe haben. Und dass individuelle Forderungen nicht durch beispielsweise gleiche Bedingungen in der Schule erreichbar sind. Dass die Systeme einfach viel, viel größer sind. Ich wünsche mir außerdem, dass wir endlich aufhören in Randgruppen zu denken, sondern unsere Privilegien sehr gut hinterfragen. Und feststellen, dass Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, zum Beispiel Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankungen, wie zum Beispiel ich, auch in der Öffentlichkeit einfach dazu stehen können und dass wir verstehen, dass wir keine sogenannte „Minderheit“ sind. In den fünf Jahren, in denen ich mich jetzt schon näher mit Inklusion auseinandergesetzt habe, habe ich schon Veränderungen wahrgenommen. Einerseits natürlich schon negative: es ist irgendwie mehr Hetze, Missverständnisse, Missvertrauen, Missverständnisse vor allem im Schulsystem und der Asylpolitik, Missverständnisse, dass sich Inklusion nur auf Menschen mit Behinderung bezieht – was natürlich absoluter Quatsch ist, wenn man über das Konzept nachdenkt. Ich habe das Gefühl, dass zunehmend Zweifel an der Inklusion, nicht nur von betroffenen Menschen, sondern auch von Organisationen auch kommen. Und man muss sich nur die ganzen Gymnasien ankucken, die aus der Inklusion „aussteigen“ – wie sie es formulieren. Was ich mehr als fraglich finde. Und ich hab‘ das Gefühl, dass Inklusion immer mehr als finanzielle Belastung wahrgenommen wird und gar nicht als Chance. Aber Inklusion hat auf jeden Fall Zukunft in meinen Augen. Natürlich ist Inklusion immer ein Stückweit eine Utopie, aber eine lohnenswerte und ich denke wirklich, wenn es eine rechtliche Politik gibt, mehrere Menschen anfangen, sich für dieses Thema zu interessieren und vor allem die ganze Gesellschaft sich daran gewöhnt, dass das Ziel einer Inklusion einfach was ganz normales und eine Verbesserung für alle ist und dass wir verstehen, dass Inklusion eigentlich einen Prozess meint. Also es kann eigentlich keine perfekte Inklusion geben, die 2025 irgendwie einfach da sein soll, sondern ich verstehe unter Inklusion eine immer fortschreitende Entwicklung, eine immer weiter Verbesserung der Lebensbedingungen. Ich hoffe einfach, dass inklusive Strukturen sich immer weiter hin entwickeln, dass man als normal wahrgenommen wird und dass Zweifel einfach immer weniger werden. Dass das irgendwann, aber nicht erst in 50 Jahren ist und dass ich das noch miterleben darf. Das hoff‘ ich natürlich auch sehr. Ich für meinen Teil versuche auf jeden Fall durch Projekte und mein Ehrenamt da einen großen Teil für diese Entwicklung beizutragen und hoffe, dass diese Menschen immer mehr werden.
.

Verschriftlichung Lukas Erfahrungsbericht

Es wird wahrscheinlich nicht gehen, ohne erst einmal so eine grobe Einordnung von mir und meinen… Dingen zu machen. Ich habe eine Autismusspektrumstörung, ich habe eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung, ich habe eine Dyskalkulie, eine soziale Phobie und weitere Sachen. Autismusspektrum: das ist halt auch immer super individuell. Wenn ich mir das als Eisberg vorstelle – der Autismus als Eisberg – dann bin ich glaube ich noch irgendwo im Bereich der … Wo genau? Ja, weiß ich nicht… Nicht ganz an der Spitze natürlich, aber schon so in der Nähe irgendwie. Ich bin jetzt nicht so super weit unter Wasser, glaube ich. Ich will nur sagen: ich bin mir halt der Dinge auch sehr, sehr aware. Also meiner Beeinträchtigung. Ich spüre das sehr und leide auch entsprechend darunter. Gesichter zum Beispiel: Auch vielleicht eine interessantere Sache, wo mir Barrieren begegnen im Alltag. Wenn ich zum Beispiel Menschen, die ich kenne, an der Domäne begegne, dann ist das auch alles irgendwie cool, dann erkenne ich die eigentlich auch – in der Regel. Doch, eigentlich schon. Oder irgendwie in einem Kontext, in dem ich damit rechnen könnte, dass ich diese Menschen dort sehe. Aber wenn ich die Menschen dann wiederrum zum Beispiel in der Stadt treffen würde, dann wäre das schon wieder anders. Da brauche ich dann generell so einen Moment, dieses Gesichtserkennens quasi und das ist blöd, weil, dieser Moment ist eigentlich zu lang um dann gut zu reagieren und dann ist der Moment, in dem ich hätte reagieren müssen, schon wieder weg. Das ergibt dann manchmal, glaube ich, seltsame Situationen. Weitere Sachen… Es gibt noch super viele weitere Sachen. Ich werde jetzt sicherlich auch nicht alles nennen können. Wenn wir jetzt schon so bei Räumen und Menschen sind: Barriere an der Uni ist dann für mich auch ein super volles Seminar. Mich über einem Zeitraum von – was sind das immer? – so 90 Minuten in einem Raum einfach nur zu befinden, in dem sich auch viele andere Menschen befinden, das ist für mich allein schon super belastend. Oder auch so Wortmeldungen. Fällt mir auch super schwer. Wenn ich den Drang habe eigentlich auch was zu sagen, aber ich kann weder meine Gedanken so richtig ordnen oder fassen, noch könnte ich das dann in Worten artikulieren. Das führt dann eigentlich häufig dazu, dass ich es ganz sein lasse. Meine Leistung besteht einfach nur darin, überhaupt dem, was die dozierende Person sagt, irgendwie folgen zu können. Mir fällt es schwer, gesprochenes Wort zu verarbeiten. Ich bin ein sehr visueller Typ, sag‘ ich mal. Ja ganz klar, so der ganze soziale Bereich. Da blicke ich nicht immer so durch. Was, ich glaube, auch bei neurotypischen Menschen nicht so ist, ist dass ich immer bei Menschen  das Gefühl habe, dass sie – um es in ein Bild zu packen – mir wie hinter Glas erscheinen. Als wären sie von einem Glaskasten umgeben. Nicht bei allen, das stimmt. Es kommt halt auch immer darauf an. Aber in der Regel, grundlegend ist es immer erst einmal so, dass ich da überhaupt gar nicht so ran komme und da immer eine Distanz habe und mich nie nähern kann, mich immer etwas trennt. 

Ich möchte an dieser Stelle aber so einen Stereotyp entkräften: ich habe zum Beispiel überhaupt gar kein Problem mit Körperkontakt. Also ich glaube da bin ich auch so wie viele andere Menschen. Also damit wären wir dann bei der LPCD. Schönes Beispiel da auch nochmal aus der Literatur, oder beim Schreiben, was mich da belastet quasi, oder was da vielleicht nicht ganz so gut ist: Ich kann mich nicht von Material trennen, oder von Textteilen, von Sätzen. Es fällt mir unglaublich schwer, eigentlich ist es mir nicht wirklich möglich, etwas heraus zu streichen aus Texten, die ich geschrieben habe. Irgendwie habe ich immer den Zwang, das alles irgendwo drin zu halten, sonst ist es ja irgendwie weg, das Material. Das ist, glaube ich, beim Schreiben nicht immer einfach. Bei Autismus ist der Fall, sowie bei der zwanghaften Persönlichkeitsstörung, dass ich zum Beispiel so Listen mache: Sowohl To-Do-Listen und auch so – ganz spannend auch vielleicht – so Tages-Listen. Heißt: Ich plane mir täglich den nächsten Tag. Das gute daran ist vielleicht, dass ich im Prinzip nichts vergesse, weil ich mir alles aufschreibe. Das ist auch gut, denn wenn ich es nicht aufschreiben würde und es zum Beispiel nur akustisch hätte – das hatten wir ja schon – dann würde ich es auch wieder vergessen. Kaufhallen, Supermärkte sind auch super überfordernde Situationen für mich, weil sie eigentlich – aber es geht halt nun mal nicht anders –  weil ich da natürlich viele Menschen habe, viele Produkt, die auch visuell so catchen. Das sind überfordernde Situationen. Ich hatte auch mal eine Panikattacke in nem Supermarkt. In Hildesheim zum Glück noch nicht, erstaunlicherweise. 

Ich habe äußerste Probleme damit, um nicht sogar zu sagen, es ist mir nicht möglich, nichts zu machen. Also irgendwo zu „chillen“ oder so, das stresst mich so extrem dermaßen. Das geht gar nicht, das kann ich halt einfach nicht. Da bin ich irgendwie seltsam geschaltet. Das ist für mich der oberste Stress, was dann für andere Entspannung ist. Auch so Pausen-Situationen. Ich fühle mich immer so… Ja, ne schwierige Sache einfach. In der Schule fand ich das unglaublich schwierig, die Pausen. Das klingt jetzt so seltsam. Pausen fand ich furchtbar. 

Ich bin jetzt zusätzlich auch noch queer. Also das finde ich irgendwie gerade schwierig, das jetzt irgendwo miteinzubeziehen in diesen Kontext. Aber es ist ja trotzdem eine gewisse Art der Barriere, weil es ist ja leider noch immer so, dass anders-sexuelle Menschen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Glücklicherweise nicht mehr so extrem wie noch vor einigen Jahren. Aber immer noch gibt es da Homophobie, zum Beispiel. Also was in meinem Fall so wäre, obwohl ich tatsächlich noch nie deshalb diskriminiert wurde. Meine ich. Weil ich tatsächlich auch nie so richtig krass darüber gesprochen habe. Auch noch nie so richtig auffällig gemacht habe. 

Was ich auch ganz spannend finde, obwohl es auch eigentlich nicht mehr hier rein passt, ist, dass meine Texte sehr meine psychischen Dinge widerspiegeln. Zum Beispiel, dass ich einfach zu meinen eigenen Figuren erstens nicht wirklich an ihnen interessiert bin und zweitens da auch keine wirklich tiefe Ebene zu ihnen aufbauen kann. Ich finde eher Räume und Setting find ich spannend. Dann passieren natürlich immer, in vielen meiner Texte – oder in denen, die ich als super real empfinde – abgedrehte Seltsamkeiten, mit denen ich nicht wirklich was anfangen kann, die Verwirrung stiften, weil so… So ist das Leben für mich. Schreiben ist für mich so wie Atmen. Wenn ich einen Tag mal keine Text geschrieben hab –Oh Gott! Das ist schon so super undenkbar. Das geht auch einfach gar nicht, irgendwie. 

Das so als grober Überblick – das möchte ich noch einmal betonen. Überblick halt eben auch nicht, aber als Ansatz von Dingen, als Ansatz von Barrieren, die es so gibt in meinem alltäglichen Leben. Jo, exakt.

 

Verschriftlichung Birgits Erfahrungsbericht

Linda: Jetzt als erstes haben wir uns gefragt, wie Du Inklusion wahrnimmst und welchen Stellenwert das für dich hat. 

Birgit: Also wie ich Inklusion wahrnehme in meinem Alltag? 

L.: Ja. 

B.: Also eigentlich eher gar nicht. Zum Beispiel, wenn ich irgendwo hin will: Also egal ob ich ins Kino gehe oder ob ich mit Freunden was Essen gehe oder zu irgendeiner Veranstaltung, ich muss letztendlich immer fragen, ob ich dabei sein darf – wenn man das jetzt mal so ganz krass sagt. Also: Komme ich da rein in den Veranstaltungsort oder ins Kino? Kann ich da zur Toilette gehen? Sind die Türen breit genug? Wie ist der Anfahrtsweg? Kann ich da parken? Solche Sachen. Es geht letztendlich nichts ohne Organisation. 

L.: Also ist Inklusion eigentlich für dich gar nicht so präsent als Inklusion? 

B.: Ich glaube von Inklusion sind wir noch weit entfernt. 

L.: Wie sollte Inklusion für dich sein? Du darfst da auch gerne utopisch werden. Es muss jetzt nicht realistisch sein, aber was wäre für dich…

B.: *seufzen* Wenn ich mir um nichts Gedanken machen müsste. Wenn ich mich spontan mit Freunden verabrede oder in den Urlaub fahren will oder irgendetwas anderes machen will. Dass ich einfach da hinfahren kann und weiß: Das klappt alles. Ich muss nicht bei der Bahn anrufen  und mich anmelden, wenn ich spontan mit dem Zug fahren will – das geht nämlich gar nicht. Da muss man sich mindestens 24 Stunden vorher anmelden. Also außer S-Bahnen, wo man alleine rein kommt, aber nicht mit ICE oder Regionalbahn. Wenn ich einfach zum Schwimmen gehen könnte, ohne dass ich anrufen muss und fragen, ob es einen barrierefreien Eingang gibt oder wie komme ich ins Wasser? Gibt es einen Drehstuhl? Kann ich da Schwimmen? Wenn ich ins Kino gehen kann und sagen: Ich will einen Film kucken und der Film läuft in dem Kino, in dem er läuft und ich komme da auch mit dem Rollstuhl rein, weil das geht in Hildesheim nämlich nicht. Da kann man nur unten in die Kinos rein, weil sie ausversehen, oder weil sie vergessen haben einen Fahrstuhl einzubauen. Bei dem Neubau, da gibt es ja keinen Fahrstuhl. Aber es gibt eine Behindertentoilette – immerhin. Ja und wenn ich auf Konzerte gehen kann und in den Urlaub fliegen kann, wenn ich das gerne möchte. Und im Internet einfach einen Flug buchen kann. Einfach auf einen Knopf drücken und sagen kann: „Zack! Jetzt habe ich einen Flug gebucht, jetzt fliege ich in den Urlaub.“ Und nicht ein halbes Jahr vorher meinen Urlaub planen muss, bis ich dann das endgültige ok habe, dass ich auch fliegen kann. Dass das Hotel barrierefrei ist und dass ich in einen Bus einsteigen kann am Flughafen, der mich zu meinem Zielort bringt.

L.: Sprich, diese ganzen organisatorischen Barrieren…

B.: Ja, wenn die nicht wären! Dann wär das Leben echt ein bisschen spontaner und einfacher. 

L.: Ansonsten wäre auch noch eine Frage: Im privaten Leben – mit Freunden, Familie, was es da für Barrieren gibt: 

B.: Ja das ist auch sehr schwierig. Also in viele Wohnungen von meinen Freunden komme ich gar nicht rein. Also weil die meistens ja nicht alle ebenerdig, barrierefrei wohnen, sondern in höheren Etagen, meistens auch ohne Fahrstuhl. So kenne ich die Wohnungen meiner Freunde eigentlich auch nur von Fotos oder Videos. Das schlimmste für mich ist eigentlich, dass ich meinen Sohn nicht besuchen kann, weil der auch nicht so wohnt, wie ich das gerne hätte oder wie er das vielleicht auch gerne hätte. Und ich da einfach auch nicht so spontan hinfahren kann, auf einen Kaffee, ohne dass es dann auch wirklich kompliziert wird mit Rollstuhl irgendwo rein tragen oder versuchen, sich an der Wand entlang zu hangeln. Oder sonst irgendwas. Also das finde ich schon manchmal schade. Aber es ist halt so und ich sag mal: Letztendlich gibt es schlimmeres, als dass man das nicht machen kann. Es wäre natürlich schon schön, aber… ja, geht. Also es ist für mich jetzt nicht das allerschlimmste. 

L.: Also beeinträchtigt das auch nicht die Beziehung zu deinen Freunden? 

B.: Naja, es wäre schon ganz schön, wenn sich nicht immer alles bei mir abspielen würde, sondern, dass ich dann auch mal zu denen, einen Filme- oder Spieleabend oder sonst irgendetwas macht. Dass man einfach mal wo anders ist. Aber lässt sich in den meisten Fällen schlecht organisieren. Und ich selber möchte auch nicht irgendwelche Treppen hoch getragen werden. Da fühle ich mich immer so ein bisschen ausgeliefert. 

L.: Gibt es für dich sonst noch irgendwelche Strategien? Außer vielleicht das Kaffee-Trinken zu dir zu verlagern? Wie gehst du mit diesen Barrieren um? 

B.: Ja, letztendlich wird es ja dann zu mir verlagert oder eben außerhalb, dass man sich in einem Café trifft oder so. Aber da geht das Theater ja auch wieder los: Wo können wir hingehen, wo ich rein komme? Wenn man reinkommt kann man nicht auf die Toilette gehen, weil die Toilette dann im Keller ist. Und dann kommt man nicht rein, dann haben sie aber trotzdem eine Toilette. Das ist alles irgendwie… Manche sagen dann auch zu mir – das hab‘ ich auch schon gehabt – dass die dann sagen: „Ja, musst du da dann unbedingt zur Toilette gehen?“ Selbst aus meinem Freundeskreis manche, die dann darüber nicht nachdenken. Dann sag ich: „Ja ok, dann kann ich mitgehen. Aber dann kann ich nichts trinken.“

L.: Ja gut, was ja auch eigentlich kein Kompromiss sein sollte. 

B.: Da denke ich auch immer: „Hallo?! Überlegt ihr da eigentlich gerade, was ihr da erzählt?“ Das ist ein jeden Menschenrecht und selbst wenn man zur Toilette geht, möchte man selber entscheiden und nicht irgendwie sagen: „Ok, dann halte ich mich jetzt mal zwei Stunden zurück und wenn ich zuhause bin geht’s schon im Galopp.“ Es ist leider so, dass auch in vielen Restaurants – auch Neubauten – keine barrierefreien Toiletten da sind, weil das der Besitzer letztendlich selber entscheiden kann. Außer bei öffentlichen Gebäuden, da ist es Voraussetzung bei neuen Gebäuden, dass dann auch barrierefreie Toiletten zum Beispiel da sind. Aber es ist halt schwierig. Dann verlagert sich das entweder tatsächlich zu mir nach Hause oder nach außerhalb oder dann zum Teil manchmal auch gar nicht. 

L.: Dann würden wir damit auch gleich die Brücke zum nächsten Punkt bauen: nämlich zu den Barrieren im Kopf. 

B.: Ah ja, da hab‘ ich auch was Tolles gefunden: Da hab‘ ich nämlich im Internet gefunden – weil mich das selber auch interessiert hatte: „Barrieren im Kopf: Andere reduzieren das Gegenüber alleine auf diese Beeinträchtigung“. Also das heißt praktischen, wenn ich zum Beispiel mit einer Freundin irgendwo hin gehe und wir müssen irgendetwas fragen – das habe ich letztens erst gehabt – dann unterhält sich derjenige, den wir angesprochen haben mit meiner Begleitung und spricht nicht mit mir sondern mit meiner Begleitung. Da denk‘ ich mir immer: „Hallo?! Was ist denn jetzt los?“ Also man sitzt im Rollstuhl, dann meinen die Leute auch irgendwie, man kann sich mit denen nicht mehr unterhalten, weil man eine Begleitung dabei hat. Also das ist dann schon dieses Reduzieren, dass die Leute denken: Ach mit der unterhalte ich mich mal, ich frag‘ mal gleich die Begleitung. Wenn die eine Begleitung braucht, dann kann ich mich anscheinend auch nicht mit der unterhalten. Also man wird dann entweder so bevormundet an Hilfsbereitschaft, dass Leute dann plötzlich den Rollstuhl in Gang setzten an einer Ampel. Auf einmal bewegt sich mein Rollstuhl und ich dreh‘ mich um: dann schiebt mich jemand. Aber ich hab‘ nicht darum gebeten. Die wollen aber helfen. Das ist mir jetzt gottseidank nur einmal passiert, dass mich dann einer geschoben hat, das fand ich dann schon übergriffig. Und hab dann gesagt: „Ne, lassen Sie bitte meinen Rollstuhl los“ – „Ich will Ihnen doch nur helfen.“ Da hab‘ ich gesagt: „Ja, aber ich hab‘ Sie doch gar nicht gebeten. Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe.“ – „Ja, da will man einmal helfen und jetzt wird man hier noch angepöbelt.“ Dann sag‘ ich aber: „Sie müssen doch auch verstehen, dass ich das nicht möchte.“ Also dieses Bevormunden. Immer dieses helfen wollen. Das ist ja nett gemeint – man kann es anbieten – aber man darf natürlich nicht beleidigt sein, wenn derjenige sagt: „Nein, ich brauch‘ Ihre Hilfe nicht, vielen Dank.“ Oder die Leute sind so befangen, dass sie sich gar nicht trauen zu helfen. Das ist wieder das komplette Gegenteil. Dass sie einen die ganze Zeit ankucken und dann denkt man auch: Ja, was wollen die jetzt von einem? – „Ja, darf ich Sie mal was fragen?“ Und dann fragen sie einen aber total blöde Sachen. Da denkt man sich dann auch: Würden die jetzt mit einem Menschen, der neben ihnen sitzt und laufen kann auch so reden? Also es ist manchmal schon ein bisschen… Also letztens hat eine Frau zu mir gesagt: „Was hat sie armes Menschenkind denn in den Rollstuhl gebracht?“ Also würde das irgendjemand von euch zu irgendjemand anderes sagen? Überhaupt zu jemanden sagen? Das ist doch irgendwie völlig hirnrissig. 

L.: Ist schon auch eine Diskriminierung. 

B.: Ja, genau. Ja und da denken die Leute dann lieber: Da haben wir ein bisschen Mitleid mit denen. Dann ist man so auf einer Ebene. So hab‘ ich manchmal das Gefühl, da wär’s besser, wenn sie’s lieber lassen würden. Also da kommt man sich schon manchmal ein bisschen beschränkt vor, wenn man so angesprochen wird. Ich weiß jetzt nicht, ob das Barrieren im Kopf sind, aber es ist halt auch so eine Unsicherheit von Menschen. 

L.: Also ich würde es schon als Barrieren im Kopf definieren, weil es die Menschen halt auch daran hindert, dich normal zu behandeln. Menschen mit Beeinträchtigung normal zu behandeln. 

 

Verschriftlichung Stevens Erfahrungsbericht

Ich bin Steven. Ich studiere im ersten Semester Kulturvermittlung und wirke seit 2015/2016 an zwei Fotoprojekten mit, die „work-in-progress“-Projekte sind. Das eine Projekt ist mit und von Menschen mit Behinderung und seit 2017 arbeite ich an einem kulturellen Projekt mit, das sich um die Themen Inklusion und Barrierefreiheit dreht. Ich kam in den letzten Jahren so in den Kontakt oder beziehungsweise in die starke Thematisierung des Inklusionsparadigmas und so auch mit der Barrierefreiheit, da ich diese als Grundvoraussetzung für Inklusion sehe. Diese Arbeit wirft mich natürlich auch irgendwie unweigerlich auf meine eigene Schwerbehinderung zurück. Es ist ein bisschen kurios, denn das ist eine Körperbehinderung, die in der ehemaligen DDR, aus der ich komme und in der ich geboren wurde, damals nicht als Schwerbehinderung anerkannt wurde – doch es immer so war, dass sie versucht haben mich trotzdem in Sondereinrichtungen zu stecken und meine Mutter einen ziemlich intensiven Kampf mit den Institutionen hatte, damit ich dort nicht rein komme. Das war natürlich auch ein kleines Dilemma, denn auf der einen Seite nicht schwerbehindert zu sein und auf der anderen Seite in solche Einrichtungen zu sollen…

Letztlich habe ich eine Behinderung, die aus medizinischer Sicht sehr leicht zu verstecken, beziehungsweise zu übersehen ist. Freunde von mir sagen manchmal, wenn sie mit mir reden, dann merkt man diese Behinderung ja überhaupt gar nicht. Das wiederrum führt mich dann zu einem Dilemma, denn das freut mich zum einen, ich bin ja froh, wenn ich wie alle anderen Menschen einfach als gleich angesehen werde und auf der anderen Seite zeigt es mir wieder, dass es ziemlich funktionell – und wie ich gerade schon sagte – sehr medizinisch gedacht und gesehen wird. Generell geht es doch nicht darum zu sagen: Hat dieser Mensch die Berechtigung diesen Status zu haben oder halt auch nicht? 

Ich bin halt der festen Überzeugung, dass Behinderung ähnlich wie Gender sozial konstruiert ist. Deshalb sage ich auch immer: „Ich bin nicht, sondern ich werde behindert“ und das von unterschiedlichen Barrieren der Gesellschaft. Das ist bei mir natürlich ein bisschen anders, das heißt, bei mir geht es vorrangig nicht um physische und bauliche Barrieren, sondern vielmehr um oftmals sperrige, binäre Verständnisse von Behinderung. Damit meine ich die teilweise noch sehr stark verbreitete medizinische Sicht auf Behinderung, mit der ich konfrontiert werde. Das ist leider noch sehr oft verortbar. Also was ich mit binär meine ist, dass Menschen mit Behinderung durch den medizinischen Blick meistens immer in krank/gesund, schwach/stark und autonom unabhängig/passiv/aktiv oder sogar effizient und ineffizient eingestuft werden und da kann es auch schon mal vorkommen oder ist es schon mal vorgekommen, dass Ex-Arbeitskollegen dann auch einfach mal sagen: „Naja, ich weiß ja gar nicht, warum du dich so aufregst – du bist doch gar nicht so behindert.“  Und mir diese Behinderung damit absprechen. Was sie meinen ist, dass es andere Leute schwerer getroffen hat und das unterschlägt dann oftmals, dass ein Leben mit so einem behinderten Körper die ganze Biografie prägt und sich somit auch psychisch auf die Person auswirkt. In die Pubertät solche Sprüche zu hören, wenn man gerade auf Partner*innen-Wahl ist, das erste mal die Fühler ein bisschen ausstreckt und der Zettel überreicht wird: „Willst du mit mir gehen“ und dann zurück kommt: „Ne, lieber nicht, weil könnte ja sein, dass unsere Kinder später die gleiche Behinderung bekommen.“ Die machen natürlich was. Oder wenn man in der Schule dann gemobbt wird, weil was fehlt. Es dann bis zu körperlichen Übergriffen und sexualisierter Gewalt kommt – da kann mir keiner erzählen, dass sich das dann nicht auf die Psyche auswirkt und auf die Person und diese formt. Das ist immer mein Dilemma: weil auf der einen Seite wollte ich das nie an die große Glocke hängen und auf der anderen Seite bin ich zwar nicht viel anders als die anderen – und habe das auch immer widergespiegelt bekommen – aber der Spruch: „Du bist halt nicht viel anders als die anderen“ macht trotzdem viel mit einem und zeigt ja doch, dass man angeblich anders ist. Dieses Gefühl habe ich über die Jahre nach wie vor. 

Mein Freundeskreis besteht eigentlich ausdrücklich aus Menschen ohne Behinderung und da habe ich manchmal schon das Gefühl: ich gehöre in bestimmten Sachen nicht wirklich dazu, bin sehr einzelkämpferisch und muss mich auf der anderen Seite ständig beweisen, dass ich mit irgendwas alleine zurechtkomme, durch komme. 

Nochmal zurück zu dieser Schwerbehinderung: das ist bei mir ein bisschen paradox und widersprüchlich, weil ich natürlich von vielen anderen Menschen mit Behinderung sehr wohl weiß, dass sie den Schwerbehindertenausweis als Stigma sehen und sagen, dass es diesen nicht braucht, ihn nicht wollen, der macht das Leben nur schwerer aber bei mir natürlich durch dieses jahrelange, jahrzehntelange weder behindert oder nicht behindert, noch sichtbar/unsichtbar zu sein, dieser Schwerbehindertenausweis mir das Gefühl vermittelt und ich in meinem Umfeld gemerkt habe, dass meine Behinderung ein Stück weit mehr gesehen wird. Natürlich fühle ich mich dabei trotzdem total privilegiert: ich habe die Möglichkeit an einer Uni zu studieren – das haben andere Menschen aufgrund ihrer Behinderung leider bisher noch nicht. Da sind wir ja schon beim Thema Barrierefreiheit und Zugänglichkeit. Barrieren für mich sind da relativ niedrigschwellig. Neben den Barrieren in den Köpfen mancher Menschen ist im Alltag Händeschütteln manchmal eine Barriere für mich, Schraubverschlüsse zum Beispiel, eine Schleife machen oder schwere Sachen greifen und tragen ist generell ein bisschen kompliziert. Ich brauche immer mehr Handgriffe und mehr Zeit und in der künstlerischen Arbeit ist es dann so, dass ich beim manuellen Fotografieren mehr Handgriffe brauche, beim Tastaturschreiben und Gitarre spielen mein eigenes System entwickelt habe. Das ist nichts großes, aber es kostet alles mehr Zeit. Da ist es in einer Welt, die immer schneller und effizienter werden möchte schwierig das Inklusionsparadigma richtig umzusetzen, obwohl es fundamental entgegen wirken kann. Ich sehe darin ein großes Potential für jegliche Veränderung in der Gesellschaft. Ich verstehe Inklusion erst einmal so, dass sie kulturelle Teilhabe ermöglichen soll in jedem sozialen Bereich und das nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern allen – das ist mir ganz wichtig, dass dieser Inklusionsbegriff ausgeweitet wird und beeinträchtigt, benachteiligt, bealtert, behindert miteingeschlossen werden. Da sind wir dann bei einer Schlagkraft, die Strukturen in der Gesellschaft aufbrechen kann und Menschen zu einem Überdenken des ganzen Systems führen kann. 

Ich würde mir wünschen, dass das dann mehr Menschen machen. Das ist ein bisschen schwierig gerade. Das ist die Schwierigkeit dieses Inklusionsbegriffes und da der Schuldiskurs um inklusive Schulpädagogik jetzt dazu geführt hat, dass dieser Begriff entbrannt ist und alle Leute denken: „Das mit den Schulen funktioniert doch gar nicht. Die Lehrer sind total überarbeitet. Das kann nicht funktionieren.“ Das ist ein bisschen schade, da das Potential letzten Endes nicht gesehen wird. Vor allem weil nach zehn Jahren Behindertenkonvention die Aktivisten mit Behinderung und viele inklusiven Projekte viel geleistet haben. Ich glaube, das ist ein Entwicklungsfeld, das wir aufbauen sollten. Ich merke, da tut sich gerade – bzw. nicht gerade, sondern jetzt auch hier und vielleicht auch in Bezug auf meinen eigenen Habitus: das Studium an der Domäne – sehr viel. Wobei ich da auch konstatieren muss, dass hier die Barrierefreiheit noch nicht so ganz gegeben ist. Allein der Weg zur Domäne… Aber das trifft ja auch auf die digitalen Medien zu: hier ist Barrierefreiheit einfach noch nicht anzutreffen. Hier ist es schwierig für Menschen mit Behinderung, einen Zugang zu finden. 

Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann – bezogen auf den kulturvermittlerischen Raum – eine verstärkte Forschung hinsichtlich der Schaffung von Strategien und Schaffung von Maßnahmen zur intensiveren Wahrnehmung von Kunst und Kultur behinderter Menschen anstreben. Das heißt, dass nachdem wir barrierefreie Häuser und Zugänge geschafft haben, Menschen mit Behinderung auch partizipieren können. In der Forschung bedeutet dies, dass wir fernab von der kulturellen Bildung kulturwissenschaftlich die Produkte, die künstlerischen Kreationen und kulturellen Erzeugnisse von Menschen mit Behinderung letzten Endes einfach mal erforschen können. Das macht auf jeden Fall etwas, denn eins ist auf jeden Fall mal klar: Behinderung ist eine Kategorie der Vielfalt und wenn wir jemanden integrieren und inkludieren, haben wir hier auf jeden Fall Potential für kulturelle Vielfalt. 

Und wenn wir schon beim Wünschen sind und der kulturellen Teilhabe, wäre es mir auch ganz wichtig – wenn wir Behinderung in diversen Bereichen behandeln – dass wir Menschen mit Behinderung im Arbeitsbereich und kulturellem Bereich involvieren, denn wie Raul Krauthausen erst kürzlich schon sagte: „Solange ausschließlich Menschen ohne Behinderung  über den Inklusionsbegriff reden, ist Inklusion schon gescheitert.“ Das heißt, dass zur kulturellen Teilhabe am besten Menschen mit Behinderung in Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt zu finden sein sollten. 

 

Statements

Hauptbeitrag

Video

Inklu-What - Erfahrungsberichte

Schriftliche Erfahrungsberichte

Konzept: Lukas Friedland, Franziska Fronhöfer, Linda Ludwig

Text: Franziska Fronhöfer

Video: Lukas Friedland

Audio: Linda Ludwig

Fotos: Isabelle C. M. Lohrengel, Leonora Marissal