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„In diesem System wird der Trichter bis zur Buchveröffentlichung immer enger“

  • 12. Juli 2026
  • Thekla Eschemann

Nach nur einem Jahr hat Louise K. Böhm den Bachelorstudiengang „Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim abgebrochen. Jetzt erscheint weniger als zwei Jahre später ihr Debüt-Roman „Kaskaden“ bei Penguin Random House. Im Interview spricht sie über ihre Kritik an der Institution „Schreibschule“ und den anstehenden Release.

Interview von Thekla Eschemann

Was war dein erster Eindruck, als du dein Studium „Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim begonnen hast?

Es war extrem aufregend. Ich habe mich einfach gefreut, das Studium angehen zu können, weil es relativ elitär ist mit dem ganzen Auswahlprozess. Und deswegen war mein erster Eindruck vor allen Dingen: „Oh mein Gott, es geht los!“
Als ich dann da war, habe ich gemerkt, dass nicht alles so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Und dass da auf jeden Fall auch ein paar Sachen waren oder sind, die ich als verbesserungswürdig empfinde.

Wie hat dich der Austausch mit anderen Schreibenden und die Domäne als Schreibort beeinflusst?

Es war besonders für mich, einen Space zu haben, wo dieser Austausch mit anderen kreativen Menschen das Herzstück des Lebens ist. Ich habe meine Zeit in Hildesheim immer extrem produktiv und inspirierend wahrgenommen, auf der einen Seite.
Aber mich hat das oft auch sehr unter Druck gesetzt. Natürlich ist das etwas Anderes, wenn man plötzlich von ganz vielen Menschen umgeben ist, die tolle Sachen schreiben, wenn man vorher alleine in seinem stillen Kämmerchen geschrieben und nicht mit Leuten über seine Texte gesprochen hat. Dieser Switch ist mir am Anfang schwer gefallen. Aber das war auch das, was mich bereichert hat, an diesem Studium. Ich habe das als total wertvoll empfunden, andere Meinungen und Blickwinkel auf meine Texte zu bekommen und auch in andere Texte.

Warum hast du dich trotzdem entschieden, das Studium in Hildesheim nicht weiterzuführen?

Das war eine Mischung aus persönlichen und strukturellen Gründen.

Persönlich einfach, weil das Schreiben als Beruf natürlich sehr prekär ist und ich so ein bisschen in eine finanzielle Notlage geraten bin und für mich entschieden habe, dass ich mehr Sicherheit in meinem Arbeitsleben brauche und halt tatsächlich auch mal Geld verdienen muss. Und weil ich ein sehr tolles Jobangebot in der Kulturbranche bekommen habe, für das ich mich dann entschieden habe. Das war auf jeden Fall auch die allerbeste Entscheidung, die ich hätte treffen können, weil mir das wieder mehr Freiheiten in meinem eigenen Schreiben gegeben hat. Weil ich wieder Sicherheit hatte und dadurch wieder mehr Raum im Kopf fürs Schreiben hatte. 

Es hat mich auch deprimiert, in jedem zweiten Seminar zu hören: „Ach, ihr werdet eh nicht davon leben können, ach, ihr seid eh viel zu viele, um irgendwann mal in einem Verlag zu debütieren.“ Obwohl es natürlich gut ist, da diesen Reality-Check zu kriegen, aber mir haben dann auch die Perspektiven gefehlt.

Und dann war noch eine Sache, die mich an den Inhalten des Studiums gestört hat, dass wir nie richtig darüber gesprochen haben, worüber wir schreiben, sondern immer nur darüber, wie wir darüber schreiben. Wir haben nie über irgendwelche politischen Inhalte gesprochen oder über die Frage, wer welche Texte schreiben darf und wie man sich bestimmten Themen sensibel nähert. Das war eine Dimension für meine künstlerische Arbeit, die mir im Studium gefehlt hat. Ich weiß nicht, ob sich das mittlerweile ein bisschen verändert hat, ich hoffe.

Achso, ein letzter Punkt noch. Wenn ich noch darf?

Ja, voll gerne.

Was mich auch gestört hat, war diese doch sehr strikte Trennung zwischen „Hochliteratur“ und Genreliteratur, die sich zumindest damals noch sehr durchgezogen hat durch die Seminare und auch durch die Seminar-Angebote. Da gab es ein paar Situationen, die ich schade fand. Zum Beispiel am Anfang, als wir ins Studium eingeführt worden sind. Da gab es viel Werbung von Absolvent*innen, die Bücher veröffentlicht haben, allerdings eher in „Hochliteratur“ oder klassischerer Literatur. Und die Absolvent*innen, die Genre geschrieben haben, sind gefühlt mit keinem Wort erwähnt worden. Das hat für mich diese Trennung konstatiert. Das finde ich schade. Ich finde es wichtig, dass sich diese Grenzen mittlerweile auflösen und von dieser doch sehr männlichen, weißen Kanon-Historie abweichen.

Ich würde auch noch hinzufügen, dass es viele Zulassungsbarrieren gibt, die erstmal unsichtbar bleiben. Also dass viel über Kontakte läuft, zum Beispiel ob du dich bei einer Agentur bewirbst oder direkt bei einem Verlag. Das geht heutzutage ganz viel über Kontakte und diese Kontakte knüpfst du natürlich in diesem Studiengang. Das ist etwas, was mich total stört, weil man ja erstmal in diesem Studium angenommen werden muss. Dass die Institution Schreibschule ein sehr wichtiger Hebel in diesem System ist. In diesem System, dass der Trichter immer enger wird bis hin zur Buchveröffentlichung. Also der Trichter, wer Bücher schreiben und veröffentlichen kann.

Gibt es trotzdem positive Aspekte, die du in Hildesheim gelernt hast, die dich jetzt aktiv in deinem Schreiben und Arbeiten in der Kulturbranche begleiten? Irgendwie sind es ja dann auch die Kontakte wahrscheinlich?

Es sind auf jeden Fall die Kontakte. Es ist aber auch ganz viel dieser Austausch, der mir viel gegeben hat und auch irgendwas mit meinem Selbstverständnis als Autorin gemacht hat. Man setzt sich jeden Tag hin, man spricht über Texte, man schreibt Texte und das ist der Alltag. Das hat mir total damit geholfen, für mich anzuerkennen, dass das mein Beruf ist und dass es eine legitime Tätigkeit ist. Das war richtig schön und wertvoll für mich.

Ich habe viel Handwerk gelernt in den Seminaren. Das kann ich nicht abstreiten, dass mir da super viel Technik beigebracht worden ist, die ich jetzt natürlich auch immer noch benutze.

Und was ich auch schön fand, waren diese Momente, in denen wir so kollektiv geschrieben haben. In denen Texte aus einem kollektiven Gedächtnis heraus entstanden sind, und dann so ein Eigenleben entwickelt haben, und über die Grenzen der eigenen kreativen Arbeit hinausgegangen sind. Das fand ich total schön und das begleitet mich jetzt immer noch in meinem Schreiben.

Ein früherer Ausschnitt aus „Kaskaden“ ist in der Anthologie „Landpartie 24“ erschienen, die Texte von Hildesheimer Schreibstudent*innen enthält. Wie bist du von dieser Veröffentlichung zu deinem anstehenden Roman-Debüt gekommen?

Dieser Text ist in der Landpartie zu einem Zeitpunkt erschienen, an dem ich wirklich schon fast das Schreiben aufgegeben hätte, weil da so viele Absagen zusammengekommen sind und ich mittlerweile in der Musikbranche gearbeitet habe. Und dann, genau in dieser Zeit, kamen E-Mails von mehreren Agenturen, die diesen Text gelesen haben und Interesse hatten, weiterzulesen. Auf der Basis habe ich den Text wieder aus der untersten Schublade rausgeholt und angefangen mich nochmal damit auseinanderzusetzen.

Würdest du rückblickend sagen, dass die „Landpartie 24“ ein Schlüsselmoment war?

Ja, irgendwie war die Landpartie tatsächlich so ein Schlüsselmoment. Ich hab das in dem Moment aber gar nicht so richtig gecheckt, weil ich random irgendeinen Text eingesendet habe. Ich hab da nicht zweimal drüber nachgedacht.
Und dann war es so, dass die Landpartie erschienen ist und drei Monate lang gar nichts passiert ist. Es kam ein bisschen aus dem Nichts, dass sich dann Agenturen bei mir gemeldet haben, im März oder April. Im Endeffekt hatte ich vier oder fünf Angebote. Und dann habe ich mich für meine Agentin entschieden. Wir haben zusammen das Manuskript überarbeitet – also erstmal habe ich es fertig geschrieben, weil es noch nicht fertig war. Und dann haben wir es im September oder Oktober 2025 Verlagen angeboten. Dann kam der Vertrag zustande. Man wartet immer ganz lange auf Dinge und dann geht alles ganz schnell. Ich weiß auch noch, dass wir das erste Angebot von dem ersten Verlag innerhalb der ersten 24 Stunden hatten. Das war eine ganz wilde Zeit.

Wie würdest du deinen Roman „Kaskaden“ zusammenfassen und was kannst du darüber verraten?

„Kaskaden“ erzählt von einer sehr raumgreifenden Jugendfreundschaft zwischen zwei jungen Mädchen, Jojo und Yara, die scheinbar grundlos auseinander bricht. Die Geschichte wird Jahre später aufgerollt: Jojo fragt sich, was damals eigentlich genau passiert ist und warum diese Freundschaft auseinander gebrochen ist. Sie fängt an,  anhand von einer DVD, die sie zugesteckt bekommt, nochmal in ihren Erinnerungen zu wühlen, und gerät in einen Erinnerungsstrudel von dieser alten Zeit und ihrer Freundschaft mit Yara. Sie muss sich entscheiden, wie viel Macht sie dieser Vergangenheit noch zugestehen möchte, und wie sie ihr aktuelles Leben bewältigen kann. Und dann ist die Frage, wie man der Main-Character im eigenen Leben werden und die Vergangenheit loslassen kann.

Hoffst du, dass Leser*innen etwas Bestimmtes aus deinem Buch mitnehmen?

Natürlich bin ich ganz offen für individuelle Lesarten, aber ich glaube, das, was mir am meisten bedeutet, ist, dass sich Menschen in diesem Text auf verschiedenen Ebenen gesehen fühlen. Ob das jetzt in dem queeren Aspekt der Geschichte ist oder im Klassismus-Aspekt, um den es auch geht, oder vielleicht in der Neurodivergenz, die auch eine Rolle spielt. Da sind ein paar Aspekte, die ein bisschen sensibler sind und mit denen ich mich als Mensch oft alleine gefühlt habe. Und ich fände es total schön, wenn dieses Buch dazu beitragen könnte, dass sich Menschen weniger allein mit bestimmten Sachen fühlen.

Wie fühlt es sich für dich an, die Geschichte schrittweise mit einer großen Öffentlichkeit zu teilen?

Ich habe immer wieder Momente, in denen ich mir denke: „Oh mein Gott, was mache ich da gerade?“ Aber dann habe ich auch Momente, in denen ich merke, dass ich auch bereit dafür bin, dass dieser Roman jetzt das Licht der Welt erblickt und Menschen ihre Lesarten haben und die zwei Mädels so rezipieren, wie sie sie rezipieren wollen. Es ist dann letztendlich auch etwas, das ich nicht mehr steuern kann. Ich habe dieses Buch geschrieben, das Buch ist jetzt fertig und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es loslassen muss.

„Kaskaden“ von Louise K. Böhm erscheint am 15. Juli und ist bereits vorbestellbar. Am 18. Juli wird die Release-Lesung in Hamburg stattfinden.


mehr Informationen zu: 

Louise K. Böhm: https://www.louiseboehm.de/

„Kaskaden“: https://www.penguin.de/buecher/louise-k-boehm-kaskaden/buch/9783328605249 

Release-Lesung: https://www.penguin.de/events/92932-louise-k-boehm-book-release-party-von-louise-k-boehm-in-ha 

Foto: Lenny Rothenberg

Die „Landpartie“ ist eine Anthologie des Verlags „Edition Paechterhaus“, ein Verlagsprojekt des Literaturinstituts Hildesheim. Die Anthologie erscheint jährlich und enthält Texte der Studierenden der Domäne, die „Literarisches Schreiben“ oder „Kulturwissenschaften und künstlerische Praxis“ mit Literatur im Hauptfach studieren. Die hier erwähnte „Landpartie 24“ ist im Herbst 2024 erschienen. Weitere Informationen und die aktuellste Landpartie unter: https://paechterhaus.de/buch-kategorie/landpartie/

Thekla Eschemann

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