Identitätspolitik – so scheint es – ist wirklich unbeliebt. Identitätspolitik sei der Grund, warum linke Politik immer mehr an Bedeutung verliert und die neuen Rechten erstarken. Ein Beispiel: Hillary Clinton habe die Wahl gegen Trump deshalb verloren, weil sie mit Frauen- und Homosexuellenrechten zu punkten versuchte, während Trump und die Rechten „die Soziale Frage“ besetzen konnten. Auch der deutschen Linken wird vorgeworfen, sie interessiere sich nur noch für ethnisch und geschlechtlich marginalisierte Personen und vernachlässige größere soziale Fragen, die mehrheitsfähig wären. Sie entferne sich damit immer mehr von Arbeiter*innen und Armutsbetroffenen, da die Debatten um kulturelle Differenzen oft elitär seien. Identitätspolitik – so heißt es – schade dem Klassenkampf. Sie evoziere eine Gegenüberstellung: Die Marginalisierten vs. die Privilegierten. Der alte weiße Mann stehe symbolisch für eine privilegierte Dominanzgesellschaft und unter Generalverdacht, Täter zu sein, was dazu führe, die Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen zu ignorieren, nämlich die, der Ausbeutung. Anzunehmen, alle weißen Männer sollen sich ihrer Privilegien und „Microagressions“ bewusst werden sei ignorant, wenn nicht sogar klassistisch, da ignoriert würde, dass die Mehrheit ebenjener auch ein real schlechtes Leben unter der kapitalistischen Herrschaft leben würden und gar nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, um die Privilegien die mit race und gender einher gehen zu entnaturalisieren und zu reflektieren.
Identitätspolitik münde nur noch in sprachpolitischen Reglementierungen, dessen Diskussion hermetisch abgeriegelt sei. Identitätspolitik schade dem Diskurs, weil es nicht mehr um das Argument ginge, sondern darum, wer sprechberechtigt sei und moralisch auf der „richtigen“ Seite liege. Damit einhergehend wird auch über einem gewissen Autoritarismus geklagt. Konservative sprechen von Überempfindlichkeit. Von Rechter Seiter spricht man von Gender-Gaga und Sprachdiktatur, aber das ist nun wirklich weder ernst zu nehmen noch erwähnenswert. Oder?
Sprachpolitische Lösungen
Einerseits wird um Sichtbarkeit und Repräsentation gerungen, sei es sprachlich oder in Form von Quoten. Andererseits werden Fremdzuschreibungen abgelehnt, weil sie die Grundlage der eigenen Unterdrückung bilden. Dieses Phänomen findet sich insbesondere in der Sprache wieder, die einige vielleicht als „gendersensible“ Sprache bezeichnen würden. Das zeigt sich zum Beispiel in der Verwendung des Asterisk („*“), das auf Geschlechtlichkeit jenseits der Zweigeschlechtlichkeit hinweisen soll sowie in der inflationären Nutzung des Wortes „Personen“, das geschlechtliche Zuschreibungen ganz verhindern soll.
Judith Butler und der radikale Poststrukturalismus
Im folgenden möchte ich den Zusammenhang zwischen einer bestimmten Art zu sprechen und Judith Butlers Gender Trouble skizzieren. Es folgt ein sehr verkürzter Abriss über feministische Geschichtsschreibung und Theorien:
Die Dritte Welle des Feminismus wird die Women’s Studies in Gender Studies und die Gay and Lesbian Studies zu Queer Studies verwandeln. Die Philosophin Judith Butler gilt als die Wegbereiterin dieses Third-Wave-Feminismus und ihr 1990 erschienenes Buch Gender Trouble quasi als Gründungsmanifest des Queerfeminismus. Gender Trouble stellte die Trennung zwischen Sex und Gender radikal in Frage. Kurz gesagt wird Sex als das biologische Geschlecht und Gender als Geschlechtsidentität verstanden. Eine Trennung, die für die zweite Welle des Feminismus in den 60er Jahren sehr wichtig war, denn sie diente dazu konservative Behauptungen zurückzuweisen, die versuchten, biologische Merkmale des Frauseins mit sozialen Verhaltensweisen zu verbinden, bspw. die Prädestination des Vorhandenseins einer Gebärmutter mit der Kinderbetreuung. Butler ging nun einen Schritt weiter und behauptete, das biologische Geschlecht (sex) sei Effekt von Diskursen und keine vordiskursive Materialität. Vordiskursiv könnte auch als vorkulturell verstanden werden. Sex und Gender sind damit kulturell hervorgebracht. Identitäten, egal ob geschlechtliche, rassialisierte oder nationale, können somit immer als gewaltvolle Zu- und Einschreibungen, die ein vermeintliches Wesen produzieren interpretiert werden. Es ist diese post-strukturalistische Sichtweise, die “Männer” und “Frauen” sprachlich in männlich oder weiblich “gelesene Personen” verwandelt. Denn wer die Praxis der Zwangsidentifikation fortsetzt, macht sich der Mittäterschaft schuldig, diese gewaltvollen Prozesse zu reproduzieren. Aus post-strukturalischer Sicht macht es dementsprechend Sinn, die diskursive und sprachliche Konstruktion zu bekämpfen, indem man sie mittels Sprache dekonstruiert. Zu markieren, jemand sei weiblich oder männlich “gelesen”, soll also die gewaltvolle Zuschreibung von Geschlechtskategorien sprachlich umgehen.
So einschlägig Butlers Arbeit ist, so akademisch und hermetisch ist sie auch. Statt die “Verabschiedung prädiskursiver leiblicher Vorgängigkeit“1 als oberstes Ziel zu deklarieren, sollte man sie als das betrachten, was sie zunächst ist: Eine (unter einigen Vorbehalten) triftige, radikal-poststrukturalistische Theorie. Eine Perspektive, die – jetzt wird’s ein wenig frech – gerade am Kulturcampus so viel Aufmerksamkeit erhält, dass sie sich einbildet, emanzipatorische Kämpfe im Alleingang zu beschreiten . Dieser Unausgewogenheit gebe ich die Schuld daran, dass jeglicher Identitätspolitik vorgeworfen wird, sie kümmere sich nicht genügend um Kapital- und Klassenverhältnisse. Das ihr vorgeworfen wird, sie sei elitär. Das ihr vorgeworfen wird, sie münde nur noch in sprachpolitische Regelmentierung. Wird Identitätspolitik aus einer unverhältnismäßig poststrukturalistischen Schule heraus betrieben – wie wir es am Kulturcampus erleben – so muss wohl eingeräumt werden, dass sie tatsächlich nicht besonders gut darin ist, sich der Klassenfrage anzunehmen, Probleme der Zugänglichkeit aufweist, und Schwierigkeiten hat, die richtigen zu adressieren und zur Verantwortung zu ziehen. Das soll nicht heißen, dass ich sprachpolitische Forderungen für sinnlos halte – für einen respektvollen Umgang, sind sie unabdingbar – aber als politische Waffe sollten sie, vorsichtig formuliert, nicht überschätzt werden. Dem patriarchalen kapitalistischen System ist es schließlich egal, ob er Frauen, FLINTA* oder weiblich gelesene Personen überausbeutet.
Identitätspolitik Vol.1
Um noch ein bisschen besser greifen zu können, wovon die Rede ist, wenn von Identitätspolitik gesprochen wird, möchte ich einen kurzen Blick auf ihre Begriffsgeschichte werfen.
Das Combahee River Collective
Auch wenn es identitätspolitische Kämpfe spätestens mit Beginn der Aufklärung und sicherlich bereits weit davor gegeben hat: Den Begriff „Identitätspolitik“ hat das Kollektiv Schwarzer, lesbischer Frauen in ihrem Statement 1977 geprägt:
[…] This focusing upon our own oppression is embodied in the concept of identity politics. We believe that the most profound and potentially most radical politics come directly out of our own identity, as opposed to working to end somebody else’s oppression. https://www.blackpast.org/african-american-history/combahee-river-collective-statement-1977/ zuletzt aufgerufen: 03.02.2024
Damit war gemeint, dass die spezifische Mehrfachunterdrückung die Schwarze lesbische Frauen erfuhren, auch aus eben dieser Situation heraus bekämpft werden muss. Hier macht sich eine weitere Errungenschaft des Combahee River Collective bemerkbar: Die Sensibilisierung für die Verflochtenheit unterschiedlicher Formen erlebter Diskriminierung auch bekannt als Intersektionalität: Für diejenigen, die sich Intersektionalität in ihr OkCupid Profil schreiben, ist das sicherlich nichts neues. Das folgende Zitat, soll diesen Aspekt nochmal hervorheben:
We believe that sexual politics under patriarchy is as pervasive in Black women’s lives as are the politics of class and race. We also often find it difficult to separate race from class from sex oppression because in our lives they are most often experienced simultaneously.
https://www.blackpast.org/african-american-history/combahee-river-collective-statement-1977/ zuletzt aufgerufen: 03.02.2024
Was nun aus dieser Mehrfachdiskriminierung folgt, ist eine Mehrfachadressierung, die für eine Identitätspolitik essentiell ist:
We realize that the liberation of all oppressed peoples necessitates the destruction of the political-economic systems of capitalism and imperialism as well as patriarchy.
https://www.blackpast.org/african-american-history/combahee-river-collective-statement-1977/
Ablehnung und Affirmation
Einerseits bietet die kollektive Identität die Grundlage der eigenen Unterdrückung, andererseits, ist sie – wie am Beispiel des Combahee River Collective sichtbar wird – die Basis, um diese Unterdrückung kollektiv zu bekämpfen. Dabei besteht die Gefahr der Essentialisierung. Positive Zuschreibungen werden in den eigenen identitären Entwurf aufgenommen und zu notwendigen Wesensmerkmalen erklärt. Ein ausgeprägtes Empathieempfinden oder das Vorhandensein einer Gebärmutter würde dann essentiell an das Frausein gebunden. Wer nicht über erforderliche Eigenschaften oder Organe verfügt, wird ausgeschlossen. Diese Ambivalenz zwischen der Zurückweisung sexistischer, rassistischer, queerfeindlicher Fremdzuschreibungen und gleichzeitiger Affirmation einer weiblichen oder queeren Identität und oder ethnischen Zugehörigkeit ist charakteristisch für einen „strategischen Essentialismus“, wie Gayatri Chakravorty Spivac ihn formuliert.
Wir stellen fest:
Identitätspolitik ist so vielseitig, dass man eigentlich von Identitätspolitiken sprechen müsste. So wie „der Feminismus“ ein irreführender Begriff ist, wenn man eine konkrete feministische Strömung beschreiben will, so schwierig ist es, von „der Identitätspolitik“ zu sprechen. Und wir haben noch nicht einmal über rechte Identitätspolitiken gesprochen (und werden es auch nicht). Viele der eingangs aufgeführten Kritiken haben – wie ich schon angemerkt habe – durchaus ihre Berechtigung. Gerade im Diskurs um Privilegien, bleibt der Aspekt der Klasse und daraus resultierende intersektionale Verflechtungen weitestgehend unberücksichtigt. Statt also „die Identitätspolitik“ dafür zu kritisieren, sollten wir solche Kritiken differenzierter adressieren. Ansonsten entstehen solch schwammige Lagerbildungen wie sie in Nele Pollatscheks Artikel für die Zeit „Ok, soll das jetzt so bleiben“ entstehen2. Auf der einen Seite beschreibt sie „TeamIdPol“ – eine Bezeichnung, die wie ich geschildert habe viele Fragezeichen offen lässt – und auf der anderen Seite eine ebenso diverse Gruppe, die als Universalist*innen betitelt wird. Wenngleich diese Gegenüberstellung ein sehr verzerrtes Bild von innerlinken Diskursen abbildet, so sind die Fragen, die Nele Pollatschek stellt recht wichtig:
Was ist der Weg? Was ist das Ziel?
Team IdPol sollte Universalist*innen öfter die Frage stellen: „Was ist der Weg? Wir verstehen, dass ihr Universalismus wollt, aber als Aufklärer wisst ihr ja, dass Sollen nicht Sein ist, und wie kommt ihr also vom gegenwärtigen Sein (Ungleichheit) zu dem, was sein soll (real existierender Universalismus)?“ Wer als selbsternannter Universalist hier keine Antwort findet, muss sich wohl mit dem Vorwurf abfinden, einfach wenig Interesse an emanzipatorischen Bewegungen zu haben, da diese, wie wir gelernt haben, aus der Empörung der Betroffenden heraus am wirkmächstigsten sind. TeamIdPol sollte sich gleichzeitig selbst befragen: „Was ist das Ziel? Wenn auch die kleinsten Identitäten benannt sind, wenn jeder mit Geschlecht, sexueller Orientierung, race, Behinderung und so weiter beschriftet wurde und ihr es also geschafft habt, dass alles feinst säuberlich quotiert und dadurch vielleicht sogar gerecht ist, was dann? Soll das dann so bleiben?“3
Auch wenn die Aufzählungen hier suggerieren, Identitätspolitik zeichne sich nur durch Beschriftung und Quotierung aus, ist die Frage nach dem danach durchaus wichtig. Separatismus alleine führt nicht zur Veränderung der bestehenden Hegemonie und darf deshalb nicht das Ziel sein, sondern muss Mittel zum Zweck bleiben, um potentielle Verbündete nicht zu verlieren. Nele Pollatschek macht es sich hier zu einfach, wenn sie schreibt: „Team IdPol muss sich diese Frage nicht stellen, denn hier ist der Weg klar: Sichtbarmachung, Benennung, Quoten, Identitätspolitik eben“. Die Frage nach dem Ziel, ist ganz sicher nicht mit Benennung und schon gar nicht Quoten beantwortet. Wie Jean Philippe Kindler so schön formuliert, sind sie allenfalls eine berechtigte Form der Symptombekämpfung. Was eine Politik, die aus der eigenen Betroffenheit heraus agiert braucht, ist unbedingte Solidarität. Eine Solidarität, die sich nicht auf gemeinsam erfahrende Diskriminierung stützt, sondern auf ein gemeinsames Ziel. Der Satiriker Jean Philippe Kindler formuliert ein Ziel, indem sich sowohl eine materialistische, als auch eine Identitätspolitische Kritik einig sein könnte:
Das gemeinsame Ziel muss doch sein, jene Verhältnisse zu überwinden, welche die Klasse der Ausgebeuteten davon abhält, ein gutes Leben zu leben, weil sie dazu gezwungen ist, ihre Arbeitskraft denjenigen zu verkaufen, die daraus einen Mehrwert erzeugen.
Jean Philippe Kindler, Scheiß auf Selflove gib mir Klassenkampf
So sehr ich Jean Philippe Kindler recht gebe, so sollte eine materialistische Identitätspolitik dennoch nicht verkennen, dass es vor allem migrantische Arbeiter*innen und Frauen sind, die überausgebeutet werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass jene ausgebeutete Klasse, die auf Grund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft nicht dermaßen überausgebeutet wird, plötzlich eine “priviligierte” Stellung in der Gesellschaft bezieht. Eine ernstzunehmende Identitätspolitik muss doch genau darauf aufmerksam machen. Die Addressierung, die das Combahee River Collective hier anstrebt: „the destruction of the political-economic systems of capitalism and imperialism as well as patriarchy“ könnte doch ein gemeinsames Ziel verschiedenster linker Fronten sein.
Triple Oppression versus Intersektionalität
Um in einer sich immer weiter singularisierenden Identitätspolitik das oben genannte Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, finde ich die Unterscheidung zwischen „struktureller Unterdrückung“ (interlocking structures of oppression) und „intersektionale Betroffenheit“ (the metaphor of intersectionality) von Patricia Hill Colans sehr hilfreich. Hier wird zwischen einer Makro- und Mikroebene unterschieden. Klasse, Geschlecht und Ethnizität bilden die 3 Grundpfeiler, die eine Gesellschaft strukturiert, ordnet und hierarchisiert. Sie werden der Makroebene zugeordnet. Intersektionalität wird der Mikroebene zugeschrieben. Sie betrifft Fragen des Bewusstseins, der Erfahrung und der Befindlichkeit. Intersektionale Unrechts- und Ausgrenzungserfahrungen entstünden mit jedem Individuum neu und treten in unendlichen Verknüpfungen und Verästelungen auf. Das trifft auf die Makroebene nicht zu. Geschlecht, Klasse und race kann kein etc. angehängt werden, wie das so oft geschehe. Sie bilden eine strukturelle Herrschaftsökonomie, dass in endlosen unterschiedlichsten Diskriminierungen mündet. Gerade in queeren Identitätskategorien ist eine Herausbildung immer feinerer Differenzkategorien zu verzeichnen, was zu immer singularisierteren Marginalisierungserfahrungen führt. Die Stärke dieser Unterscheidung liegt nun darin, dass diese Ausgrenzungserfahrungen in Beziehung zu den großen Strukturkategorien gesetzt werden können, so dass sie weniger Gefahr laufen, als subjektive Befindlichkeiten abgetan zu werden.
Ein Beitrag von Louis Alberding, veröffentlicht am 27.02.2024
- Butler, Judith 1956-, and Kathrina Menke. Das Unbehagen Der Geschlechter. 22. Auflage. Suhrkamp, 2021. ↩︎
- https://www.zeit.de/kultur/2021-04/identitaetspolitik-diskriminierung-universalismus-liberalismus-kritik-essay ↩︎
- https://www.zeit.de/kultur/2021-04/identitaetspolitik-diskriminierung-universalismus-liberalismus-kritik-essay ↩︎