DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE DER STADT HILDESHEIM

VON DANIJEL SZEREDY

TEIL II:

LEGENDEN

I

Hildesheimer Geschichte Teil II

Dort, wo heute die Stadt Hildesheim steht, war einmal nichts als Wald. Kurz nach der Gründung der Stadt war es kaum anders: Abgesehen vom Dom und den wenigen Häusern der Dienerschaft herrschten einzig die Bäume über die niedersächsischen Ebene. Es handelte sich hierbei um besonders aggressives Gewächs. Der Wald verbreitete sich so schnell, dass manche Häuser über Nacht einfach verschluckt wurden und die schlafenden Diener und Dienerinnen wachten auf dichten Zweigen in dreißig Meter Höhe auf. Aus diesem Grund erschloss der erste Hildesheimer Bischof einen Kreuzzug gegen den Wald zu führen, jedoch erfolglos. Die Bäume, sobald sie merkten, dass Menschen in den Wald hereinkamen, schlossen sich um die Kämpfer*innen in einer tödlichen Umarmung und keine Waffe und keine Schreie vermochten die Gefangenen zu befreien. Auch nicht die Tarnanzüge, eine Erfindung des Bischofs, der die Kämpfer*innen mit Laub und trockene Äste schmücken ließ, konnten die Bäume täuschen. Der Kampf schien aussichtslos, bis eine besonders naturgebundene Dienerin auf die Idee kam, als sie von ihnen umstellt wurde, die Bäume zurück zu umarmen, zu streicheln, zu küssen. Es stellte sich heraus, dass die Bäume an mangelnder Liebe litten. Die Dienerin sprach mit ihnen so lange, bis sie freiwillig den Platz räumten für die Errichtung neuer Gebäude, unter der Bedingung, dass die Bevölkerung der Stadt einmal die Woche ein bisschen Quality-Time mit den Bäumen und dem Wald verbringen würde. Dieser Brauch ist bis heutzutage erhalten worden, wenn nicht offiziell, so doch im Unterbewusstsein der Hildesheimer*innen.

II

Hildesheimer Geschichte Teil II

Es wird erzählt, dass die Hildesheimer Bevölkerung sich durch ihre Diskussionsfreudigkeit auszeichnete. Dies führte leider nicht nur zu äußerst interessanten Streitgesprächen, sondern auch zu schweren politischen Folgen. Eine Diskussion über ein Glas Wasser – die einen meinten, es sei halb voll, die anderen, es sei halb leer – artete in solchem Maßen aus, dass die Stadt sich wortwörtlich in zwei Lager spaltete. Zwischen den Meinungsvertreter*innen des leeren Glases und ihren Gegner*innen wurde eine hohe Mauer errichtet, diejenigen aber, die das Glas einfach nur austrinken wollten, wurden zur Auswanderung gezwungen. Zwei verfeindete Städte entwickelten sich aus der einzigen Stadt, die Kommunikations- und Handelswege zwischen den zwei Teilen wurden unterbrochen. Beide Städte wollten allerdings auf den Namen nicht verzichten, was in den Außenbeziehungen mit anderen Städten zu großer Verwirrung führte. Die Handelsleute, die einem Geschäft in Hildesheim nachgingen, konnten also in die falsche Stadt reisen und waren gezwungen, die Stadt ganz zu verlassen, um zur anderen Seite zu gelangen, da keine Straße von einem Teil zum anderen führte.

III

Hildesheimer Geschichte Teil II

nDie Spaltung der Stadt in zwei Städten dauerte an, obwohl der Grund dieser Spaltung längst vergessen wurde. Die Überreste des ursprünglichen Streits wurden einzig in der Tradition überliefert, einmal monatlich den anderen Teil der Stadt mit halb leeren oder halb vollen Gläser Wasser zu bombardieren. Da die Mauer allerdings sehr hoch war, wussten die Angegriffenen nichts von den kriegerischen Unternehmungen der Angreifenden, sie sahen lediglich unzähligen Wassergläser über die Mauer fliegen und auf ihrer Seite am Boden zerschellen und schrieben dieses Phänomen auf eine Wettermerkwürdigkeit der Gegend zu. Die Gläserproduktion konnte der erhöhte Nachfrage nicht nachkommen, also verzichtete allmählich die Bevölkerung auf die Gläser und griff die andere Seite lieber mit Wasserballons an. Dieses monatliche Ereignis wurde bei Kindern sehr beliebt und bei jedem Angriff wurden großen Stadtfeier veranstaltet, während die Erwachsenen und vor allem die Meteorologen um den genauen Zeitpunkt des seltsamen Wasserballonregen wetteten.

IV

Hildesheimer Geschichte Teil II

Mit der Zeit verlor sich jegliche Erinnerung über die Spaltung und die zwei Städte existierten nebeneinander ohne zu wissen, dass auf der anderen Seite der Mauer noch Menschen waren. Die Spaltung wurde endlich aufgehoben, als eine Bauernfamilie, die eine neue Scheune bauen wollte, kein Geld für die Materialien hatte. Eines nachts, ungesehen von der Bevölkerung, begann die Familie die Mauer abzubauen, um die Ziegelsteine weiterzuverwenden. Die Verwunderung war groß, als die Sicht auf die andere Seite frei wurde. Die Familie entschied sich, die Mauer weiter abzubauen und keinen Lärm zu schlagen, um nicht entdeckt zu werden. Da es aber dunkel war, als die Familie genug Ziegelsteine eingesammelt hatte, und die zwei Städte beinahe identisch aussahen, verwechselte sie die Seiten und trat in ein Haus im falschen Teil der Stadt ein, wo gerade eine Bauernfamilie über das fehlende Geld für den Bau einer neuen Scheune diskutierte. Am Tag danach entdeckte die Bevölkerung beider Teile das Loch in der Mauer und die jeweiligen Stadt dahinter. Die ganze Mauer wurde endlich abgerissen und nach den zwei Scheunen für die Bauernfamilien baute die Bevölkerung mit den restlichen Ziegelsteinen das einzige Rathaus der einzigen Stadt Hildesheim.

V

Hildesheimer Geschichte Teil II

Nach der Wiedervereinigung kam eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und Hildesheim trat in den Hansebund ein. Eine Bedingung für die Teilnahme am berühmten Handelsbund war, dass die Stadt über einen Hafen verfügen musste. Obwohl die Stadt keinen Hafen hatte, fiel es den Hildesheimer Handelsleuten nicht schwer, einen vorzutäuschen, da nur sehr wenige Besucher in die Stadt kamen. Als die Inspektionen des Bundes fällig waren, luden die Handelsleute die Kontrolleur*innen in die Stadtschenke ein, bis sie so betrunken waren, dass sie nicht nur einen Hafen sahen, sondern auch unzähligen Meere, Flüsse und Seen. Nach dem ersten Weltkrieg, als eine neue Inspektion angesagt wurde, war es den Handelsleuten allerdings unmöglich, das Geld für die alkoholischen Getränke einzusammeln. Nach einer schnellen Kostenrechnung stellten sie fest, dass es viel billiger war, tatsächlich einen Hafen zu bauen. Ein großes Feld wurde also geräumt, ein tiefer Graben ausgegraben und mit Wasser gefüllt, sogar ein Kanal wurde errichtet, der allerdings nirgendswohin führte. Das Projekt war erfolgreich: Die Kontrolleur*innen gaben sich mit dem kleinen Hafen zufrieden und verließen schnell die Stadt. So wurde in Hildesheim der Hafen erbaut.

VI

Hildesheimer Geschichte Teil II

Die wohl merkwürdigste Legende der Stadt Hildesheim betrifft die Gründung der Universität. Es wird erzählt, dass in Hildesheim eine kluge Königin herrschte, die wegen ihrer progressiven Ideen – es war gerade die Zeit der Aufklärung – in ständigen Streitereien mit dem Bischof verwickelt war. Obwohl die Diskussionen eher ideologischer Natur waren, konnten die Gegenstände der Streite auch sehr konkret werden. Zum Beispiel behauptete der Bischof, dass die Marienburger Domäne, die ursprünglich ein Bauernhof war, der Kirche gehörte, wie ihr Name zeugte. Die Königin wusste, dass Maria aber auch der Name von der Mutter der Nichte des Cousins dritten Grades der Bauernfrau war, der den Bauernhof gehörte. Die Königin gab dem Bischof aber Recht und versprach, die Domäne der Kirche zu überlassen unter der Bedingung, dass dort eine Universität errichtet werden musste. Der Bischof sagte zu und so wurde die Universität gegründet.

Die Administration und der Unterricht in der neugegründeten Universität erwies sich als sehr schwer, da die Studierendenschaft fast vollkommen aus Analphabeten bestand. Obwohl der Bischof versuchte, den Studierenden Gottesfurcht einzuprägen, wollten diese um jeden Preis jede Bibelstelle hinterfragen und darüber erstmal diskutieren, was wiederum in der schon besprochenen Diskussionsfreudigkeit der Hildesheimer Bevölkerung verwurzelt war. Der Lernfortschritt war bescheiden. Der verzweifelte Bischof wurde schnell des Lehrens müde und überließ den Studierenden die Bücher seiner Bibliothek mit dem Hinweis, sie sollten sich doch selber ausbilden, wenn sie so viel Zeit für Diskussionen hatten. Da keine*r lesen konnte und die Bücher auf Latein waren, begannen die Studierenden die wildesten Geschichten und Theorien aus den Büchern herauszulesen. Eine mündliche Tradition und Überlieferung entstand aus den nicht oder falsch gelesenen Büchern, so dass, als die ersten Studierenden von außerhalb Hildesheim ankamen, die tatsächlich lesen konnten, die Lernprogramme so verfestigt waren, dass die Bücher nicht mal geöffnet wurden. Die Vorlesungen und Seminare liefen so ab, dass die Studierenden lange und ausgiebig über die Interpretation der Seite vierundfünfzig aus Buch dreiunddreißig diskutierten, ohne das Buch oder die Seite jemals gesehen zu haben. Es ging auch das Gerücht um, die Bücher seien schon lange verschwunden oder die Seiten aus dünnem Papier für das Rauchen von berauschenden Kräutern der Region benutzt worden. Obwohl in neueren Zeiten die Universität sich den Bildungsstandard des restlichen Europa angepasst hat, sind noch Spuren der alten und traditionsreichen Diskussionskultur geblieben und ein einzigartiger Studiengang, der sich großer Beliebtheit bei den Wissbegierigen, die nicht recht wissen, was sie studieren sollen, erfreut, nämlich: der Bachelor of Arts in Architektur von Luftschlösser.

Bilderquellen und -rechte:

Privatbesitzt H.-J. Brand – www.hildesheimer-geschichte.de