DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE DER STADT HILDESHEIM

VON DANIJEL SZEREDY

TEIL III:

ANEKDOTEN

I

 

Anekdoten AUS der Pandemie

Die große Cholera-Pandemie brach in Hildesheim an einem sonnigen Märztag im Jahr achtzehnhundertetwas aus. Die Stadt verabschiedete eilig ein Gesetz, das besagte, dass alle Hildesheimer*innen zur Einhaltung eines Abstands von eineinhalb Metern mit der nächststehenden Person verpflichtete. Das neue Gesetz führte wegen seiner Formulierung zu großen Unannehmlichkeiten, denn es ging nicht um Mindestabstand, sondern um tatsächlich zu haltender Distanz zwischen Personen. Das Gesetz wurde erst nach Tagen geändert, denn der ganze Stadtrat musste sich synchron, mit eineinhalb Meter Abstand zwischen den Abgeordneten bis zum Rathaus bewegen, dann Platz in den engen Saal nehmen. Dank eines sehr genauen Planes wurde die Unternehmung doch zu Ende gebracht und die Hildesheimer*innen durften sich wieder frei bewegen.

Weitere Ungenauigkeiten des Gesetztextes ließen die Pandemie sich weiter ausbreiten. Eine Rechtssprechung eines großen Akademikers besagte, dass der Begriff „nächststehend“ sich nicht auf die Räumliche, sondern auf die emotionale Ebene bezog. Deswegen durften sich Liebende nicht mehr umarmen, aber Verfeindete sich ruhig prügeln, was die Zahl der Opfer deutlich steigen ließ.

Da Pandemien normalerweise nicht einfach von alleine enden, sah sich der Stadtrat gezwungen, eine allgemeine Quarantäne für alle Bürger*innen zu verhängen. Die Kommunikation zwischen den Häusern wurde sichergestellt durch die zur Verfügung stehenden Tauben, die damals in großer Zahl in den Dachböden und manchmal auch in den Wohnzimmern der Hildesheimer Behausungen Schutz fanden. Da die Tauben ursprünglich nicht für die Postzusendungen trainiert waren, hatten sie in der ersten Zeit noch manche Schwierigkeiten, die richtigen Häuser zu finden, um die Nachrichten zur richtigen Person zu überbringen. So bekam eine Mutter die Nachricht, Louis sei gestorben und dachte verzweifelt an ihren Sohn, wobei es sich um das zweitgrößte Schwein des Metzgers handelte. Viele weitere Sendungen wurden auf solcher Art falsch angebracht, da die Hildesheimer*innen es aber nicht wussten, und da sie die Richtigkeit der Angaben nicht prüfen konnten, machte das kaum einen Unterschied.

Mit der Zeit wurden die Tauben immer präziser. Für viele Arbeiter*innen, die zur Arbeit von zuhause aus verdammt waren, stellten die fleißigen Tauben eine wirkliche Rettung dar. Denn so konnten sie sich einander nicht nur Botschaften, sondern auch Manufakturgegenstände, Bauteile und Werkzeuge schicken. Auch die Lebensmittelläden stellten den ganzen Betrieb auf Bestellungen um, die Produkte wurden direkt vom Land mit besonders starken Tauben geschickt und direkt weitergeleitet zu den Bestellenden. Es wird erzählt, dass sogar eine lebende Ziege einmal zum Tierarzt hin und zurück geschickt wurde, da die Besitzerin der Ziege sie nicht alleine in die Stadt gehen lassen wollte. Natürlich wurden die Tauben infolge der schwerer werdenden Sendungen immer größer und stärker. Heutzutage sind sie wieder zu ihrer natürlichen Größe zurückgekehrt, trotzdem fühlen sie sich seitdem immer noch viel wichtiger, als was sie mittlerweile sind.

Endlich wurde ein wirksames Heilmittel für die Krankheit gefunden, ein besonders starkes Gebräu von Kräutern und Katzenhaaren, das auch eine Infizierung mit der Krankheit präventiv verhinderte. Nicht alle Hildesheimer*innen glaubten aber an die Wirksamkeit des Medikaments, andere dagegen behaupteten sogar, dass sowohl das Medikament als auch die Pandemie nur ein Betrug war, orchestriert von den großen Mächten des benachbarten Fürstentum von Hannover, um die Hildesheimer*innen zu kontrollieren. Die Diskussionen und Überzeugungsstrategien erwiesen sich als wenig erfolgreich, so entschied der Stadtrat, zu extremen Mitteln zu greifen, um die Pandemieverweiger*innen zu impfen. Nachts, während die Stadt schlief, schlichen sie sich in die Wohnungen der Verweiger*innen mit dem Medikament, sie wurden aber schnell entdeckt und weggescheucht. Der Stadtrat versammelte sich erneut, um eine Lösung zu finden, diesmal nicht umsonst: Sie entschloss, kleine Mengen des Gebräus in das Bier der Stadtschenke zu mischen. Viele Gäste beklagten sich über die Katzenhaare im Bier, nichtsdestotrotz tranken sie weiterhin und die ganze Stadt wurde geheilt und geimpft.

II

 

Sammlung weiterer Anekdoten

aus der tausendjährigen Geschichte

der Stadt Hildesheim

Mit Patriotischen Postkarten aus der Kaiserzeit

Und ganz unten auch ein bisschen Werbung

Auf dem Stadtwappen der Stadt Hildesheim steht die „Hildesheimische Jungfer“ in rot und gelb gekleidet. Über sie wird erzählt, sie sei die Tochter einer reichen Gräfin, die sich im Wald verirrte. Sie fand endlich den Nachhauseweg, als sie von einem Turm eine Stimme hörte, die in der Dunkelheit schrie: „Kehre wieder, kehre wieder!“. Sie entdeckte dann, dass die Schreie vom Besitzer des Turms stammten, der die Arbeit der jungen Putzkraft als ungenügend empfand. Seitdem heißt das hohe Gebäude „Kehrwiederturm“.

Vor vielen Jahren wohnte an der Ecke des Alten Marktes ein Schuster, der vor Hunger und Kummer weder aus noch ein wusste. Endlich fasste er den gottlosen Entschluss, einen Bund mit dem Teufel zu machen. Heute ist er Immobilienmakler. Ihm gehört halb Hildesheim.

Eine Straße in der Nähe des Dammtors heißt „der Stein“. Sie wurde nach einem großen Stein benannt, welcher an der Ecke dieser Straße seit uralten Zeiten liegt. Viele versuchten, den Stein wegzuschaffen, da er den Verkehr hinderte, doch der Stein ließ sich nicht bewegen. Endlich versuchte ein kleines Mädchen, die mit ihren vielen Einkäufen nach Hause musste, den Stein ganz lieb zu bitten, ein bisschen zur Seite zu gehen. Der Stein tat es, zur großen Überraschung des Mädchens. Auch der Stein wirkte sehr überrascht von der Entdeckung seiner Beweglichkeit und entschloss sogleich, die Welt zu erkunden. Er schickt jedes Jahr dem kleinen Mädchen eine Postkarte, die letzte kam aus Argentinien.

Vom berühmten Hildesheimer Huckup wird erzählt, er sei das Sinnbild des schlchten Gewissens. Das findet der auf die Statue an der Schuhstraße abgebildete Johann Huckup sehr verletzend: Die Statue zeigt seiner Aussage nach, wie er mit seinem Vater spielt. Ein Antrag auf Entfernung der Statue wegen Verleumdung wird gerade von den zuständigen Behörden geprüft.

Es gab in einer alten Zeit einen Streit zwischen einen Apotheker und eine Handlungsreisende: Sie hatte ihren Esel vor der Apotheke gebunden, um manche Geschäfte zu Fuß zu erledigen, doch genau an dem Tag hatte der Apotheker zwei große Kübel Rotwein vor der Apotheke stehen lassen zum dekantieren. Der Esel trank aber die zwei Kübel leer und wurde vollständig betrunken. Der Apotheker zeigte die Handlungsreisende an, weil ihr Esel den Würzwein getrunken hatte, parallel zeigte die Handlungsreisende den Apotheker an, weil er den Esel besoffen gemacht hatte. Das Gerichtsverfahren endete mit der Schuldigsprechung des Esels, der zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt wurde. Bei seinem letzten Wort sagte der Esel, dass er den Beschluss zur Kenntnis nimmt, trotzdem anmerken will, dass der Wein des Apothekers gar nicht so gut schmeckte.

Hildesheim hatte am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert eine Trambahn, die die ganze Stadt quer durchfuhr. Als der erste Weltkrieg anfing, die Trambahn, die ihrer Natur nach eher ängstlich war, erschrak so heftig, dass sie über die Schienen hinaus fuhr und weiterlief durch die Straßen und Wiesen und Wälder und Berge, bis sie vollkommen verschwand. Viele behaupten, die Trambahn wäre gerne zurückgekehrt, aber als sie schon weit entfernt von der Stadt realisierte, nicht mehr auf Schienen zu sein, blieb sie erschrocken stehen. Keine*r sah sie wieder. Vielleicht ist sie immer noch in einem fernen Wald versteckt und wartet auf Rettung.

Während in Deutschland bis in die späten zwanziger Jahre hinein Telefongespräche nur über Handvermittlung von einer Zentralstelle geführt werden konnten, hatte Hildesheim als einzige Stadt schon vor dem Ersten Weltkrieg den Selbstwähldienst. Dies fuhr dazu, dass in Hildesheim der erste Scherzanruf der Geschichte gemacht wurde, denn die anrufende Person blieb beim Selbstwählsystem anonym. Der Anruf lief folgendermaßen ab: Der Angerufene antwortete mit: „Hallo?“. Die Anruferin wiederholte: „Hallo.“. Der Anrufer fragte dann: „Wer ist da?“. Die Anruferin antwortete endlich mit: „Keiner.“. Das wurde damals als sehr witzig empfunden.

Bilderquellen und -rechte:

Privatbesitzt H.-J. Brand – www.hildesheimer-geschichte.de