Wie schreibe ich eine Haus­ar­beit in einer Nacht?

Ein Beitrag von Sabrina Virone. Illus­tra­tion: Robin Kupski

Es ist Freitag, an einem Nach­mittag. Niemand passt wirk­lich mehr im Seminar auf. Ein paar quat­schen über ihre Sommer­pläne, die hintere Reihe spielt Brawl Stars auf ihren Handys, während ich dem Sekun­den­zeiger Tick für Tack folge. Ich fühle mich als würde ich in der Anfangs­se­quenz vom zweiten High School Musical Teil mitspielen. Ich krit­zele gerade Herz­chen auf die Rück­seite meines Blocks, als der lange Zeiger endlich auf die Neun springt. „Schöne Semes­ter­fe­rien“, ruft der Dozent uns noch hinterher. Wir verab­schieden uns mit einem Wett­rennen zur Tür und hinter­lassen film­reife Staub­wolken aus Blät­tern. Ich will fast: „What time is it?“ anstimmen, aber ich werde unter­bro­chen. „Treffen wir uns zum Haus­ar­beit schreiben morgen in der Bib?“, fragt mich Julia. Pfffff, denke ich. „Pffff“, antworte ich. „Dafür ist doch später noch genug Zeit“, winke ich ab. „Ist die Abgabe nicht morgen?“, hakt sie nochmal nach. „Waaaas?“ Ich fluche. Wie um alles in der Welt schreibe ich denn eine Haus­ar­beit in einer Nacht?! Eigent­lich brauche ich für diese Frage nur eine einzige Antwort. Eine einzig Gute, und meine Probleme wären gelöst. Eine, die eigent­lich nur aus rich­tigen Buch­staben bestehen muss. Und dann habe ich schon die rich­tigen Worte beisammen, die mir sagen, was ich zu tun habe. Aber diese Antwort, die so viele Binge-Watcher mit gutem Gewissen die nächste Folge Stranger Things schauen ließe, wird heute-Achtung Spoiler- nicht gefunden.

Ich klappe mein Laptop auf. Ich suche auf chefkoch.de nach einem Rezept der Erlö­sung. Ich suche: Haus­ar­beit. Zu deiner Such­an­frage konnten keine Rezepte gefunden werden, antwortet mir das Internet. Ich atme aus. Wieso gibt es denn auch kein Rezept, das mir sagt ich solle ein Stück fancy Gewürz wie Kurkuma mit einem Holz­balken so schwarz wie Eben­holz mit meinem Lieb­lings­ge­tränk auf 14,7 Grad Celcius erhitzen? Ich würde es tun. Mich dann um zwei Uhr morgens mitten auf die Haupt­straße dreimal im Kreis drehen, während ich mein Gebrautes um mich herum verteile. Gar kein Problem. Danach einmal in die Hände klat­schen und zack wumms bäm liegen plötz­lich 15 Seiten frisch duftende Haus­ar­beit vor mir. Für eine Bache­lor­ar­beit würde ich gar Größeres in Kauf nehmen. Aber nein, so ein Rezept gibt es scheinbar nicht.

Diese Antwort, die so viele Binge-Watcher mit gutem Gewissen die nächste Folge Stranger Things schauen ließe, wird heute-Achtung Spoiler- nicht gefunden.

Nimmt man das Wort „Haus­ar­beit“ einmal wort­wört­lich, besteht es aus einer Symbiose zwischen Haus und Arbeit. Der Gedanke kommt mir also meine Arbeit heute zur Abwechs­lung einmal mit nach Hause zu nehmen. Seit Jahren führe ich Hunde aus. Die Route ist immer dieselbe gewesen. Durch den Park auf die große Wiese, auf der sie frei herum­toben können. Aber heute wird die Gassi-Strecke mein Nach-Hause-Weg sein. Die Vier­beiner und ich laufen die Treppen zu mir in die Wohnung hoch. Die Hunde fühlen sich bereits im Trep­pen­haus pudel­wohl. Bei mir oben im Dach­ge­schoss ange­kommen, schnappt sich erstmal Lucky bei seiner Erkun­dungs­tour meine neuen Gucci-Stie­fe­letten. Ich rufe: „Nein“ und versuche mein Monats­ge­halt aus seinem Maul zu retten. Er knurrt und ich weine. Rollo saust derweil durch die Küche und markiert ganz nervös in jedem Eck sein Revier. Ich ziehe die Schul­tern hoch und schaue mich um. Welch eine Misére! Wie es der Fran­zose sagen würde. Außer Frus­tra­tion spüre ich nichts, was mir für meine Haus­ar­beit helfen sollte. Ich bringe die Hunde wieder zu ihrer Besitzerin.

Ich rufe: „Nein“ und versuche mein Monats­ge­halt aus seinem Maul zu retten.

Als ich wieder mein Zuhause betrete riecht es nach Hund. Ich öffne alle Fenster, wische den Boden und gehe ins Bad. Der Dusch­strahl pras­selt auf meinen Kopf. Wäscht alle anderen Gedanken bis auf die der Haus­ar­beit heraus. Erfolg­reiche Osmose wird das genannt. Die Blase ist leer, die bequeme Jogging­hose ist an und der Laptop vor einem posi­tio­niert. Ich bin vorbe­reitet. Ich beginne zu tippen und es läuft. Nach einer halben Stunde steht das Deck­blatt. Ich greife auf die Online-Fach­li­te­ratur der Univer­si­täts­bi­blio­thek zu und belese mich. Ich merke wie meine Augen schwerer werden. Ich blin­zele die Müdig­keit weg und lese weiter. Am nächsten Morgen wache ich auf und finde nur einen ange­bro­chenen Satz vor mir. Ich stöhne. Ich kann doch nicht allen ernstes einge­schlafen sein? Wie schafft man es nur eine Nacht durch­zu­ma­chen? Das wäre die wich­ti­gere Frage gewesen. Meine Verzweif­lung weicht schnell der Gleich­gül­tig­keit. Jetzt ist es eh zu spät. Ich klappe mein Laptop wieder auf und schaue mir ein Youtube-Video von einem bellenden Reh an.