grundbegriffe der

kulturellen bildung

resümee

“Kulturelle Bildung, im Sinne des 21. Jh.s verstanden, besitzt die Kraft zur Transformation bestehender pädagogischer Verhältnisse, die immer Ausdruck eines herrschenden Verhältnisses von Individuum und Kultur sind. Neben […] Grundprinzipien eines heutigen Verständnisses Kultureller Bildung und seiner Begriffstraditionen wird das Konzept damit anschlussfähig an eine Vielzahl weiterer aktueller Themen: ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit, Kulturelle Vielfalt und Internationalisierung, Interdisziplinarität, Städtebau und demografische Entwicklung…, alles Themen, welche die Kernfrage Kultureller Bildung nach einem guten und menschenwürdigen Leben für alle in sich tragen. In einem modernen Konzept Kultureller Bildung steckt die ästhetische Grundfrage: Wie wollen wir als Menschen im 21. Jh. zusammen leben, wie wollen wir unsere Kultur(en) gestalten und welche Aufgabe kommt dem einzelnen Subjekt dabei zu? Vielleicht macht das das Konzept Kultureller Bildung so attraktiv.”[106]

Laut der Definition von Reinwand-Weiss beschäftigt sich die Kulturarbeit mit Themen wie der “ökonomische(n), ökologische(n) und soziale(n) Nachhaltigkeit, Kulturelle(n) Vielfalt und Internationalisierung, Interdisziplinarität, (dem) Städtebau und demografische(n) Entwicklung.”[107]  Desweiteren wird in der Kulturpolitik die Versorgung mit einem flächendeckenden Kulturangebot als eine “kulturelle Daseinsvorsorge” definiert, welche für eine positive Entwicklung der Gesellschaft und ein tolerantes Miteinander essentiell ist. “Zur Daseinsvorsorge im Kulturbereich gehört die kulturelle Bildung als wichtige  Voraussetzung für eine breite Beteiligung aller Menschen am kulturellen Leben.”[108]

Um herauszufinden, welche Ziele die kulturelle Bildung hat und wie Individuen und Gesellschaft davon profitieren können, haben wir die Beiträge nach Methoden, Konzepten und Räumen untersucht und wiederkehrende Motive und Fragestellungen herausgearbeitet.

Durch die im Kurs durchgeführte empirische Feldarbeit wird deutlich, dass das Lernen aus der Praxis ein wichtigen Faktor in der kulturellen Bildung ist. Im Folgenden sollen die Ergebnisse der Gruppen resümiert werden.

Zunächst wurde konzeptionelle Forschung an dem Beispiel des „Museum der Sinne“, einer inklusiven Dauerausstellung im Roemer- und Pelizaeus Museum (RPM) Hildesheim betrieben und die Leitwörter der Partizipation und Teilhabe mit dem Zusatz der Inklusion untersucht. Die Ausstellung soll einen selbstständigen Zugang zur Ausstellung ermöglichen und gleichzeitig partizipativ zur Interaktion anregen, so zumindest die Intention. 

In einem weiteren Schritt öffnet die Forschung zum „up-and-coming“-Festival einen Diskurs über die Verzahnung von kultureller Bildung und kultureller Teilhabe und fragt nach der Möglichkeit, sich über kulturelle Aktivitäten gesellschaftlich-politisch zu beteiligen. Dies ist eine Frage, die auch bei der Forschung zur partizipativen Kunst aufkommt, aber besondere Relevanz im Verhältnis von kultureller und politischer Bildung besitzt. Die entsprechende Forschungsgruppe hat deshalb beide Bildungsbereiche miteinander verglichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen und das besondere Verhältnis genauer zu untersuchen. Die Praxisbeispiele dafür sind die Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel e.V. und die Bundeszentrale für Politische Bildung.

Weitere Beiträge behandeln explizit Zielgruppen der kulturellen Bildung und Orte an denen sie stattfindet. Zu den Beiträgen über kulturelle Bildung in der Schule und der kulturellen Erwachsenenbildung wurden Interviews mit Lehrenden und Leitenden durchgeführt, die viel Aufschluss über die jeweiligen Bereiche geben. 

Ein angestrebtes Ziel der Schulen ist es, die Bildung aller Kinder unabhängig ihrer sozialen Herkunft, auch außerhalb der Schulgebäude zu gewährleisten. Ebenso wird versucht, die Motivation der Schüler*innen über das Pflichtbewusstsein hinaus aufrecht zu erhalten. 

Ähnlich sieht es in der kulturellen Erwachsenenbildung aus, die aus dem Bedürfnis nach Weiterbildung eines Individuums hervorgeht. An dem Beispiel der VHS Hildesheim (für dieses Thema und als Teil eines deutschlandweiten Netzwerkes besonders relevant), erfahren wir wieder durch ein Interview, in welchen Strukturen sich an diese Zielgruppe gewendet wird.

Ein wichtiger Faktor in der kulturellen Bildung und ebenso zum Thema der Teilhabe, ist der Raum in dem sie stattfindet, sowie die örtliche Situation der Menschen, denen ein Zugang ermöglicht werden soll. Eine Forschungsgruppe hat dazu herausgearbeitet, was die Probleme des kulturellen Angebots auf dem Land sind und mit welchen Lösungsansätzen diese behoben werden könnten.

Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit dem Konstrukt “Sozialraum”. Dieser Begriff hat sich aus einer Verbindung von räumlicher Umgebung und sozialem Handeln entwickelt. Ergründet wurden die Möglichkeiten und Risiken der Sozialraumorientierung am Beispiel des Vereins „Kultur Vor Ort e.V” in Bremen.

Eine besondere räumliche Ergänzung ist erst mit dem Aufkommen des digitalen Zeitalters relevant geworden. Als neuer Raum bietet das Internet diverse Plattformen, an denen online jeder teilhaben kann. Im letzten Beitrag wird daher das Videoportal YouTube und die damit verbundenen Vorzüge betrachtet. Als technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist das Internet aktuell das am wenigsten erforschte Thema in Bezug auf kulturelle Bildung, bei dem noch viele Fragen offen sind. Ganz besonders geht es aber um die Wechselwirkung beider Instanzen, also inwiefern sich die Gegebenheiten für die kulturelle Bildung verändern und ob sie auch von der Digitalität profitieren kann. 

Anhand dieser Beiträge stellt sich die Frage, ob es mithilfe solcher Grundbegriffe, wie Partizipation und Teilhabe, politische Bildung, Erwachsenenbildung und Digitalität, möglich ist, eine Definition zu liefern. Eine weitere Option wäre, dass man diese Begriffe als Parameter nutzt, mit denen man das Feld der kulturellen Bildung abstecken kann oder sich dem Begriff zumindest auf diese Weise nähert.

Von der Schule, über die ländlichen Regionen, bis hin zu digitalen Netzwerken – überall wird kulturelle Bildung praktiziert. Wie der Reader zeigt, ist nicht die Frage, was sie ist, sondern wie kulturelle Bildung aussieht, entscheidend. Funktionierende kulturelle Bildung ist eng an den Gedanken einer flächendeckenden Versorgung der Gesellschaft mit kulturellen Werten geknüpft. 

Nach den Prinzipien von einer gerechten Partizipation aller, werden die Methoden und Konzepte in der kulturellen Bildung entwickelt. Sie sind darauf ausgelegt, die Teilnehmenden zu einem Selbstbildungsprozess anzuregen, mit dem sie zur Partizipation an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen befähigt werden. Die Kulturelle Bildung ist also die Bildung, die zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt: Sie ermöglicht es Menschen, Veränderungen in der Gesellschaft aktiv mitgestalten zu können. 

Die kulturelle Bildung als Voraussetzung zur kulturellen, und damit auch zur gesellschaftlichen Teilhabe, ist somit in nahezu allen Bereichen des Lebens präsent. Dadurch gibt es in der kulturellen Bildung Überschneidungen mit anderen Feldern der Politik, wie der Sozial-, Schul- oder Bildungspolitik. Dies scheint zunächst ein Spannungsfeld zu generieren, allerdings zeigen sich auch positive Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Bildungsformen. Insbesondere am Beispiel der Feldforschung zu den Anknüpfungspunkten zwischen kultureller und politischer Bildung wird dies deutlich. In der politischen Bildung werden kulturpädagogische Arbeitsweisen eingesetzt, um die (jungen) Teilnehmenden für komplexere politische Themen zu interessieren und zu sensibilisieren. 

Dies ist beispielhaft dafür, dass kulturelle Bildungsmethoden in verschiedenen gesellschaftlich-politischen Dimensionen vorkommen und einen positiven Effekt für die Teilhabe in der Gesellschaft haben kann. In Betrachtung dessen stellt sich die Frage, warum der kulturelle Sektor noch immer, besonders im Vergleich zum anderen Sektor der Politik, wenig Förderungen bekommt und sein Stellenwert recht niedrig ist.

Nebst dem breiten Spektrum an Potentialen der kulturellen Bildung thematisieren die Feldforschungen auch die Baustellen dieses Bildungsbereichs, denn die angestrebte Grundversorgung an kulturellen Werten ist zum jetzigen Stand mehr ein Idealwert als Realität. Dies haben insbesondere die Beiträge über Partizipation und Barrierefreiheit und kulturelle Teilhabe exemplarisch verdeutlicht. Eine gelungene Partizipation zu erzielen, hat sich in der Praxis als schwer erwiesen. Es beginnt schon mit ungleichen Voraussetzungen bei den Teilnehmer*innen. Um an kulturellen Veranstaltungen teilzuhaben, müssen die Partizipierenden gewisse Kompetenzen aufweisen. Dazu zählen unter anderem die freiwillige Bereitschaft und eine damit einhergehende Selbstorientierung am angebotenen Kulturprogramm. Teilnehmende müssen den jeweiligen Veranstaltungen angepasst sein: Ein Museumsbesuch stellt gewiss andere Ansprüche an die Teilnehmenden, als ein  Zirkusbesuch für Kinder. Verschiedene Kompetenzen müssen bei den Partizipierenden also vorhanden sein, um das kulturelle Angebot vollends ausschöpfen zu können. Somit erschwert das Fehlen einiger dieser Befähigungen die Teilhabe an einer kulturellen Veranstaltung. Eine Exklusion ist somit nicht ausgeschlossen. Es ließe sich argumentieren, dass die Partizipation an kulturellen Veranstaltungen aus einer privilegierten Position heraus entsteht, und eine Öffnung für jede*n nicht unbedingt gewährleistet ist.

Um ein angestrebtes flächendeckendes Kulturangebot zu schaffen, werden Voraussetzungen wie eine finanzielle Abdeckung seitens des Staates unabdinglich. Desweiteren bedarf es den Mut zur Veränderung von Seiten der Politik, in der ein Umdenken zugunsten der Wertevermittlung über Kunst und Kultur stattfindet. Wenn die Rahmenbedingungen für eine allgemeine Barrierefreiheit vom Staat geschaffen werden, würden sich Problematiken in dem Bereich der Teilhabemöglichkeiten besser lösen lassen. 

Die Methoden und Konzepte der kulturellen Bildung stehen in ständigen Wechselwirkungen mit Strategien und Handlungsmöglichkeiten von anderen Bildungsformen, von denen schlussendlich beide Seiten profitieren können. Durch die mannigfaltigen Veranstaltungen, Aktionen und Initiativen können nachhaltige soziale Prozesse angeregt werden, die zu einer Vernetzung von verschiedenen sozialen und kulturellen Akteur*innen führen können. Ihren Mehrwert für die Gesellschaft erreicht die kulturelle Bildung durch ihr Bestreben, für ein tolerantes gesellschaftliches Miteinander zu sorgen. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Kulturarbeit in der Bildung als Priorität zu sehen, um ihr in jeglichen Aspekten eine angemessene Aufmerksamkeit zu widmen.

Das Potential der kulturellen Bildung liegt darin, Unterschiede in den sozialen und gesellschaftlichen Klassen abzubauen und für Inklusion statt Exklusion zu sorgen. Das Streben nach einer Teilnahme aller ist essentiell, und die vorgestellten Forschungsergebnisse verfolgen den Grundsatz, die Kulturarbeit als signifikante Komponenten der Gesellschaft zu verstehen. 

Die kulturelle Bildung bietet Plattformen und Begegnungsplätze, um Kultur und Kunst zu erleben, sogenannte „Räume“. Der Begriff „Raum“ ist dabei nicht zwangsläufig an ein Gebäude oder ein Zimmer mit Wänden gebunden. Vielmehr ist er im Bezug einer Begegnungsstätte zu verstehen, die sowohl in physischen Räumen, aber auch auf freien Plätzen und sogar virtuell entstehen kann, wie sich im Laufe des Textes erkennen lässt. 

Im nachfolgenden Text wird deutlich, dass es eine Vielzahl an kulturellen Räumen gibt. Um den passenden Raum zu platzieren, kann die sozialraumorientierte Perspektive Hilfestellung leisten. Sie stellt den Begriff „Sozialraum“ in den Fokus. Er setzt sich aus den infrastrukturellen Gegebenheiten und dem sozialen Umfeld zusammen. Hierbei ist der „absolute“ von dem „relativen“ Raum zu unterscheiden. Das kann wie folgt zusammengefasst werden:  

Der absolute Raum ist die Frage nach dem „Was ist bereits vorhanden und worauf kann aufgebaut werden?“. Es geht um die Infrastruktur und die örtliche Umgebung.

Der relative Raum bezieht sich auf die sozialen Gegebenheiten bei flexiblen, realen Standorten uns hat damit vorrangig das handelnde Subjekt im Fokus: „Wie ist das soziale Umfeld, und welche Art von kulturellem Raum wird hier benötigt?” 

Beide Räume sind dabei abhängig voneinander, sie bedingen sich gegenseitig. Daraus können Schlussfolgerungen auf die jeweiligen Bedürfnisse ermittelt und gegebenenfalls angepasst werden.

Ob diese Grundversorgung an Kunst und Kultur allumfassend ist, wurde exemplarisch von den Feldforschungen untersucht. Sie geht vom Grundgedanken aus, dass das Recht auf Bildung im deutschen Grundgesetz verankert ist. Der dort genannte Begriff der “Bildung” wird, ausgenommen der schulischen, nicht näher beschrieben. Im Allgemeinen gilt ohnehin die schulische Erziehung als weitaus natürlicher zum Lernprozess eines Individuums dazugehörend, als beispielsweise die kulturelle Weiter- und Erwachsenenbildung. Dabei sind es gerade die Schulen, die neben dem sozialen Umfeld den Grundstein zum Zugang der Kultur bei Kindern legen können. Gerade hier haben sowohl Lehrende, als auch Lernende untereinander den Kontakt zu vielen Menschen unterschiedlicher Kulturen und können in den Austausch miteinander treten. Weiterhin haben viele Schulen die Möglichkeit der kostenlosen oder vergünstigten Teilhabe an klassischen Kulturangeboten. Somit kann die kulturelle Früherziehung der Schüler*innen gefördert werden. Diese Angebote sind beispielsweise in Form von AGs intern, als auch durch den Besuch kultureller Institutionen extern geschaffen. So können die Lehrenden als Impulsgebende zur selbständig-kreativen Arbeit der Kinder agieren und deren Interesse an neuen Kunstformen fördern. Die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen wird dadurch ebenfalls gestärkt.  

Hierbei kann es jedoch durch Umstände, wie beispielsweise den Lehrauftrag, passieren, dass Lehrende keine Impulse senden, sondern die Führung der vermeintlich kreativen, schulischen Arbeit übernehmen und nach dem sprichwörtlichen „Schema F“ unterrichtet wird. Andere Probleme zur Verwirklichung kreativer Arbeit an Schulen stellen mangelnde Förderstrukturen, sowie die Begrenzung von Zeit und Raum dar oder es ist das Fehlen einer ausgebauten Infrastruktur, die mit Problemen der Umsetzung einher geht.  

Wie an den Forschungsergebnissen der Gruppen zur kulturellen Bildung und Schule deutlich wird, ist außerdem die Umsetzung von Methoden und Konzepten, die auf Freiwilligkeit basieren sollten, schwierig. Die angebotenen Projekte oder Ausflüge zu Kultureinrichtungen sind oftmals mit einem gewissen Zwang behaftet. 

Um dem entgegenzuwirken, müssen die schulischen Rahmenbedingungen angepasst werden, die den Schüler*innen den nötigen Raum und die Zeit bieten, sich aktiv mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen. Dies bedeutet auch, dass die Lehrenden als Motivator*innen fungieren sollen, die anleitende Impulse geben und die Schüler*innen auf ihrem Weg, sich mit der ästhetischen Praxis auseinanderzusetzen, begleiten. Die Auswertungen der im Seminar betriebenen Feldforschungen im Bezug auf kulturelle Räume haben diesbezüglich positive Ausblicke gegeben, dass ein Wertewandel zugunsten der ästhetischen Bildung (Kunst und Kultur) möglich erscheint: Die erprobten Methoden (AGs, Workshops, Schulbesuche zu Kulturveranstaltungen), haben einen wichtigen Beitrag zu dem Erfahrungsprozess von Kultur geleistet. Schüler*innen können sich künstlerisch entfalten und (erste) Berührungspunkte zu ästhetischen Praxen erlangen.

Neben den allgemeinbildenden Schulen gibt es weitere Bildungsinstitutionen, sowohl öffentlich, als auch privat organisiert, die unter anderem auf einen kulturellen Bildungszweig ausgelegt sind. Ein Beispiel hierfür sind die Volkshochschulen, die sich deutschlandweit mit mittlerweile ungefähr 900 Einrichtungen etabliert haben. Die Institution wird nur zum Teil durch öffentliche Gelder gefördert und kann daher auf die Gebührenpflicht für Nutzende nicht verzichten. Dennoch besteht ein großes Interesse daran, die finanziellen Beiträge der Teilnehmenden so gering wie möglich zu halten, um ein breites Besucher*innenspektrum nicht darüber einzuschränken. Die Kurse, die besucht werden können, richten sich durch ihr umfassendes Angebot an eine hohe Anzahl von Rezipient*innen, unabhängig des Alters, des Bildungsstandes und der Herkunft. Durch die regelmäßige Erneuerung des Kursplans passen sich die Volkshochschulen aktuellen Trends und den Interessen ihrer Zielgruppen an. 

Obwohl vom Land nachweisbare Ergebnisse durch die Teilnahme an den Kursen gefordert wird, sind die Dozierenden ebenfalls angehalten, lediglich als „Wegweiser“ zu fungieren, sodass ein Lernen auf Augenhöhe möglich ist.

Während die Kulturnutzung und -verbreitung in größeren Städten in der Regel durch Förderungsprogramme der Kulturpolitik als gesichert gelten, sind sie in ländlichen Räumen oftmals mit Schwierigkeiten verknüpft. Aufgrund der finanziellen Tragbarkeit, wie der Bewohner*innendichte und der Nähe der Besucher*innen zu den Kulturstädten, fließen viele Fördergelder in die Städte. Durch die meist fehlende öffentliche Unterstützung sind viele ländliche Gemeinden kulturell von etwaigen umliegenden Kleinstädten, beziehungsweise von Spenden und ehrenamtlicher Arbeit, abhängig. Dazu gilt es, im ländlichen Bereich die regionalen Traditionen in das Kulturprogramm zu integrieren. Vor allem die jüngere Generation, die sich in erster Linie städtisch orientiert und nicht auf das Vorantreiben der Kultur vor Ort konzentriert, steht in Wechselwirkung mit den fehlenden kulturellen Möglichkeiten.

Ist also durch das scheinbar mangelnde Kulturangebot auch keine kulturelle Bildung auf dem Land möglich?

Um diese Frage zu klären, muss als Erstes der Kulturbegriff erweitert gedacht werden: Auch Gemeinschaften wie Fußballvereine oder freiwillige Feuerwehren können als kulturelle Räume für ein soziales Miteinander, Austausch und kulturelle Entwicklung verstanden werden. 

Im zweiten Schritt muss sowohl von den Kulturschaffenden, als auch von den Konsument*innen eine Unabhängigkeit von Kulturräumen an festen Standorten geschaffen werden. Das kann gewährleistet werden, in dem kreative Bereiche entweder multifunktional oder flexibel gestaltet werden.

Durch digitale Medien, wie beispielsweise YouTube wird ein virtueller Kulturraum geschaffen, wodurch die Notwendigkeit realer Räume an Relevanz verliert. Oben angesprochene ortsabhängige Probleme werden dadurch zum Teil irrelevant. Jedem wird die Möglichkeit zur Teilhabe gegeben, jedoch wird eine Internetverbindung und das nötige Equipment vorausgesetzt.  

Sind YouTube und Co. also digitale Kulturorte ohne einen Kulturauftrag? Jedenfalls erreicht die Plattform durch das tägliche Hochladen unzähliger Videos mit unterschiedlich thematischen Inhalten und ihrer internationalen Prominenz Milliarden von Nutzer*innen. Die Videos enthalten teilweise kulturelle Bildungsbezüge, weswegen die Plattform als kostengünstige Weiterbildungsmaßnahme im weitesten Sinne verstanden werden kann. Es entsteht im besten Fall ein kultureller Interessenaustausch zwischen sich völlig fremden Menschen. Auch ohne physisches Beisammensein entsteht ein Miteinander.

Es muss beachtet werden, dass das aber nicht immer friedlich ist; Eins der größten Probleme, das mit YouTube und anderen Anbietern dieser Art einhergeht, ist das Cyber-Mobbing, das vor allem durch den Missbrauch der Kommentarfunktionen unter den Videos praktiziert wird. Des Weiteren wird durch die uneingeschränkte Nutzerfunktion auch Lai*innen ohne Expert*innenwissen ermöglicht, “Bildungsvideos”zur Verfügung zu stellen, die nicht immer fachgerecht sind. Die Ursache dafür ist die fehlende Überprüfung des Anbieters auf Vollständigkeit und Richtigkeit, die die Breite des Angebotes nicht zulässt. 

Als Schlussfolgerung lässt sich sagen, dass sich kulturelle Bildung als gestaltende Gesellschaftspolitik verstehen lässt, deren Ziel nicht nur die gleichberechtigte Teilhabe aller ist, sondern auch, eine nachhaltig positive Entwicklung in der Gesellschaft zu bewirken. Gerade in Zeiten von starken und dynamisch verlaufenden sozialen und politischen Herausforderungen hat die kulturelle Bildungsarbeit mehr an Relevanz gewonnen. Die Versorgung mit kulturellen Veranstaltungen wie zum Beispiel Theaterbesuchen, Kunstausstellungen oder Musikfestivals, fungiert als Bindeglied in der Gemeinschaft, welche die Einzelnen zusammenführt und für ein tolerantes Miteinander sorgen kann. 

Schulen sollten als erste Begegnungsstätten für Kultur fungieren, um bereits Kindern den Zugang zur Vielfältigkeit von Kunst und kultureller Bildung zu ermöglichen. So können Interessen geweckt werden, die die freie Entfaltung des eigenen Kunstverständnisses fördern. Um diesen Forderungen gerecht zu werden, bedarf es der Motivation der Lehrenden und der finanziellen Unterstützung für das benötigte Equipment.

Eine weiterführende kulturelle Bildung für ein breite Masse an Partizipierenden kann nur gelingen, wenn Kosten minimiert werden und weitere Barrieren wie Unterricht auf Augenhöhe, Niederschwelligkeit der Angebote und physisch Barrierefreiheit gewährleistet sind.

Der Schlüssel zur Umsetzbarkeit ist die Freiwilligkeit, die nur durch persönliche Anreize jedes Einzelnen realisierbar ist. Es gibt Prinzipien, die sich in der Theorie wesentlich einfacher umsetzen lassen als in der Praxis. Damit eine gute kulturelle Bildung gelingen kann, bedarf es einer Anpassung der Rahmenbedingungen, einem Umdenken in der Gesellschaft und einem Wertewandel in der Politik zugunsten von Kunst und Kultur. Dafür müssten, neben den digitalen Kulturorten, weitere relative Räume und neue absolute Räume geschaffen werden. 

Kulturelle Bildung besitzt das Potential, für gesellschaftliche Probleme Lösungen zu finden und nachhaltig positive Entwicklungen in der Gesellschaft hervorzurufen.  Sie ist ein wichtiger Teil der Kulturlandschaft und hat einen hohen gesellschaftlichen Mehrwert, den es gilt, so zu fördern, wie es ihm zusteht. Dabei ist darauf zu achten, dass die Fördermittel zwischen Stadt und Land ausgeglichener fließen. Das ist nötig, obwohl die ländlichen Regionen zur Beibehaltung und Förderung von kultureller Bildung eigene kreative Strategien, die Dorfgemeinschaften und Traditionspflege einschließen, entwickelt haben.

Die Forschung im Rahmen des Seminars hat dargestellt, dass kulturelle Bildung in nahezu jeder Dimension des Alltags zu finden ist, und sich in den unterschiedlichsten Formen und Räumen manifestiert. ◀

 

Von Kristina Andabak, Joana Krzossa & Charlotte Rosengarth

 

[106] Reinwand-Weiss, Vanessa-Isabelle 2012/13
[107] Ebd.
[108] Plädoyer des deutschen Kulturrats für ein flächendeckendes Kulturangebot in Deutschland (2004)

Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski