“Das Frauengefängnis sieht von außen sehr idyllisch aus. Es liegt am Fluss bei einem schönen Spazierweg.”, schreibt eine*r, als wir in unserer Umfrage nach Berührungspunkten mit dem Hildesheimer Frauengefängnis, nach Gitterstäben und Stacheldraht fragen. Jede*r kennt Gefängnisse, doch die wenigsten waren schon einmal in einem. Zwanzig Prozent der Befragten aus unserer Umfrage, die wir in einem FB2 Seminar durchgeführt haben, war zuvor nicht einmal bewusst, dass es hier in Hildesheim eines gibt. Etwa ein Drittel gab an, mehr oder weniger regelmäßig daran vorbeizukommen, was ihr einziger Berührungspunkt mit dieser scheinbar anderen Welt sei.
Es ist ein stilles Thema, über welches wenig bis gar nicht gesprochen wird. Gefängnisse sind Orte, an welchen Menschen gebracht werden, die gegen gesetzlich festgelegte Regeln verstoßen haben. Dies scheint den meisten an Wissen ausreichend, doch schaut man sich die Anzahl und Resonanz von Filmen und Serien an, die sich mit Thema beschäftigen, scheint es doch eine große Faszination mit Gefängnissen und Gefangenen zu geben.
Auch, um selbst mehr über diese “parallele Gesellschaft“ zu erfahren, haben wir uns mit der Darstellung des Gefangenenlebens in einer Beispielserie beschäftigt. Darauf haben wir eine Stichproben-Umfrage in einem Seminar mit möglichst vielen unterschiedlichen Studierenden an der Domäne durchgeführt, möglichst mit Personen, die schon unterschiedlich lange studieren bzw. unterschiedlich lange schon in Hildesheim sind.
Wir wollten herausfinden, wie unsere Kommiliton*innen über das Leben unserer Nachbarn im Gefängnis wissen und woher sie dieses Wissen haben. Inwieweit beeinflusst die mediale Darstellung von Frauengefängnissen, was wir über sie denken/wissen? Und welche Vorurteile und Missverständnisse entstehen durch diese Darstellungen?
Um dann diese Ergebnisse mit dem zu vergleichen, was wir durch Recherche über die Realität im (Hildesheimer) Frauengefängnis herausfinden konnten.
Auseinandersetzung mit der Beispielserie “Hinter Gittern – Der Frauenknast”
Jede*r kennt Gefängnisse, doch die wenigsten waren schon einmal in einem. Es ist ein stilles Thema, über welches wenig bis gar nicht gesprochen wird. Gefängnisse sind Orte, an welchen Menschen gebracht werden, die gegen gesetzlich festgelegte Regeln verstoßen haben. Dies scheint den meisten an Wissen ausreichend, doch schaut man sich die Anzahl und Resonanz von Filmen und Serien an, die sich mit Thema beschäftigen, scheint es doch eine große Faszination mit Gefängnissen und Gefangenen zu geben.
Doch wie sieht das Leben hinter Gittern aus?
Laut der deutschen Soap Opera „Hinter Gittern – Der Frauenknast“, welche ursprünglich von 1997 bis 2007 auf RTL ausgestrahlt wurde und inzwischen auf RTLup wieder in der Prime Time läuft, passiert hinter den Mauern einiges! Die gefangenen Frauen, welche für Straftaten wie Banküberfälle und Ermordungen einsitzen, nutzen jede Gelegenheit, um weiterhin illegale Geschäfte zu führen, die Wächter*innen zu hintergehen und natürlich um auszubrechen.
Aber all dies wird gerechtfertigt, da sie dabei gut aussehen und außerdem auch nur Leute umbringen, die es verdienen. Die Insass*innen haben entweder untereinander Beziehungen, oder mit Angestellten im Gefängnis. Single ist eigentlich niemand und es dreht sich scheinbar alles um Liebe, Flucht und Sucht.
Man muss kein*e Gefängnissexpert*in sein, um zu erkennen, dass diese Darstellung des Gefängnisalltags an Realität zu wünschen übrig lässt und, obwohl das den meisten Zuschauer*innen wohl auch bewusst ist, hinterlässt das Gesehene immer auch einen Eindruck, der uns prägt, vor allem auch, wenn solche Darstellung die scheinbar einzigen Einblicke sind, die wir überhaupt in (Frauen-)Gefängnisse bekommen.
Es gehört zum Fernsehprogramm dazu, Lebenssituationen zu überspitzen und zu dramatisieren und das Gefängnis als mysteriöser Ort, an welchem alle möglichen Straftäter*innen zusammengeworfen werden, bietet die perfekte Kulisse dafür. Die schiere Anzahl an Serien, welche sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, scheint beständig zu steigen. Vor allem im amerikanischen Raum glänzen Serien wie „Prison Break“ oder „Orange is The New Black“ mit vielen Auszeichnungen.
Diese beiden Serien wurden auch von Teilnehmer*innen aus unserer Umfrage genannt. “Prison Break” beschäftigt sich, wie der Titel bereits verrät, vor allem mit einem Gefängnisausbruch, der sich aus der Sicht der männlichen Gefangenen erzählt. “Orange is The New Black” spielt dagegen auch in einem Frauengefängnis, erzählt sich hauptsächlich aus der Sicht der Insassinen, an einigen Stellen aber auch aus der Sicht vom Wärter*innen. Auch hier drehen sich viele Storylines um Liebe, Sex und Sucht. Im Gegensatz zu “Hinter Gittern” basiert “Orange is The New Black” sehr lose auf dem autobiografischen Buch einer ehemaligen Insassin, Piper Kirkman.
Die offensichtlich in den Medien präsentere Darstellung des amerikanischen Gefängnissystems wirkt sich dabei selbstverständliche auch darauf aus, wie wir über Personen, denken, die in deutschen Gefängnissen sitzen oder saßen.
Teilnehmer*innen unserer Umfrage gaben an, dass sie tendenziell weniger über das deutsche Gefängnissystem wüssten als über das Amerikanische. Die wenigen Stimmen, die sich gegenteilig äußerten, gaben auch an, dass ihr Wissen aus persönlicher Recherche oder einem Interesse für Dokumentationen etc. stamme und weniger bis gar nicht aus medialer Darstellung oder Berichterstattungen.




Ab und zu scheint es, als ob „Hinter Gittern“ neben den Soap-Storylines versucht, systemkritisch echte Problematiken anzusprechen, wie zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Resozialisierung und Diskriminierung von Gefangenen, sowie Machtmissbrauch durch Mitarbeiter*innen.
Doch wie gerechtfertigt ist die Dramatisierung des Alltags von Menschen, welche weder vor der Produktion noch danach die Fläche bekommen, ihre eigene Stellungnahme dazu zu machen?
„Abschied“, die zwanzigste Folge der vierten Staffel, zum Beispiel, beschäftigt sich mit der Resozialisierung von Susanne Teubner, eine der Hauptfiguren der Serie. Doch statt reale Probleme, welche mit einer Wiedereingliederung in die allgemeine Gesellschaft einhergehen zu thematisieren, steht ihre Liebesbeziehung zu der Mitinsassin „Walter“ im Vordergrund. Die Resozialisierung wird zu einer überdramatisierten Trennungsgeschichte, da „Walter“ für noch mindestens ein weiteres Jahr im Gefängnis bleiben muss und befürchtet, dass Susanne sie nun vergessen wird. Natürlich könnte argumentiert werden, dass alleine der Fokus auf eine lesbische Beziehung für eine Serie der neunziger und Anfang zweitausender Jahre schon erstaunlich fortschrittlich ist. Es scheint aber auch, als sei die Sexualität der Insassinen häufig Mittel zum Zweck, ein Weg die erwarteten Seifenoper-Liebes-Tropen zu erfüllen, während der Cast großteils weiblich ist. Nur vereinzelte Charaktere bekommen den Raum, ihre eigene Sexualität zu reflektieren und sich von Stereotypen zu lösen.
So oder so, wäre eine diverse, fokussierte Darstellung von Resozialisierung bei einer Gefängnisserie wünschenswert. Eine Folge später wird die oberflächliche Darstellung der Soap nochmals hervorgehoben. In Folge einundzwanzig der vierten Staffel, zwingt der neue Gefängnisleiter eine Insassin zu sexuellen Handlungen mit ihm, damit ihr Freund, der Gefängnisarzt, seine Stelle behalten darf. In „Neues Leben“ wird der sexuelle Missbrauch im Gefängnis explizit dargestellt und wenn er auch kritisiert werden soll, wird er häufig zu unzureichend aufgearbeitet.
Diese Plotline wiederholt sich in der Serie und in beinahe jeder Staffel mit unterschiedlichen Insassinen und in unterschiedlichen Konstellationen. Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung, häufig in der Ausnutzung einer Machtposition, ist ein omnipräsentes Thema, auf dem in mancher Staffel der Fokus gelegt wird, während in einer Anderen, nachdem die Handlung abgeschlossen ist, nicht mehr darüber geredet wird, da der eigentliche Zweck dieser Plotline die Kreation eines Schockmoments war. Es wäre die Chance für die Serie gewesen, ein durchaus realistisches Problem zu thematisieren, jedoch dient der Missbrauch, wie beinahe alle Handlungsstränge in der Serie, schlussendlich nur der dramatischen Geschichte.
Eine Frage, welche sich hierbei stellt, ist wie differenziert eine Serie oder ein Film (in diesem Fall sogar eine Seifenoper, welche nun wirklich einen geringen Wahrheitsanspruch hat) ein sozial so heikles Thema wie Gefängnis darstellen und aufarbeiten kann. Welche Folgen hat diese dramatische Darstellungsweise auf die allgemeine Bevölkerung und welche Stereotype werden reproduziert?
Könnte durch eine differenziertere Darstellung von Gefängnissen und Gefangenen eine Brücke zwischen den Gesellschaften geschaffen werden, welche die Resozialisierung erleichtern könnte? Und tragen fiktive Darstellungen eine Verantwortung gegenüber realen Insassinen, deren Lebensalltag sie verfälscht nach außen bringen?
Vom Versuch hinter die Gitter und den Stacheldraht des Hildesheimer Frauengefängnisses zu schauen
Nach dem Blick hinter die fiktiven Gitter der Serie “Hinter Gittern – Der Frauenknast” werden wir nun unseren Blick auf und in das Hildesheimer Frauengefängnis wenden. Die JVA Hildesheim ist ein externer Standort der JVA Vechta. Diese ist die Hauptanstalt der JVA für Frauen* in Niedersachsen. Neben dem Standort Hildesheim gibt es noch die Abteilungen Falkenrott, die Jugendabteilung Zitadelle, die sozial-therapeutische Abteilung und das Mutter – Kind – Haus (alle in Vechta). Der Standort Hildesheim deckt 71 der insgesamt 307 Haftplätze ab. Wie viele Plätze belegt sind, schwankt dabei ständig. Nach Auskunft eines Mitarbeiters sind am 10.07.2024 66 der vorhandenen Plätze belegt. Es gebe aber auch Tage, an denen keine neuen Frauen mehr aufgenommen werden können.
Vielleicht ist euch beim Vorbeigehen das große Gebäude hinter Steinmauern und Mühlengraben, direkt neben der Basilika St. Godehard, schon einmal aufgefallen? Viel lässt sich von außen nicht erahnen, von der Erhöhung des Kehrwiederwalls kann man Gitter vor den Fenstern erkennen. Aber was wissen wir eigentlich über Gefängnisse? Dafür, dass wir eigentlich kaum etwas wissen, wird das Thema in der populären Kultur sehr oft aufgegriffen. Oder eben gerade deshalb.
Denn wie wir im vorangegangenen Teil gelernt haben, eignet sich der Mikrokosmos Strafvollzug perfekt, um einen dramatischen Plot mit essentiellen menschlichen Sehnsüchten, Flucht, Liebe, Freiheit und dem ‘Guten’ und ‘Bösen’ zu verhandeln. Wir haben uns für euch auf die Suche nach einem Abbild gemacht, welches mehr über den Strafvollzug aussagt, als plumpe, vereinfachte Plots. Wie ist es dort, der Gefängnisalltag, gibt es Freizeit- oder Kulturangebote und wie wird der Anspruch der Resozialisierung, dem Gefängnisse per Gesetz verpflichtet sind, umgesetzt? Wie sieht Ideal und Realität aus? Und: Worin liegt das Geschlechtsspezifische im Strafvollzug?


Frauen sind als Inhaftierte im Vergleich zu Männern unterrepräsentiert. Ihr Anteil in deutschen Gefängnissen lag im März 2021 bei 6,2 % . ^1 Da der Anteil inhaftierter Frauen so gering ist, sind Abteilungen für Frauen oft nur Anhängsel von Männervollzugsanstalten, ohne auf die spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse der weiblichen Gefangenen einzugehen. In diesem Zuge erfolgte in Niedersachsen 1991 die Verselbstständigung der Frauenabteilung zur selbstständigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta: “Um dem Anderssein des Frauenvollzugs gerecht zu werden, ist es wichtig, ihn räumlich und organisatorisch von Anstalten für Männer getrennt und unabhängig unterzubringen.” – So äußert sich die JVA Vechta auf ihrer Website. Doch was heißt es, dem Anderssein des Frauenvollzugs gerecht zu werden? Wie wird dieser Selbstanspruch umgesetzt? Doch dazu später mehr.
Wir haben für euch mit einer ehemaligen Mitarbeiterin der JVA Hildesheim gesprochen. Frau Erich* hat keine spezifische Ausbildung im Strafvollzug absolviert, sondern ist durch einen Aushang auf den Bedarf der JVA an Mitarbeiter*innen aufmerksam geworden. Dass man ohne Ausbildung in einem Gefängnis arbeiten kann, ist aber nicht selbstverständlich. Frau Erich erzählt uns, dass die JVA Vechta der einzige Standort ist, an dem Studierende ohne vorherige Ausbildung arbeiten können. Und so kam sie zu dem Job der Wächterin. Zu ihrem Arbeitsalltag erzählt Frau Erich:
„Es gibt verschiedene Schichten. Tagesschichten sind immer von 6 Uhr bis 14 Uhr und von 14 Uhr bis 20 Uhr. Und dann gibt es Nachtschichten von 20 Uhr bis 6 Uhr. Eigentlich verläuft der ganze Tag so, dass Aufschluss ist um 6:00 Uhr, dann kommen die Frauen raus. Es gibt immer eine Medikamentenverteilung und man muss eine Lebenkontrolle machen. Also man klopft an jeder Tür und man muss irgendeinen Ton und eine Bewegung von den Frauen sehen, weil sonst muss man davon ausgehen, dass sie tot sind…also man muss das einfach kontrollieren, dass alle leben und dann kommen die meisten Frauen so raus, wollen sehr viel mit einem quatschen. Manche stehen einfach nur am Geländer den ganzen Tag und manche rauchen in ihren Zellen und quatschen miteinander oder gucken einfach nur Fernsehen. Und dann gibt es immer die Polamidon Ausgabe. Das ist für die Frauen, die Substitut brauchen, weil sie drogenabhängig waren. Dann gibt es immer eine Stunde am Tag auf dem Hof Ausgang, so um zwölf oder so. Da gehen die einfach nur so und man geht eigentlich mit. Das ist richtig sad. Also so richtig traurig. Also man geht wirklich wie in so einem kleinen Mini Goldfischglas.“
Gegen 16 Uhr ist dann Einschluss und alle werden in ihre Zellen gebracht. Ab dann kann nur noch per Alarm eine Gefängniswärterin geholt werden. Das wird zum Beispiel genutzt, wenn Medikamente wie Ibuprofen gebraucht werden “oder manche [Frauen] haben Panikattacken und müssen kurz auf dem Flur stehen mit einem”.
In den Gesprächen, die Frau Erich mit den Frauen führte, stellt sie ein Muster fest: “Ich hatte das Gefühl, alle Frauen standen irgendwo mit einem Mann im Zusammenhang, der auch straftätig ist oder die schlimme Sachen mit dem erlebt haben. Also entweder Väter oder Ehemänner, da war immer irgendeine Geschichte, dass die Frauen oft durch Männer Leid erfahren haben.”
Der Bundesarbeitsverband für Straffälligenhilfe e. V. schreibt zu der Inhaftierung von Frauen: “Auf ihre Inhaftierung reagieren straffällig gewordene Frauen in der Regel mit Anpassung, Passivität und Ohnmachtsgefühlen. Ihre Aggressionen richten sie gegen sich selbst. Psychosomatische Erkrankungen und Depressionen bis hin zur Selbstverletzung sind die Folge.”^2 Das scheint auch zu den Schilderungen von unserer Interviewpartnerin aus der JVA Hildesheim zu passen. Sie beschreibt vermehrt Panikattacken, starke Depressionen und Frauen, die sich ritzen. Fluchtversuche oder spektakuläre Vorkommnisse, wie in den Serien, kommen so gut wie nie vor. Die JVA Hildesheim schreibt: “Frauen [stellen] ein deutlich geringeres Sicherheitsrisiko dar”^3. Die Straffälligkeit der Frauen in einem Kontext ihrer Lebensgeschichte zu sehen (wie das bei Männern auch der Fall ist), scheint ein Schlüssel zur Resozialisierung zu sein. Die Wichtigkeit das mitzudenken, beschreibt der ehemalige JVA- Vechta/Hildesheim Leiter Oliver Weßels in der taz:
“10 bis 15 Prozent unserer Inhaftierten haben aufgrund von Missbrauchserfahrungen, sowohl im Gewalt- als auch im Sexualbereich, Traumata mit zum Teil gravierenden Folgestörungen etwa im Suchtbereich entwickelt, und das wollten wir stärker in den Fokus nehmen. Das hat ja auch Auswirkungen auf die Rückfallquote. Wenn ich Traumata nicht bearbeite, gleite ich womöglich noch tiefer in eine Suchtstruktur hinein, das resultiert dann in Beschaffungskriminalität …” ^4
Als erster deutscher Strafvollzug hat er in der JVA Vechta eine stationäre Traumatherapie mit 4 Plätzen eingerichtet. Er beschreibt das Verhalten einer Frau, die immer wieder durch Brandstiftungen im Gefängnis auffiel. Durch die Traumatherapie konnte erkannt werden,
dass diese Brandstiftungen für die Frau ein Ventil waren, die Erinnerung an ihre Vergewaltigung zu bewältigen. Brandstiftungen also nicht als Verfehlung und schlechtes Verhalten im Gefängnis, welches gestraft werden muss, sondern als Symptom und Bewältigungsstrategie einer leidenden Frau mit einer schwerwiegenden posttraumatischen Belastungsstörung, die therapeutische Hilfe benötigt. Aber diese psychologische Betreuung ist auch ein springender Punkt, den Frau Erich kritisiert. Nach ihrer Perspektive bräuchte es an psychologisch-therapeutischer Betreuung “viel, viel mehr [und] in einem viel größeren Umfang, um das aufzufangen,[…]was da alles ist”. Der Bundesarbeitsverband für Straffälligenhilfe e. V. schreibt dazu:
Frauenspezifische Straffälligenhilfe setzt bei den weiblichen Fachkräften die Kenntnis gesellschaftlich bedingter Geschlechterrollen und -hierarchien sowie der Geschlechterdifferenzen und deren Reflexion voraus. Zudem benötigen die Beraterinnen ein breites Wissen über Traumatisierungen, die bei straffällig gewordenen Frauen in der Regel durch Männer erfolgt sind und deren psychosoziale Folgen. Da die Traumata zumeist nie behandelt und bearbeitet wurden, wirken diese Folgen lebenslang fort. Häufig finden zudem Retraumatisierungen statt, die in der Straffälligenhilfe unter allen Umständen vermieden werden müssen. ^5
Um diesbezüglich eine Aussage über den Zustand in der JVA – Hildesheim zu treffen, fehlen uns wissenschaftliche Quellen. Aus der Perspektive von Frau Erich schreibend, war ein großer Teil der männlichen Mitarbeiter “wirklich eingeschlafen, hatte keinen Bock mehr, sich mit den Frauen auseinanderzusetzen. […] Ich hatte das Gefühl, die sitzen dann nur noch so ihre Zeit ab und es kam mir auch so vor, als wären die selbst inhaftiert in diesen 40 Wochenstunden ohne Auszeit.” Aber sie erzählt auch von einigen sehr wachen Kolleginnen, die sehr engagiert waren und “Bock hatten mit den Frauen zu reden und was zu verändern”. Das steht der Selbstdarstellung bzw. dem angestrebten Ideal der JVA Vechta entgegen, dort heißt es, dass der Blick auf jede einzelne Frau gerichtet wird, “sie kennenzulernen, ihren Lebensweg zu erfahren, ihre persönlichen Beratungs- und Betreuungsbedürfnisse herauszufinden und ihr Angebote zu machen, die [ihr] helfen können.” Aber wie häufig stehen Ideal und Umsetzung in Diskrepanz. So beschreibt auch die JVA auf ihrer Website von “den immerwährenden Problemen”:
Stetiger Anstieg der Drogenkonsumentinnen, anhaltender Belegungsdruck und Zunahme von Frauen mit psychischen Auffälligkeiten erfordern nicht nur mehr Haftplätze, sondern auch eine weitere Qualifizierung der Vollzugsbediensteten und noch stärkere Zusammenarbeit mit externen Beratungs- und Therapieeinrichtungen. Geplant ist, sozialtherapeutische Anteile in den Vollzugsalltag zu integrieren. ^6



Gerade die sozialtherapeutischen Anteile in den Vollzugsalltag zu integrieren, scheint dringend vonnöten. Es gibt in Vechta zwar eine sozial-therapeutische Einrichtung, aber die Kapazität beläuft sich auf 14 Erwachsene sowie fünf Jugendliche und ist damit viel zu gering ^7. Und in der JVA Hildesheim gibt es in noch viel geringerem Maße fachliche psychologische Betreuung. Auch der Aspekt, dass Frauen im Gegensatz zu Männern ein höheres Maß an Strafempfindlichkeit haben, sollte stärker beachtet werden. Frauen leiden stärker an der Trennung von Familie und Kindern.. Regelmäßiger Kontakt zu Kindern und Familie, kann das Resozialisierungsziel erleichtern, sodass die Frauen sich nach Freilassung schneller in ein ‘sozialverträgliches Leben’ und ihren Verantwortlichkeiten des Alltags einfinden können. Gerade die Straffälligkeit von Frauen wird von ihrem Umfeld als Scheitern an der weiblichen Rollenfunktion bewertet.
“Sie haben nicht nur eine Straftat begangen, sondern als Frau versagt”^8, während die Kriminalität von Männern durchaus mit Männlichkeitsbildern vereinbar ist. “Dies führt einerseits dazu, dass Frauen mit großen Schuld-, Scham- und Versagensgefühlen auf ihre Straffälligkeit reagieren und andererseits stärker moralisch verurteilt und stigmatisiert werden, was sich in unheilvoller Weise gegenseitig verstärkt.”^9 Auch der größere Anteil der Drogenabhängigen unter Frauen ist zu betonen. In einer Datenerhebung des Niedersächsischen Frauenvollzugs (2013) weisen 51,6 % der Frauen mindestens eine Form der Abhängigkeit/des Suchtverhaltens auf ^10.
Ob der Gefängnisalltag, der von Fremdbestimmung durchzogen ist und große Mängel an sozial-therapeutischer Behandlung aufweist, traumatisierten oder psychisch kranken Frauen zu einer Resozialisierung verhilft, ist fraglich.
Die Diskussion über eine Reform des Strafvollzugs oder eine Abschaffung des Gefängnisses, wie es Anhänger des Abolitionismus fordern, hat eine lange Geschichte und führt hier zu weit. Wie diskutiert, hakt es an einigen Stellen: Der psychologischen Betreuung, einem Bewusstsein für frauenspezifische Anforderungen und den überlasteten Mitarbeiter* innen.
Auch erzählt Frau Erich, dass Angebote wie Sport, Tanzen oder künstlerische Angebote bei den inhaftierten Frauen sehr beliebt seien. Da alles ehrenamtlich angeboten wird, können sich viele Angebote nicht halten. Bedauerlich findet Frau Erich, “weil die Frauen sehnen sich richtig danach im Alltag.“ Von künstlerischen Angeboten hat Frau Erich in ihren 8 Monaten dort nichts mitbekommen. Der Website der JVA Vechta lässt sich entnehmen, dass an dem Standort Vechta regelmäßig künstlerische Angebote von beispielsweise Kunsttherapeut*innen angeboten würden.
Abschließend wollen wir die Sicht betrachten, mit dem viele Teile Gesellschaft auf Gefängnisse schaut Frau Erich beschreibt, dass sich ihr Blick auf Gefängnisse nach ihrer Arbeit ‘hinter Gittern’ gewandelt hat:
“Ich hatte das Gefühl, die Inhaftierten sind super zugänglich und ich konnte mit denen total gut reden und habe so viel mehr diese Lebensgeschichten nachvollziehen können, warum die da sind. Wer wird überhaupt bestraft und wieso? Und ist das gerechtfertigt oder nicht? Und wie geht es denen da? Das war glaube ich das, was am meisten bei mir verändert hat und dann vielleicht auch so in Bezug auf Drogen, was das bedeutet, abhängig zu sein. Da habe ich auch sehr viel mitgenommen. Wie zerstörerisch das ist fürs Leben.”
Gerade der Aspekt der Nachvollziehbarkeit der Lebensgeschichte der Frauen kommt in den Populärserien oft zu kurz. Was heißt es, dass Frauen meist zuerst Opfer sind, dann Täterinnen? Was hat ein sexueller Missbrauch für Folgen für die Frauen, was sind die Konsequenzen von einer Suchtkrankheit / Drogenabhängigkeit? Ein differenzierter Blick auf diese Mechanismen und die Kreisläufe kommt in den von uns gesichteten Serien eindeutig zu kurz und klärt nicht über die “Gemachtheit” der Täterinnen in ihrem Lebenskontext auf. Vereinzelte kritische Darstellungen auf sexuelle Übergriffe im Gefängnis decken nicht das komplexe Bild ab, da meist Traumatisierungen und Gewalterfahrungen der Frauen in der Zeit vor ihrer Inhaftierung stattfanden. Auch sind die meisten Inhaftierungsgründe der Frauen nicht wie in den Serien dramatische schwerwiegende Straftaten. In der Realität sind die Delikte von Frauen von insgesamt geringerer Schwere, “meist Diebstahls- und Unterschlagungs- sowie Betrugs-/Untreuedelikte und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz” (Beschaffungskriminalität). ^11.
In diesem Aspekt zeigt die Umfrage, dass die befragten Studierenden – im Gegensatz zur Darstellung in der Serie – auch eher weniger schwere Straftaten der Insassinnen vermuten. So geht etwa die Hälfte der Befragten davon aus, dass unterschiedliche Gelddelikte zur Inhaftierung geführt haben – von Steuerhinterziehung bis zu nichtbezahlten Strafzahlungen wie beispielsweise Bußgelder.
Etwa ein Viertel der Befragten geht von Gewalttaten aus, wie Körperverletzungen oder Mord. Etwa ein weiteres Viertel vermutet Diebstähle. Drogendelikte werden nur einmal genannt.
Die fiktionale Aufarbeitung der Gefängnisserien hat mit der Realität im Vollzug also selten etwas gemein. Vielmehr dient das Gefängnis als Kulisse für sexuelle Szenarien und einer Zuspitzung von gewalttätigen Handlungen der Frauen, die der Unterhaltung der Zuschauer*innen dienen. Die Filme und Serien präsentieren ein sexualisiertes und ereignisreiches Leben durchzogen von Fluchtversuchen, Gewalt und Liebesgeschichten, die in klarem Kontrast zum häufig eintönigen Haftalltag stehen. ^12
Von dem häufig eintönigen Haftalltag können am besten die Inhaftierten selbst berichten. Trotz hartnäckigen Versuchens konnten wir leider mit keiner inhaftierten Frau sprechen, sodass wir hier keinen Bericht aus erster Hand wiedergeben können. Die Stimmen der Inhaftierten bleiben oft bei Berichterstattungen außen vor. Es wird viel über sie geredet und geschrieben, aber nicht mit ihnen. Falls uns die Langsamkeit der bürokratischen Schritte in näherer Zukunft doch noch ein persönliches Gespräch mit einer Insassin ermöglichen sollte, werden wir einen Nachtrag setzen.
* Wir schreiben hier von Frauen, da das deutsche Gefängnissystem binär funktioniert. Ein sensibler Umgang mit Trans*-Menschen in Haft wird kontrovers diskutiert. Hier sind einige Links zu Seiten, auf denen ihr euch mehr dazu informieren könnt.
Lesestoff: Informationen für trans*Menschen in Haft · Bundesverband Trans* (bundesverband-trans.de)
Zu queer fürs Gefängnis – Missy Magazine (missy-magazine.de)
Lsbtiq* Menschen in Haft (regenbogenportal.de)
Trans* im Strafvollzug > %sTrans* im Strafvollzug% (dgti.org)
Quellen:
„Hinter Gittern – Der Frauenknast“ produziert von RTL zwischen 1997-2007
^1 jva-für-frauen.niedersachsen, Website: “Gedanken zum Frauenvollzug in Niedersachsen”, in:
https://www.jva-fuer-frauen.niedersachsen.de/themen/gedanken/gedanken-zum-frauenvollzug-in-niedersachsen-83191.html [abgerufen am 10.07.2024].
^2 Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe (BAG-S) e.V., Fachausschuss für Frauen (2012): “Empfehlungen für eine frauenspezifische Straffälligenhilfe”, in: https://www.bag-s.de/aktuelles/aktuelles0/empfehlungen-fuer-eine-frauenspezifische-straffaelligenhilfe [abgerufen am 10.07.2024].
^3 jva-für-frauen.niedersachsen, Website: “Gedanken zum Frauenvollzug in Niedersachsen”, in:
https://www.jva-fuer-frauen.niedersachsen.de/themen/gedanken/gedanken-zum-frauenvollzug-in-niedersachsen-83191.html [abgerufen am 10.07.2024].
^4 Schönherr, Harff-Peter (2021): “Der Vollzug muss sich öffnen. JVA-Leiter über Traumatherapie.”, in: taz.de, 30. 7. 2021, https://taz.de/JVA-Leiter-ueber-Traumatherapie/!5786080/ [abgerufen am 10.07.2024].
^5 Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe (BAG-S) e.V., Fachausschuss für Frauen (2012): “Empfehlungen für eine frauenspezifische Straffälligenhilfe”, in: https://www.bag-s.de/aktuelles/aktuelles0/empfehlungen-fuer-eine-frauenspezifische-straffaelligenhilfe [abgerufen am 10.07.2024].
^6 jva-für-frauen.niedersachsen, Website: “Ausblick”, https://www.jva-fuer-frauen.niedersachsen.de/themen/ausblick/ausblick-83192.html [abgerufen am 10.07.2024].
^7 jva-für-frauen.niedersachsen, Website: “Die sozialtherapeutische Abteilung”, https://www.jva-fuer-frauen.niedersachsen.de/wir_ueber_uns/sozialtherapeutische_abteilung/die-sozialtherapeutische-abteilung–89458.html [abgerufen am 11.07.2024]
^8 Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe (BAG-S) e.V., Fachausschuss für Frauen (2012): “Empfehlungen für eine frauenspezifische Straffälligenhilfe”, in: https://www.bag-s.de/aktuelles/aktuelles0/empfehlungen-fuer-eine-frauenspezifische-straffaelligenhilfe [abgerufen am 10.07.2024].
^9 Ebd.
^10 vgl. Prätor, Susann: “Basisdokumentation im Frauenvollzug. Situation von Frauen in Haft und Auswirkungen auf die Legalbewährung”, S.23, 2013.
^11 vgl. Prätor, Susann: “Basisdokumentation im Frauenvollzug. Situation von Frauen in Haft und Auswirkungen auf die Legalbewährung”, S.12, 2013.
^12 vgl. Borchert, Jens: “Gefängnis und Sexualität”, S. 243: https://www.nomos-elibrary.de/10.30820/9783837967999-243.pdf.
Ein Beitrag von Paula Maretzki, Emerald Beyer, Isabelle Heuser, Luka Bakalow und Clara Freytag, veröffentlicht am 21.10.2024