Vielleicht habt ihr es schon einmal mitbekommen: Durch die Nähe zum Fluss sucht auch an der Domäne von Zeit zu Zeit immer mal wieder ein Waschbär Zuflucht. Zum Ärger der Verantwortlichen, denn Waschbären können Gebäuden erheblichen Schaden zufügen, hinterlassen Exkremente oder nehmen den Müll auseinander. Das verursacht Kosten. Waschbären werden deswegen nicht von jedem gemocht, sondern oft als Plage empfunden. Außerdem wird den pelzigen Tieren vorgeworfen, eine Bedrohung für heimische Tierarten darzustellen, weshalb sie sich seit 2016 auf der Liste der invasiven Tierarten befinden.
Auch Hildesheim weist mittlerweile eine starke Population an Waschbären auf, weswegen sie seit 2018 auch hier vermehrt bejagt werden sollen. Die Domäne muss von Zeit zu Zeit einen Kammerjäger beauftragen, was bei der Verwendung von Fallen meistens Gleiches bedeutet. Denn einmal in menschlicher Obhut, dürfen Waschbären nicht wieder in die Natur entlassen werden. Deswegen gibt es heute mal einen kleinen Exkurs Richtung Waschbär: Wie haben sich Waschbären ihren schlechten Ruf überhaupt eingehandelt? Können sich Menschen und Waschbären den gleichen Lebensraum teilen, ohne sich in die Quere zu kommen? Und was können wir tun?
Am Anfang, da war der Pelz
Aber erstmal von vorne. Ursprünglich wurde der Waschbär in den 1920ern wegen seines Pelzes nach Deutschland gebracht und dort in Pelztierfarmen gezüchtet, aus denen er vor allem während des zweiten Weltkrieges ausbrechen konnte. Aber auch durch gezielte Aussetzungen konnte er sich verbreiten, beispielsweise 1934 am Edersee in Hessen, von denen man annahm, sie durch die Jagd kontrollieren zu können.
Dass sich der Waschbär in ganz Europa zu Hause fühlt, ist damit auf den Menschen zurückzuführen. Ungefähr ein Jahrhundert später ist er dann in jedem Bundesland zu Hause – und auf seinem Speiseplan steht so gut wie alles: neben einem großen Anteil an pflanzlicher Nahrung, wie Beeren, Früchte und Nüsse, frisst er auch Eier, Schalentiere, Amphibien oder Insekten. Unter anderem eben auch gefährdete Arten wie die Gelbbauchunke, die Sumpfschildkröte oder die Gelege von Kiebitzen.
Dieser Umstand, dem der Waschbär auch seine Einordnung als invasive – also bestandsgefährdende – Art verdankt, hat ihm viele Feinde gemacht. Jagdverbände und auch einige Naturschutzverbände äußern sich kritisch zum Waschbären und fordern eine stärkere Eindämmung der Population, die hauptsächlich durch die Jagd erfolgt. Ob das etwas nützt, ist allerdings fraglich, denn Waschbären können eine intensivere Bejagung durch mehr Geburten ausgleichen und damit die Population sogar noch stärken. Damit sei eine propagierte Jagd laut „Wildtierschutz Deutschland e.V.“ sinnlos und Tierquälerei.
Ähnlich sieht es aus bei der Wahl des*der Kammerjäger*in: von wohlwollenden Maßnahmen, um das Haus sicher zu machen, über Verjagungen bis hin zur Fallenjagd macht sich ein Spektrum der „Bekämpfungsmöglichkeiten“ auf. Deswegen sollte hier nach den Methoden der beauftragten Person gefragt werden. Doch, wie steht es denn nun um den Waschbären und die von ihm ausgehende Gefahr für die heimische Tierwelt?

Eilt ihm sein Ruf voraus?
Bislang gibt es keine Belege, die die bestandsbedrohenden Auswirkungen auf bestimmte Arten bestätigen, die dem Nahrungsverhalten des geschickten Waschbären vorgeworfen werden. Sogar im Gegenteil. Das Forschungsprojekt „Projekt Waschbär“ forscht im Müritz-Nationalpark an möglichen Einflüssen des Waschbären, bei dem auch sein Nahrungsverhalten untersucht wird. Die Ergebnisse zeigen, dass im untersuchten Gebiet zwar auch bedrohte Tierarten auf dem Speiseplan stehen – allerdings in unproblematischen Mengen. Der Waschbär wäre zu wenig auf eine Nahrungsquelle spezialisiert und zu angepasst an das vorhandene Nahrungsangebot, als dass er eine gesamte Tierart ausrotten könne.
Nützlicher als die Jagd sind laut NABU, bei gebietsweise vermuteter Gefahr des Waschbären für einen Bestand, Vorsorgemaßnahmen wie spezielle Nistkästen, die die bedrohten Arten schützen können. Die hauptsächlich durch die Landwirtschaft schwindenden Lebensräume müssen stärker geschützt werden. Einige Stimmen, wie beispielsweise der Verein „Hauptsache Waschbär e.V.“ fordern deswegen, den Waschbären wieder von der Liste der invasiven Arten zu streichen und zu lernen, sich stattdessen auch in Wohngebieten auf ihn einzustellen.
Bis dahin wird dazu beispielsweise in Berlin ein Pilotprojekt entworfen, bei dem die Auswirkung von Kastration/Sterilisation des Waschbären auf die Population untersucht werden soll und das damit auch dem Leidensweg vieler Waschbären durch Bejagung und Anfeindungen entgegenwirken soll. Vielleicht wäre es auch bei uns an der Domäne mal ein interessantes Projekt, sich mit den Nischen und Lebensräumen rund um den Kulturcampus auseinanderzusetzen?
Unser Nachbar, der Waschbär
Neben anderen Arten, wie der Taube oder Spatzen, hat sich auch der Waschbär seinen Lebensraum in der Stadt längst erkämpft – dabei gilt, je größer die Stadt, umso größer das Vorkommen von Wildtierarten. So versucht der gute Kletterer es eben auch von Zeit zu Zeit bei uns an der Domäne. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir zukünftig lernen, uns an diese Arten anzupassen, um die Waschbären und ein friedvolles Miteinander zu schützen. Dafür gibt beispielsweise das Umweltbundesamt Tipps. Durch schwere Steine oder Spanngurte um Mülltonnen kann zum Beispiel verhindert werden, dass Waschbären sich am Müll bedienen und ihn verteilen. Gitter am Schornstein und Blockierungen oder glatte Flächen um Regenrinnen, Bäume und andere Einstiegsmöglichkeiten können das Einnisten im Haus oder betroffenen Gebäuden erschweren. Durch das Ausfindig machen von Lücken im Gebäude oder Futterquellen, können Schäden eingedämmt werden. Ansonsten sollten Waschbären auf keinen Fall bewusst angefüttert werden und wie zu allen Wildtieren gilt, solltet ihr hier oder anderswo einem begegnen: Abstand halten und wohlwollend bleiben.
Gerade Letzteres fällt bei der sehr zwiespältigen Meinungskultur um invasive Arten, wie den Waschbären, manchmal schwer, aber einen kühlen Kopf zu bewahren und sich tiefergehend zu informieren, kann am Ende allen Parteien zu Gute kommen. Das Vorschnelle Urteil, das oft allein schon auf die Frage nach schädlichem Einfluss und ohne Rücksicht auf das Fehlen von wissenschaftlichen Belegen, folgt, führt gerade beim Waschbären zu vermeintlich ungerechtfertigt hohen Zahlen an legal gejagten Tieren – im Jahr 2019/20 laut „Deutscher Jagdverband“ etwa 202.000 – und einer mutmaßlich hohen Dunkelziffer an illegal und selbst getöteten Waschbären. Auch wenn die Schäden ärgerlich sein können, teilen wir uns nun einmal den gleichen Lebensraum.
Übrigens: wenn euch das Thema interessiert, habt ihr ja vielleicht sogar die Möglichkeit, euch künsterisch – praktisch im nächsten Sommersemester 2024 noch näher mit dem Thema auseinander zu setzen, das findet nämlich statt unter dem Motto „Alles im Fluss“… Schaut gerne mal vorbei: https://www.uni-hildesheim.de/kulturpraxis/alles-im-fluss/
Ein Beitrag von Lara Wollenberg, veröffentlicht am 10.03.2024
Quellen:
Projekt „Hauptsache Waschbär e.V.“: https://hauptsache-waschbaer.de/, 15.01.24
Forschungsprojekt „Projekt Waschbär“ im Müritz-Nationalpark: https://www.projekt-waschbaer.de/kurzbeschreibung-des-projektes/#c197, 11.01.24
Umweltbundesamt: https://www.umweltbundesamt.de/waschbaer#aussehen, 15.01.24
Deutscher Jagdverband: https://www.jagdverband.de/ein-baerig-guter-braten, 15.01.24
„Wildtierschutz Deutschland e.V.“: https://www.wildtierschutz-deutschland.de/single-post/oekologisch-sinnlose-jagd-auf-waschbaeren, 15.01.24
Merkblatt im Umgang mit dem Waschbären der Stadt Hildesheim: https://www.landkreishildesheim.de/index.php?object=tx,2829.3&ModID=6&FID=3008.250.1, 11.01.24
https://www.fuldainfo.de/waschbaeren-sind-wildtiere-vorsicht-vor-allzu-viel-naehe/, 15.01.24