Fußnoten der Geschichte
Ein Beitrag von Rebecca Fisch
Geschichtsschreibung ist objektiv. Oder? Zumindest gibt sie das oft vor. Wir lernen alle dasselbe im Geschichtsunterricht; was zum Allgemeinwissen gehört, ist ziemlich klar abgesteckt. Kolumbus, Novemberrevolution, Nazis, Wiedervereinigung.
Diesem Artikel liegt die Frage zu Grunde, was wir eigentlich nicht lernen. Welche Etappen und Ereignisse werden in der allgemeinen Erinnerung nicht erwähnt, ja ausgeblendet? Wessen Geschichte, wessen Perspektive wird vermittelt?
Dieser Zeitstrahl soll exemplarisch aufzeigen, wie ausschnitthaft und manchmal gar nicht objektiv Geschichte funktioniert. In schwarzer Schrift sind Ereignisse aufgelistet, die in Deutschland als wichtige Meilensteine gesehen werden. In rot dagegen solche, die nur wenig bekannt sind, zumindest in der breiten Öffentlichkeit. Der Fokus liegt auf der Kolonialgeschichte Deutschlands, woran sich auch der Zeitausschnitt orientiert. Post- und neokolonialistische Strukturen wurden nicht berücksichtigt. Jedoch soll die historische Kontinuität kolonialer Machtgefälle mit dem letzten Absatz zumindest angedeutet werden.
Natürlich kann und will diese Auflistung keinem Anspruch auf Vollständigkeit entsprechen. Die aufgelisteten Daten entspringen der subjektiven Auswahl der Autorin, und dienen als Mittel zum Zweck: Der Hinterfragung westlicher Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur.
„Entdeckung Amerikas durch Kolumbus“
gilt als Beginn der Neuzeit
1492
Beginn der spanischen Kolonisation Amerikas
Fugger, Welser: Europaweiter Handel, enorme soziale Leistungen
~ 1500
Fugger beteiligen sich über Gewürzhandel an der Kolonialisierung Indiens, schalten tradierte Handelsrouten aus, investieren in Kolonialflotte nach Ostindien.
1521
Bewohner*innen der Insel Mata-an wehren sich erfolgreich gegen die Missionierung und Kolonisation durch Magellan.
30-jähriger Krieg
1618-48
1683
Gründung der kurbrandenburgischen Kolonie „Groß Friedrichsburg“ in Westafrika
Aufklärung,
Französische Revolution
1789
Die „Werte der Aufklärung“ und die geforderten Rechte galten nicht universell, sondern exklusiv für weiße Männer.
ab 1791/ 1804
ab 1791 Haitianische Revolution: Sklavenaufstand in der französischen Kolonie Saint-Domingue, 1804 Unabhängigkeit
Wiener Kongress
1815
[/et_pb_col umn]Deutsche Revolution
1848
1856-68
Hamburger und Bremer Handelshäuser errichten Niederlassungen in Togo und Kamerun
Gründung Deutsches Reich
1870/71
1874
Erste Völkerschauen
1884/85
Deutsche Kolonialaggression in „Deutsch-Südwestafrika“, Togo, Kamerun, Marshallinseln und weiteren Gebieten
1904-08
Während und nach der Niederschlagung von Aufständen: Völkermord an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika
1905-07
Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika
Erster Weltkrieg
1914-18
Kampfhandlungen auch um deutsche Kolonialgebiete
Novemberrevolution,
Vertrag von Versailles
1919/20
Das ehemalige De utsche Reich muss „seine“ Kolonien abtreten.
Weimarer Republik
1919-33
Zur Besetzung des Rheinlandes setzte Frankreich Schwarze Soldaten aus den Kolonien ein, was als Demütigung des deutschen Reiches gesehen wurde.
Auf der deutschen Propaganda gegen diese Soldaten beruht zum Großteil das Feindbild des „Schwarzen Manns“.
NS-Regime, Zweiter Weltkrieg, Völkermord an Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja
ab 1933
1939-45
Im Kriegsverlauf kämpfen Hunderttausende zwangsrekrutierte Soldaten aus Kolonien auf der Seite der Alliierten.
Konrad Adenauer wird erster Bundeskanzler der BRD.
1949
Adenauer war Mitglied und zeitweise Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft; er sprach sich zum Beispiel 1927 öffentlich für die Aneignung von Kolonien aus.
Ein Beitrag von Rebecca Fisch