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Fanfiction, Quizzes, Zines – Über alternative, antikapitalistische Formen des Schreibens und Veröffentlichens 

  • 10. August 2026
  • Nilu Schmalz

Mein Schreiben passt hier nicht rein. 

Diesen Satz habe ich schon so oft gedacht, seitdem ich am Kulturcampus studiere. 

Ich schreibe, seitdem ich schreiben kann. Schreiben ist für mich ein sicherer Raum, eine eigene kleine Welt, in der ich meine Gefühle verarbeiten und mich mit meinen Träumen auseinandersetzen kann. Ich bin in sehr traumatischen Umständen groß geworden und für den Großteil meines Lebens war Schreiben das Einzige, worin ich mich zurückziehen konnte und was sich wirklich sicher angefühlt hat. Für mich war Schreiben immer mehr als Handwerk; mehr als zu versuchen, dass Sätze gut klingen oder Figuren schlüssig sind. Es war Überleben, Ausdruck, Träumen, echte Freude und Verletzlichkeit. 

Als ich in Hildesheim angefangen habe, Schreiben zu studieren, habe ich diese Freude für einen kleinen Moment verloren. Ich erinnere mich, wie ich in einem Seminar zu Raumgestaltung saß und mich gefragt habe: Ist mein Schreiben überhaupt gut genug? Plötzlich ging es in meinem Kopf nicht mehr darum, wie sich mein Schreiben für mich anfühlt, sondern wie gut es in dieses Seminar und diese Uni passt. Denn Schreiben am Literaturinstitut wird meistens in Form von sogenannter Hochliteratur gedacht und erwartet – und dazu abgegrenzte Unterhaltungsliteratur findet kaum Raum. 

Was als Hochliteratur – oder allgemein als Hochkultur – zählt, ist allerdings sehr eng mit klassistischen, kolonialen und patriarchalen Machtstrukturen verbunden. Es war eben sehr lange eine privilegierte, bürgerliche, weiße und männlich dominierte Elite, die darüber entschieden hat, welche Kunst mehr oder weniger wert ist; und die Kunst von BIPOC, Frauen, Queers und Arbeiter*innen wurde und wird systematisch abgewertet. Die Unterscheidung in Hoch- und Unterhaltungskultur reproduziert damit soziale Ungleichheit und Klassengrenzen und ist extrem westlich und eurozentrisch geprägt. 

Als queere Person of Color, die aus einem Hartz-IV-Haushalt kommt, hat mein Schreiben noch nie in “Hochliteratur” gepasst – und ehrlich gesagt will ich mittlerweile auch überhaupt nicht, dass es das tut. Mit diesem Artikel möchte ich gerne mehr Menschen dazu ermutigen, ihre eigenen individuellen Arten zu Schreiben und Veröffentlichen zu finden – unabhängig vom klassischen Literaturmarkt. 

Dieser Artikel widmet sich darum Formen des Schreibens, die in klassischen Literaturinstitutionen oft abgewertet werden; die außerhalb von Verlagsstrukturen stattfinden – und die sich damit kapitalistischer Logiken von Schreiben entziehen. Formen des Schreibens, die oft unkommerziell und für alle zugänglich sind, und die in Literaturgeschichte kaum Raum bekommen. 

Quizzes 

Quizzes funktionieren meistens so, dass es eine Ausgangsfrage gibt – beispielsweise, »Welche Farbe bist du?« oder »Welche meiner liebsten Metaphern beschreibt dich am besten?« – und darauf dann verschiedene Prompts folgen, zu denen es meistens verschiedene Antwortmöglichkeiten gibt und die dann am Ende basierend auf den ausgewählten Antworten ein Ergebnis ausspucken, das die Ausgangsfrage beantwortet. Hier gibt es ganz viel Raum, poetisch und philosophisch in die Tiefe zu gehen – beispielsweise im Ergebnis ganz viel dazu schreiben, was die jeweilige Farbe über die Person aussagt und wie sich das äußert. 

Allerdings kann es natürlich auch ganz anders funktionieren! Ich habe beispielsweise auch schon Quizzes gemacht, die keiner Frage folgen, sondern einfach nur einem Thema gewidmet sind oder wie ein Gedicht aufgebaut sind. 

Quizzes können nämlich im Grunde alles sein, was du möchtest. Für mich sind sie ein Weg, mich poetisch auszudrücken auf Weisen, die entweder sehr ähnlich zu klassischen Gedichten sind – oder auch ganz anders. Es ist für mich eine Möglichkeit, genauso zu schreiben, wie ich es gerade möchte, ohne dass ich mich an Regeln oder Vorgaben halten muss. 

Es gibt verschiedene Websites, auf denen Menschen Quizzes hochladen können. Meine Liebste ist https://uquiz.com/ , weil es dort auch die Möglichkeit gibt, das Layout der eigenen Quizzes selbst zu gestalten: mit Bildern, Schriftfarben und Hintergründen. 

Fanfiction 

Fanfiction sind nichtkommerzielle Texte, die Figuren, Schauplätze oder Handlungsstränge aus einem bereits bestehenden Werk verwenden. Es ist eine sehr viel niedrigschwelligere Form zu schreiben, die viel zugänglicher für viele Menschen sein kann – wer die meiste Zeit des Tages mit studieren, arbeiten oder chronisch krank sein beschäftigt ist, hat vielleicht nicht immer die Kapazitäten, mit dem eigenen Schreiben von Null zu beginnen und dann nimmt es Hürden, wenn mensch sich an bereits vorhandenen Welten bedienen kann. 

Außerdem beinhalten Fanfiction eine enorme Bedeutung für queere Repräsentation und als queerer Safer Space. In einer Zeit, in der Mainstream-Medien queere Menschen oft stereotypisierten, lächerlich machten, in Nebenrollen drängten, nur als Leidensfiguren zeichneten oder oder frühzeitig sterben ließen, war Fanfiction für viele queere Menschen lange Zeit eine von wenigen Möglichkeiten, ihre eigenen Identitäten positiv dargestellt zu sehen. Fanfiction bot und bietet die Möglichkeit, sich Figuren anzueignen, Geschichten zu “queeren” und die queerfeindlichen Narrative des Originalwerks umzuschreiben. Dies macht Fanfiction zu einer wichtigen queerfeministischen Praxis. 

Queere Repräsentation in Mainstream-Medien bessert sich gottseidank mittlerweile – dennoch muss ich sagen, dass ich die beste Repräsentation für meine eigenen Identitäten bis heute oft in Fanfiction finde. Das könnte daran liegen, dass es bei Fanfiction nicht darum geht, eine Story markttauglich zu machen (was bei verlegten Büchern leider immer der Fall ist) und sie auch nicht den Zwischenschritt durchläuft, durch und an ein nicht-queeres Publikum angepasst zu werden, sondern es stattdessen möglich ist, die eigene Perspektive und Lebenserfahrung so ehrlich wie möglich darzustellen. Queere Repräsentation in Fanfiction kommt aus der Community und ist für die Community. 

Auch hier gibt es verschiedene Plattformen – die größten drei sind Archive of Our Own (AO3), FanFiction.net und Wattpad. Ich persönlich veröffentliche und lese ausschließlich auf AO3, weil es die einzige Plattform ist, die wirklich zu 100 Prozent non-profit und fan-created ist (d.h. es wird keine Werbung geschalten, nichts ist hinter Paywalls, niemand verdient daran und die gesamte Website ist und wird von Fan-Communities selbst programmiert und aufrechterhalten). 

Zines 

Und nun zum Schluss meine liebste Weise von alternativem Schreiben und Veröffentlichen: Zines! 

Zines sind selbstgemachte, unabhängig publizierte Heftchen oder Hefte, die oft in kleiner Auflage kopiert und unabhängig von Verlagen veröffentlicht werden. Sie können wirklich jedes erdenkliche Thema behandeln und bestehen aus Text, Zeichnungen, Bildern und/oder Collagen. 

Historisch gesehen gaben (und geben) Zines marginalisierten Gemeinschaften die Chance zur Vernetzung und Expression und waren (und sind) ein Sprachrohr für Subkulturen. Aus diesem Grund haben Zines einen kulturellen Wert als greifbare Spuren marginalisierter Communities, von denen viele ansonsten kaum dokumentiert sind. 

Was ich an Zines so gerne mag, ist dass sie eine sehr zugängliche Form von politischem Aktivismus bieten können. So kann mensch sich beispielsweise mit einem bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Thema in Form eines Zines auseinandersetzen und dieses dann (in der Stadt oder im eigenen Umfeld) verbreiten. 

Natürlich können Zines aber auch rein literarisch sein – ich erstelle beispielsweise auch gerne Zines für meine Gedichte, weil ich finde, dass sie nochmal auf einer schöneren Weise zum Ausdruck kommen, wenn auch grafische Elemente dabei sind. 

Die Kraft des antikapitalistischen Schreibens 

Alle diese drei Formen zu Schreiben und Veröffentlichen, die ich vorgestellt habe, sind nicht-kommerziell – und damit meiner Meinung nach zutiefst antikapitalistisch. Es ist literarische Kunst, die außerhalb kapitalistischer Logiken von Wettbewerb und Profit existiert und die darin vielleicht freier ist als jene, die auf einem kommerziellen Markt stattfindet. 

Es sind Formen des Schreibens, die empowernd sind für Menschen, deren Literaturgeschmack immer als Unterhaltungsliteratur abgewertet wird; für Fan-Communities; für Menschen, die selbst schreiben, aber nicht die finanziellen oder zeitlichen Zugänge zum klassischen Veröffentlichen im Verlag haben; für von Klassismus betroffene Menschen und für queere Menschen, deren Schreiben oft in Subkulturen gedrängt wird. 

Und alle diese Formen des Schreibens zentrieren Community – Fanfiction ist eine Form des kollektiven Schreibens, Quizzes leben von aktiver Teilhabe und Zines tragen zu Community Building und Organizing bei, da sie sowohl in einem kollektiven Prozess hergestellt als auch verbreitet werden können. 

Wenn du also auch an einem Literaturinstitut studierst und dich immer mal wieder fragst, ob dein Schreiben überhaupt darein passt – vielleicht ist das nicht die Frage, die wichtig ist. Vielleicht ist viel bedeutender, wie sich dein Schreiben für dich anfühlt, was es dir gibt und bedeutet, was von deinen Lebensrealitäten und Träumen es transportiert und was du damit machen möchtest. Und es gibt so viele Weisen zu Schreiben und Veröffentlichen! Ich glaube ganz sehr für dich mit, dass du die, die zu dir passen, finden wirst – und dich dann in ihnen zuhause fühlst. 

Nilu Schmalz

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