Was meint eigentlich Fairer Handel?

 

 

Nach einem langen Bewerbungsprozess wurde die Uni Hildesheim in diesem Monat als “Fairtrade University” auszeichnet. In diesem Titel steckt nicht nur die rückblickende Anerkennung konkreter Campus-Maßnahmen sondern vielmehr auch der Wunsch, das Bewusstsein für Fairen Handel auch zukünftig in der Studierendenschaft zu stärken. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Konzept des Fairen Handels?

  

Erste Assoziation und gutes Beispiel: Kaffee. Für viele Menschen erfüllt dieser ein wichtiges Ritual am Morgen. Vor allem im Online-Semester kann der Koffeinkick dabei helfen, den Kreislauf trotz wegfallender Fahrradtouren zur Domäne in Schwung zu bringen, im Tag anzukommen und trotz unzähliger Monitor-Stunden einigermaßen aufmerksam zu bleiben. Im Schnitt konsumiert eine deutsche Person über den Tag verteilt insgesamt etwa 3,6 Tassen Kaffee.[1] Statistisch gesehen stammt davon allerdings nur jede zwanzigste Tasse, also nur 5% des konsumierten Kaffees, aus zertifiziert fairen Handelsbedingungen.[2] Und die anderen 95%? Unter welchen Arbeitsbedingungen entsteht konventionell gehandelter Kaffee? Auf dem Campus der Uni Hildesheim stellt sich diese Frage zum Glück nicht, da es den Kaffee genauso wie den Kakao oder Tee dort ausschließlich als 100%iges Fair Trade-Produkt zu kaufen gibt. Warum ist das (gut) so? Und was gibt’s eigentlich bei dem Vergleich zwischen Fair Trade und konventionellem Handel zu beachten? 

3,6 Tassen Kaffee am Tag
Der konventionelle (Kaffee-)Handel Gerade beim Beispiel Kaffee verdienen konventionelle Anbau- und Produktionsbedingungen eine große Portion Kritik: Denn auch wenn der Kaffee das beliebteste Heißgetränk der Welt ist, und damit eine der wichtigsten Handelswaren, geht Kaffeehandel oft mit der Ausbeutung von Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Produzent*innen in den Anbauländern einher. Der Weg von der gepflückten Kaffeekirsche in Kolumbien zur gerösteten Bohne im Café nebenan ist lang und mit einer enormen Wertsteigerung verbunden, deren Gewinne – surprise – nicht wirklich gleichmäßig zwischen Nord und Süd verteilt werden.[3] Die Kleinbäuerinnen und -bauern haben dabei trotz prekärer Arbeitsbedingungen nicht nur fürchterlich wenig Einfluss auf die Preisgestaltung, sondern stehen meist auch in direkter Abhängigkeit zu globalen (Weltmarkt-)Entwicklungen – schwankende Wechselkurse, Spekulationen auf den Finanzmärkten, klimabedingte Ernteausfälle und zuletzt auch drastische, coronabedingte Exportstopps wirken sich dabei seismografisch auf die Auszahlung ihrer Arbeit und damit die existenzielle Grundlage ganzer Familien aus.[4] 
Von der Kaffee-Ernte zum Cappuccino

“Fairer Handel”: Zum Prinzip der Handelsgerechtigkeit

Die globale Fair-Handels-Bewegung ist politisch motiviert entstanden und möchte diesen menschenrechtlichen Missständen der globalisierten Wirtschaftsordnung entgegenwirken und die Lebens- und Arbeitsbedingungen derer, die am Anfang der Lieferketten stehen, würdiger gestalten und finanziell stabilisieren. Denn faire Handelspraktiken beschreiben einen durch eine Organisation kontrollierten Handel, bei dem Produzent*innen für Ihre Produkte einen angemessenen, kostendeckenden Mindestpreis erhalten. So soll den Produzent*innen auch bei niedrigen Weltmarktpreisen ein verlässliches und vor allem gerechtes und existenzsicherndes Einkommen und Planungssicherheit garantiert werden. Um ihre wirtschaftliche Position zu stärken, werden dabei außerdem möglichst langfristige Handelspartnerschaften in transparenten Lieferketten angestrebt und oft genossenschaftliche Kooperative entwickelt.[5]  Indem Fairer Handel Werte wie Fairness, Gerechtigkeit, Respekt und Nachhaltigkeit für Mensch und Umwelt in den internationalen Handelsstrukturen zu integrieren versucht, begreift er Handel als Motor für Veränderung und Entwicklung: Weltweit profitieren mehr als 1,6 Millionen Produzent*innen von diesen Vereinbarungen des Fairen Handels[6], sowie bestenfalls auch ihre Nachbarschaften und die umliegende Natur. Denn bei der Herstellung der fair gehandelten Waren müssen oft auch bestimmte soziale und ökologische Kriterien eingehalten werden, wie u.a. das Verbot von Kinderarbeit, Diskriminierung oder schädlichen Pestiziden. Zudem gibt es bei einigen Organisationen auch ein Sozialprämien-System, dessen Erlöse in sozial, ökologisch oder ökonomisch nachhaltige Projekte, die beispielsweise den Bau von Schulen oder medizinischen Einrichtungen ermöglichen, investiert werden können.

 

Fair gehandelte Produkte: Fair Trade vs. Fairtrade

Zu den klassischen, fair gehandelten Produkten bzw. Mischprodukten zählen neben dem Kaffee auch der Kakao und die Schokolade zu den umsatzstärksten landwirtschaftlichen Waren – aber auch (Eis-)Tee, Säfte, Bananen, (Rohr-)Zucker, Gebäck, Eis, Nüsse, Honig, Trockenfrüchte, Reis, Gewürze, Schnittblumen, Wein, Sportbälle und Baumwollprodukte werden zunehmend fair gehandelt. Man kann sie an den unterschiedlichen Fair-Handels-Labeln erkennen. Dabei gilt es, eine wichtige, begriffliche Unterscheidung zu beachten: Die Bezeichnung “Fair Trade” meint allgemein aus dem Fairen Handel stammende Produkte, die von unterschiedlichen Siegelinitiativen kontrolliert und gekennzeichnet sein können, zB “GEPA fair+”, “Rapunzel Hand in Hand” oder “Naturland fair”. “Fairtrade” dagegen ist ein eingetragener Markenname für eines dieser Gütesiegel. Wichtig dabei ist zu wissen, dass die Standards der Siegelvergabe fair gehandelter Produkte nicht gesetzlich geregelt sind, sondern von Organisation zu Organisation unterschiedlich definiert, gehandhabt und überprüft werden. Hier kann man sich genauer über die einzelnen Siegel und ihre spezifischen Standards informieren. Faire Produkte sind mittlerweile in vielen Supermärkten und Bio-Käden erhältlich, in der Marienburger Höhe beispielsweise beim Edeka am Hauptcampus oder bei Terra Verde. Zudem sind Produkte aus Weltläden, wie zB El Puente in der Hildesheimer Innenstadt, auch ausreichend kontrolliert. 

Fair Trade Verhandlungen
Fairtrade als Initiator der Kampagne Fairtrade Universities Die “Fairtrade Labelling Organizations International” (FLO), in der Außendarstellung “Fairtrade international”, gilt als eines der bekanntesten Zertifizierungssyteme, das als internationale Dachorganisation 1997 gegründet wurde. Mitglieder davon sind die jeweils die nationalen Siegelinitiativen, so in Deutschland beispielsweise der 1992 gegründete, gemeinnützige Verein “TransFair”, dessen spezifische Vergabe-Krititeren hier nachgelesen werden können. Bekannt ist TransFair unter Verbaucher*innen in erster Linie über die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Fairer Handel. Dazu zählen unter anderem die Kampagnen “Fairtrade Towns”, “Fairtrade Schools” und “Fairtrade Universities”, in deren Rahmen sich Städte, Schulen und Universitäten durch ihr Engagement zertifizieren lassen können. Weitere Infos zu der Auszeichnung der Uni Hildesheim und der vom Green Office initiierten Themenwoche finden sich hier. Außerdem gibt es eine durch den Verein produzierte Podcast-Reihe, sowie eine Dokumentation, die den Zusammenhang zwischen Fairtrade und den Sustainable Development Goals thematisiert.
Fair Trade University

Kritik an Fair-Handels-Organisationen

Trotz des guten und wichtigen Konzepts gibt es gerade in Hinblick auf Umsetzungen auch kritische Stimmen: Der senegalesische Ökonom Ndongo Samba Sylla betont, dass die Zertifizierung sehr teuer sei und die Kleinproduzent*innen auch immer ein hohes, wirtschaftliches Risiko damit eingingen.[7] Oft ist für die Endverbraucher*innen nicht klar, wie sich der Preis zusammensetzt und wer in den Wertschöpfungsketten welchen Anteil am Mehrwert der verhältnismäßig teuren Produkte erhält. Ist immer fair drin, wo auch fair drauf steht? Kritisiert wird auch, dass es beispielsweise einige Veränderungen bei den Standards von Fairtrade gab: So wurde 2011 der Mindestanteil von fair gehandelten Zutaten in Mischprodukten, wie Keksen oder Eis, von 50% auf 20% herabgesenkt. Auch der sogenannte “Mengenausgleich”, der bei Produktgruppen entstehen kann, deren Rückverfolgbarkeit aufgrund produktionstechnischer Abläufe nicht immer möglich ist, lässt Transparenz vermissen. So kann es passieren, dass ein Produkt als fair gelabelt ist, tatsächlich aber nicht aus fair gehandelten Zutaten besteht. Infos dazu erhält man nur im Kleingedruckten, ohne konkrete Erläuterung des komplexen Sachverhalts. Diesen Fragen ging der französische Regisseur Donatien Lemaître in seiner Dokumentation “Fairer Handel auf dem Prüfstand” (2013)[8] nach. Seine Recherchen ergaben, dass das Fair-Handels-Konzept (zu diesem Zeitpunkt) auch als PR-Strategie von internationalen Großkonzernen genutzt wird, die damit zulasten der Kleinproduzent*innen greenwashing betreiben und ihr Image aufpolieren.

Fazit 

Deutlich wird, dass der Faire Handel ein komplexes, globales Themennetz umfasst, das aus Verbraucher*innen-Perspektive nicht immer leicht zu überblicken ist. Insbesondere die Vielfalt der kennzeichnenden Siegel und ihre spezifischen Standards, die keiner geschützten Gesetzmäßigkeit folgen, können zu Missverständnissen und Verwirrungen führen. Die Instrumente des Fairen Handels müssen damit vermutlich an einigen Stellen noch ausgereift werden, um tatsächlich als alternatives Wirtschaftsmodell gut zu funktionieren: “Der Faire Handel ist als Prozess zu sehen, der sich ständig weiterentwickeln muss”[9]. Auch die Preisdifferenz fair gehandelter Produkte im Vergleich zu konventionell gehandelten Produkten ist oft hoch, was in der Natur der Sache liegt – ob wir jedoch in der Lage sind, den Kaffee, den wir in der digitalen Lehre zu Hause anstatt in der Mensa trinken, auch fair gehandelt kaufen, bleibt, solange dieser gerade mal 1% des globalen Handels ausmacht,[10] trotz gutem Willen ganz klar auch eine finanzielle Frage. Tipps, wie man den Fairen Handel noch unterstützen kann, hat das Green Office der Uni hier in einem Video und hier in einem ausführlicheren Flyer zusammengestellt. Nichtsdestotrotz ist es grundsätzlich sehr gut und wichtig, dass es diese Siegel, die für die Wahrung der Menschenrechte sowie mehr Gerechtigkeit und Transparenz im globalen Handel einstehen, als Alternativen auf dem liberalisierten Markt gibt. Auch die Kampagnen, die dem Thema eine breitere Öffentlichkeit schenken und es diskutierbar machen, stärken das Bewusstsein für (Un-)Gerechtigkeiten in unserem Welthandel und sensiblisieren für einen informierteren Konsum. 

 

Quellen

[1] Vgl. https://www.tchibo.com/servlet/cb/1326428/data/-/Kaffeereport2020.pdf
[2] Vgl. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/fair-trade-markt-in-deutschland-zahlen-zum-fairen-handel
[3] Vgl. https://www.fluter.de/kaffeeanbau-arbeitsbedingungen
[4] Vgl. https://www.forum-fairer-handel.de/fileadmin/user_upload/dateien/jpk/jpk_2018/2018_aktuelle-entwicklungen_web.pdf
[5] Vgl. https://www.forum-fairer-handel.de/fairer-handel/definition/
[6] Vgl. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fairer-handel-zwoelf-euro-im-jahr-1.2987556
[7] Vgl. https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/kritik-an-fairtrade-wie-fair-ist-fairtrade-wirklich [8] Vgl. https://www.weltundhandel.de/hintergrund/details/article/kritik-am-fairen-handel.html
[9] Vgl. https://www.weltundhandel.de/hintergrund/details/article/kritik-am-fairen-handel.html
[10] Vgl. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/fair-trade-markt-in-deutschland-zahlen-zum-fairen-handel

20 % Fair Trade

Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski