Fahrradstadt Hildesheim!?

Das am meisten in Deutschland genutzte Verkehrsmittel ist ganz klar das Auto, das muss aber nicht so bleiben. Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein werden immer wichtiger im Alltag. Aus diesem Grund wird auch bei der Stadtplanung immer mehr Wert auf eine innovativere, nachhaltigere Infrastruktur gelegt. Entscheidend für eine Mobilitätswende ist ein besser ausgebauter Nahverkehr, sowie Fußgänger – und Radfahrerfreundliche Städte, zudem steigert eine auto- bzw. schadstofffreiere Umgebung die Lebensqualität vor Ort. Der Ausdruck Fahrradstadt hat sich in diesem Kontext zu einem Titel entwickelt, der für Attraktivität und Fortschritt steht. Wichtig für eine Fahrradstadt sind vor allem Faktoren wie Praktikabilität, Sicherheit auf dem Rad und Platz für Fahrradwege. 

Beispiele beliebter Fahradstädte

Hier findet ihr einige Beispiele für fahrradfreundliche Städte und solche, die an einem innovativen Konzept zur Verbesserung in diesem Bereich arbeiten.

Kopenhagen (Dänemark)

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Die dänische Hauptstadt ist ganz klar der Spitzenreiter unter den beliebtesten Fahrradstädten weltweit. Nach ihr ist auch der Copenhagenize-Index benannt, ein Ranking das jährlich aufgestellt wird um die fahrradfreundlichsten Städte des Jahres zu listen. Bewertungskriterien für das Ranking sind Dinge wie Sicherheit und Komfort beim Radfahren. Jedes Jahr gibt es neue, spannende Konzepte und Ideen um das Radfahren in den jeweiligen Städten attraktiver zu gestalten. 

Warum Kopenhagen immer wieder auf dem ersten Platz der Rangliste steht wird klar, wenn man die Stadt genauer betrachtet. Das Fahrrad ist hier das Hauptverkehrsmittel. Über die Hälfte der Einwohner*innen nutzt regelmäßig das Fahrrad als Fortbewegungsmittel im Stadtgebiet. Laut Umfragen fahren 65% mit dem Rad zur Schule, Uni oder Arbeit. 

Die Stadt verfügt über eine äußerst gut ausgebaute Infrastruktur, es gibt durchgängig abgetrennte Radwege entlang aller Hauptverkehrsstraßen, sechzehn Fahrradbrücken welche die Stadtteile untereinander verbinden (und schöne Aussichten z.B. auf das Hafenbecken von Kopenhagen bieten) sowie ein smartes Ampelsystem, bei dem Fahrradfahrer*innen priorisiert werden. So wird es erleichtert eine grüne Welle zu erwischen. Kopenhagen gilt als Paradebeispiel für innovative und nachhaltige Verkehrsplanung. 

Münster (Deutschland)

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Münster ist wohl der Klassiker unter den deutschen Fahrradstädten. Die Stadt verfügt über eine gute Infrastruktur, egal ob jung oder alt, alle schwingen sich hier gerne in den Sattel. Es gibt viele gut ausgeschilderte Radwege und auch die Fahrradmitnahme im Nahverkehr scheint gut zu funktionieren. Das Fahrrad, in Münster auch Leeze genannt, ist das dort meistgenutzte Verkehrsmittel, hier kommen über 500.000 Fahrräder auf 310.000 Einwohner*innen. Um die Innenstadt gibt es auch einen autofreien Ring auf dem man freie Fahrt mit dem Rad hat. 

Utrecht (Niederlande)

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Dass das Fahrrad in den Niederlanden ein äußerst beliebtes Verkehrsmittel ist dürfte kein Geheimnis sein, in Sachen Fahrradstadt werden die meisten bei den Niederlanden wohl aber zuerst an Amsterdam denken. Die niederländische Hauptstadt ist auch ein klarer Vorreiter in dieser Hinsicht, doch das mit seinen 350.000 Einwohnern*innen vergleichsweise kleine Utrecht, hat ein beachtliches Konkurrenzangebot zu bieten. Da wäre z.B. die Schipperbrug Brücke, eine reine Fußgänger – und Radfahrerbrücke. Sie verfügt über eine eigens für den Radverkehr eingerichtete Rampe die im Winter sogar beheizt wird um vor Glatteis zu schützen. Außerdem gibt es in der Stadt ein digitales System, das Radfahrer*innen Signale gibt das die Geschwindigkeit erhöht werden muss um eine grüne Welle zu erwischen. 

Freiburg (Deutschland)

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Freiburg ohne Fahrräder wäre wohl (übertrieben gesagt) sowie Paris ohne den Eifelturm, einfach nicht vorstellbar. Das Fahrradklima in der Unistadt im Schwarzwald wird als sehr positiv wahrgenommen, das Fahrrad zählt hier definitiv zu den Hauptverkehrsmitteln. Fast überall gibt es durchgängige, breite Fahrradstreifen über die man schnell und sicher ans Ziel gelangt. Empfehlenswert ist es auch mit dem Rad die Dreisam entlang zu fahren, oder sich die Weinberge runter rollen zu lassen.  

Melbourne (Australien)

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In Melbourne gibt es bereits ein gutes Netz für den Öffentlichen Nahverkehr, nun soll sich die Stadt auch in Sachen Radverkehr ändern. Geplant sind z.B. so genannte Smart Roads, die entsprechend ihres tatsächlichen Verkehrsaufkommens optimiert werden. So erhalten auf verschiedenen Straßenabschnitten bestimmte Verkehrsmittel eine höhere Priorität, in Geschäftsvierteln schalten die Fußgängerampeln schneller, Busse mit Verspätung haben länger grünes Licht oder Radfahrer*innen werden so bevorteilt, dass sie alternative Routen nehmen können, die sie schneller und sicherer ans Ziel bringen. Auch mehr Fahrradampeln und niedrigere Tempolimits auf Straßen mit viel Radverkehr sind geplant. 

Oldenburg (Deutschland)

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In Oldenburg fühlt man sich tatsächlich ein wenig wie in den nicht weit entfernten Niederlanden und auch das Hollandrad erfreut sich hier äußerster Beliebtheit. Egal ob Schüler*innen, Student*innen oder Rentner*innen, das Rad wird hier von allen gerne genutzt. Gerade auf kurzen Strecken im Alltag ist man damit häufig schneller unterwegs als mit anderen Verkehrsmitteln. Es gibt gut ausgebaute Radwege, schöne Abkürzungen durchs Grüne und insgesamt hat man hier ein sehr sicheres Fahrgefühl. 

 

Radeln in Hildesheim 

Ein klarer Vorteil von Hildesheim sind die kurzen Wege und auch die Innenstadt ist vielerorts gut zu erreichen. Gute Voraussetzungen für den Radverkehr. Außerdem gibt es in Hildesheim auch schöne grüne Flecken, beispielsweise an der Innersten, die geradezu zum Radeln einladen. Trotzdem, eine wahre Fahrradoase scheint Hildesheim noch nicht zu sein. Als Freizeitbeschäftigung am Wochenende wird zwar sicherlich die ein oder andere Fahrradtour unternommen und auch Universität und Hochschule werden wohl einige Fahrradbegeisterte in die Stadt schwemmen, doch trotzdem scheint der Hauptverkehrsanteil insbesondere im Alltag durch Autos und Nahverkehr bestimmt. Entscheidend für die Beliebtheit des Fahrrads im Stadtverkehr sind aber nicht allein Sportlichkeit und Motivation der Bürger*innen, sondern Faktoren wie Infrastruktur, Radverkehrsnetz, Sicherheit und Komfort beim Radfahren, aber auch der allgemeine Stellenwert des Fahrrads im Verkehr. Der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) führt regelmäßig so genannte Fahrradklimatests durch, die bundesweit die Fahrradfreundlichkeit in Städten und Gemeinden messen. Beim letzten Test 2018, erhielt Hildesheim hier die Note 4,3 (Bewertung in Schulnoten), damit liegt Hildesheim im Vergleich zu anderen Städten derselben Größenordnung auf Platz 30 von 41 Städten.  Für Verbesserungen im Bereich Radverkehr spielt natürlich auch das Engagement der Stadt Hildesheim eine entscheidende Rolle. Für den Radverkehr in Hildesheim stehen in der Regel jährlich 300.000€ des Haushaltes zur Verfügung, das sind bei ca. 100.000 Einwohner*innen gerademal 3€ pro Kopf, empfohlen werden eigentlich mindestens 8€. Ob sich an der Gesamtsituation etwas ändern wird ist fraglich. Auf alle Fälle gibt es von der Stadt Hildesheim ein Radverkehrskonzept 2025, welches in der Zukunft hoffentlich für Verbesserungen sorgen wird. 

Ein paar Fakten… 

Das läuft gut

Laut dem Fahrradklimatest gibt es in Hildesheim viele Einbahnstraßen die für Radfahrer*innen in beide Richtungen durchfahren werden dürfen. Auch die Ampelschaltung für Radfahrer*innen wurde als gut bewertet. Außerdem gibt es in der Stadt kaum Fahrraddiebstahl. Ein weiterer Pluspunkt sind die Fahrradabstellanlagen am Bahnhof, die ausreichend Platz und Schutz vor Regen bieten. 

Das läuft nicht so gut hier gibt es Verbesserungswünsche

Die Möglichkeiten Fahrräder einfach und preiswert in den öffentlichen Verkehrsmitteln mitzunehmen, sind eher begrenzt. Außerdem gibt es Kritik an den Radwegen in der Stadt, diese seien zu schmal, teilweise nicht besonders gut ausgebaut und würden zu selten gereinigt. Auch Bordsteinabsenkungen und Überquerungshilfen gibt es teilweise zu wenig.  

Häufig parken auch Autos auf den Geh – oder Radwegen, was zu umständlichen Ausweichmanövern, Verzögerungen und Unsicherheit führt. Keine gute Ausgangslage zum Fahrradfahren. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Fahrradklimatest. Insgesamt scheint es in Hildesheim Probleme unter anderem bei Baustellen zu geben, hier mangelt es an komfortablen, sicheren Umleitungen. Außerdem gibt es in Bereichen von Haltestellen, oder anderen Engpässen Konfliktpotential zwischen Fuß – und Radverkehr. Konkrete Verbesserungen wünschen sich viele Radfahrer*innen in den Bereichen Dammtor, Dammstraße, Schuhstraße, Hindenburgplatz und im Klingeltunnel. Außerdem sollte es mehr Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung zu Themen rund um den Radverkehr geben. 

Auch in Sachen Fahrradabstellanlagen gibt es Verbesserungsbedarf, insbesondere vor Märkten und Geschäften. 

Insgesamt wünschen sich viele Bürger*innen eine gleichberechtigte Radverkehrsführung gegenüber dem Kraftfahrzeugverkehr und auch mehr Sicherheit für Kinder. 

Ziele der Stadt

Im Radverkehrskonzept 2025 hat die Stadt einige Ziele formuliert, die sie gerne erreichen möchte. Ein übergeordnetes Ziel ist hier, dass bis 2025 18% aller von Bürger*innen zurückgelegter Wege, mit dem Fahrrad erfolgen sollen. Zum Vergleichsjahr 2007 bedeutet das eine Steigerung um 6%. Diese soll wenn möglich durch einen Wechsel von Kraftfahrzeug auf Fahrrad erbracht werden. So möchte die Stadt ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten und auch die Reduzierung von Lärm und Abgasen im Stadtgebiet bezwecken. Der Radverkehr soll sicher, schnell und komfortabel gestaltet werden. In den Bereichen Radverkehrsnetz, Strecken, Knotenpunkte, Infrastruktur und Service sowie Fahrradkultur besteht Handlungsbedarf der angegangen werden soll. Um die gesetzten Ziele zu erreichen benötigt die Stadt aber auch mehr politische, finanzielle und personelle Unterstützung in der Radverkehrsförderung. 

Motiviert bleiben

Ja es gibt Defizite im Hildesheimer Radverkehr, den Ruf einer Fahrradstadt im gleichen Sinne wie Kopenhagen, Münster oder Freiburg ihn haben, hat Hildesheim vielleicht nicht, aber man sollte ja auch nicht gleich größenwahnsinnig werden. An dieser Stelle könnte man vielleicht ein paar Weisheiten à la “es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen” oder “Was noch nicht ist kann ja noch werden” einfügen. Wichtig ist wohl vor Allem aber erstmal ein Bewusstsein für die Situation zu entwickeln und dann Schritt für Schritt daran zu arbeiten. Fundamental dafür wäre es wohl, nicht immer zu versuchen die Fahrradsituation in den Kraftfahrzeugverkehr integrieren zu wollen, sondern Wichtigkeit und Vorteil von Fuß – und Radverkehr anzuerkennen und diesen Platz zu verschaffen. 

meinungen der Bürger*innen

“Ich finde, dass es insgesamt zu wenig Fahrradwege in der Stadt gibt, bzw. zu viele Wechsel zwischen den Arten der Wege. Man muss ständig von Fahrradstreifen auf den Fußwegen auf die Straße wechseln und manchmal hören die Fahrradstreifen auch ganz plötzlich auf. Dadurch fühle ich mich oft echt unsicher, vor allem, wenn ich dann auf viel befahrenen Straßen wie der Schuhstraße oder Dammstraße fahren muss. Die Fahrradstreifen auf den Straßen finde ich ebenfalls nicht ideal, da ich immer Sorge habe, dass parkende Autofahrer*innen unachtsam die Tür öffnen könnten, wenn ich vorbeifahre. Verbessern könnte man das mit breiteren Gehwegen, auf denen es dann Fahrradstreifen gibt aber ich weiß nicht inwiefern sich das realisieren lässt.

Meinungen der Bürger*innen

“Dafür, dass Hildesheim eine kleine Stadt ist und man das Fahrrad hier sehr viel benutzt, finde ich es hier für Fahrräder leider nicht besonders gut ausgelegt. Mich stört, dass die Fahrradwege häufig im nichts enden und an manchen Stellen abgesenkte Bordsteine fehlen. Ich finde außerdem, dass man überall dort wo Kopfsteinpflaster ist, die Fußwege auch für Radfahrer*innen befahrbar machen sollte. Dort hatte ich immer wieder Konflikte mit Fußgänger*innen, da ich nicht auf dem Kopfsteinpflaster gefahren bin, sondern auf dem Bürgersteig. Gerade bei Regen ist das Kopfsteinpflaster aber häufig sehr rutschig, dass finde ich gefährlich. Positiv finde ich aber, dass die Fußgängerzone von 19 Uhr abends bis 11 Uhr morgens mit dem Fahrrad befahrbar ist, früher war es glaube ich nur bis 9 Uhr morgens. Damals konnte man morgens zur Arbeit dann nicht durch die Innenstadt fahren, ich bin froh das sich das geändert hat.

Meinungen der Büger*innen

” Zugegebenermaßen, ist es insgesamt schwierig, aus einer Stadt wie Oldenburg kommend, die Fahrradsituation in Hildesheim als gut anzusehen. Aber auch unvoreingenommen bewertet, ist zwar großes Potential da, breite Straßen, daher viel Möglichkeit, die reale Situation sieht allerdings eher dürftig aus. Es mangelt überhaupt an Radwegen, häufig muss die Straße ohne gekennzeichneten Bereich genutzt werden und vielerorts muss sich wenig Platz auch noch mit den Fußgänger*innen geteilt werden.  Große Radwege wo es möglich ist und Umgehungswege wo Kopfsteinpflaster oder kleine Straßen das entspannte Fahrradfahren verhindern, wären ein Muss in den nächsten Jahren, um eine Stadt zu schaffen, in der das Fahrrad als echte Alternative zum Auto gilt.

Radfahren ist…. 

 …gesund (wer radelt lebt bis zu sieben Jahre länger) 

…gut fürs Klima 

…günstig (gebraucht kriegt man einen Drahtesel teilweise sogar umsonst, häufig ist dann allerdings Bastelgeschick für kleine Reparaturen nötig) 

…vielseitig, man sieht mehr von der Umgebung und entdeckt neue Orte 

…kommunikativ, man nimmt viel aktiver am Stadtleben teil als wenn man sich hinter der Windschutzscheibe des Autos versteckt 

…autonom und flexibel, auf kurzen Strecken ist man häufig schneller als mit dem Auto oder Bus (keine nervige Parkplatzsuche oder Wartezeiten) 

 Und außerdem macht es einfach Spaß! Besonders wenn die Sonne scheint! 

Schon gewusst? 

 Für größere Besorgungen kann man sich in Hildesheim ein Lastenrad ausleihen, es kostet nichts, man muss sich nur dafür anmelden.

Außerdem gibt es seit kurzem nun eine öffentliche Fahrradreparaturstation vor der Arneken Galerie, dort kann man eigenständig das vorhandene Werkzeug nutzen oder auch einfach nur das Fahrrad aufpumpen. 

Schonmal etwas vom Stadtradeln gehört? Das ist ein Wettbewerb bei dem 21 Tage lang für alle möglichen Alltagswege das Fahrrad genutzt werden, und dabei möglichst viele Kilometer zurückgelegt werden sollen. Die Aktion soll zur Emissionssenkung und zum Umweltbewusstsein beitragen.