FACHFREMD

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

die kolchose

Es ist zwischen April und Juni 2020. Ich sitze seit gefühlten Monaten vor meinem Laptop und schaue Leuten beim Präsentieren, beim Diskutieren, beim Relevanzsuchen, Theaterstücken beim „Sich-Selbst-Wiederholen“, Artikeln beim Aktualitätsverfall und Social Media beim Endlos-Produzieren zu und ich werde immer müder. Bei jedem Sonnenstrahl, der durch das Fenster kreucht, zerreißt sich mein Wille aufgrund einer neugewonnenen Sehnsucht nach Natur. Mehr Natur, als mir unser süßer kleiner Spießgarten geben kann.
Es ist März 2020. Ich streife Tal und Berge der ach idyllischen Wetterau und im Angesicht meiner Langeweile bin ich angefixt. Toll dieses Grün und dieses eine Silo da und diese Ruhe. Es ist April 2020. Über Fernfunk plane ich meine Rückkehr nach Hildesheim mit einer unglaublich guten Idee zu begehen: Ich werde den ganzen Sommer Himbeeren pflücken! Endlich etwas Sinnvolles tun, nachdem ich ohnmächtig in wartendem Stillstand verharrte.

Der Ruf nach Gemeinschaft und in dieser mit anzupacken, kommt genau richtig

– sie meinen mich.
Kultur ist momentan eh nicht greifbar und in meiner Kammer irrelevant, nachdem ich zwei Monate Staub beim Setzen zugeguckt habe, aber Menschen fern werde. Solidarisch wenigstens mit Landwirt*innen in Existenznöten, wenn schon die Situation von Geflüchteten in Existenznöten an Europas Pforten keine Einmischung gewährt.

Spargelstechen scheint kein Problem, bis mich meine Eltern mit einem knackigen Satz darauf hinweisen, dass es anstrengend sei, sich in praller Sonne von morgens bis abends auf dem Boden gebückt körperlich zu betätigen. Die fehlende Euphorie meiner Eltern wundert mich, ich hätte wohl Rührung erwartet, weil ich in ihre Fußstapfen trete. Denn womit ich immer wieder aus weiter Distanz liebäugele, und was hundertprozentig zu meiner Verklärung einer potenziellen Feldarbeit beiträgt, sind die Studienjahre meiner Eltern in der Sowjetunion. Oder vielmehr: die Semesterferien in der Kolchose.

Es ist August 1983. Monatelange Ausflüge mit dem Jahrgang durch die ukrainische Landschaft, Kartoffeln ernten und in Apfelbäume klettern, das ist alles sehr abenteuerlich und abgesehen von der nicht für jeden geeigneten schweren Arbeit höre ich immer auch ein Romantisieren im Erinnern heraus. Baden im Fluss, abendliche Feierei – die guljanka – und folkloristische Lieder singen, kann man hierzulande auch als high-end Pfadfindercamp verkaufen.
Aus westlich-kapitalistischer Sicht ist es heute fast nicht vorstellbar, unentgeltlich für Andere zu „ackern“ (pardon), obwohl das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft sicher Ähnlichkeiten aufweist, wenn auch mit der entscheidenden Fußnote der Freiwilligkeit und einer unmittelbareren Verbraucherkette. Das Gefühl von Ausbeutung kam für meine Eltern trotzdem nie auf, weil es wie die Schulpflicht Normalität für sie war. Und es indirekte Gegenleistungen gab.

Bist du krank, sagt der Staat, I’ve got you,

bei der Miete in vielen Fällen auch. Studieren war kostenlos.

Junge Studis freuten sich geradezu auf die „Ferien“, auch weil das Essen in der Kolchose viel besser war als in der Mensa. Natürlich, dass Neuntklässler*innen Tages-Reisen ins Umland machen, um bei Matsch und Kälte im November Zuckerrüben einzusammeln, ist nicht ganz so romantisch. Dann hört man den Zusatz: Es musste halt gemacht werden. Wenn ein politisches System ein derartiges Aufgebot an Propaganda benötigt wie die Sowjetunion, ist es mit der Zerbrechlichkeit dieses Systems wohl auch nicht weit her, und Propaganda führt nicht automatisch zu einem kollektiven Solidaritätsbewusstsein, auch wenn ich es mir insgeheim so ausmale.

Der Sinn für das „Allgemeinwohl“ wurde nicht individuell geschärft, sondern eben vor allem durch politische Maßnahmen erzwungen.

 

Quasi eher Anordnung der autoritären Eltern, die es nicht zu hinterfragen gilt, als das man voller Überzeugung dahintersteht. Wer sich verweigerte, konnte unter Vorwand aus der Uni gekickt werden. Für meine Eltern war die Arbeit ok, weil sie jung und fit waren – Menschen, die sich entzogen, kannten sie keine.

Tolle Parallele, ist Nostalgie etwa der Grund, aus dem Menschen aus Osteuropa sich mit den schlechten Bedingungen abfinden, die für Saisonarbeitende gelten? Absolutely not, auch die Post-Sovs sind natürlich schon längst in der Verwertungsmaschinerie angekommen. Vielleicht kommen sie freiwillig nach Deutschland, aber natürlich sind auch sie in gewisser Weise ökonomisch gezwungen, diese Arbeit zu verrichten. Am Beispiel heutiger Saisonarbeiter*innen zeigt sich auch, wie unterschiedlich landwirtschaftliche Arbeit oder Arbeit im Allgemeinen in den Systemen aufgefasst wurde und wird.

Wenn meine Eltern zur Ernte gerufen wurden, gab es keine Unterschiede zwischen Studierenden, Wissenschaftler*innen oder Fabrikarbeiter*innen.

Alle, die körperlich in der Lage waren, waren gleichwertig beteiligt (so die Erzählung). Heute ist diese Tätigkeit nur für Menschen „gut genug“, die nicht ständig in Deutschland leben und damit nicht in dessen Verantwortungsbereich fallen. Und falls sich jemand fragt: Ja, Deutschland ist auch für sie verantwortlich. Verkürzte Darstellung, aber ich bin ja auch fachfremd.

Sicher, war nicht alles toll, ja, verkommen zur Diktatur, die Sowjetunion hatte viele Schwächen, heruntergebrochen wünsche ich mir auch eigentlich bloß Umstände, in denen Solidarität kapazitär im Bereich des Möglichen liegt.

Letztlich hat sich der Bauernhof nie bei mir gemeldet

und ich sitze doch vor meinen Online-Seminaren. Ein Riesenandrang muss auf den einzigen Bauernhof im Umkreis hereingestürzt sein, denn mir einzugestehen, dass lapprige Kulturwissenschafts-Studierende keine Arbeitskräfte von Interesse sind, fällt mir nicht ein.

Ein Beitrag von Mariam Nazaryan

Anm.: Im Zuge der aktuellen Lage wird die koloniale Geschichte der Versklavung schwarzer Personen diskursiv noch einmal präsenter, im Besonderen bei dem Stichwort „unentgeltliche Feldarbeit“. Diesen Aspekt hatte ich in der Konzeption nicht berücksichtigt, da ich biographisch andere Assoziationen mit diesen Wörtern verbinde und das Verklärungsmoment einer (landwirtschaftlichen) Solidarität mein thematischer Aufhänger war. Ich möchte betonen, dass Verklärung im Kontext der Sklaverei mehr als unangemessen ist.

Fachfremd

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden. 

 

Hammer und Ähre

die kolchose

Es ist zwischen April und Juni 2020. Ich sitze seit gefühlten Monaten vor meinem Laptop und schaue Leuten beim Präsentieren, beim Diskutieren, beim Relevanzsuchen, Theaterstücken beim „Sich-Selbst-Wiederholen“, Artikeln beim Aktualitätsverfall und Social Media beim Endlos-Produzieren zu und ich werde immer müder. Bei jedem Sonnenstrahl, der durch das Fenster kreucht, zerreißt sich mein Wille aufgrund einer neugewonnenen Sehnsucht nach Natur. Mehr Natur, als mir unser süßer kleiner Spießgarten geben kann.
Es ist März 2020. Ich streife Tal und Berge der ach idyllischen Wetterau und im Angesicht meiner Langeweile bin ich angefixt. Toll dieses Grün und dieses eine Silo da und diese Ruhe. Es ist April 2020. Über Fernfunk plane ich meine Rückkehr nach Hildesheim mit einer unglaublich guten Idee zu begehen: Ich werde den ganzen Sommer Himbeeren pflücken! Endlich etwas Sinnvolles tun, nachdem ich ohnmächtig in wartendem Stillstand verharrte.

Der Ruf nach Gemeinschaft und in dieser mit anzupacken, kommt genau richtig

– sie meinen mich.
Kultur ist momentan eh nicht greifbar und in meiner Kammer irrelevant, nachdem ich zwei Monate Staub beim Setzen zugeguckt habe, aber Menschen fern werde. Solidarisch wenigstens mit Landwirt*innen in Existenznöten, wenn schon die Situation von Geflüchteten in Existenznöten an Europas Pforten keine Einmischung gewährt. 

Spargelstechen scheint kein Problem, bis mich meine Eltern mit einem knackigen Satz darauf hinweisen, dass es anstrengend sei, sich in praller Sonne von morgens bis abends auf dem Boden gebückt körperlich zu betätigen. Die fehlende Euphorie meiner Eltern wundert mich, ich hätte wohl Rührung erwartet, weil ich in ihre Fußstapfen trete. Denn womit ich immer wieder aus weiter Distanz liebäugele, und was hundertprozentig zu meiner Verklärung einer potenziellen Feldarbeit beiträgt, sind die Studienjahre meiner Eltern in der Sowjetunion. Oder vielmehr: die Semesterferien in der Kolchose.

Es ist August 1983. Monatelange Ausflüge mit dem Jahrgang durch die ukrainische Landschaft, Kartoffeln ernten und in Apfelbäume klettern, das ist alles sehr abenteuerlich und abgesehen von der nicht für jeden geeigneten schweren Arbeit höre ich immer auch ein Romantisieren im Erinnern heraus. Baden im Fluss, abendliche Feierei – die guljanka – und folkloristische Lieder singen, kann man hierzulande auch als high-end Pfadfindercamp verkaufen.
Aus westlich-kapitalistischer Sicht ist es heute fast nicht vorstellbar, unentgeltlich für Andere zu „ackern“ (pardon), obwohl das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft sicher Ähnlichkeiten aufweist, wenn auch mit der entscheidenden Fußnote der Freiwilligkeit und einer unmittelbareren Verbraucherkette. Das Gefühl von Ausbeutung kam für meine Eltern trotzdem nie auf, weil es wie die Schulpflicht Normalität für sie war. Und es indirekte Gegenleistungen gab.

Bist du krank, sagt der Staat, I’ve got you,

bei der Miete in vielen Fällen auch. Studieren war kostenlos.

Junge Studis freuten sich geradezu auf die „Ferien“, auch weil das Essen in der Kolchose viel besser war als in der Mensa. Natürlich, dass Neuntklässler*innen Tages-Reisen ins Umland machen, um bei Matsch und Kälte im November Zuckerrüben einzusammeln, ist nicht ganz so romantisch. Dann hört man den Zusatz: Es musste halt gemacht werden. Wenn ein politisches System ein derartiges Aufgebot an Propaganda benötigt wie die Sowjetunion, ist es mit der Zerbrechlichkeit dieses Systems wohl auch nicht weit her, und Propaganda führt nicht automatisch zu einem kollektiven Solidaritätsbewusstsein, auch wenn ich es mir insgeheim so ausmale.

Der Sinn für das „Allgemeinwohl“ wurde nicht individuell geschärft, sondern eben vor allem durch politische Maßnahmen erzwungen.

 

Quasi eher Anordnung der autoritären Eltern, die es nicht zu hinterfragen gilt, als das man voller Überzeugung dahintersteht. Wer sich verweigerte, konnte unter Vorwand aus der Uni gekickt werden. Für meine Eltern war die Arbeit ok, weil sie jung und fit waren – Menschen, die sich entzogen, kannten sie keine.

Tolle Parallele, ist Nostalgie etwa der Grund, aus dem Menschen aus Osteuropa sich mit den schlechten Bedingungen abfinden, die für Saisonarbeitende gelten? Absolutely not, auch die Post-Sovs sind natürlich schon längst in der Verwertungsmaschinerie angekommen. Vielleicht kommen sie freiwillig nach Deutschland, aber natürlich sind auch sie in gewisser Weise ökonomisch gezwungen, diese Arbeit zu verrichten. Am Beispiel heutiger Saisonarbeiter*innen zeigt sich auch, wie unterschiedlich landwirtschaftliche Arbeit oder Arbeit im Allgemeinen in den Systemen aufgefasst wurde und wird.

Wenn meine Eltern zur Ernte gerufen wurden, gab es keine Unterschiede zwischen Studierenden, Wissenschaftler*innen oder Fabrikarbeiter*innen.

Alle, die körperlich in der Lage waren, waren gleichwertig beteiligt (so die Erzählung). Heute ist diese Tätigkeit nur für Menschen „gut genug“, die nicht ständig in Deutschland leben und damit nicht in dessen Verantwortungsbereich fallen. Und falls sich jemand fragt: Ja, Deutschland ist auch für sie verantwortlich. Verkürzte Darstellung, aber ich bin ja auch fachfremd.

Sicher, war nicht alles toll, ja, verkommen zur Diktatur, die Sowjetunion hatte viele Schwächen, heruntergebrochen wünsche ich mir auch eigentlich bloß Umstände, in denen Solidarität kapazitär im Bereich des Möglichen liegt.

Letztlich hat sich der Bauernhof nie bei mir gemeldet

und ich sitze doch vor meinen Online-Seminaren. Ein Riesenandrang muss auf den einzigen Bauernhof im Umkreis hereingestürzt sein, denn mir einzugestehen, dass lapprige Kulturwissenschafts-Studierende keine Arbeitskräfte von Interesse sind, fällt mir nicht ein.

Ein Beitrag von Mariam Nazaryan

Anm.: Im Zuge der aktuellen Lage wird die koloniale Geschichte der Versklavung schwarzer Personen diskursiv noch einmal präsenter, im Besonderen bei dem Stichwort „unentgeltliche Feldarbeit“. Diesen Aspekt hatte ich in der Konzeption nicht berücksichtigt, da ich biographisch andere Assoziationen mit diesen Wörtern verbinde und das Verklärungsmoment einer (landwirtschaftlichen) Solidarität mein thematischer Aufhänger war. Ich möchte betonen, dass Verklärung im Kontext der Sklaverei mehr als unangemessen ist.

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