FACHFREMD

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

esoterik

Wenn ich das Gespräch in einer (neuen) Runde auf Tarot lenke, heißt es viel eher Pokern.

 

Denn ähnlich wie mit Religion oder Politik kann man nie sicher sein, ob die vor einem stehenden Menschen diesem „Unfug“ wohlgesonnen sind oder nicht. Tarot zieht meist zwei Reaktionen nach sich: Faszination oder Verspottung. Eine Sparte, in der man meiner Erfahrung nach keine Bedenken haben muss, den eigenen Zeitvertreib zu outen, ist die Performance-Szene. (Stimmt, nicht so fachbereichsfern..) Ich möchte noch weiter gehen und behaupten, es bestehe eine mehr oder weniger versteckte Anziehung zwischen Queerfeminismus als solchem und Esoterik slash Astrologie slash Tarot.
Wenn meine These stimmt, muss man sich fragen: WARUM? Sind doch bestimmte Stereotype fester Bestandteil der Auslegungen und Struktur von Tarot und würden im alltäglichen Umgang von denselben Menschen krass verurteilt werden?

 

Der Ursprung des Tarot führt einigen Quellen zufolge ins französische Mittelalter. In den Karten und darauf abgebildeten Personen erkennt man höfische Figuren ebenjener Zeit wieder, Narren, Gaukler, Ritter, Pagen oder Könige. In neueren Deutungen kann der Page als Gegenspieler zum Ritter auch durch die Prinzessin ersetzt werden, um ein Gleichgewicht im binären Muster herzustellen – die Rangordnung des dem Ritter untergestellten Pagen bleibt dabei allerdings bestehen.

Sie alle (mehr männliche als weibliche Figuren) triefen vor Genderklischees.

Wie sind sie vereinbar mit dem Genderqueeren und dem Non-Binären?

Um zu verstehen, wovon hier die Rede ist, werde ich einige Karten im Detail vorstellen.

Fangen wir mit den beiden Figuren “Herrscher” und “Herrscherin” in ihrer binären Gegenüberstellung an. Sie gelten als gleichwertig, aber allein in ihrer Beschreibung haben harte Klischees sich unverfroren über Jahrhunderte hinweggesetzt

 

Der Herrscher

ist ein waschechter Patriarch – männlich, autoritär, durchsetzungsfähig, streng (aber trotzdem fair). Er ist allen übergeordnet und bildet das Gesetz selbst. Ein kampflustiger Kerl, Emotionen gelten für ihn als Kraftverschwendung. Weicher Kern vorhanden.

Die Herrscherin

ist würdevoll, aber kampfscheu. Als gebärfreudige Frau steht sie für die Dreiheit ‘Zeugung – Leben – Tod’. Bester Satz im großen Handbuch des Tarot:

Die Herrscherin spiegelt die versch. Leitbilder der Frau wider: die tugendhafte und sittenstrenge Gattin ebenso wie die alle Liebeskünste beherrschende Kurtisane, die liebende Mutter wie die emanzipierte Frau und noch viele andere gegensätzliche (!) Typen.

Aha, hier wurde im Prinzip der struggle einer femme néolibérale zusammengefasst und als Vorbild verkauft. Und natürlich ist sie als liebende Mutter auch noch hingebungsvoll – eine Versorgerin (bestimmt Enneagram-Typ 2). Wir wissen: Carearbeit ist weiblich. … Der Patriarch muss seine Kraft ja anderweitig erschöpfen.

Was ganz schön ist: In der neueren Version hat die Herrscherin das Schutzschild weggelegt, vielleicht braucht sie es also nicht mehr? (Oder sie hat aufgegeben.)

Die Hohepriesterin

interessant ist hier, dass sie als Vertreterin des Matriarchats logisch denkt, sich aber schlussendlich auf ihre Intuition verlässt. Das Weibliche verkörpernd steht sie für das Gute und Schöne.

Die Liebenden

 

heteronormativity at its best? Hier sieht man Weiblein und Männlein betitelt als die Liebenden. Schonmal etwas outdatet. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man dann noch die paradiesische Schlange im Hintergrund der weiblichen Person, klarer Fall von Schuldzuweisung. Der brennende Strauch im Hintergrund des Mannes steht für seine tollen Samen. Die beiden Geschlechter stehen als entgegengesetzte Pole nebeneinander, ein Berg trennt sie. Schwierig, sie hier als Spektrum zu lesen.

Aber nicht nur die Figuren sind genderkonform und folgen einem binären  System, denn sie allein verkörpern ja nur Eigenschaften. Man könnte sie also auf diese reduzieren und in situative Kontexte übertragen. Allerdings kann auch die Praxis von Tarot-Meister*innen dahingehend eingeschränkt sein. So wird in bestimmten Legesystemen eine Karte als Personenkarte identifiziert, die Tarot-Meister*in sucht also aus den gelegten Karten eine aus, die am meisten Ähnlichkeit mit der Fragesteller*in aufweist.

Die Identifikationsfigur ist dabei selten außerhalb der äußeren Geschlechtsmerkmale der Fragesteller*in gedacht.
Vielleicht ist das nur bei unerfahrenen Kartenleger*innen der Fall, und sicher werden die Praktiken in vielen Fällen genderkritisch hinterfragt.

Wenn Tarot aber so veraltete Bilder bedient, wie kommt die Verbindung zum Queerfeminismus auf? Meiner Ansicht nach kann es, ob bewusst oder nicht, als Reclaiming durch Praxis von als heteronormativ schwach geltenden Eigenschaften wie Intuition, Mystik oder Emotion gesehen werden. Keineswegs rational erklärbar – was sich trifft, denn Vernunft ist klassischerweise männlich konnotiert. Eine weitere Antwort ist wohl auch zu finden in den spirituellen Praktiken und Religionen, die sich einer eurozentristischen Denkweise und gängigen kulturellen Praxis entziehen. Als Alternative zu Strukturen, die im globalen Norden fest verankert sind, könnte das ein subversives Moment darstellen.

Um Abhilfe zu schaffen bei der Frage, ob man nach Lesen des Artikels auf der Seite der Faszinierten oder der Spottenden stehen sollte: das Aufkommen von Tarot zog durch die Furcht der Kleriker* vor dem „gottlosen Spiel“ Hetzjagd und Verbote (#Inquisition) nach sich. Da Verbot aber meist die entgegengesetzte Wirkung hat, führte es vielmehr zu einer Hochphase des Tarot.

Wer dem Spirituellen also ablehnend gegenübersteht, sollte sich überlegen, ob es nicht vielleicht taktisch klüger wäre, sich wenigstens einmal darauf einzulassen. Ich biete mich für eine Kartenlegung an, natürlich hoch kritisch!

Ein Beitrag von Mariam Nazaryan

Fachfremd

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

esoterik

 

 

Wenn ich das Gespräch in einer (neuen) Runde auf Tarot lenke, heißt es viel eher Pokern.

 

Denn ähnlich wie mit Religion oder Politik kann man nie sicher sein, ob die vor einem stehenden Menschen diesem „Unfug“ wohlgesonnen sind oder nicht. Tarot zieht meist zwei Reaktionen nach sich: Faszination oder Verspottung. Eine Sparte, in der man meiner Erfahrung nach keine Bedenken haben muss, den eigenen Zeitvertreib zu outen, ist die Performance-Szene. (Stimmt, nicht so fachbereichsfern..) Ich möchte noch weiter gehen und behaupten, es bestehe eine mehr oder weniger versteckte Anziehung zwischen Queerfeminismus als solchem und Esoterik slash Astrologie slash Tarot.
Wenn meine These stimmt, muss man sich fragen: WARUM? Sind doch bestimmte Stereotype fester Bestandteil der Auslegungen und Struktur von Tarot und würden im alltäglichen Umgang von denselben Menschen krass verurteilt werden?

 

Der Ursprung des Tarot führt einigen Quellen zufolge ins französische Mittelalter. In den Karten und darauf abgebildeten Personen erkennt man höfische Figuren ebenjener Zeit wieder, Narren, Gaukler, Ritter, Pagen oder Könige. In neueren Deutungen kann der Page als Gegenspieler zum Ritter auch durch die Prinzessin ersetzt werden, um ein Gleichgewicht im binären Muster herzustellen – die Rangordnung des dem Ritter untergestellten Pagen bleibt dabei allerdings bestehen.

 

Sie alle (mehr männliche als weibliche Figuren) triefen vor Genderklischees.

Wie sind sie vereinbar mit dem Genderqueeren und dem Non-Binären?

 

Um zu verstehen, wovon hier die Rede ist, werde ich einige Karten im Detail vorstellen.

 

Fangen wir mit den beiden Figuren “Herrscher” und “Herrscherin” in ihrer binären Gegenüberstellung an. Sie gelten als gleichwertig, aber allein in ihrer Beschreibung haben harte Klischees sich unverfroren über Jahrhunderte hinweggesetzt

 

Der Herrscher

 

ist ein waschechter Patriarch – männlich, autoritär, durchsetzungsfähig, streng (aber trotzdem fair). Er ist allen übergeordnet und bildet das Gesetz selbst. Ein kampflustiger Kerl, Emotionen gelten für ihn als Kraftverschwendung. Weicher Kern vorhanden.

 

Die Herrscherin

 

ist würdevoll, aber kampfscheu. Als gebärfreudige Frau steht sie für die Dreiheit ‘Zeugung – Leben – Tod’. Bester Satz im großen Handbuch des Tarot:

 

Die Herrscherin spiegelt die versch. Leitbilder der Frau wider: die tugendhafte und sittenstrenge Gattin ebenso wie die alle Liebeskünste beherrschende Kurtisane, die liebende Mutter wie die emanzipierte Frau und noch viele andere gegensätzliche (!) Typen.

 

Aha, hier wurde im Prinzip der struggle einer femme néolibérale zusammengefasst und als Vorbild verkauft. Und natürlich ist sie als liebende Mutter auch noch hingebungsvoll – eine Versorgerin (bestimmt Enneagram-Typ 2). Wir wissen: Carearbeit ist weiblich. … Der Patriarch muss seine Kraft ja anderweitig erschöpfen.

 

Was ganz schön ist: In der neueren Version hat die Herrscherin das Schutzschild weggelegt, vielleicht braucht sie es also nicht mehr? (Oder sie hat aufgegeben.)

 

Die Hohepriesterin

 

interessant ist hier, dass sie als Vertreterin des Matriarchats logisch denkt, sich aber schlussendlich auf ihre Intuition verlässt. Das Weibliche verkörpernd steht sie für das Gute und Schöne.

 

Die Liebenden

 

heteronormativity at its best? Hier sieht man Weiblein und Männlein betitelt als die Liebenden. Schonmal etwas outdatet. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man dann noch die paradiesische Schlange im Hintergrund der weiblichen Person, klarer Fall von Schuldzuweisung. Der brennende Strauch im Hintergrund des Mannes steht für seine tollen Samen. Die beiden Geschlechter stehen als entgegengesetzte Pole nebeneinander, ein Berg trennt sie. Schwierig, sie hier als Spektrum zu lesen.

 

Aber nicht nur die Figuren sind genderkonform und folgen einem binären  System, denn sie allein verkörpern ja nur Eigenschaften. Man könnte sie also auf diese reduzieren und in situative Kontexte übertragen. Allerdings kann auch die Praxis von Tarot-Meister*innen dahingehend eingeschränkt sein. So wird in bestimmten Legesystemen eine Karte als Personenkarte identifiziert, die Tarot-Meister*in sucht also aus den gelegten Karten eine aus, die am meisten Ähnlichkeit mit der Fragesteller*in aufweist.

Die Identifikationsfigur ist dabei selten außerhalb der äußeren Geschlechtsmerkmale der Fragesteller*in gedacht.
Vielleicht ist das nur bei unerfahrenen Kartenleger*innen der Fall, und sicher werden die Praktiken in vielen Fällen genderkritisch hinterfragt.

Wenn Tarot aber so veraltete Bilder bedient, wie kommt die Verbindung zum Queerfeminismus auf? Meiner Ansicht nach kann es, ob bewusst oder nicht, als Reclaiming durch Praxis von als heteronormativ schwach geltenden Eigenschaften wie Intuition, Mystik oder Emotion gesehen werden. Keineswegs rational erklärbar – was sich trifft, denn Vernunft ist klassischerweise männlich konnotiert. Eine weitere Antwort ist wohl auch zu finden in den spirituellen Praktiken und Religionen, die sich einer eurozentristischen Denkweise und gängigen kulturellen Praxis entziehen. Als Alternative zu Strukturen, die im globalen Norden fest verankert sind, könnte das ein subversives Moment darstellen.

Um Abhilfe zu schaffen bei der Frage, ob man nach Lesen des Artikels auf der Seite der Faszinierten oder der Spottenden stehen sollte: das Aufkommen von Tarot zog durch die Furcht der Kleriker* vor dem „gottlosen Spiel“ Hetzjagd und Verbote (#Inquisition) nach sich. Da Verbot aber meist die entgegengesetzte Wirkung hat, führte es vielmehr zu einer Hochphase des Tarot.

Wer dem Spirituellen also ablehnend gegenübersteht, sollte sich überlegen, ob es nicht vielleicht taktisch klüger wäre, sich wenigstens einmal darauf einzulassen. Ich biete mich für eine Kartenlegung an, natürlich hoch kritisch!

Ein Beitrag von Mariam Nazaryan