FACHFREMD

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

arachnologie

Es klingt wohl ein bisschen wahllos, aber seit Aufführungen abgesagt, Proben unmöglich und Studieren im virtuellen Raum unattraktiv auf mich erscheint, beschäftige ich mich mit den Dingen, die die Welt noch so bereithält. Abgestumpft von digitalen Substituten der leiblichen Kopräsenz und in Puncto Social Distancing einsichtig habe ich so manchen einsamen Streifzug durch Enzyklopädien der Tiere und Naturführer vollführt. Da geht’s rund, man liest von Libelloiden und deren Bastalzellen und einmal mehr durchfährt mich da markerschütternd der Zweifel am Stellenwert meiner eigenen fachlichen Ausbildung.

Mich zieht’s in die Fachfremde, mein Glück zu suchen. Wenigstens mal kurz.

Heute: Arachnologie.

Der mir vorliegende „Steinbachs Naturführer“ von 1984 eignet sich sehr gut für uninformierte Gelegenheitsarachnolog*innen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne wie mich: Rechts sind effekthascherisch Spinnen abgebildet, links daneben ein Abriss über ihre Charakteristika, aufgeteilt in Merkmale, Lebensraum, Verbreitung, Häufigkeit, Nahrung, Fortpflanzung, Allgemeines.

Mich interessiert das Sozialverhalten dieser Tiere, ist doch der pandemiebedingte Eiertanz um soziale Kontakte allgegenwärtig.

Einige Spinnentiere scheinen mir ja Profis im Social Distancing zu sein: Wenn sie ihre Artgenossen nach dem Geschlechtsakt nicht aufessen, halten sie sich wenigstens so gut es geht von ihnen fern.

Artgenossen – also der inner circle in der biologischen Systematik. Art gleich Spezies. Dem übergeordnet ist die Gattung, die mehrere eng verwandte Arten umfassen kann. Darüber wiederum ist die Familie, die auch entferntere Ähnlichkeiten umfasst, dann folgen Ordnung, Klasse, Stamm, Reich, Domäne (!) und Lebewesen. Widmen wir uns den Spinnentieren. Eine Klasse im Stamm der Gliederfüßer (zu denen auch Krebse und Insekten gehören und überhaupt rund 80 Prozent aller Tiere dieser Erde).

Mit Klassenkamerad*innen wie Skorpionen und Milben.

Die bekannteste Ordnung der Spinnentiere sind die Webspinnen, die in Sachen Abstandsregeln wie gesagt eine Eins vor dem Komma verdienen.

Steinbachs griffige Telegrammdiktat-Hauptsätze wie „Verpaarung in Blüten. Eiablage im Herbst. Ei überwintert“ lassen erahnen, mit welcher Emotionsarmut so ein Aufeinandertreffen beispielsweise zweier Veränderlicher Krabbenspinnen vonstattengeht. Oder der Wandkanker (an alle Klugscheißer*innen: Genau, Wandkanker sind Weberknechte und damit als „keine richtigen Spinnen“ verschrien, sie bilden ihre eigene Ordnung. Aber sie gehören sehr wohl der Klasse der Spinnentiere an.):

„Paarung erfolgt durch die Abgabe eines Samenpakets“.

Kontaktlos etwa? Vorbildlich. Bei der Streckerspinne fehlt der Abschnitt „Fortpflanzung“ gänzlich. Na bitte. Covid hätte keine Chance.

Bei anderen Arten, so räumt Steinbach ein, „verläuft [die Begattung] höchst kompliziert“. Nämlich so: „Zunächst füllt das Männchen den Endabschnitt des vordersten Beinpaars mit seinem Samen. Dazu spinnt es ein kleines „Spermanetz“, auf das es einen Samentropfen ablegt, der sodann von den Pedipalpen aufgenommen wird. […] Bei der Paarung schiebt das Männchen seine Samentasche in die weibliche Geschlechtsöffnung. Ein hochkomplizierter Bau nach dem Schloß-und-Schlüssel-Prinzip verhindert, daß verschiedene Arten zu erfolgreicher Verpaarung gelangen.“.

So machens die Sackspinnen.

(Ich weiß nicht, was Pedipalpen sind. Ich weiß auch nicht, was ein „Kerf“ ist – anscheinend ein beliebter Zustand von Spinnentieren. Von der Wasserspinne beispielsweise: „Überwinterung als Vollkerf“. Ich verlier mich jetzt mal absichtlich nicht in Wikipedialinks – das kannst du schon selbst nachschlagen, geneigte*r Leser*in.)

So technisch-kühl, wie die Sackspinnenfortpflanzung hier hindoziert wird, da wird’s einem*einer ja ganz trüb ums Herz.

Es tut dann doch gut zu lesen, dass hie und da Praktiken wie Balztänze vollzogen oder rührende Liebesbeweise erbracht werden:

„Um während der Paarung nicht aufgefressen zu werden, „beruhigt“ das [Raubspinnen-]Männchen das Weibchen mit einem Brautgeschenk, eine in Spinnfäden eingehüllte Fliege. Während sich das Weibchen nach der streng ritualisierten Übergabe mit der Fliege befaßt, kopuliert das Männchen.“

Das Verspeisen des Männchen nach der Kopulation hat unter den genannten Arten übrigens nichts Politisches an sich – es dient der Nährstoffaufnahme des Weibchens zur Eiproduktion.

No-Waste-Nachwuchs quasi. Praktisch!

Oder aber es handelt sich einfach bloß um ein dummes Versehen, dem die Grasgrüne Huschspinne taktisch zuvorkommen muss: „Mit vorsichtigen Tastbewegungen nähern sich die kleineren Männchen den Weibchen und teilen ihnen durch bestimmte Verhaltensweisen mit, daß es sich bei ihnen nicht um Beuteobjekte handelt. Für solche, auf einfache Auslöser reagierende Spinnentiere stellt die Paarung stets ein ziemliches Problem dar.“ Das kann man so sagen.

Tja. Nu sitz ich da – Vertreterin der Art Mensch, Gattung Homo, Ordnung Primaten, Klasse Säugetiere, Stamm Homini, Gattung Homo, Familie Menschenaffen, Domäne Marienburg – eingesogen in die so faszinierenden wie belustigenden Machenschaften dieser kleinen Lebewesen weit außerhalb meiner Bubble.

Ich hab sie und ihre ulkigen Eigenarten lieb gewonnen; ich grüße sie immer, wenn wir einander im Haus oder draußen begegnen.

Und ich bin über diesen Exkurs mit meiner fachlichen Ausbildung versöhnt. Die schenken einander halt eingewickelte Fliegen und ich spreche mit ner Kartoffel im Mund Theatertexte vor Publikum.

Texte und Bilder von Eva Bode

Fachfremd

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

Fachfremd: Arachnologie

arachnologie

Es klingt wohl ein bisschen wahllos, aber seit Aufführungen abgesagt, Proben unmöglich und Studieren im virtuellen Raum unattraktiv auf mich erscheint, beschäftige ich mich mit den Dingen, die die Welt noch so bereithält. Abgestumpft von digitalen Substituten der leiblichen Kopräsenz und in Puncto Social Distancing einsichtig habe ich so manchen einsamen Streifzug durch Enzyklopädien der Tiere und Naturführer vollführt. Da geht’s rund, man liest von Libelloiden und deren Bastalzellen und einmal mehr durchfährt mich da markerschütternd der Zweifel am Stellenwert meiner eigenen fachlichen Ausbildung.

Mich zieht’s in die Fachfremde, mein Glück zu suchen. Wenigstens mal kurz.

Heute: Arachnologie.

Der mir vorliegende „Steinbachs Naturführer“ von 1984 eignet sich sehr gut für uninformierte Gelegenheitsarachnolog*innen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne wie mich: Rechts sind effekthascherisch Spinnen abgebildet, links daneben ein Abriss über ihre Charakteristika, aufgeteilt in Merkmale, Lebensraum, Verbreitung, Häufigkeit, Nahrung, Fortpflanzung, Allgemeines.

Mich interessiert das Sozialverhalten dieser Tiere, ist doch der pandemiebedingte Eiertanz um soziale Kontakte allgegenwärtig.

Einige Spinnentiere scheinen mir ja Profis im Social Distancing zu sein: Wenn sie ihre Artgenossen nach dem Geschlechtsakt nicht aufessen, halten sie sich wenigstens so gut es geht von ihnen fern.

Artgenossen – also der inner circle in der biologischen Systematik. Art gleich Spezies. Dem übergeordnet ist die Gattung, die mehrere eng verwandte Arten umfassen kann. Darüber wiederum ist die Familie, die auch entferntere Ähnlichkeiten umfasst, dann folgen Ordnung, Klasse, Stamm, Reich, Domäne (!) und Lebewesen. Widmen wir uns den Spinnentieren. Eine Klasse im Stamm der Gliederfüßer (zu denen auch Krebse und Insekten gehören und überhaupt rund 80 Prozent aller Tiere dieser Erde).

Mit Klassenkamerad*innen wie Skorpionen und Milben.

Die bekannteste Ordnung der Spinnentiere sind die Webspinnen, die in Sachen Abstandsregeln wie gesagt eine Eins vor dem Komma verdienen.

 

Steinbachs griffige Telegrammdiktat-Hauptsätze wie „Verpaarung in Blüten. Eiablage im Herbst. Ei überwintert“ lassen erahnen, mit welcher Emotionsarmut so ein Aufeinandertreffen beispielsweise zweier Veränderlicher Krabbenspinnen vonstattengeht. Oder der Wandkanker (an alle Klugscheißer*innen: Genau, Wandkanker sind Weberknechte und damit als „keine richtigen Spinnen“ verschrien, sie bilden ihre eigene Ordnung. Aber sie gehören sehr wohl der Klasse der Spinnentiere an.):

„Paarung erfolgt durch die Abgabe eines Samenpakets“.

Kontaktlos etwa? Vorbildlich. Bei der Streckerspinne fehlt der Abschnitt „Fortpflanzung“ gänzlich. Na bitte. Covid hätte keine Chance.

Bei anderen Arten, so räumt Steinbach ein, „verläuft [die Begattung] höchst kompliziert“. Nämlich so: „Zunächst füllt das Männchen den Endabschnitt des vordersten Beinpaars mit seinem Samen. Dazu spinnt es ein kleines „Spermanetz“, auf das es einen Samentropfen ablegt, der sodann von den Pedipalpen aufgenommen wird. […] Bei der Paarung schiebt das Männchen seine Samentasche in die weibliche Geschlechtsöffnung. Ein hochkomplizierter Bau nach dem Schloß-und-Schlüssel-Prinzip verhindert, daß verschiedene Arten zu erfolgreicher Verpaarung gelangen.“.

So machens die Sackspinnen.

(Ich weiß nicht, was Pedipalpen sind. Ich weiß auch nicht, was ein „Kerf“ ist – anscheinend ein beliebter Zustand von Spinnentieren. Von der Wasserspinne beispielsweise: „Überwinterung als Vollkerf“. Ich verlier mich jetzt mal absichtlich nicht in Wikipedialinks – das kannst du schon selbst nachschlagen, geneigte*r Leser*in.)

So technisch-kühl, wie die Sackspinnenfortpflanzung hier hindoziert wird, da wird’s einem*einer ja ganz trüb ums Herz.

Es tut dann doch gut zu lesen, dass hie und da Praktiken wie Balztänze vollzogen oder rührende Liebesbeweise erbracht werden:

„Um während der Paarung nicht aufgefressen zu werden, „beruhigt“ das [Raubspinnen-]Männchen das Weibchen mit einem Brautgeschenk, eine in Spinnfäden eingehüllte Fliege. Während sich das Weibchen nach der streng ritualisierten Übergabe mit der Fliege befaßt, kopuliert das Männchen.“

Das Verspeisen des Männchen nach der Kopulation hat unter den genannten Arten übrigens nichts Politisches an sich – es dient der Nährstoffaufnahme des Weibchens zur Eiproduktion.

No-Waste-Nachwuchs quasi. Praktisch!

Oder aber es handelt sich einfach bloß um ein dummes Versehen, dem die Grasgrüne Huschspinne taktisch zuvorkommen muss: „Mit vorsichtigen Tastbewegungen nähern sich die kleineren Männchen den Weibchen und teilen ihnen durch bestimmte Verhaltensweisen mit, daß es sich bei ihnen nicht um Beuteobjekte handelt. Für solche, auf einfache Auslöser reagierende Spinnentiere stellt die Paarung stets ein ziemliches Problem dar.“ Das kann man so sagen.

Tja. Nu sitz ich da – Vertreterin der Art Mensch, Gattung Homo, Ordnung Primaten, Klasse Säugetiere, Stamm Homini, Gattung Homo, Familie Menschenaffen, Domäne Marienburg – eingesogen in die so faszinierenden wie belustigenden Machenschaften dieser kleinen Lebewesen weit außerhalb meiner Bubble.

Ich hab sie und ihre ulkigen Eigenarten lieb gewonnen; ich grüße sie immer, wenn wir einander im Haus oder draußen begegnen.

Und ich bin über diesen Exkurs mit meiner fachlichen Ausbildung versöhnt. Die schenken einander halt eingewickelte Fliegen und ich spreche mit ner Kartoffel im Mund Theatertexte vor Publikum.

Texte und Bilder von Eva Bode

 

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