Im März 2023 befragte mich Nele Wagener für den Kulturpraxisblog zu nicht-baulichen Barrieren. Ein Ruheraum auf dem Domäne Campus war mir eines der wichtigsten Anliegen. Ein Jahr später scheint der Ruhepol noch weit entfernt zu sein. Ist der Prozess stecken geblieben oder ist doch noch „Alles im Fluss“?
Eine Statistik über die Zufriedenheit mit den Bedingungen an deutschen Universitäten
Ich habe keinen festen Ort um mich zurückzuziehen, also laufe ich kurz vor einem Meltdown oft ziellos durch die Gegend. Meltdown ist ein Begriff aus der autistischen Community und beschreibt eine extreme Reizüberflutung, u.a. mit Heulkrämpfen, Zusammenbruch des Körpers und selbstverletzendem Verhalten. Solche Zustände sind sehr anstrengend und in der Öffentlichkeit äußerst unangenehm und können durch einen reizarmen Rückzugsort verhindert werden. Verschiedene, mir schon bekannte Orte, werden mir von anderen vorgeschlagen. Die Toilette, wo immer Leute rein und raus laufen, leere Seminarräume, die fast nie vorhanden sind, das Studicafé in dem Leute entweder arbeiten oder essen und natürlich draußen „an der frischen Luft“, wo mich die Kälte, die Geräusche und die grelle Wintersonne noch mehr an den Rand des Wahnsinns bringen.
Wenn man über meine Erfahrungen liest und sie einem nicht bekannt vorkommen, könnte man meinen, ich gehöre der Minderheit an. Studierende mit „studienerschwerenden Beeinträchtigungen“ gibt es laut der „best3“ Studie aus dem Jahr 2021 15,9 Prozent. Das sind rund 5 Prozent mehr als noch im Jahr 2016. In derselben Studie gaben rund 52% der Studierenden mit studienerschwerenden Beeinträchtigungen an, mit den Bedingungen an ihrer Universität nicht zufrieden zu sein. 14,9% der Studierenden mit Beeinträchtigungen geben an, einen Ruheraum zu benötigen.
Das Studierendenparlament (StuPa)
Das Studierenden Parlament ist momentan von 16 stimmberechtigten Mitgliedern besetzt. Es wurden im letzten Monat Wahlen durchgeführt und die Amtszeit der jetzigen Mitglieder geht bis März 2024. Es gibt seit einiger Zeit beim StuPa Probleme. Die Sitzungen werden nicht gut besucht und die Wahlen haben eine ziemlich geringe Wahlbeteiligung. Der Fachbereich 2 ist mit ca. 15% noch am Meisten beteiligt.
Der AstA (Allgemeiner Studierendenausschuss)
Der AstA soll den Studierenden bei verschiedenen Themen zur Seite stehen. Er verhandelt unter anderem auch die Fahrkartenverträge für das Semesterticket. Ich habe verschiedene Fragen an das Inklusionsreferat vom AstA gesendet und herausgefunden, dass es so nicht mehr existiert. Das Inklusionsreferat wurde integriert in ein großes Sozialreferat, was mit zwei Referent*innen ausgestattet wird. Dieses Referat befindet sich noch im Aufbau, weshalb sie mir noch keine inhaltlichen Fragen beantworten konnten.
Plattform Zukunft Inklusion (ZINK)
Die Plattform Zukunft Inklusion beschäftigt sich vor allem damit bei Lehrveranstaltungen behinderte Menschen mitzudenken. Sie wollen Impulse für einen barrierefreieren Campus setzen und Veranstaltungen zur Förderung der Barrierefreiheit entwickeln wie z.B. den runden Tisch Inklusion oder die Ringvorlesung Inklusion.
Die Initiative Inklusiv beschreibt sich als studentische Vertretung und Unterstützung bei physischen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen. Initiativen müssen sich beim StuPa jedes Semester zurückmelden um bestehen zu bleiben. Obwohl die Initiative zurückgemeldet wurde, scheint sie wohl eingeschlafen zu sein. Der Instagram Account hat seit 2022 nichts mehr gepostet.
Die AG Barrierefreiheit ist dazu da, um Menschen an der Uni Hildesheim zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit zu vernetzen und die Strukturen an der Uni Hildesheim weiterzuentwickeln. Die AG Barrierefreiheit wurde von ZINK ins Leben gerufen.
Die Neurodivergente Hochschulinitiative
Die Neurodivergente Hochschulinitiative befindet sich momentan noch im Aufbau, könnte aber eine Möglichkeit sein die Initiative Inklusiv zu ergänzen und einen anderen Schwerpunkt abzudecken. Neurodivergente Menschen sind Menschen, die starke neurologische Unterschiede zum typischen Gehirn aufweisen. (z.B. Menschen mit ADHS, Autismus, Zwangsstörungen, Fetales Alkoholsyndrom usw.) Die initierende Person der Neurodivergenz Gruppe Beck hat einen Blogeintrag zu Neurodivergenz für den Kulturpraxis Blog geschrieben, wo nochmal näher auf das Thema eingegangen wird.
„Der Raum der Stille“
Der sogenannte „Raum der Stille“ am Hauptcampus der Universität Hildesheim befindet sich in Gebäude I im Raum 011. Damals gab es die Arbeitsgruppe „Raum der Stille“, die von Hochschulpastorin Uta Nadia Giesel und Pastoralreferent Clemens Kilian geleitet wurde und im Wintersemester 17/18 wurde der Raum für alle Mitglieder der Universität Hildesheim geöffnet. Und auch wenn ich oft auf diesen Raum verweise als Zeichen, dass es doch möglich ist, einen Raum zu schaffen für Menschen, die ihn benötigen, ist es nicht genau das was ich möchte. Der Raum der Stille ist zwar für alle zugänglich und es wird auch nicht gesagt, für welchen Zweck genau dieser Raum verwendet werden soll, aber er ist wohl doch eher als Gebetsraum errichtet worden. Der Raum, den ich auf der Domäne haben möchte, soll unter anderem explizit als Rückzugsort für behinderte Menschen ausgewiesen sein.
Diese sechs Punkte waren für mich die wichtigsten Kernpunkte. Bei einigen dieser Punkte gibt es noch viele Fragezeichen, aber ich hoffe diese im Austausch mit euch und dem StuPa, AstA und ZINK klären zu können.
Einer der Ansprüche von ZINK laut ihrer Website ist „Die Gestaltung der Universität Hildesheim als inklusionssensible Organisation, die die Bedarfe und Bedürfnisse ihrer vielfältigen Mitarbeiter*innen und Student*innen reflektiert und Benachteiligungen im Universitätsalltag abbaut.“ Das Fehlen eines Ruheraums reflektiert nicht die Bedarfe und Bedürfnisse vieler Studierender auf unserem Campus. Um zu zeigen, wie viele wir sind, ist es wichtig zusammen unser Anliegen vorzubringen.
Das Konzept von einem Ruheraum an der Domäne oder anderen Campi ist kein neues. Momentan befindet sich, was Inklusion angeht, vieles im Aufbau. Deswegen ist genau jetzt die Zeit, die Idee voran zu treiben und dafür zu Sorgen, dass sie bei dem Neuaufbau des Inklusionskonzepts unserer Universität sofort mitgedacht wird.
Ich hoffe bei dem ein oder anderen Interesse geweckt zu haben und freue mich über Kompliz*innen. Falls ihr mithelfen wollt oder Anregungen oder Fragen zu dem Konzept und der Umsetzung habt kommt gerne in die Telegram Gruppe: Aktion Ruhezone oder schreibt mir mit dem Betreff „Ruhezone“ an die E-Mail Adresse: blogfb2@uni-hildesheim.de.
Ich bin mit dem StuPa in Kontakt und werde dort das Konzept vorstellen, wenn es mehr Form angenommen hat.
Um die Umsetzung des Plans, das Schreiben des Finanzantrags und die Vorstellung des Konzepts im StuPa soll es im nächsten Blogeintrag gehen.
Ein Beitrag von: Yr Langhorst, veröffentlicht am 01.03.2024