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Ein Beitrag von Kaja Sturmfels

Vorwort

Du denkst, es wäre mal an der Zeit, dich ein wenig über Erzähl­theorie zu infor­mieren? Du hast dich schon immer gefragt, ob Erzähl­theorie auch prak­tisch einge­setzt werden kann? Dein neuester Prosa­text hat irgendein Problem, aber du weißt partout nicht welches?
Dann bist du hier genau richtig!
Wie mit der letzten Frage bereits ange­deutet, kann Erzähl­theorie dafür verwendet werden, die Schwach­stellen eigener (oder fremder, falls du deine Test­lese-Skills etwas erwei­tern willst) Texte zu finden. Das funk­tio­niert wirk­lich, ich habe es auspro­biert.
Und das Ergebnis dieses Auspro­bie­rens findest du hier. Enthalten sind: Das Zerpflü­cken der Bemü­hungen meines Vergan­gen­heits-Ichs (der Text ist schon ein paar Jahre alt), ein Rettungs­plan und jede Menge erzähl­theo­re­ti­sche Fach­be­griffe.
Ich würde empfehlen, die Geschichte zunächst komplett durch­zu­lesen und dann die Slides zu benutzen, um meine Kommen­tare anzu­sehen.
Viel Spaß!

Grund­le­gend:
1. Durch die Geschichte zieht sich das Phänomen des Weglas­sens.
2. Die Geschichte ist in mehrere Abschnitte unter­teilt, die sich gestal­te­risch unter­scheiden.
3. Ein Fokus liegt auf dem Verhältnis zwischen Bild und Ton.
4. Im Verlauf der Geschichte wird immer weniger weggelassen.

Der zweite Abschnitt besteht aus auto­nomer direkter Rede Char­lottes, sie wird zur intra­die­ge­ti­schen Erzäh­lerin.
D.h. hier haben wir über­haupt kein Bild. Hand­lungen (bis auf den Erzählakt) werden ledig­lich ange­deutet, z.B. verlässt Char­lotte zum Schluss wahr­schein­lich den Raum.
Statt Bild gibt es natür­lich Ton — und somit Zeit, nahezu zeit­de­ckend.

Ein paar mehr Infor­ma­tionen werden gegeben, zum einen über den Mord, zum anderen darüber, dass jemand dabei ist, den Fall wie Sher­lock Holmes aufzu­klären. Dadurch werden aber auch neue Fragen aufgeworfen.

Bei den drei Punkten wird das zeit­de­ckende Erzählen verlassen, das ist eine Ellipse, bei der die Aussagen der anderen am Tatort anwe­senden Personen wegge­lassen werden. Somit liegt der Fokus voll­kommen auf Char­lottes Schluss­fol­ge­rungen.
Distanz: So klein wie möglich.
Auch das passt für mich soweit.

Die gelb markierten Abschnitte sind Prolepsen und bestehen wieder aus auto­nomer direkter Rede, diesmal aller­dings der Joannas (intra­die­ge­ti­sche Erzäh­lerin, zeit­de­ckend, kleine Distanz, wie gehabt). Es sind Aussagen, die sie nach Char­lottes und Alex Dans­hams Verhaf­tung auf dem Poli­zei­re­vier tätigt, was aber hier noch nicht klar werden soll.

 

Neben anderen Dingen wird hier also auch der Gesamt­kon­text wegge­lassen, was (hoffent­lich) Span­nung erzeugt. Im Nach­hinein sollen die Stellen außerdem Joannas Verhalten etwas plau­si­bler machen. (Also, sie ist faszi­niert von Char­lotte, weshalb sie sich den Polizist*innen am Tatort nicht als Opfer eines Verbre­chens zu erkennen gibt.)

Es ist die Frage, ob das den Leser*innen am Ende der Geschichte auch klar wird, da müsste ich halt test­lesen lassen und u. U. noch einen dritten Abschnitt ganz an den Schluss stellen, aber das Motiv des Weglas­sens ist erstmal noch wunderbar präsent.

In diesem Abschnitt kommen Bild und Hand­lung zusammen, dafür fehlt der Ton. Alles konse­quent beim Motiv des Weglas­sens. Was über­haupt nicht konse­quent ist, ist die Erzählin­stanz. An der Foka­li­sie­rung liegt das nicht, die ist im gesamten Text fixiert extern. Das Problem ist die Distanz, die schlag­artig größer wird.

Hier wird zum ersten Mal das Präter­itum verwendet, es liegt also späteres Erzählen vor, irgend­je­mand erzählt die Geschichte im Nach­hinein. Das macht die Distanz viel­leicht einen Tucken größer, aber ich halte den Effekt für minimal. Momentan fällt er jeden­falls garan­tiert nicht auf, da die Erzählin­stanz auch plötz­lich anfängt, ihre Gedanken mitzuteilen.

Plötz­lich ist da jemand, der sich einen Beob­achter vorstellt und der mutmaßt, dass das Tele­fonat Char­lotte erfreut.
Nun spricht grund­sätz­lich nichts dagegen, dass sich die Distanz im Verlauf eines Texts ändert, das kommt oft vor. Nur: Ist es hier sinn­voll? Um das zu beant­worten, hilft es, sich die Frage zu stellen, wer denn eigent­lich erzählt.

Das ist bei einer hete­ro­die­ge­ti­schen Erzählin­stanz oft nicht ersicht­lich, so auch hier. Tatsäch­lich habe ich mir das aber (für eine Fort­set­zung) tatsäch­lich ausge­dacht. Der Erzähler ist Joannas Bruder Liam, der die Aben­teuer seiner Schwester hoch­span­nend findet. Der Erzähler würde sich dann also als homo­die­ge­tisch entpuppen, aber viel wichtiger:

Er will sich raus­halten. Das ist nicht seine Geschichte, das ist die Geschichte von Char­lotte und Joanna (und er traut sich eindeutig nicht zu, in den Kopf von einer der beiden zu schlüpfen). Liams Vorstel­lungen und Mutma­ßungen müssen also weg. Zumal sie eh keine Funk­tion hatten, sondern nur ein weiteres neues Element hinzu­ge­fügt haben, das der Text nicht tragen kann.

Char­lotte

Eine geräu­mige Küche mit Esstisch.
Auf dem Tisch eine gläserne Kanne, leer, daneben eine Wasser­pfütze.
Flie­sen­boden.
Blank geputzte Anrichten.
Einbau­schränke.
Geschirr­spüler.
Herd.
Wasch­be­cken mit Putzu­ten­si­lien.
Fami­li­en­fotos, mit Magneten am Kühl­schrank befes­tigt.
Eine Schachtel mit Reser­ve­ma­gneten neben dem Gewürz­regal.
Zugang zu einem schmalen, düsteren Flur, eben­falls gefliest.
Schräg in der Türöff­nung liegend, die Beine in der Küche, den Ober­körper im Flur, Gesicht nach unten, eine Frau­en­leiche, Anfang 30, schlank, blonde Haare, weißes, langärm­liges Baum­woll­kleid, den Kopf in einer Blutlache.

„Sie wurde vergiftet, Täter und Opfer kannten sich, standen sich wahr­schein­lich nah, er hing eigent­lich an ihr, aber das Resultat sehen Sie ja.“

„Oh kommen Sie, ist das nicht offen­sicht­lich?
Die Wasser­kanne. Den Tropfen an der Innen­seite zufolge ist sie circa bis zur Hälfte gefüllt gewesen, an Tülle und unterer Kante ist etwas abge­sprungen, auf dem Tisch findet sich Glas­staub, also ist sie herun­ter­ge­fallen und hat diese Lache hinter­lassen, die aber nicht groß genug ist, um zur Füll­höhe zu passen. Ergo wurde die Kanne recht­zeitig wieder aufge­richtet, um nicht alles zu verschütten und das rest­liche Wasser landete in einem Glas.
Nirgendwo ein benutztes Glas, es gibt einen Geschirr­spüler, also warum sollte sie es von Hand wieder abspülen, zumal die Spül­bürste und das Geschirr­hand­tuch da drüben trocken sind. Das heißt, der Täter hat es mitge­nommen und welchen anderen Grund gäbe es dafür, als dass es Gift enthalten hat?
Bleibt die Frage, warum die Kanne runter­ge­fallen ist. Ganz einfach: Weil die Frau sie mit rechts hoch­ge­hoben hat. Sie hat ein ange­bro­chenes Hand­ge­lenk, damit könnte sie kaum eine Gabel halten, geschweige denn eine massive Glas­ka­raffe.
Sie hätte schon beim Anheben merken müssen, dass es ihr zu schwer wird, warum nimmt sie nicht die andere Hand? Es gibt nur eine Möglich­keit: Der Täter hat sie gezwungen. Da ihr Kleid langärmlig ist und der Ärmel, bevor ich es getan habe, nicht zurück­ge­schoben war, konnte der Täter die Schwel­lung nicht sehen, also muss er von der Verlet­zung gewusst haben. Wollte er sie quälen? Das geht einfa­cher, nein, er wollte sie nicht leiden sehen, sondern etwas beweisen.
Das sieht man auch daran, dass er gegangen ist, bevor sie starb, der Durch­schnitts­mörder verge­wis­sert sich doch, dass sein Opfer wirk­lich tot ist, oder nicht? Aber nein, vom Gift wird sie ohnmächtig und fällt aufs Gesicht, das austre­tende Blut bildet eine Lache, fast so breit wie dieser groß­zügig bemes­sene Flur, nur zu über­winden, wenn man darüber springt, so wie wir, aller­dings haben die Kollegen von der Spuren­si­che­rung auch diesen gran­diosen Schein­werfer mitge­bracht. Ohne den und von der anderen Seite konnte man das Blut bei diesen Licht­ver­hält­nissen unmög­lich sehen, niemand macht aus bloßer Vorsicht einen Satz, er hätte rein­treten müssen. Ist er nicht, also früherer Abgang.
Tat ihm ihr Tod leid? Gut möglich, schließ­lich hat er auch aus Senti­men­ta­lität eines der Fotos am Kühl­schrank mitge­nommen: Hier hängt ein einzelner Magnet, genau mit dem Platz für ein weiteres Bild darunter. Die Frau war ordent­lich, alles ist aufge­räumt, sortiert und geputzt, sie trägt sogar ihre Ärmel wie sie gehören, obwohl es wehgetan haben muss, den rechten über dem verletzten Hand­ge­lenk zurecht­zu­ziehen. Einen übrigen Magneten hätte sie in die Schachtel zu den anderen getan, aber da ist er, mitten in der fröh­li­chen Foto­samm­lung, also hat der Täter eines mitge­nommen. Um seine Iden­tität zu verschleiern? Da wäre es weniger auffällig, es hängen zu lassen, denn es wird sich um eine belang­lose Aufnahme handeln, wie beim Rest, nein, sie lag ihm am Herzen und jetzt entschul­digen Sie mich, ich muss einen Anruf tätigen. Schönen Tag noch.“

Ja, ich weiß. Perfekte Gele­gen­heit. Aber noch war es wie ein Spiel für mich, verstehen Sie?

Fünf Minuten zuvor, Haus­ein­fahrt:
„Entschul­digen Sie, wenn wir einen kurzen Blick auf den Tatort werfen dürften? Ich verspreche Ihnen, keine Spuren zu verwi­schen, im Gegen­teil.
Unsere Namen sind übri­gens Dr. Joanna Watson und Char­lotte Holmes.“

Im nörd­li­chen Teil der male­ri­schen engli­schen Haupt­stadt liegt eine Ansamm­lung zusam­men­ge­wür­felter Miets­häuser. Eines davon verfügt über ein eigen­tüm­li­ches Klin­gel­schild für eine Erdge­schoss­woh­nung, denn anstatt eines Namens gibt es hier einen anderen Schriftzug: 221B Baker Street.
Dem Klin­gel­schild den Rücken kehrend und aus genannter Wohnung kommend, traten am 4. Mai 2017 zwei Frauen nach draußen.
Ihre Erschei­nung hätte unter­schied­li­cher nicht sein können: Die eine war groß, schlank und in einen eleganten schwarzen Mantel mit hoch­ge­schla­genem Kragen gekleidet. Sie hatte einen Dutt aus scho­ko­la­den­far­benen Haaren, eine gerade Haltung und einen federnden Gang, so als würde sie das Tele­fonat, welches sie über ein Smart­phone in ihrer rechten Hand führte, höchst erfreuen.
Die andere war kleiner, ließ ihr kasta­ni­en­braunes Haar offen über die Schul­tern und somit über ihre Jeans­jacke fallen und mühte sich ab, eine Posi­tion zu finden, in der ihr der dicke Wälzer, den sie hielt, nicht zu entgleiten drohte.
Einem Beob­achter wäre es schwer gefallen, zu sagen, was der darauf­fol­genden Situa­tion zugrunde lag: Als die größere Frau das Gespräch been­dete, deutete ihr Gegen­über auf das Handy und voll­führte eine ausla­dende Armbe­we­gung.
Daraufhin klopfte die erste mit der flachen Hand auf das Buch, das die klei­nere Frau umklam­mert hielt, zuckte jedoch im glei­chen Moment mit den Schul­tern, zeigte in eine Rich­tung die Straße hinunter und marschierte davon. Die Zurück­ge­blie­bene verharrte einen Augen­blick regungslos. Dann pfef­ferte sie das Buch in den Haus­ein­gang und rannte der anderen nach.
Der Beob­achter hätte sich nun, obgleich dieser Szene sicher neugierig geworden, dem Haus nähern und den Titel des Werkes lesen können, welches jetzt etwas zerknickt auf den Stein­platten lag.
Es war ein Telefonbuch.

Ja, natür­lich. Total klar. Nur, eine gewisse Ähnlich­keit ist wirk­lich nicht abzu­streiten, oder?

Als Char­lotte und Joanna im zweiten Stock der Newton Street Nr. 8 ankamen, war Alex Dansham gerade dabei, sich umzu­bringen.
Ehe er sich versah, hatte Char­lotte ihn von der Balkon­brüs­tung wegge­zerrt und mit Hand­schellen aus ihrer Mantel­ta­sche ans Heizungs­rohr gekettet.
Joanna schüt­telte ener­gisch den Kopf, so als wolle sie damit ihre Denk­blo­ckaden zu den Ohren heraus­schleu­dern. „Was war das denn bitte?“, presste sie an die Detek­tivin gewandt hervor, „ist er der Mörder, oder wie?“
Char­lotte, die gelang­weilt an der Wand lehnte, verdrehte die Augen, „natür­lich. Er ist der Bruder der Toten.“
Beim „Toten“ heulte der etwa 40-Jährige gequält auf. „Ich wollte sie doch nicht umbringen! Ich-“
„Jaja, pscht!“, Char­lotte wedelte mit der Hand auf und ab, „versauen Sie mir nicht die Pointe! Also“, begann sie, indem sie sich von der Wand abstieß und in dem altmo­disch einge­rich­teten Wohn­zimmer auf und ab schritt, „nachdem ich die Nummer des Ehemanns ausfindig gemacht und ange­rufen habe-“
„Moment“, unter­brach Joanna mit zusam­men­ge­knif­fenen Augen, „Tele­fon­buch, okay, aber wie kamen Sie über­haupt auf den Ehemann?“
Char­lotte seufzte wie ein Chemie­lehrer, der mitten in einem Vortrag über Elek­tro­nen­paar­bin­dungen fest­stellt, dass er seinen Schü­lern nochmal erklären muss, was eigent­lich Atome sind. „Das Haus ist zu groß für eine Person, außerdem hängen Hoch­zeits­fotos am Kühl­schrank, zwar gibt es keinen Ehering, aber das ist auch nicht mehr unbe­dingt üblich. Natür­lich ebenso wenig wie dass die Partner die glei­chen Namen haben, doch ich schätzte die Frau so ein, dass sie den ihres Mannes annimmt und ich hatte recht.
Auf dem Klin­gel­schild steht Lans­bury und im Tele­fon­buch gab es die Handy­nummer von Juli­ette Lans­bury – der Toten – und Michael Lans­bury, ihrem Mann, ihr Bruder hingegen heißt Dansham. Dass die Handy­num­mern drin­stehen, hatte ich vermutet, weil ich im Haus keinen Fest­netz­an­schluss gesehen habe –wer viel unter­wegs ist, hat nicht mehr unbe­dingt einen. Aus der unge­hal­tenen Reak­tion Michaels, als ich ihm sagte, dass es um seine Frau geht, schloss ich, dass die Ehe zumin­dest von seiner Seite aus nicht mehr gut läuft-“
Der am Boden sitzende Mann prus­tete los, „nicht mehr gut läuft?“, schnaubte er, „er hat-“
„Könnten Sie bitte die Klappe halten?“, fauchte Char­lotte und funkelte ihn aus stahl­grauen Augen an, „ich bin noch nicht fertig.
Ich behaup­tete also, dass seine Frau glaubt, es wären einige ihrer Besitz­tümer aus dem Haus gestohlen worden und dass wir uns vorstellen könnten, eine Freundin würde dahin­ter­ste­cken. Da er mich loswerden wollte und die meisten Männer in schlechten Bezie­hungen nicht gut auf die beste Freundin ihrer Frau zu spre­chen sind, außer sie haben eine Affäre mit ihr, gab er mir ihre Nummer.“
Joanna runzelte die Stirn, „das heißt, Sie haben noch jemanden ange­rufen?“
„Ein Tele­fon­buch zu tragen, erfor­dert anschei­nend höchste Aufmerk­sam­keit“, spöt­telte Char­lotte und über­ging die klei­nere Frau, die nun in belei­digter Manier die Arme verschränkte, indem sie fort­fuhr: „Ich habe mich wieder als Poli­zistin ausge­geben, es sei ein merk­wür­diger Zwischen­fall passiert, ob da jemand wäre, der Juli­ette gerne beschützen würde. So kamen wir zum großen Bruder, Alex. Sie sollten das Tele­fon­buch mitnehmen, falls sie nur den Namen sagt, aber sie hat mir auch die Adresse gegeben.“ Char­lotte lächelte.
Joanna stemmte den Arm in die Seite, „das hätte man doch auch digital klären können!“
„Nein, hätte man nicht“, wider­sprach die Detek­tivin geis­tes­ab­we­send, sie war vor einem Bücher­regal aus dunklem Holz stehen geblieben und betrach­tete ein Foto, welches lose auf einem der Bretter lag, „denn diesmal sollten Sie es nach­schauen, wozu hat man schließ­lich eine Assis­tentin?“
Alex Dansham blickte verwirrt von einer zur anderen, Joanna kratzte sich am Kopf, „tja… Aber Moment, warum haben Sie nicht schon Michael nach dem Beschützer gefragt?“
„Weil er der ist, vor dem sie beschützt werden muss!“, riefen Char­lotte und Alex Dansham wie aus einem Mund.
Letz­terer konnte nun nicht mehr an sich halten und stieß mit hoch­rotem Gesicht hervor: „Er hat sie die ganze Zeit miss­han­delt, er ist ja auch ein Säufer, ihr gesamter Körper ist mit blauen Flecken über­säht. Ich wollte, dass sie mit ihm Schluss macht, aber nein, sie meint, sie liebt ihn und ich könne das nicht verstehen, was für ein blödes Geschwätz! Und letzte Woche, da kam ich abends noch auf einen Sprung vorbei und sah, wie er ihr das Hand­ge­lenk so umbog, dass es richtig geknackt hat! Also habe ich ihn beschimpft, was macht sie? Schmeißt mich aus der Wohnung raus!“ Der Mann atmete schwer und hatte die Hände zu Fäusten geballt, wie um seine Erin­ne­rungen wegzu­boxen.
„Also haben Sie Gift besorgt und ihr die Wahl gelassen: Entweder sie trennt sich von ihm oder sie trinkt“, schal­tete sich Char­lotte wieder ein, „vorher natür­lich noch eine kleine Demons­tra­tion mit dem verletzten Hand­ge­lenk…“
„Ich hätte doch nicht gedacht, dass sie sich dafür entscheidet!“, schluchzte Alex Dansham und vergrub das Gesicht in den Händen. „Warum dann echtes Gift?“, wollte Joanna wissen.
„Ich weiß es nicht“, flüs­terte er, „ein Freund von mir ist Chemiker und ich war mit in seinem Labor – ich hab einfach was einge­steckt.“
„Gut“, Char­lotte klatschte in die Hände, „dann hätten wir das geklärt“, sie schnappte sich die Schlüssel der Hand­schellen von der Kommode, auf der sie sie abge­legt hatte, „ich lasse Sie jetzt wieder frei.“
Joanna steckte sich einen Finger ins Ohr und drehte ihn herum, „sorry, was haben Sie gesagt, ich hab gerade verstanden, dass Sie den Mörder frei­lassen wollen.“
Char­lotte blickte sie direkt an und deutete auf Alex Dansham: „Schauen Sie sich den Mann doch mal an, er wird nie wieder ein Verbre­chen begehen und im Gefängnis geht er ein. Jetzt, wo wir ihn davor bewahrt haben, sich umzu­bringen, macht er viel­leicht etwas aus seinem Leben. Und Juli­ette wäre sowieso gestorben, irgend­wann hätte Michael sie verse­hent­lich erschlagen“, sie kniete sich hin und nestelte an den Hand­schellen herum, „übri­gens, wie fanden Sie meine Deduk­tionen?“
„Bril­lant“, antwor­tete ihre Ermitt­lungs­part­nerin ruhig und schlug die Detek­tivin mit dem Laptop nieder, den sie vom Couch­tisch genommen hatte.
„Ich sagte ja“, murmelte Joanna, während sie sich Char­lottes Kopf­wunde besah, „digital ist besser.“
Alex Dansham gab ein ersticktes Quieken von sich, „Sie haben gerade meinen Laptop kaputt gemacht!“
„Wollten Sie nicht eben noch Suizid begehen? Was schert Sie da Ihr Laptop?“
„Ja, und“, stam­melte der Mann, „sie haben diese Frau getötet!“
„Unsinn“, Joanna machte eine wegwer­fende Hand­be­we­gung, „sie wird bald mit Kopf­schmerzen wieder aufwa­chen, glauben Sie mir, ich bin Ärztin.“
Alex Dansham kauerte sich enger zusammen, „werden Sie mich jetzt auch nieder­schlagen?“
Joanna rich­tete sich auf und schüt­telte den Kopf, „also Sie stehen ja mal wirk­lich unter Schock, oder? Sie sind mit Hand­schellen an die Heizung gefes­selt, natür­lich werde ich Sie nicht nieder­schlagen!“
Ihr Gegen­über schwieg. Joanna warf einen Blick zu den Schlüs­seln in Char­lottes Hand. Sie biss sich auf die Lippe, wandte sich jedoch schließ­lich ab und ging in den Flur, wo ein Fest­netz­te­lefon auf einem Beistell­tisch­chen stand.
Joanna wählte.
„Hallo, Polizei? Ich bin Joanna Kober. Sie müssen sofort in die Newton Street Nr. 8 kommen und einen Mörder fest­nehmen, er heißt Alex Dansham. Und dann ist da noch eine Frau. Sie, na ja, sie hat eine Anzeige aufge­geben, sich eine Wohnung zu teilen und als ich zur Besich­ti­gung kam, hat sie mich betäubt, mir Handy und Port­monee abge­nommen und mich mit vorge­hal­tener Pistole gezwungen, ihr den Dr. Watson zu spielen. Ihren rich­tigen Namen weiß ich nicht, aber sie nennt sich Char­lotte Holmes…“

Beim ersten Abschnitt handelt es sich um eine Pause, es vergeht also Erzähl­zeit, aber keine erzählte Zeit, es sind nicht einmal Verben vorhanden. Reine Bild­be­schrei­bung, alles andere fehlt: Ton, Zeit und somit Hand­lung, Infor­ma­tionen.
Distanz: So klein wie möglich, Illu­sion von Unmit­tel­bar­keit.
So weit, so gut.

 

In diesem Abschnitt redet wieder nur Char­lotte, deshalb die oran­gene Markie­rung. Das ist das einzig neutrale, das ich über diesen Abschnitt sagen kann, denn hier ist so ziem­lich alles falsch­ge­laufen, was falschlaufen kann.

1. Es handelt sich um eine Analepse, die die Situa­tion näher erklärt. Das läuft dem Weglassen-Motiv zuwider.
2. Der Abschnitt wirft noch etwas Neues rein (den Blick in die Vergan­gen­heit) und ist zu allem Über­fluss auch kurz, so viel Hete­ro­ge­nität auf so wenig Raum verträgt der Text nicht.

3. Der Abschnitt ist nicht nötig. Wie Joanna und Char­lotte an den Tatort gelangt sind, lässt sich im letzten Abschnitt viel besser erklären, dort können auch die Nach­namen unter­ge­bracht werden, während gerade Joannas Vorname im zweiten Teil ohnehin besser aufge­hoben ist, damit die Leser*innen früher von ihrer Exis­tenz erfahren.

Im letzten Abschnitt kommt alles zusammen. Bild, Ton, Hand­lung, Auflö­sung. Viel­leicht über­wiegt bei den Leser*innen auch das Gefühl des Weglas­sens, schließ­lich wurde nicht geklärt, wie Char­lotte so geworden ist, wie sie ist. Wäre auch okay. Was nicht okay ist, ist, dass die Erzählin­stanz schon wieder derart präsent ist und das auch noch auf eine andere Art und Weise als beim vorhe­rigen Abschnitt!

Jetzt mutmaßt sie nicht mehr, sie vergleicht. Vergleiche sind zwar sprach­liche Mittel und gehören damit eher zur Rhetorik und Stilistik als zur Erzähl­theorie, ich zähle sie aber gerne zur Stimme, weil sie die Erzählin­stanz charak­te­ri­sieren. Das wollen wir in diesem Fall genau nicht, die Vergleiche müssen also raus. (Zusammen mit einigen eigen­tüm­li­chen Formulierungen…)

Span­nend wird es bei den Namen. Plötz­lich verwendet die Erzählin­stanz welche, nicht nur die von Char­lotte und Joanna, auch den von Alex Dansham, geht also über das, was ein*e Unbeteiligte*r wissen könnte, hinaus. Zuerst dachte ich, das geht nicht. Liam darf seine Gedanken nicht teilen, also auch nicht sein Wissen, oder?

Eigent­lich passt das zum Weglassen-Motiv. Infor­ma­tionen waren die ganze Zeit Teil davon. Warum also nicht im letzten Abschnitt auch auf dieser Ebene subtil mehr Infor­ma­tionen teilen als bei den anderen Abschnitten? Es ist ja nicht so, als würde dadurch Charakter deut­lich. Die Distanz wird etwas größer — aber es war ja auch nie das Ziel, die Distanz auf Null zu halten.

Char­lotte

Grund­le­gend:
1. Durch die Geschichte zieht sich das Phänomen des Weglas­sens.
2. Die Geschichte ist in mehrere Abschnitte unter­teilt, die sich gestal­te­risch unter­scheiden.
3. Ein Fokus liegt auf dem Verhältnis zwischen Bild und Ton.
4. Im Verlauf der Geschichte wird immer weniger weggelassen.

Eine geräu­mige Küche mit Esstisch.
Auf dem Tisch eine gläserne Kanne, leer, daneben eine Wasser­pfütze.
Flie­sen­boden.
Blank geputzte Anrichten.
Einbau­schränke.
Geschirr­spüler.
Herd.
Wasch­be­cken mit Putzu­ten­si­lien.
Fami­li­en­fotos, mit Magneten am Kühl­schrank befes­tigt.
Eine Schachtel mit Reser­ve­ma­gneten neben dem Gewürz­regal.
Zugang zu einem schmalen, düsteren Flur, eben­falls gefliest.
Schräg in der Türöff­nung liegend, die Beine in der Küche, den Ober­körper im Flur, Gesicht nach unten, eine Frau­en­leiche, Anfang 30, schlank, blonde Haare, weißes, langärm­liges Baum­woll­kleid, den Kopf in einer Blutlache.

Beim ersten Abschnitt handelt es sich um eine Pause, es vergeht also Erzähl­zeit, aber keine erzählte Zeit, es sind nicht einmal Verben vorhanden. Reine Bild­be­schrei­bung, alles andere fehlt: Ton, Zeit und somit Hand­lung, Infor­ma­tionen.
Distanz: So klein wie möglich, Illu­sion von Unmit­tel­bar­keit.
So weit, so gut.

 

„Sie wurde vergiftet, Täter und Opfer kannten sich, standen sich wahr­schein­lich nah, er hing eigent­lich an ihr, aber das Resultat sehen Sie ja.“

„Oh kommen Sie, ist das nicht offen­sicht­lich?
Die Wasser­kanne. Den Tropfen an der Innen­seite zufolge ist sie circa bis zur Hälfte gefüllt gewesen, an Tülle und unterer Kante ist etwas abge­sprungen, auf dem Tisch findet sich Glas­staub, also ist sie herun­ter­ge­fallen und hat diese Lache hinter­lassen, die aber nicht groß genug ist, um zur Füll­höhe zu passen. Ergo wurde die Kanne recht­zeitig wieder aufge­richtet, um nicht alles zu verschütten und das rest­liche Wasser landete in einem Glas.
Nirgendwo ein benutztes Glas, es gibt einen Geschirr­spüler, also warum sollte sie es von Hand wieder abspülen, zumal die Spül­bürste und das Geschirr­hand­tuch da drüben trocken sind. Das heißt, der Täter hat es mitge­nommen und welchen anderen Grund gäbe es dafür, als dass es Gift enthalten hat?
Bleibt die Frage, warum die Kanne runter­ge­fallen ist. Ganz einfach: Weil die Frau sie mit rechts hoch­ge­hoben hat. Sie hat ein ange­bro­chenes Hand­ge­lenk, damit könnte sie kaum eine Gabel halten, geschweige denn eine massive Glas­ka­raffe.
Sie hätte schon beim Anheben merken müssen, dass es ihr zu schwer wird, warum nimmt sie nicht die andere Hand? Es gibt nur eine Möglich­keit: Der Täter hat sie gezwungen. Da ihr Kleid langärmlig ist und der Ärmel, bevor ich es getan habe, nicht zurück­ge­schoben war, konnte der Täter die Schwel­lung nicht sehen, also muss er von der Verlet­zung gewusst haben. Wollte er sie quälen? Das geht einfa­cher, nein, er wollte sie nicht leiden sehen, sondern etwas beweisen.
Das sieht man auch daran, dass er gegangen ist, bevor sie starb, der Durch­schnitts­mörder verge­wis­sert sich doch, dass sein Opfer wirk­lich tot ist, oder nicht? Aber nein, vom Gift wird sie ohnmächtig und fällt aufs Gesicht, das austre­tende Blut bildet eine Lache, fast so breit wie dieser groß­zügig bemes­sene Flur, nur zu über­winden, wenn man darüber springt, so wie wir, aller­dings haben die Kollegen von der Spuren­si­che­rung auch diesen gran­diosen Schein­werfer mitge­bracht. Ohne den und von der anderen Seite konnte man das Blut bei diesen Licht­ver­hält­nissen unmög­lich sehen, niemand macht aus bloßer Vorsicht einen Satz, er hätte rein­treten müssen. Ist er nicht, also früherer Abgang.
Tat ihm ihr Tod leid? Gut möglich, schließ­lich hat er auch aus Senti­men­ta­lität eines der Fotos am Kühl­schrank mitge­nommen: Hier hängt ein einzelner Magnet, genau mit dem Platz für ein weiteres Bild darunter. Die Frau war ordent­lich, alles ist aufge­räumt, sortiert und geputzt, sie trägt sogar ihre Ärmel wie sie gehören, obwohl es wehgetan haben muss, den rechten über dem verletzten Hand­ge­lenk zurecht­zu­ziehen. Einen übrigen Magneten hätte sie in die Schachtel zu den anderen getan, aber da ist er, mitten in der fröh­li­chen Foto­samm­lung, also hat der Täter eines mitge­nommen. Um seine Iden­tität zu verschleiern? Da wäre es weniger auffällig, es hängen zu lassen, denn es wird sich um eine belang­lose Aufnahme handeln, wie beim Rest, nein, sie lag ihm am Herzen und jetzt entschul­digen Sie mich, ich muss einen Anruf tätigen. Schönen Tag noch.“

Der zweite Abschnitt besteht aus auto­nomer direkter Rede Char­lottes, sie wird zur intra­die­ge­ti­schen Erzäh­lerin.
D.h. hier haben wir über­haupt kein Bild. Hand­lungen (bis auf den Erzählakt) werden ledig­lich ange­deutet, z.B. verlässt Char­lotte zum Schluss wahr­schein­lich den Raum.
Statt Bild gibt es natür­lich Ton — und somit Zeit, nahezu zeit­de­ckend.

 

Ein paar mehr Infor­ma­tionen werden gegeben, zum einen über den Mord, zum anderen darüber, dass jemand dabei ist, den Fall wie Sher­lock Holmes aufzu­klären. Dadurch werden aber auch neue Fragen aufgeworfen.

Bei den drei Punkten wird das zeit­de­ckende Erzählen verlassen, das ist eine Ellipse, bei der die Aussagen der anderen am Tatort anwe­senden Personen wegge­lassen werden. Somit liegt der Fokus voll­kommen auf Char­lottes Schluss­fol­ge­rungen.
Distanz: So klein wie möglich.
Auch das passt für mich soweit.

Ja, ich weiß. Perfekte Gele­gen­heit. Aber noch war es wie ein Spiel für mich, verstehen Sie?

Die gelb markierten Abschnitte sind Prolepsen und bestehen wieder aus auto­nomer direkter Rede, diesmal aller­dings der Joannas (intra­die­ge­ti­sche Erzäh­lerin, zeit­de­ckend, kleine Distanz, wie gehabt). Es sind Aussagen, die sie nach Char­lottes und Alex Dans­hams Verhaf­tung auf dem Poli­zei­re­vier tätigt, was aber hier noch nicht klar werden soll.

 

Neben anderen Dingen wird hier also auch der Gesamt­kon­text wegge­lassen, was (hoffent­lich) Span­nung erzeugt. Im Nach­hinein sollen die Stellen außerdem Joannas Verhalten etwas plau­si­bler machen. (Also, sie ist faszi­niert von Char­lotte, weshalb sie sich den Polizist*innen am Tatort nicht als Opfer eines Verbre­chens zu erkennen gibt.)

Es ist die Frage, ob das den Leser*innen am Ende der Geschichte auch klar wird, da müsste ich halt test­lesen lassen und u. U. noch einen dritten Abschnitt ganz an den Schluss stellen, aber das Motiv des Weglas­sens ist erstmal noch wunderbar präsent.

Fünf Minuten zuvor, Haus­ein­fahrt:
„Entschul­digen Sie, wenn wir einen kurzen Blick auf den Tatort werfen dürften? Ich verspreche Ihnen, keine Spuren zu verwi­schen, im Gegen­teil.
Unsere Namen sind übri­gens Dr. Joanna Watson und Char­lotte Holmes.“

In diesem Abschnitt redet wieder nur Char­lotte, deshalb die oran­gene Markie­rung. Das ist das einzig neutrale, das ich über diesen Abschnitt sagen kann, denn hier ist so ziem­lich alles falsch­ge­laufen, was falschlaufen kann.

 

1. Es handelt sich um eine Analepse, die die Situa­tion näher erklärt. Das läuft dem Weglassen-Motiv zuwider.
2. Der Abschnitt wirft noch etwas Neues rein (den Blick in die Vergan­gen­heit) und ist zu allem Über­fluss auch kurz, so viel Hete­ro­ge­nität auf so wenig Raum verträgt der Text nicht.

3. Der Abschnitt ist nicht nötig. Wie Joanna und Char­lotte an den Tatort gelangt sind, lässt sich im letzten Abschnitt viel besser erklären, dort können auch die Nach­namen unter­ge­bracht werden, während gerade Joannas Vorname im zweiten Teil ohnehin besser aufge­hoben ist, damit die Leser*innen früher von ihrer Exis­tenz erfahren.

Im nörd­li­chen Teil der male­ri­schen engli­schen Haupt­stadt liegt eine Ansamm­lung zusam­men­ge­wür­felter Miets­häuser. Eines davon verfügt über ein eigen­tüm­li­ches Klin­gel­schild für eine Erdge­schoss­woh­nung, denn anstatt eines Namens gibt es hier einen anderen Schriftzug: 221B Baker Street.
Dem Klin­gel­schild den Rücken kehrend und aus genannter Wohnung kommend, traten am 4. Mai 2017 zwei Frauen nach draußen.
Ihre Erschei­nung hätte unter­schied­li­cher nicht sein können: Die eine war groß, schlank und in einen eleganten schwarzen Mantel mit hoch­ge­schla­genem Kragen gekleidet. Sie hatte einen Dutt aus scho­ko­la­den­far­benen Haaren, eine gerade Haltung und einen federnden Gang, so als würde sie das Tele­fonat, welches sie über ein Smart­phone in ihrer rechten Hand führte, höchst erfreuen.
Die andere war kleiner, ließ ihr kasta­ni­en­braunes Haar offen über die Schul­tern und somit über ihre Jeans­jacke fallen und mühte sich ab, eine Posi­tion zu finden, in der ihr der dicke Wälzer, den sie hielt, nicht zu entgleiten drohte.
Einem Beob­achter wäre es schwer gefallen, zu sagen, was der darauf­fol­genden Situa­tion zugrunde lag: Als die größere Frau das Gespräch been­dete, deutete ihr Gegen­über auf das Handy und voll­führte eine ausla­dende Armbe­we­gung.
Daraufhin klopfte die erste mit der flachen Hand auf das Buch, das die klei­nere Frau umklam­mert hielt, zuckte jedoch im glei­chen Moment mit den Schul­tern, zeigte in eine Rich­tung die Straße hinunter und marschierte davon. Die Zurück­ge­blie­bene verharrte einen Augen­blick regungslos. Dann pfef­ferte sie das Buch in den Haus­ein­gang und rannte der anderen nach.
Der Beob­achter hätte sich nun, obgleich dieser Szene sicher neugierig geworden, dem Haus nähern und den Titel des Werkes lesen können, welches jetzt etwas zerknickt auf den Stein­platten lag.
Es war ein Telefonbuch.

In diesem Abschnitt kommen Bild und Hand­lung zusammen, dafür fehlt der Ton. Alles konse­quent beim Motiv des Weglas­sens. Was über­haupt nicht konse­quent ist, ist die Erzählin­stanz. An der Foka­li­sie­rung liegt das nicht, die ist im gesamten Text fixiert extern. Das Problem ist die Distanz, die schlag­artig größer wird.

 

Hier wird zum ersten Mal das Präter­itum verwendet, es liegt also späteres Erzählen vor, irgend­je­mand erzählt die Geschichte im Nach­hinein. Das macht die Distanz viel­leicht einen Tucken größer, aber ich halte den Effekt für minimal. Momentan fällt er jeden­falls garan­tiert nicht auf, da die Erzählin­stanz auch plötz­lich anfängt, ihre Gedanken mitzuteilen.

Plötz­lich ist da jemand, der sich einen Beob­achter vorstellt und der mutmaßt, dass das Tele­fonat Char­lotte erfreut.
Nun spricht grund­sätz­lich nichts dagegen, dass sich die Distanz im Verlauf eines Texts ändert, das kommt oft vor. Nur: Ist es hier sinn­voll? Um das zu beant­worten, hilft es, sich die Frage zu stellen, wer denn eigent­lich erzählt.

Das ist bei einer hete­ro­die­ge­ti­schen Erzählin­stanz oft nicht ersicht­lich, so auch hier. Tatsäch­lich habe ich mir das aber (für eine Fort­set­zung) tatsäch­lich ausge­dacht. Der Erzähler ist Joannas Bruder Liam, der die Aben­teuer seiner Schwester hoch­span­nend findet. Der Erzähler würde sich dann also als homo­die­ge­tisch entpuppen, aber viel wichtiger:

Er will sich raus­halten. Das ist nicht seine Geschichte, das ist die Geschichte von Char­lotte und Joanna (und er traut sich eindeutig nicht zu, in den Kopf von einer der beiden zu schlüpfen). Liams Vorstel­lungen und Mutma­ßungen müssen also weg. Zumal sie eh keine Funk­tion hatten, sondern nur ein weiteres neues Element hinzu­ge­fügt haben, das der Text nicht tragen kann.

Ja, natür­lich. Total klar. Nur, eine gewisse Ähnlich­keit ist wirk­lich nicht abzu­streiten, oder?

Als Char­lotte und Joanna im zweiten Stock der Newton Street Nr. 8 ankamen, war Alex Dansham gerade dabei, sich umzu­bringen.
Ehe er sich versah, hatte Char­lotte ihn von der Balkon­brüs­tung wegge­zerrt und mit Hand­schellen aus ihrer Mantel­ta­sche ans Heizungs­rohr gekettet.
Joanna schüt­telte ener­gisch den Kopf, so als wolle sie damit ihre Denk­blo­ckaden zu den Ohren heraus­schleu­dern. „Was war das denn bitte?“, presste sie an die Detek­tivin gewandt hervor, „ist er der Mörder, oder wie?“
Char­lotte, die gelang­weilt an der Wand lehnte, verdrehte die Augen, „natür­lich. Er ist der Bruder der Toten.“
Beim „Toten“ heulte der etwa 40-Jährige gequält auf. „Ich wollte sie doch nicht umbringen! Ich-“
„Jaja, pscht!“, Char­lotte wedelte mit der Hand auf und ab, „versauen Sie mir nicht die Pointe! Also“, begann sie, indem sie sich von der Wand abstieß und in dem altmo­disch einge­rich­teten Wohn­zimmer auf und ab schritt, „nachdem ich die Nummer des Ehemanns ausfindig gemacht und ange­rufen habe-“
„Moment“, unter­brach Joanna mit zusam­men­ge­knif­fenen Augen, „Tele­fon­buch, okay, aber wie kamen Sie über­haupt auf den Ehemann?“
Char­lotte seufzte wie ein Chemie­lehrer, der mitten in einem Vortrag über Elek­tro­nen­paar­bin­dungen fest­stellt, dass er seinen Schü­lern nochmal erklären muss, was eigent­lich Atome sind. „Das Haus ist zu groß für eine Person, außerdem hängen Hoch­zeits­fotos am Kühl­schrank, zwar gibt es keinen Ehering, aber das ist auch nicht mehr unbe­dingt üblich. Natür­lich ebenso wenig wie dass die Partner die glei­chen Namen haben, doch ich schätzte die Frau so ein, dass sie den ihres Mannes annimmt und ich hatte recht.
Auf dem Klin­gel­schild steht Lans­bury und im Tele­fon­buch gab es die Handy­nummer von Juli­ette Lans­bury – der Toten – und Michael Lans­bury, ihrem Mann, ihr Bruder hingegen heißt Dansham. Dass die Handy­num­mern drin­stehen, hatte ich vermutet, weil ich im Haus keinen Fest­netz­an­schluss gesehen habe –wer viel unter­wegs ist, hat nicht mehr unbe­dingt einen. Aus der unge­hal­tenen Reak­tion Michaels, als ich ihm sagte, dass es um seine Frau geht, schloss ich, dass die Ehe zumin­dest von seiner Seite aus nicht mehr gut läuft-“
Der am Boden sitzende Mann prus­tete los, „nicht mehr gut läuft?“, schnaubte er, „er hat-“
„Könnten Sie bitte die Klappe halten?“, fauchte Char­lotte und funkelte ihn aus stahl­grauen Augen an, „ich bin noch nicht fertig.
Ich behaup­tete also, dass seine Frau glaubt, es wären einige ihrer Besitz­tümer aus dem Haus gestohlen worden und dass wir uns vorstellen könnten, eine Freundin würde dahin­ter­ste­cken. Da er mich loswerden wollte und die meisten Männer in schlechten Bezie­hungen nicht gut auf die beste Freundin ihrer Frau zu spre­chen sind, außer sie haben eine Affäre mit ihr, gab er mir ihre Nummer.“
Joanna runzelte die Stirn, „das heißt, Sie haben noch jemanden ange­rufen?“
„Ein Tele­fon­buch zu tragen, erfor­dert anschei­nend höchste Aufmerk­sam­keit“, spöt­telte Char­lotte und über­ging die klei­nere Frau, die nun in belei­digter Manier die Arme verschränkte, indem sie fort­fuhr: „Ich habe mich wieder als Poli­zistin ausge­geben, es sei ein merk­wür­diger Zwischen­fall passiert, ob da jemand wäre, der Juli­ette gerne beschützen würde. So kamen wir zum großen Bruder, Alex. Sie sollten das Tele­fon­buch mitnehmen, falls sie nur den Namen sagt, aber sie hat mir auch die Adresse gegeben.“ Char­lotte lächelte.
Joanna stemmte den Arm in die Seite, „das hätte man doch auch digital klären können!“
„Nein, hätte man nicht“, wider­sprach die Detek­tivin geis­tes­ab­we­send, sie war vor einem Bücher­regal aus dunklem Holz stehen geblieben und betrach­tete ein Foto, welches lose auf einem der Bretter lag, „denn diesmal sollten Sie es nach­schauen, wozu hat man schließ­lich eine Assis­tentin?“
Alex Dansham blickte verwirrt von einer zur anderen, Joanna kratzte sich am Kopf, „tja… Aber Moment, warum haben Sie nicht schon Michael nach dem Beschützer gefragt?“
„Weil er der ist, vor dem sie beschützt werden muss!“, riefen Char­lotte und Alex Dansham wie aus einem Mund.
Letz­terer konnte nun nicht mehr an sich halten und stieß mit hoch­rotem Gesicht hervor: „Er hat sie die ganze Zeit miss­han­delt, er ist ja auch ein Säufer, ihr gesamter Körper ist mit blauen Flecken über­säht. Ich wollte, dass sie mit ihm Schluss macht, aber nein, sie meint, sie liebt ihn und ich könne das nicht verstehen, was für ein blödes Geschwätz! Und letzte Woche, da kam ich abends noch auf einen Sprung vorbei und sah, wie er ihr das Hand­ge­lenk so umbog, dass es richtig geknackt hat! Also habe ich ihn beschimpft, was macht sie? Schmeißt mich aus der Wohnung raus!“ Der Mann atmete schwer und hatte die Hände zu Fäusten geballt, wie um seine Erin­ne­rungen wegzu­boxen.
„Also haben Sie Gift besorgt und ihr die Wahl gelassen: Entweder sie trennt sich von ihm oder sie trinkt“, schal­tete sich Char­lotte wieder ein, „vorher natür­lich noch eine kleine Demons­tra­tion mit dem verletzten Hand­ge­lenk…“
„Ich hätte doch nicht gedacht, dass sie sich dafür entscheidet!“, schluchzte Alex Dansham und vergrub das Gesicht in den Händen. „Warum dann echtes Gift?“, wollte Joanna wissen.
„Ich weiß es nicht“, flüs­terte er, „ein Freund von mir ist Chemiker und ich war mit in seinem Labor – ich hab einfach was einge­steckt.“
„Gut“, Char­lotte klatschte in die Hände, „dann hätten wir das geklärt“, sie schnappte sich die Schlüssel der Hand­schellen von der Kommode, auf der sie sie abge­legt hatte, „ich lasse Sie jetzt wieder frei.“
Joanna steckte sich einen Finger ins Ohr und drehte ihn herum, „sorry, was haben Sie gesagt, ich hab gerade verstanden, dass Sie den Mörder frei­lassen wollen.“
Char­lotte blickte sie direkt an und deutete auf Alex Dansham: „Schauen Sie sich den Mann doch mal an, er wird nie wieder ein Verbre­chen begehen und im Gefängnis geht er ein. Jetzt, wo wir ihn davor bewahrt haben, sich umzu­bringen, macht er viel­leicht etwas aus seinem Leben. Und Juli­ette wäre sowieso gestorben, irgend­wann hätte Michael sie verse­hent­lich erschlagen“, sie kniete sich hin und nestelte an den Hand­schellen herum, „übri­gens, wie fanden Sie meine Deduk­tionen?“
„Bril­lant“, antwor­tete ihre Ermitt­lungs­part­nerin ruhig und schlug die Detek­tivin mit dem Laptop nieder, den sie vom Couch­tisch genommen hatte.
„Ich sagte ja“, murmelte Joanna, während sie sich Char­lottes Kopf­wunde besah, „digital ist besser.“
Alex Dansham gab ein ersticktes Quieken von sich, „Sie haben gerade meinen Laptop kaputt gemacht!“
„Wollten Sie nicht eben noch Suizid begehen? Was schert Sie da Ihr Laptop?“
„Ja, und“, stam­melte der Mann, „sie haben diese Frau getötet!“
„Unsinn“, Joanna machte eine wegwer­fende Hand­be­we­gung, „sie wird bald mit Kopf­schmerzen wieder aufwa­chen, glauben Sie mir, ich bin Ärztin.“
Alex Dansham kauerte sich enger zusammen, „werden Sie mich jetzt auch nieder­schlagen?“
Joanna rich­tete sich auf und schüt­telte den Kopf, „also Sie stehen ja mal wirk­lich unter Schock, oder? Sie sind mit Hand­schellen an die Heizung gefes­selt, natür­lich werde ich Sie nicht nieder­schlagen!“
Ihr Gegen­über schwieg. Joanna warf einen Blick zu den Schlüs­seln in Char­lottes Hand. Sie biss sich auf die Lippe, wandte sich jedoch schließ­lich ab und ging in den Flur, wo ein Fest­netz­te­lefon auf einem Beistell­tisch­chen stand.
Joanna wählte.
„Hallo, Polizei? Ich bin Joanna Kober. Sie müssen sofort in die Newton Street Nr. 8 kommen und einen Mörder fest­nehmen, er heißt Alex Dansham. Und dann ist da noch eine Frau. Sie, na ja, sie hat eine Anzeige aufge­geben, sich eine Wohnung zu teilen und als ich zur Besich­ti­gung kam, hat sie mich betäubt, mir Handy und Port­monee abge­nommen und mich mit vorge­hal­tener Pistole gezwungen, ihr den Dr. Watson zu spielen. Ihren rich­tigen Namen weiß ich nicht, aber sie nennt sich Char­lotte Holmes…“

Im letzten Abschnitt kommt alles zusammen. Bild, Ton, Hand­lung, Auflö­sung. Viel­leicht über­wiegt bei den Leser*innen auch das Gefühl des Weglas­sens, schließ­lich wurde nicht geklärt, wie Char­lotte so geworden ist, wie sie ist. Wäre auch okay. Was nicht okay ist, ist, dass die Erzählin­stanz schon wieder derart präsent ist und das auch noch auf eine andere Art und Weise als beim vorhe­rigen Abschnitt!

 

Jetzt mutmaßt sie nicht mehr, sie vergleicht. Vergleiche sind zwar sprach­liche Mittel und gehören damit eher zur Rhetorik und Stilistik als zur Erzähl­theorie, ich zähle sie aber gerne zur Stimme, weil sie die Erzählin­stanz charak­te­ri­sieren. Das wollen wir in diesem Fall genau nicht, die Vergleiche müssen also raus. (Zusammen mit einigen eigen­tüm­li­chen Formulierungen…)

Span­nend wird es bei den Namen. Plötz­lich verwendet die Erzählin­stanz welche, nicht nur die von Char­lotte und Joanna, auch den von Alex Dansham, geht also über das, was ein*e Unbeteiligte*r wissen könnte, hinaus. Zuerst dachte ich, das geht nicht. Liam darf seine Gedanken nicht teilen, also auch nicht sein Wissen, oder?

Eigent­lich passt das zum Weglassen-Motiv. Infor­ma­tionen waren die ganze Zeit Teil davon. Warum also nicht im letzten Abschnitt auch auf dieser Ebene subtil mehr Infor­ma­tionen teilen als bei den anderen Abschnitten? Es ist ja nicht so, als würde dadurch Charakter deut­lich. Die Distanz wird etwas größer — aber es war ja auch nie das Ziel, die Distanz auf Null zu halten.

Char­lotte

Grund­le­gend:
1. Durch die Geschichte zieht sich das Phänomen des Weglas­sens.
2. Die Geschichte ist in mehrere Abschnitte unter­teilt, die sich gestal­te­risch unter­scheiden.
3. Ein Fokus liegt auf dem Verhältnis zwischen Bild und Ton.
4. Im Verlauf der Geschichte wird immer weniger weggelassen.

Eine geräu­mige Küche mit Esstisch.
Auf dem Tisch eine gläserne Kanne, leer, daneben eine Wasser­pfütze.
Flie­sen­boden.
Blank geputzte Anrichten.
Einbau­schränke.
Geschirr­spüler.
Herd.
Wasch­be­cken mit Putzu­ten­si­lien.
Fami­li­en­fotos, mit Magneten am Kühl­schrank befes­tigt.
Eine Schachtel mit Reser­ve­ma­gneten neben dem Gewürz­regal.
Zugang zu einem schmalen, düsteren Flur, eben­falls gefliest.
Schräg in der Türöff­nung liegend, die Beine in der Küche, den Ober­körper im Flur, Gesicht nach unten, eine Frau­en­leiche, Anfang 30, schlank, blonde Haare, weißes, langärm­liges Baum­woll­kleid, den Kopf in einer Blutlache.

Beim ersten Abschnitt handelt es sich um eine Pause, es vergeht also Erzähl­zeit, aber keine erzählte Zeit, es sind nicht einmal Verben vorhanden. Reine Bild­be­schrei­bung, alles andere fehlt: Ton, Zeit und somit Hand­lung, Infor­ma­tionen.
Distanz: So klein wie möglich, Illu­sion von Unmit­tel­bar­keit.
So weit, so gut.

 

„Sie wurde vergiftet, Täter und Opfer kannten sich, standen sich wahr­schein­lich nah, er hing eigent­lich an ihr, aber das Resultat sehen Sie ja.“

„Oh kommen Sie, ist das nicht offen­sicht­lich?
Die Wasser­kanne. Den Tropfen an der Innen­seite zufolge ist sie circa bis zur Hälfte gefüllt gewesen, an Tülle und unterer Kante ist etwas abge­sprungen, auf dem Tisch findet sich Glas­staub, also ist sie herun­ter­ge­fallen und hat diese Lache hinter­lassen, die aber nicht groß genug ist, um zur Füll­höhe zu passen. Ergo wurde die Kanne recht­zeitig wieder aufge­richtet, um nicht alles zu verschütten und das rest­liche Wasser landete in einem Glas.
Nirgendwo ein benutztes Glas, es gibt einen Geschirr­spüler, also warum sollte sie es von Hand wieder abspülen, zumal die Spül­bürste und das Geschirr­hand­tuch da drüben trocken sind. Das heißt, der Täter hat es mitge­nommen und welchen anderen Grund gäbe es dafür, als dass es Gift enthalten hat?
Bleibt die Frage, warum die Kanne runter­ge­fallen ist. Ganz einfach: Weil die Frau sie mit rechts hoch­ge­hoben hat. Sie hat ein ange­bro­chenes Hand­ge­lenk, damit könnte sie kaum eine Gabel halten, geschweige denn eine massive Glas­ka­raffe.
Sie hätte schon beim Anheben merken müssen, dass es ihr zu schwer wird, warum nimmt sie nicht die andere Hand? Es gibt nur eine Möglich­keit: Der Täter hat sie gezwungen. Da ihr Kleid langärmlig ist und der Ärmel, bevor ich es getan habe, nicht zurück­ge­schoben war, konnte der Täter die Schwel­lung nicht sehen, also muss er von der Verlet­zung gewusst haben. Wollte er sie quälen? Das geht einfa­cher, nein, er wollte sie nicht leiden sehen, sondern etwas beweisen.
Das sieht man auch daran, dass er gegangen ist, bevor sie starb, der Durch­schnitts­mörder verge­wis­sert sich doch, dass sein Opfer wirk­lich tot ist, oder nicht? Aber nein, vom Gift wird sie ohnmächtig und fällt aufs Gesicht, das austre­tende Blut bildet eine Lache, fast so breit wie dieser groß­zügig bemes­sene Flur, nur zu über­winden, wenn man darüber springt, so wie wir, aller­dings haben die Kollegen von der Spuren­si­che­rung auch diesen gran­diosen Schein­werfer mitge­bracht. Ohne den und von der anderen Seite konnte man das Blut bei diesen Licht­ver­hält­nissen unmög­lich sehen, niemand macht aus bloßer Vorsicht einen Satz, er hätte rein­treten müssen. Ist er nicht, also früherer Abgang.
Tat ihm ihr Tod leid? Gut möglich, schließ­lich hat er auch aus Senti­men­ta­lität eines der Fotos am Kühl­schrank mitge­nommen: Hier hängt ein einzelner Magnet, genau mit dem Platz für ein weiteres Bild darunter. Die Frau war ordent­lich, alles ist aufge­räumt, sortiert und geputzt, sie trägt sogar ihre Ärmel wie sie gehören, obwohl es wehgetan haben muss, den rechten über dem verletzten Hand­ge­lenk zurecht­zu­ziehen. Einen übrigen Magneten hätte sie in die Schachtel zu den anderen getan, aber da ist er, mitten in der fröh­li­chen Foto­samm­lung, also hat der Täter eines mitge­nommen. Um seine Iden­tität zu verschleiern? Da wäre es weniger auffällig, es hängen zu lassen, denn es wird sich um eine belang­lose Aufnahme handeln, wie beim Rest, nein, sie lag ihm am Herzen und jetzt entschul­digen Sie mich, ich muss einen Anruf tätigen. Schönen Tag noch.“

Der zweite Abschnitt besteht aus auto­nomer direkter Rede Char­lottes, sie wird zur intra­die­ge­ti­schen Erzäh­lerin.
D.h. hier haben wir über­haupt kein Bild. Hand­lungen (bis auf den Erzählakt) werden ledig­lich ange­deutet, z.B. verlässt Char­lotte zum Schluss wahr­schein­lich den Raum.
Statt Bild gibt es natür­lich Ton — und somit Zeit, nahezu zeit­de­ckend.

Ein paar mehr Infor­ma­tionen werden gegeben, zum einen über den Mord, zum anderen darüber, dass jemand dabei ist, den Fall wie Sher­lock Holmes aufzu­klären. Dadurch werden aber auch neue Fragen aufgeworfen.

Bei den drei Punkten wird das zeit­de­ckende Erzählen verlassen, das ist eine Ellipse, bei der die Aussagen der anderen am Tatort anwe­senden Personen wegge­lassen werden. Somit liegt der Fokus voll­kommen auf Char­lottes Schluss­fol­ge­rungen.
Distanz: So klein wie möglich.
Auch das passt für mich soweit.

Ja, ich weiß. Perfekte Gele­gen­heit. Aber noch war es wie ein Spiel für mich, verstehen Sie?

Die gelb markierten Abschnitte sind Prolepsen und bestehen wieder aus auto­nomer direkter Rede, diesmal aller­dings der Joannas (intra­die­ge­ti­sche Erzäh­lerin, zeit­de­ckend, kleine Distanz, wie gehabt). Es sind Aussagen, die sie nach Char­lottes und Alex Dans­hams Verhaf­tung auf dem Poli­zei­re­vier tätigt, was aber hier noch nicht klar werden soll.

 

Neben anderen Dingen wird hier also auch der Gesamt­kon­text wegge­lassen, was (hoffent­lich) Span­nung erzeugt. Im Nach­hinein sollen die Stellen außerdem Joannas Verhalten etwas plau­si­bler machen. (Also, sie ist faszi­niert von Char­lotte, weshalb sie sich den Polizist*innen am Tatort nicht als Opfer eines Verbre­chens zu erkennen gibt.)

Es ist die Frage, ob das den Leser*innen am Ende der Geschichte auch klar wird, da müsste ich halt test­lesen lassen und u. U. noch einen dritten Abschnitt ganz an den Schluss stellen, aber das Motiv des Weglas­sens ist erstmal noch wunderbar präsent.

Fünf Minuten zuvor, Haus­ein­fahrt:
„Entschul­digen Sie, wenn wir einen kurzen Blick auf den Tatort werfen dürften? Ich verspreche Ihnen, keine Spuren zu verwi­schen, im Gegen­teil.
Unsere Namen sind übri­gens Dr. Joanna Watson und Char­lotte Holmes.“

In diesem Abschnitt redet wieder nur Char­lotte, deshalb die oran­gene Markie­rung. Das ist das einzig neutrale, das ich über diesen Abschnitt sagen kann, denn hier ist so ziem­lich alles falsch­ge­laufen, was falschlaufen kann.

1. Es handelt sich um eine Analepse, die die Situa­tion näher erklärt. Das läuft dem Weglassen-Motiv zuwider.
2. Der Abschnitt wirft noch etwas Neues rein (den Blick in die Vergan­gen­heit) und ist zu allem Über­fluss auch kurz, so viel Hete­ro­ge­nität auf so wenig Raum verträgt der Text nicht.

3. Der Abschnitt ist nicht nötig. Wie Joanna und Char­lotte an den Tatort gelangt sind, lässt sich im letzten Abschnitt viel besser erklären, dort können auch die Nach­namen unter­ge­bracht werden, während gerade Joannas Vorname im zweiten Teil ohnehin besser aufge­hoben ist, damit die Leser*innen früher von ihrer Exis­tenz erfahren.

Im nörd­li­chen Teil der male­ri­schen engli­schen Haupt­stadt liegt eine Ansamm­lung zusam­men­ge­wür­felter Miets­häuser. Eines davon verfügt über ein eigen­tüm­li­ches Klin­gel­schild für eine Erdge­schoss­woh­nung, denn anstatt eines Namens gibt es hier einen anderen Schriftzug: 221B Baker Street.
Dem Klin­gel­schild den Rücken kehrend und aus genannter Wohnung kommend, traten am 4. Mai 2017 zwei Frauen nach draußen.
Ihre Erschei­nung hätte unter­schied­li­cher nicht sein können: Die eine war groß, schlank und in einen eleganten schwarzen Mantel mit hoch­ge­schla­genem Kragen gekleidet. Sie hatte einen Dutt aus scho­ko­la­den­far­benen Haaren, eine gerade Haltung und einen federnden Gang, so als würde sie das Tele­fonat, welches sie über ein Smart­phone in ihrer rechten Hand führte, höchst erfreuen.
Die andere war kleiner, ließ ihr kasta­ni­en­braunes Haar offen über die Schul­tern und somit über ihre Jeans­jacke fallen und mühte sich ab, eine Posi­tion zu finden, in der ihr der dicke Wälzer, den sie hielt, nicht zu entgleiten drohte.
Einem Beob­achter wäre es schwer gefallen, zu sagen, was der darauf­fol­genden Situa­tion zugrunde lag: Als die größere Frau das Gespräch been­dete, deutete ihr Gegen­über auf das Handy und voll­führte eine ausla­dende Armbe­we­gung.
Daraufhin klopfte die erste mit der flachen Hand auf das Buch, das die klei­nere Frau umklam­mert hielt, zuckte jedoch im glei­chen Moment mit den Schul­tern, zeigte in eine Rich­tung die Straße hinunter und marschierte davon. Die Zurück­ge­blie­bene verharrte einen Augen­blick regungslos. Dann pfef­ferte sie das Buch in den Haus­ein­gang und rannte der anderen nach.
Der Beob­achter hätte sich nun, obgleich dieser Szene sicher neugierig geworden, dem Haus nähern und den Titel des Werkes lesen können, welches jetzt etwas zerknickt auf den Stein­platten lag.
Es war ein Telefonbuch.

In diesem Abschnitt kommen Bild und Hand­lung zusammen, dafür fehlt der Ton. Alles konse­quent beim Motiv des Weglas­sens. Was über­haupt nicht konse­quent ist, ist die Erzählin­stanz. An der Foka­li­sie­rung liegt das nicht, die ist im gesamten Text fixiert extern. Das Problem ist die Distanz, die schlag­artig größer wird.

Hier wird zum ersten Mal das Präter­itum verwendet, es liegt also späteres Erzählen vor, irgend­je­mand erzählt die Geschichte im Nach­hinein. Das macht die Distanz viel­leicht einen Tucken größer, aber ich halte den Effekt für minimal. Momentan fällt er jeden­falls garan­tiert nicht auf, da die Erzählin­stanz auch plötz­lich anfängt, ihre Gedanken mitzuteilen.

Plötz­lich ist da jemand, der sich einen Beob­achter vorstellt und der mutmaßt, dass das Tele­fonat Char­lotte erfreut.
Nun spricht grund­sätz­lich nichts dagegen, dass sich die Distanz im Verlauf eines Texts ändert, das kommt oft vor. Nur: Ist es hier sinn­voll? Um das zu beant­worten, hilft es, sich die Frage zu stellen, wer denn eigent­lich erzählt.

Das ist bei einer hete­ro­die­ge­ti­schen Erzählin­stanz oft nicht ersicht­lich, so auch hier. Tatsäch­lich habe ich mir das aber (für eine Fort­set­zung) tatsäch­lich ausge­dacht. Der Erzähler ist Joannas Bruder Liam, der die Aben­teuer seiner Schwester hoch­span­nend findet. Der Erzähler würde sich dann also als homo­die­ge­tisch entpuppen, aber viel wichtiger:

Er will sich raus­halten. Das ist nicht seine Geschichte, das ist die Geschichte von Char­lotte und Joanna (und er traut sich eindeutig nicht zu, in den Kopf von einer der beiden zu schlüpfen). Liams Vorstel­lungen und Mutma­ßungen müssen also weg. Zumal sie eh keine Funk­tion hatten, sondern nur ein weiteres neues Element hinzu­ge­fügt haben, das der Text nicht tragen kann.

Ja, natür­lich. Total klar. Nur, eine gewisse Ähnlich­keit ist wirk­lich nicht abzu­streiten, oder?

Als Char­lotte und Joanna im zweiten Stock der Newton Street Nr. 8 ankamen, war Alex Dansham gerade dabei, sich umzu­bringen.
Ehe er sich versah, hatte Char­lotte ihn von der Balkon­brüs­tung wegge­zerrt und mit Hand­schellen aus ihrer Mantel­ta­sche ans Heizungs­rohr gekettet.
Joanna schüt­telte ener­gisch den Kopf, so als wolle sie damit ihre Denk­blo­ckaden zu den Ohren heraus­schleu­dern. „Was war das denn bitte?“, presste sie an die Detek­tivin gewandt hervor, „ist er der Mörder, oder wie?“
Char­lotte, die gelang­weilt an der Wand lehnte, verdrehte die Augen, „natür­lich. Er ist der Bruder der Toten.“
Beim „Toten“ heulte der etwa 40-Jährige gequält auf. „Ich wollte sie doch nicht umbringen! Ich-“
„Jaja, pscht!“, Char­lotte wedelte mit der Hand auf und ab, „versauen Sie mir nicht die Pointe! Also“, begann sie, indem sie sich von der Wand abstieß und in dem altmo­disch einge­rich­teten Wohn­zimmer auf und ab schritt, „nachdem ich die Nummer des Ehemanns ausfindig gemacht und ange­rufen habe-“
„Moment“, unter­brach Joanna mit zusam­men­ge­knif­fenen Augen, „Tele­fon­buch, okay, aber wie kamen Sie über­haupt auf den Ehemann?“
Char­lotte seufzte wie ein Chemie­lehrer, der mitten in einem Vortrag über Elek­tro­nen­paar­bin­dungen fest­stellt, dass er seinen Schü­lern nochmal erklären muss, was eigent­lich Atome sind. „Das Haus ist zu groß für eine Person, außerdem hängen Hoch­zeits­fotos am Kühl­schrank, zwar gibt es keinen Ehering, aber das ist auch nicht mehr unbe­dingt üblich. Natür­lich ebenso wenig wie dass die Partner die glei­chen Namen haben, doch ich schätzte die Frau so ein, dass sie den ihres Mannes annimmt und ich hatte recht.
Auf dem Klin­gel­schild steht Lans­bury und im Tele­fon­buch gab es die Handy­nummer von Juli­ette Lans­bury – der Toten – und Michael Lans­bury, ihrem Mann, ihr Bruder hingegen heißt Dansham. Dass die Handy­num­mern drin­stehen, hatte ich vermutet, weil ich im Haus keinen Fest­netz­an­schluss gesehen habe –wer viel unter­wegs ist, hat nicht mehr unbe­dingt einen. Aus der unge­hal­tenen Reak­tion Michaels, als ich ihm sagte, dass es um seine Frau geht, schloss ich, dass die Ehe zumin­dest von seiner Seite aus nicht mehr gut läuft-“
Der am Boden sitzende Mann prus­tete los, „nicht mehr gut läuft?“, schnaubte er, „er hat-“
„Könnten Sie bitte die Klappe halten?“, fauchte Char­lotte und funkelte ihn aus stahl­grauen Augen an, „ich bin noch nicht fertig.
Ich behaup­tete also, dass seine Frau glaubt, es wären einige ihrer Besitz­tümer aus dem Haus gestohlen worden und dass wir uns vorstellen könnten, eine Freundin würde dahin­ter­ste­cken. Da er mich loswerden wollte und die meisten Männer in schlechten Bezie­hungen nicht gut auf die beste Freundin ihrer Frau zu spre­chen sind, außer sie haben eine Affäre mit ihr, gab er mir ihre Nummer.“
Joanna runzelte die Stirn, „das heißt, Sie haben noch jemanden ange­rufen?“
„Ein Tele­fon­buch zu tragen, erfor­dert anschei­nend höchste Aufmerk­sam­keit“, spöt­telte Char­lotte und über­ging die klei­nere Frau, die nun in belei­digter Manier die Arme verschränkte, indem sie fort­fuhr: „Ich habe mich wieder als Poli­zistin ausge­geben, es sei ein merk­wür­diger Zwischen­fall passiert, ob da jemand wäre, der Juli­ette gerne beschützen würde. So kamen wir zum großen Bruder, Alex. Sie sollten das Tele­fon­buch mitnehmen, falls sie nur den Namen sagt, aber sie hat mir auch die Adresse gegeben.“ Char­lotte lächelte.
Joanna stemmte den Arm in die Seite, „das hätte man doch auch digital klären können!“
„Nein, hätte man nicht“, wider­sprach die Detek­tivin geis­tes­ab­we­send, sie war vor einem Bücher­regal aus dunklem Holz stehen geblieben und betrach­tete ein Foto, welches lose auf einem der Bretter lag, „denn diesmal sollten Sie es nach­schauen, wozu hat man schließ­lich eine Assis­tentin?“
Alex Dansham blickte verwirrt von einer zur anderen, Joanna kratzte sich am Kopf, „tja… Aber Moment, warum haben Sie nicht schon Michael nach dem Beschützer gefragt?“
„Weil er der ist, vor dem sie beschützt werden muss!“, riefen Char­lotte und Alex Dansham wie aus einem Mund.
Letz­terer konnte nun nicht mehr an sich halten und stieß mit hoch­rotem Gesicht hervor: „Er hat sie die ganze Zeit miss­han­delt, er ist ja auch ein Säufer, ihr gesamter Körper ist mit blauen Flecken über­säht. Ich wollte, dass sie mit ihm Schluss macht, aber nein, sie meint, sie liebt ihn und ich könne das nicht verstehen, was für ein blödes Geschwätz! Und letzte Woche, da kam ich abends noch auf einen Sprung vorbei und sah, wie er ihr das Hand­ge­lenk so umbog, dass es richtig geknackt hat! Also habe ich ihn beschimpft, was macht sie? Schmeißt mich aus der Wohnung raus!“ Der Mann atmete schwer und hatte die Hände zu Fäusten geballt, wie um seine Erin­ne­rungen wegzu­boxen.
„Also haben Sie Gift besorgt und ihr die Wahl gelassen: Entweder sie trennt sich von ihm oder sie trinkt“, schal­tete sich Char­lotte wieder ein, „vorher natür­lich noch eine kleine Demons­tra­tion mit dem verletzten Hand­ge­lenk…“
„Ich hätte doch nicht gedacht, dass sie sich dafür entscheidet!“, schluchzte Alex Dansham und vergrub das Gesicht in den Händen. „Warum dann echtes Gift?“, wollte Joanna wissen.
„Ich weiß es nicht“, flüs­terte er, „ein Freund von mir ist Chemiker und ich war mit in seinem Labor – ich hab einfach was einge­steckt.“
„Gut“, Char­lotte klatschte in die Hände, „dann hätten wir das geklärt“, sie schnappte sich die Schlüssel der Hand­schellen von der Kommode, auf der sie sie abge­legt hatte, „ich lasse Sie jetzt wieder frei.“
Joanna steckte sich einen Finger ins Ohr und drehte ihn herum, „sorry, was haben Sie gesagt, ich hab gerade verstanden, dass Sie den Mörder frei­lassen wollen.“
Char­lotte blickte sie direkt an und deutete auf Alex Dansham: „Schauen Sie sich den Mann doch mal an, er wird nie wieder ein Verbre­chen begehen und im Gefängnis geht er ein. Jetzt, wo wir ihn davor bewahrt haben, sich umzu­bringen, macht er viel­leicht etwas aus seinem Leben. Und Juli­ette wäre sowieso gestorben, irgend­wann hätte Michael sie verse­hent­lich erschlagen“, sie kniete sich hin und nestelte an den Hand­schellen herum, „übri­gens, wie fanden Sie meine Deduk­tionen?“
„Bril­lant“, antwor­tete ihre Ermitt­lungs­part­nerin ruhig und schlug die Detek­tivin mit dem Laptop nieder, den sie vom Couch­tisch genommen hatte.
„Ich sagte ja“, murmelte Joanna, während sie sich Char­lottes Kopf­wunde besah, „digital ist besser.“
Alex Dansham gab ein ersticktes Quieken von sich, „Sie haben gerade meinen Laptop kaputt gemacht!“
„Wollten Sie nicht eben noch Suizid begehen? Was schert Sie da Ihr Laptop?“
„Ja, und“, stam­melte der Mann, „sie haben diese Frau getötet!“
„Unsinn“, Joanna machte eine wegwer­fende Hand­be­we­gung, „sie wird bald mit Kopf­schmerzen wieder aufwa­chen, glauben Sie mir, ich bin Ärztin.“
Alex Dansham kauerte sich enger zusammen, „werden Sie mich jetzt auch nieder­schlagen?“
Joanna rich­tete sich auf und schüt­telte den Kopf, „also Sie stehen ja mal wirk­lich unter Schock, oder? Sie sind mit Hand­schellen an die Heizung gefes­selt, natür­lich werde ich Sie nicht nieder­schlagen!“
Ihr Gegen­über schwieg. Joanna warf einen Blick zu den Schlüs­seln in Char­lottes Hand. Sie biss sich auf die Lippe, wandte sich jedoch schließ­lich ab und ging in den Flur, wo ein Fest­netz­te­lefon auf einem Beistell­tisch­chen stand.
Joanna wählte.
„Hallo, Polizei? Ich bin Joanna Kober. Sie müssen sofort in die Newton Street Nr. 8 kommen und einen Mörder fest­nehmen, er heißt Alex Dansham. Und dann ist da noch eine Frau. Sie, na ja, sie hat eine Anzeige aufge­geben, sich eine Wohnung zu teilen und als ich zur Besich­ti­gung kam, hat sie mich betäubt, mir Handy und Port­monee abge­nommen und mich mit vorge­hal­tener Pistole gezwungen, ihr den Dr. Watson zu spielen. Ihren rich­tigen Namen weiß ich nicht, aber sie nennt sich Char­lotte Holmes…“

Im letzten Abschnitt kommt alles zusammen. Bild, Ton, Hand­lung, Auflö­sung. Viel­leicht über­wiegt bei den Leser*innen auch das Gefühl des Weglas­sens, schließ­lich wurde nicht geklärt, wie Char­lotte so geworden ist, wie sie ist. Wäre auch okay. Was nicht okay ist, ist, dass die Erzählin­stanz schon wieder derart präsent ist und das auch noch auf eine andere Art und Weise als beim vorhe­rigen Abschnitt!

Jetzt mutmaßt sie nicht mehr, sie vergleicht. Vergleiche sind zwar sprach­liche Mittel und gehören damit eher zur Rhetorik und Stilistik als zur Erzähl­theorie, ich zähle sie aber gerne zur Stimme, weil sie die Erzählin­stanz charak­te­ri­sieren. Das wollen wir in diesem Fall genau nicht, die Vergleiche müssen also raus. (Zusammen mit einigen eigen­tüm­li­chen Formulierungen…)

Span­nend wird es bei den Namen. Plötz­lich verwendet die Erzählin­stanz welche, nicht nur die von Char­lotte und Joanna, auch den von Alex Dansham, geht also über das, was ein*e Unbeteiligte*r wissen könnte, hinaus. Zuerst dachte ich, das geht nicht. Liam darf seine Gedanken nicht teilen, also auch nicht sein Wissen, oder?

Eigent­lich passt das zum Weglassen-Motiv. Infor­ma­tionen waren die ganze Zeit Teil davon. Warum also nicht im letzten Abschnitt auch auf dieser Ebene subtil mehr Infor­ma­tionen teilen als bei den anderen Abschnitten? Es ist ja nicht so, als würde dadurch Charakter deut­lich. Die Distanz wird etwas größer — aber es war ja auch nie das Ziel, die Distanz auf Null zu halten.

Nach­wort

Erzähl­theorie kann also tatsäch­lich ganz schön prak­tisch sein – sie ist aller­dings auch umfang­reich. Ich bin in meinen Erklä­rungen nicht sonder­lich tief ins Detail gegangen, da gibt es dann noch bestimmte und unbe­stimmte, expli­zite und impli­zite Ellipsen, externe und interne, komplette und parti­elle Analepsen und Prolepsen, konso­nante und disso­nante auto­die­ge­ti­sche Erzählin­stanzen…
Die größte Eingren­zung, die ich vorge­nommen habe, war aber die Beschrän­kung auf den Diskurs (oder englisch discourse). Das ist der Ober­be­griff für Zeit, Modus und Stimme und es geht hier um das Wie des Textes, also wie wird erzählt. Das Gegen­stück dazu ist das Was, also die Geschichte (oder englisch Story). Zur Geschichte gehören dann solche Bereiche wie Hand­lung und Figur. Also die Punkte, an die wir beim Schreiben von Geschichten ohnehin ständig denken und die uns beim Über­ar­beiten und Test­lesen auch eher auffallen. Die Erzähl­theorie finde ich da größ­ten­teils nicht sonder­lich hilf­reich. Um zu merken, dass eine Stelle unlo­gisch ist, musst du nicht wissen, dass die Ereig­nisse in diesem Text grund­sätz­lich kausal moti­viert sind. Ande­rer­seits kann es durchaus von Vorteil sein, zu wissen, dass Ereig­nisse nicht grund­sätz­lich kausal moti­viert sein müssen
In jedem Fall behan­delt die Erzähl­theorie jede Menge weitere span­nende Themen, zum Beispiel das Erzählen in der zweiten Person, Reali­täts­ef­fekte, unzu­ver­läs­siges Erzählen oder die Frage, was es eigent­lich bedeutet, wenn Geschichten im Präsens erzählt werden.
Also ich finde, Erzähl­theorie lohnt sich – deshalb hab ich unten noch ein paar Buch­tipps für euch.
Ansonsten freue ich mich, wenn ihr einen Kommentar dalasst und klaue mir zum Schluss einfach den Abschieds­gruß der Schreib­di­let­tanten: Schreibt schön!

Bücher

Einfüh­rung und Über­blick
– Matías Martínez, Michael Scheffel: Einfüh­rung in die Erzähl­theorie
– Silke Lahn, Jan Chris­toph Meister: Einfüh­rung in die Erzähl­text­ana­lyse
– Monika Fludernik: Erzähl­theorie – Eine Einführung

Eigene Erzähl­theo­rien
– Gérard Genette: Die Erzäh­lung
– Seymour Chatman: Story and Discourse — Narra­tive Struc­ture in Fiction and Film
– Mieke Bal: Narra­to­logy – Intro­duc­tion to the Theory of Narra­tive
– Wolf Schmid: Elemente der Narra­to­logie
– Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens

Weiter­füh­rend und inter­dis­zi­plinär
– Tabea Becker, Juliane Stude: Erzählen
– Vera Nünning, Ansgar Nünning (Hrsg.): Erzähl­text­ana­lyse und Gender Studies
– Sigrid Nieberle, Elisa­beth Stro­wick (Hrsg.): Narra­tion und Geschlecht – Texte – Medien – Epis­teme
– Armen Avan­essian, Anke Hennig: Präsens. Poetik eines Tempus
– Joachim Fried­mann: Trans­me­diales Erzählen – Narra­tive Gestal­tung in Lite­ratur, Film, Graphic Novels und Game
– Markus Kuhn: Film­nar­ra­to­logie – Ein erzähl­theo­re­ti­sches Analysemodell.

Zeit

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Rot
Orange 1
Gelb
Orange 2
Grün
Ordnung: Die wenigsten Texte sind rein chro­no­lo­gisch erzählt, bei den meisten herrscht eine Anachronie vor. Die Texte enthalten dann Prolepsen (Voraus­deu­tungen) und/ oder Analepsen (Rück­blenden). Wenn die rich­tige Reihen­folge der Ereig­nisse aus dem Text über­haupt nicht mehr bestimmt werden kann, wird von einer Achronie gespro­chen.
Dauer: Für das Problem, wie die Erzähl­zeit, also die Zeit, die es dauert, die Geschichte zu erzählen, gemessen werden soll, hat noch niemand die perfekte Lösung gefunden — aber ob sie kürzer, länger oder genauso lang ist als/ wie die erzählte Zeit, also die Zeit, die in der Geschichte verstreicht, kann meist doch recht gut bestimmt werden. Wenn sie kürzer ist, wird zeit­raf­fend erzählt, wenn sie länger ist, zeit­deh­nend und wenn sie gleich lang ist, zeit­de­ckend.
Außerdem gibt es die Ellipse (Ausspa­rung) und die Pause. Bei ersterer steht die Erzähl­zeit still, es werden also Dinge nicht erzählt, die in der Geschichte passieren, das Beispiel schlechthin sind Toilet­ten­gänge. Bei letz­terer steht die erzählte Zeit still, es vergeht in der Geschichte also keine Zeit, z. B. bei Beschrei­bungen.
Frequenz: Spielte für die Analyse von Char­lotte keine Rolle, aber grund­sätz­lich kann singu­lativ, repe­titiv und iterativ erzählt werden. Beim singu­la­tiven Erzählen wird einmal erzählt, was sich einmal ereignet hat (Normal­fall) und wieder­holt, was sich wieder­holt ereignet hat (eher unge­wöhn­lich). Beim repe­ti­tiven Erzählen wird wieder­holt erzählt, was sich einmal ereignet hat und beim itera­tiven einmal, was sich wieder­holt ereignet hat.

Modus

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Rot
Orange 1
Grün
Distanz: Es heißt immer, dazu gehöre die Frage, wie mittelbar das Erzählte präsen­tiert wird, ich finde es aber viel intui­tiver, wenn die Frage gestellt wird, wie unmit­telbar das Erzählte präsen­tiert wird. Je unmit­tel­barer, desto kleiner die Distanz — und desto weniger präsent die Erzählin­stanz. Das fand ich am Anfang ziem­lich verwir­rend, gerade für Ich-Erzähler*innen. Je mehr Gedanken die uns mitteilen, desto präsenter sind sie schließ­lich und desto näher fühlen wir uns ihnen. Aber es geht hier nicht um emotio­nale Nähe und auch nicht um Nähe zur Erzählin­stanz, sondern um Nähe zum Geschehen. Und das wird nunmal nicht sonder­lich unmit­telbar präsen­tiert, wenn ständig eine Erzählin­stanz dazwi­schen­re­flek­tiert. Ein Bild für die Distanz ist, dass die Erzählin­stanz zwischen Ereignis und Erzäh­lung steht. Je mehr Raum sie einnimmt, desto größer die Distanz.
Bei der Wieder­gabe von wört­li­cher Rede und Gedanken ist die Distanz relativ einfach zu bestimmen. Auto­nome direkte Rede (die Figu­ren­rede wird zitiert und steht für sich allein) ist am unmit­tel­barsten, die Erwäh­nung von Rede (so etwas wie „sie unter­hielten sich) am mittel­barsten, dazwi­schen steht z.B. die indi­rekte Rede.
Bei Ereig­nissen gibt es nur eine Illu­sion von Unmit­tel­bar­keit, da Ereig­nisse, die ja nicht-sprach­lich sind, zunächst in Sprache über­setzt werden müssen, um in Texten wieder­ge­geben werden zu können, sie können dort also nicht wie in Filmen tatsäch­lich unmit­telbar darge­stellt werden.
Foka­li­sie­rung: Hier gibt es drei Typen. Bei der externen Foka­li­sie­rung (Außen­sicht, neutral) präsen­tiert die Erzählin­stanz weniger, als die Figuren wissen.
Bei der Null­fo­ka­li­sie­rung (Über­sicht) präsen­tiert die Erzählin­stanz mehr als einzelne oder auch alle Figuren wissen. Sie wird oft auch als aukt­o­rial oder allwis­send bezeichnet, aukt­o­rial ist aber eigent­lich ein Begriff von Stanzel, der zwischen aukt­o­rialen, perso­nalen und Ich-Erzähler*innen unter­scheidet und wird von ihm nochmal spezi­fi­scher defi­niert, und allwis­send ist ziem­lich irre­füh­rend — nur, weil die Erzählin­stanz mehr weiß als die Figuren, heißt das ja nicht, dass sie alles weiß.
Bei der internen Foka­li­sie­rung (Mitsicht, akto­rial) wird nur präsen­tiert, was eine bestimmte Figur weiß.
Wenn die Foka­li­sie­rung inner­halb eines Textes gleich­bleibt, heißt das fixiert, wenn sie sich verän­dert variabel, bzw. geht bei interner Foka­li­sie­rung auch multipel, da ist die Foka­li­sie­rung zwar immer intern, aber abwech­selnd aus der Sicht verschie­dener Figuren.
Der Begriff Perspek­tive bezieht sich übri­gens auf die Foka­li­sie­rung in Kombi­na­tion mit einigen Berei­chen der Stimme.

Stimme
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Grün
Blau
Zeit­punkt des Erzäh­lens: Es gibt späteres (Normal­fall), früheres (z.B. bei Prophe­zei­ungen) und gleich­zei­tiges (z.B. wenn in einem Publikum jemandem einem Kind, das nichts sehen kann, erzählt, was gerade auf der Bühne passiert) Erzählen.
Ort des Erzäh­lens: Ich finde, das sollte Ebene des Erzäh­lens heißen, denn es geht nicht darum, ob die Ich-Erzäh­lerin eines Tage­buch-Romans gerade zu Hause oder im Watten­meer schreibt, sondern darum, ob außer­halb oder inner­halb der Geschichte erzählt wird. Die Erzählin­stanz, die die gesamte Geschichte erzählt, ist extra­die­ge­tisch (das bedeutet nicht, dass sie in der Geschichte nicht vorkommt, dazu kommen wir gleich). Wenn jemand inner­halb der Geschichte etwas erzählt, ist er*sie intra­die­ge­tische*r Erzähler*in. Erzählt jemand etwas inner­halb dieser Geschichte in der Geschichte, heißt das meta­di­e­ge­tisch, die nächste Ebene wäre meta­me­ta­di­e­ge­tisch, usw. Deut­lich einfa­cher und nach­voll­zieh­barer ist die Benen­nung von Lahn und Meister, die spre­chen von primären, sekun­dären, tertiären, usw. Erzähler*innen.
Stel­lung der Erzählin­stanz zum Geschehen: Ist die Erzählin­stanz keine Figur in der Geschichte, die sie erzählt, ist sie hete­ro­die­ge­tisch, ist sie eine, homo­die­ge­tisch. Wenn sie außerdem die Haupt­person ist, wird das auto­die­ge­tisch genannt.
Subjekt und Adressat*in des Erzäh­lens: Wer erzählt wem? Warum ist da auch ne span­nende Frage. Also, wer ist die Erzählin­stanz eigent­lich, wem erzählt sie diese Geschichte, warum erzählt sie sie über­haupt, warum diesem Menschen (oder diesen Menschen — oder Nicht-Menschen) und warum erzählt sie sie so, wie sie erzählt? Das wird bei intra­die­ge­ti­schen Erzähler*innen in der Regel im Text beant­wortet, bei extra­die­ge­tisch-hete­ro­die­ge­ti­schen in der Regel nicht. Ist in der Regel auch nicht nötig, kann aber für uns Autor*innen trotzdem sehr hilf­reich sein, sich selbst diese Fragen zu beantworten.