EINSAMKEIT IM STUDIUM?
Viele Studierende haben oft mit Einsamkeit zu kämpfen. Vielleicht zieht man das erste Mal von Zuhause aus, ist in einer neuen, unbekannten Stadt. Manchmal hat man auch einen großen Workload, so dass soziale Kontakte auf der Strecke bleiben. In den wenigsten Fällen wird darüber offen und ausführlich geredet. Dieses Jahr war es noch schwieriger: Pandemiebedingte Kontaktbeschränkungen, Reiseverbote und Lockdowns haben Einsamkeit bei vielen hervorgerufen. Wir wollen dem Thema etwas näher auf den Grund gehen und haben unsere Kommiliton*innen befragt.
Einsamkeit ist ein großer, aber etwas schwammiger Begriff. Laut der Seite Bleib gesund ¹ sind 10-15% der Deutschen chronisch einsam, nach einer weiteren Studie fühlen sich 17% der 18-69-Jährigen ständig oder häufig einsam, 30% manchmal und 30% brauchen andere, um sich gut zu fühlen. Einsamkeit ist demnach ein Phänomen, das viele Menschen kennen, wenn nicht sogar jede*r. Der Grund dieser Einsamkeit ist oft eine Veränderung im Leben. Doch was ist Einsamkeit überhaupt? Laut Dr. Doris Wolf ist es ein Zusammenschluss verschiedener Gefühle: „Einsame Menschen erleben sich als ausgeschlossen, verlassen, ungeliebt und unbedeutend“ ² . Das Selbstwertgefühl kann demnach auch darüber entscheiden, wie einsam sich jemand fühlt. Andersherum wirkt sich Einsamkeit auch negativ auf die psychische Gesundheit aus. Alleinsein und Einsamkeit ist übrigens nicht dasselbe. Denn wer alleine ist, der muss diese ganzen negativen Gefühle nicht spüren. Alleine zu sein kann auch angenehm sein.
Die Studienzeit soll die time of your life sein. Das hört man jedenfalls von überall, sei es von Freund*innen in höheren Semestern oder in den Medien. Genau diese Erwartungshaltung kann dazu führen, dass man sich als Student*in noch schlechter fühlt, wenn die Studienzeit doch nicht aus vielen Partys, Zusammentreffen und Erlebnissen mit anderen Menschen besteht. Vielleicht ist auch Scham der Grund dafür, dass über diese Einsamkeit nicht viel gesprochen wird. Dabei fühlen sich laut einer Umfrage ³ zum Beispiel fast die Hälfte der britischen Student*innen einsam. 37% überlegen deswegen sogar das Studium abzubrechen. Ein Studium anzufangen ist ein neuer Lebensabschnitt. Es ist normal, dass man machmal das Gefühl hat, vor einem Berg neuer Erfahrungen zu stehen, die man alleine leisten muss. Jetzt ist die Situation noch schwieriger geworden, denn durch Online-Kurse ist die Möglichkeit neue Freundschaften zu schließen und Kontakte zu knüpfen erschwert. Für Studierende, die bisher schon Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit hatten, kann die momentane Isolation ein zusätzliches großes Problem sein, das zu unbeachtet ist.
Zum Ende, und zum wichtigsten Teil dieses Artikels, haben wir versucht ein paar Ideen zu sammeln, wie man mit Einsamkeit umgehen könnte, sie abmildern oder sogar loswerden kann.
Ein erster wichtiger Schritt ist es, sich selbst einzugestehen, dass man sich einsam fühlt. Viele fühlen sich in letzter Zeit gestresster, reizbarer oder trauriger. Wenn man tiefer blickt, könnte der Grund dafür Einsamkeit sein. Diese wahrzunehmen und zu akzeptieren, ist wichtig, um mit ihr umzugehen und etwas dagegen zu tun. Die Zeit, die du alleine verbringst, kannst du zum Reflektieren benutzen:
→ Kannst du die Situation, in der du gerade bist, auch positiv sehen?
→ Wenn dir das schwerfällt: Versuche ein paar Dinge aufzuschreiben, für die du dankbar bist.
→ Bist du dir wirklich sicher, dass du alleine bist? Nur weil du deine geliebten Menschen nicht sehen kannst, heißt das nicht, dass sie aus der Welt sind und sie nicht mehr für dich da sind!
→ Fühlst du dich vielleicht einsam, weil du mit dir und deinen Gedanken nicht alleine sein kannst? Wäre das eventuell etwas, woran du arbeiten könntest?
→ Kannst du diese Zeit dann vielleicht nutzen, um die Beziehung zu dir selber zu verbessern?
Manchmal kann man, wenn man daran arbeitet, positivere Gedanken zu haben, wirklich das Gefühl der Einsamkeit hinter sich lassen. Manchmal hilft dies allein aber nicht. Nach fast einem Jahr Ausnahmesituation ist es natürlich verständlich, wenn etwas anderes helfen muss.
Der nächste Schritt wäre Kontakt zu Freund*innen oder zur Familie aufzunehmen: per Textnachricht, Videoanruf oder regelkonformen Treffen. Es gibt auch in diesen Zeiten viele Möglichkeiten, Zeit zusammen zu verbringen. Wichtig ist es, sich nicht selber zu isolieren, weil man sich einredet, es sei niemand an einem interessiert. Ein simples „Wie geht es dir?“ kann in diesen Zeiten sehr wertvoll sein, auch weil man nicht weiß, wie sehr die andere Person unter all diesen negativen Gefühlen leidet, und sollte (wie sonst vielleicht) nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Die Gegenwart anderer gibt uns Sicherheit, Trost und auch einen Lebenssinn. Wenn euch das nicht (mehr) weiterhilft, gibt es noch mehr Möglichkeiten hier:
Die Telegram-Gruppe der Uni: Eine Möglichkeit, sich mit anderen Studierenden der Uni auszutauschen. Link: https://t.me/joinchat/RObVBQ2Akpm3jEn66ViShw
Telefonseelsorge: Unter der Nummer 0800/1110111 kann man jederzeit kostenlos anrufen, um sich die Gedanken und Sorgen einfach mal von der Seele zu reden. Die Telefonseelsorge ist aber auch per Mail oder Chat erreichbar. Mehr Infos gibt es unter https://www.telefonseelsorge.de/.
Nightline: Ähnlich wie die Telefonseelsorge, nur extra für Student*innen. Nachteile: Sprechzeiten sind festgelegt und weder Hildesheim noch Hannover haben einen dort vertretenen Standort. Mehr Infos gibt es unter https://nightlines.eu/.
Psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks: Bietet eine offene Sprechstunde donnerstags zwischen 10.30 und 12.30 Uhr an, sowie die Möglichkeit, persönliche Termine zu vereinbaren. Mehr Infos gibt es unter https://www.stw-on.de/hildesheim/beratung/pbs/.
Psychologische Hilfe außerhalb der Uni: Selbstverständlich auch eine Option. Wer professionelle Hilfe braucht, der kann sich zunächst an den Hausarzt oder an die Hausärztin, an eine psychosoziale Beratungsstelle oder direkt an eine psychotherapeutische Praxis wenden. Ein erstes Gespräch in einer psychotherapeutischen Praxis ist übrigens seit ein paar Jahren auch ohne ärztliche Überweisung oder Antrag bei der Krankenkasse möglich ⁴. Weitere Infos hier: https://www.gesundheitsinformation.de/wege-zur-psychotherapie-wo-gibt-es-hilfe.html
Die Situation momentan ist wohl für die meisten von uns nicht sonderlich schön. Auch uns fiel es nicht leicht, über dieses Thema zu schreiben. Mit den wunden Punkten konfrontiert zu werden ist immer unschön. Trotzdem hoffen wir, dass wir euch einen Überblick geben und hilfreiche Anregungen teilen konnten. Denkt immer dran: Es geht irgendwann vorbei. Niemand ist wirklich je alleine: Das sind universelle Gefühle, die jede*r einmal spürt. Es ist nichts daran, wofür man sich schämen muss. Trau dich andere Leute oder eventuell Hilfe aufzusuchen (sei es auch digital oder mit Mindestabstand). Es gibt viele Menschen, denen ihr ganz wichtig seid.
Zusammen schaffen wir das!
Larissa & Sina