„Hildesheim dein Herz ist groß dein Hafen eher klein. Die Türsteher lassen nach zwölf keinen mehr rein, zur Sicherheit wollen sie auch bei Greisen den Ausweis, es könnte passieren, dass ich bald leise ausreiß. Okay das heißt rasten, wir brauchten Wörter die passten, als Reim für Hildesheim.“,
unter anderem so beschreiben Phrasenmäher in ihrer Hymne „Hildesheim“ unsere Stadt. Die drei ehemaligen Kulturwissenschaftsstudenten beschreiben mit ihrem Song Hildesheim eigentlich schon ganz passend und dennoch verdient Hildesheim neben einer Hymne meiner Meinung nach auch eine ehrliche Hommage einer Einheimischen.
Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und ja, ich studiere auch hier. Oft werde ich gefragt, ob ich nicht weg wollte, nach dem Abi, was Neues sehen, ausziehen von Zuhause. Ich verneine stets mit einem Lächeln. Viele verstehen nicht, wieso ich gerne hier lebe, warum es mich nicht gereizt hat, von hier wegzugehen.
Zum einen bin ich bequem. Ein sehr interessanter und zu mir passender Studiengang wird in meiner Heimatstadt angeboten, warum also woanders hin. Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, das gibt es so nur hier; Studieren mit hohem Praxisanteil. Zum anderen mag ich es hier wirklich gern. Ich bin auf dem Dorf groß geworden (circa 10 Kilometer von der Domäne aus), ich mag es ruhig und familiär. Wenn ich mal meine Fahrkarte vergesse, klingle ich bei meinen Nachbarn (der ein paar Straßen weiter wohnt, ja das ist noch Nachbarschaft) und er drückt mir ohne weitere Fragen einen Fünfer in die Hand, den er auch niemals zurückverlangen würde. Beim nächsten Fest lade ich ihn einfach auf ein Bier ein. Man kennt sich hier, selbst wenn man sich eigentlich gar nicht wirklich kennt.
Das ist der Charme der kleinsten Großstadt Deutschlands (oder doch wieder größte Kleinstadt?). Ich kann in zwanzig Minuten in Hannover oder Braunschweig sein, wir haben inzwischen sogar eine Einkaufshalle (sowas gab es hier in meiner Kindheit noch nicht), wir haben das weltbekannte Römer-Pillezaeus-Museum, ein beliebtes Stadttheater, wir haben einen wunderschönen (historisch nicht ganz korrekten) Marktplatz, einen tausend Jahre alten Rosenstock, unsere Michaeliskirche war sogar schon einmal im Kino zu sehen (okay als Dom getarnt, aber es zählt trotzdem) und sogar Weltstars kommen aus Hildesheim (Diane Kruger hab ich vor Jahren sogar schon mal auf dem Hildesheimer Weihnachtsmarkt gesehen) .
Gut, wenn man seinen Bus verpasst, kann es sein, dass man zwischen 10 und 60 Minuten warten muss und manchmal muss man auch den ganzen Weg laufen, aber man lernt mit der Zeit in Hildesheim, alles irgendwie positiv zu sehen. Meine Mama hat hier auf der Domäne noch MuKU-Eis gekauft, dafür bin ich leider ein paar Jahre zu jung und doch habe auch ich als Kind hier meine Zeit verbracht. Eine Fahrradtour am Sonntag und dann gab´s zur Belohnung Kuchen im Hofcafé. Meine Großeltern wohnen ganz in der Nähe der Domäne und auch mit denen war ich hier und habe am Reiterhof Ponys gestreichelt.
Aber Hildesheim erscheint leider häufig in einem schlechten Licht. „Hier ist nichts los!“ Ich, als Einheimische, habe dieses Gefühl nie gehabt, aber das liegt vielleicht an über zwanzig Jahren Teilnahme an verschiedensten Projekten, Veranstaltungen und Clubs. Hildesheim ist, glaube ich, das was man daraus macht. Hildesheim ist wandelbar und will sich weiterentwickeln. Hey wir wollen immerhin Kulturhauptstadt werden, das ist doch was! Viele Veranstaltungen und Partys werden von uns Student*Innen organisiert, damit Hildesheim jünger wird. Apropos jung. Als ich noch jung war da war Hildesheim riesig für mich, zum Beispiel wenn wir zum Einkaufen in die Innenstadt gefahren sind. Heute schätze ich es sehr, dass Hildesheim so übersichtlich ist. Mit dem Fahrrad kann man so gut wie alles erreichen und oft ist man zu Fuß auch gut dran.
Ich bin als Kind in Hildesheim natürlich auch zur Schule gegangen, das Goethegymnasium war meine Hood, heute gehe ich gerne am Schulgelände vorbei und schwelge in Erinnerung, quatsche ab und an mit ehemaligen Lehrern. Wenn ich weitergehe, komme ich zum Neustädter Markt,. Dort war ich im Kindergarten und in der Lambertikirche wurde ich getauft. In der Schuhstraße bin ich mit 3 heftig auf die Nase gefallen und habe einen Milchzahn verloren , im „Jobad“ bin ich mit 8 zum ersten Mal vom Fünfer gesprungen, mit 14 habe ich in der Tanzschule „Bodscheller“ Walzer gelernt und mit 19 habe ich an der Domäne mein Studium begonnen.
Mein ganzes Leben spielt sich bisher hier ab. Natürlich heißt das nicht, dass ich nicht auch schon mal raus wollte, neue Städte und Länder sehen, aber Heimat und Zuhause sind das Wichtigste für mich und ich kann in meiner vorlesungsfreien Zeit so viel reisen. Doch selbst in Irland, Schottland oder den USA, gibt es nichts, dass sich so anfühlt wie Zuhause.
Oft kann ich nur schwer nachempfinden, warum viele so schnell wie möglich wieder hier weg wollen. Ich habe in Hildesheim immer ein offenes Ohr gefunden. So habe ich es zumindest erlebt. In Hildesheim und besonders auf der Domäne muss man nie alleine sein. Die Menschen sind (überwiegend, niemand ist perfekt, auch Hildesheim nicht) freundlich und offen. Hildesheim kann so viel mehr als man vermuten mag, davon bin ich überzeugt.
Und wenn ich (voraussichtlich, man weiß ja nie als KuWi) in zwei Semestern fertig bin, dann wird es mir sehr schwer fallen, diese Stadt zu verlassen und all meine Erinnerungen, meine Freunde und meine Familie. Aber ich weiß Hildesheim wird mich mit offenen Armen wieder begrüßen, wenn ich zu Besuch komme. Ich habe das noch vor mir, was die meisten meiner Kommiliton*innen schon hinter sich haben: Abschied nehmen von Zuhause!
Text: Sarah Haase