Dritte Orte in Hildes­heims Stadt­raum: Ein Versuch

Aktuell fällt es noch schwer, Projekte im analogen öffent­li­chen Raum konkret und (planungs-)sicher zu denken. Gleich­zeitig braucht es aber Menschen, die wieder damit anfangen, Begeg­nungs­orte und –anlässe zu initi­ieren – gerade auch in einer sich stark verän­dernden Innen­stadt. Studie­rende des Fach­be­reichs 2 versu­chen genau das und planen ein tempo­räres Lite­ra­tur­café in einem Leer­stands­ob­jekt in Hildes­heim. Ein Beitrag, irgendwo zwischen Vorfreude, kriti­scher Befra­gung vermeint­lich zugäng­li­cher Begeg­nungs­orte und dem Konzept des soge­nannten Dritten Ortes.

Um Anste­ckungs­ge­fahren zu vermeiden, funk­tio­niert der öffent­liche Raum seit einem Jahr eher als Durch­gang, weniger als Aufent­haltsort. Vieles muss geplant werden, wenig passiert spontan oder flexibel. Die Frage nach Zugäng­lich­keiten stellt sich in mancher Hinsicht noch einmal nach­drück­li­cher. Soge­nanntes Innen­stadtsterben war schon vor der Pandemie nicht wirk­lich neu, zuneh­mende kurz­zei­tige Leer­stand­nut­zung auch nicht. Und nein, auch Leer­stands­pro­jekte, die von Kultur­campus-Studie­renden temporär initi­iert und gestaltet werden, sind womög­lich weniger neu. Projekte, die auch aufgrund ihrer Innen­stadt­lage das Poten­tial hatten und haben, die oft beschrie­bene "Domäne-Bubble" zumin­dest etwas auszu­weiten, und die das wahr­schein­lich nicht immer geschafft haben.

Und ausge­rechnet jetzt also ein weiteres solches?! Ja, jetzt..!

Weil es neue Versuche braucht, den öffent­li­chen Raum (wieder) als gestaltbar zu denken und unkom­mer­zi­elle Begeg­nungs­räume zu schaffen. Weil es wichtig ist, zufällig mit Menschen ins Gespräch kommen zu können, die sich sonst mögli­cher­weise nicht getroffen hätten. Weil wir das viel­leicht alle ein biss­chen wieder neu lernen müssen. Weil es dafür manchmal Anlässe braucht. Weil es Menschen braucht, die diese Anlässe orga­ni­sieren. Und die da ein paar echt schöne Ideen haben.

Liste fort­lau­fend.

Also dann, worum geht´s hier eigentlich?

Zität“- Ein Ausblick

Im Rahmen des Lite­ra­tur­café-Projekts „Zität“ soll im August für drei Wochen ein "Raum zum Lesen, Kaffee trinken, Reden und einfach Verweilen“ entstehen. Erdacht und orga­ni­siert wurde und wird „Zität“ derzeit von fünf Studie­renden (Joelle Burrichter, Natalie Digel, Ricarda Köstner, Tabea Gesche und Luisa Marschewski), die in einer späteren Fort­set­zung dieses Beitrags noch selbst zu Wort kommen, und Einblicke in Moti­va­tionen, Wunsch­vor­stel­lungen und den aktu­ellen Stand der Dinge geben werden. Sagen lässt sich aber hier schon mal, dass „Zität“ sein kurz­zei­tiges Zuhause in einer leer­ste­henden Laden­zeile in Hildes­heims Innen­stadt finden wird – die Entschei­dung für einen Raum steht noch aus – und unter anderem Platz für Lesungen, Work­shops zu Krea­tivem Schreiben, Buch­tipps  und Bücher­tausch bieten soll. Die Haupt­idee ist dabei, einen zugäng­li­chen Ort für Begeg­nungen zu schaffen, der ohne Konsum­zwang oder verpflich­tende Teil­nahme an irgendwas funk­tio­nieren soll.

Soweit, so wunderbar!

Das Konzept Dritter Ort

Begeg­nungs­orte im öffent­li­chen Raum. Dagegen ist erstmal wenig zu sagen. Ich gehe an dieser Stelle einfach mal davon aus, dass es vielen so geht wie mir selbst und das Bedürfnis nach diesen Orten aktuell größer ist denn je.

Wenn wir über Begeg­nungs­räume spre­chen, dann ist das stadt­so­zio­lo­gi­sche Konzept des Dritten Ortes nicht weit. Die Idee selbst ist an sich nicht neu – sie wurde 1989 durch den ameri­ka­ni­schen Sozio­logen Ray Olden­burg geprägt – dient aber derzeit häufig als Bezugs­punkt, beispiels­weise für Neuaus­rich­tungen eher klas­si­scher Kultur­ein­rich­tungen, die in einem Versuch der „Öffnung“ ihr Selbst­ver­ständnis erwei­tern und befragen.

Die Namens­ge­bung des Konzepts basiert auf einer Abgren­zung bzw. Ergän­zung zu dem von Olden­burg benannten „ersten“ Ort – dem Privat­raum in dem beispiels­weise fami­liäres Zusam­men­leben statt­findet – und dem „zweiten“ Ort – dem Arbeitsraum.

Dritte Orte meinen dagegen infor­melle, öffent­liche und frei­zeit­liche Orte, häufig mit Bezug auf nachbar*innenschaftliche Umge­bungen und Verhält­nisse, die als „zuhause außer­halb von zuhause“ wahr­ge­nommen werden können. Als wesent­liche Aspekte Dritter Orte benennt Olden­burg die Notwen­dig­keit eines „neutralen Bodens“ und der „Gleich­heit der Versam­melten“ und verweist damit auf gleich­be­rech­tigte Aufent­halts­be­din­gungen und das Fehlen einer gast­ge­benden Person, was leichte Zugäng­lich­keit impli­ziert. Im Zentrum Dritter Orte stehen die mitein­ander kommu­ni­zie­renden Menschen, Stammkund*innen treffen hier auf „Neulinge“, die Atmo­sphäre ist gemüt­lich, spie­le­risch, unge­zwungen. Ich kann jeder­zeit dorthin kommen, schauen, wer zufäl­li­ger­weise gerade da ist, und entscheiden, ob und wie lange ich dort sein möchte.

„Der ideale Dritte Ort ist ein Ort des Tref­fens, des Lernens, der Kunst und der Kultur, der seinen Nutzer*innen die Möglich­keit der Gestal­tung des Ortes gibt.“ (Hanne Bangert)

Was dieses Konzept eini­ger­maßen verfehlt, ist die Frage danach, wie neutral öffent­li­cher Boden ange­sichts viel­fäl­tiger Macht­kon­stel­la­tionen tatsäch­lich sein kann. Und, daran anschlie­ßend: Wie anwendbar ist der Aspekt der Abwe­sen­heit von gast­ge­benden Personen am jewei­ligen Ort? Wie nach­haltig sind Dritte Orte? Wie haltbar ist die klare Abgren­zung der drei Orte, seitdem sich beson­ders im letzten Jahr virtu­elle, beruf­liche Räume und real-physi­sche Privat­räume stark verschränkt haben? Und ja: Menschen machen Räume. Aber wie durch­lässig sind diese, wenn sich erst einmal eine besagte Stammkund*innenschaft gebildet hat?

Wenn wir mit diesem Konzept im Gepäck in den öffent­lich analogen Stadt­raum in Hildes­heim gehen, wird relativ schnell klar, dass Voraus­set­zungen für Begeg­nungs­räume dieser Art – mit allem, was man daran mögen und kriti­sieren kann – wenig bis kaum gegeben sind. Das liegt unter anderem daran, dass vieler­orts Barrie­re­frei­heit auf unter­schied­liche Weise einge­schränkt wird, es wenig Sitz­ge­le­gen­heiten gibt, Orte aus verschie­denen Gründen nicht zum Verweilen einladen, Anlässe dafür fehlen und der öffent­liche Raum nicht für alle gleich sicher ist.

Damit füllen Projekte wie „Zität“ poten­tiell eine Lücke, könnten sich aber gleich­zeitig fragen, inwie­fern der geplante offene Raum tatsäch­lich für alle gleich offen ist.  Im Umkehr­schluss: Wie kann das Projekt Menschen das Gefühl geben, will­kommen und sicher zu sein und teil­haben zu können? Die vermeint­liche Kluft zwischen Hildes­heims Stadtbewohner*innen und Domäne-Studie­renden (wobei sich das tatsäch­lich gar nicht mal so sehr ausschließen muss) haben schon andere Beiträge auf diesem Blog zu ergründen versucht. Und wahr­schein­lich ist dabei die Frage danach, wie die eine oder andere „Brücke“ geschlagen werden kann, genauso wichtig, wie sie proble­ma­tisch ist, wenn diese „Brücke“ immer auch ein „Ihr“ und „Wir“ reproduziert.

Gehen wir hier also mal kurz davon aus, dass mit Projekten wie dem „Zität“ zunächst einmal nicht-kommer­zi­elle Begeg­nungs­räume für Studie­rende unseres Fach­be­reichs geschaffen werden sollen, und – Hand aufs Herz – davon gibt es in Hildes­heim auch gar nicht mal so viele. Und, dass Räume dieser Art jeweils Versuche sein können, auch Menschen ohne Kultur­campus-Verbin­dung offen zu stehen. An tempo­räre Studie­renden-Projekte den Anspruch heran­zu­tragen, inner­halb der Kürze ihrer Zeit eine diverse Stadt­be­völ­ke­rung für sich zu inter­es­sieren und zusam­men­zu­bringen, wäre eini­ger­maßen unver­hält­nis­mäßig. Dafür bräuchte es einen längeren Projekt­zeit­raum, was meist über das hinaus­geht, was einem leist­baren Expe­ri­men­tier­raum für Studie­rende entspricht.

In diesem Beitrag sollte es nicht darum gehen, das Konzept Dritter Ort als Check-Liste für Projekte im öffent­li­chen Raum anzu­wenden. Dritte Orte funk­tio­nieren mögli­cher­weise eher als nicht abschließ­barer Prozess, als Orien­tie­rungs­punkt, der befragt und erwei­tert werden kann und muss. Und nicht zuletzt spielt eine große Rolle, wer diese Räume eröffnet und warum.

In diesem Sinne:

Wenn ihr Lust bekommen haben solltet, mehr über „Zität“ zu erfahren, dann freut euch auf die Fort­set­zung dieses Beitrags oder schaut bei Insta­gram (hi.zitaet) vorbei.

Ein Beitrag von Lena Ruth Albrecht

Quellen: Ray Olden­burg, "The great good place"; Hanne Bangert, "Sozio­kultur und Dritte Orte; Insta­gram, hi.zitaet.