Wo könnten Studenten sich authentischer ausdrücken, wo könnten sie befreiter texten als auf dem Uni-WC? Klotür auf, dann zu und, klack, den Riegel umgedreht: Weg ist die feindselige äußere Uniwelt. Und wo ist der Student ehrlicher als in der Anonymität einer Toilettenkabine? Hier kann er, fernab der Konventionen der eigenen Akademikerzunft, spontan und ohne Zeitdruck der Menschheit mitteilen, was ihn im Innersten beschäftigt. Zeit für eine Entdeckungsreise durch die Universitätstoiletten der Domäne Marienburg.

Klick‘ auf ein Bild und erfahre den Standort des jeweiligen Klospruches. Ein Klospruch ist eine besondere Form der Graffiti, die man vor allem an den Innenwänden öffentlicher Toiletten findet. Man spricht auch von Klograffiti, Toilettengraffiti, Latrinalia, Kloesie oder Kloprosa.

Klosprüche werden meist mit Bleistift, Kugelschreiber oder Filzstift geschrieben oder mit spitzen Gegenständen eingeritzt. Auch Kondomautomaten werden häufig mit Sprüchen versehen. Klosprüche können alle möglichen Inhalte umfassen: vom Wunsch nach Sexkontakt, obszönen oder humoristischen Zeichnungen und Nonsens-Dichtungen bis hin zu mathematischen Formeln kann man – je nach Standort der Toilette – viele Formen von Klograffiti finden.

Diese Kritzeleien sind meistens sehr kurzlebig, weil öffentliche Toiletten regelmäßig gereinigt werden. Im juristischen Sinne kann das Anbringen von Klosprüchen auf fremden Toiletten unter bestimmten Voraussetzungen eine Sachbeschädigung darstellen und daher strafbar sein.

Da es sich um schriftliche oder grafische Spuren menschlicher Kommunikation handelt, können Klosprüche im weitesten Sinne auch der Literatur zugeordnet werden. In jedem Falle sind sie Teil menschlicher Schriftkultur. Als Teil der Lebenswelt dokumentieren sie den alltäglichen Sprachgebrauch. Ihre Geschichte ist so alt wie die menschliche Zivilisation; auch bei archäologischen Ausgrabungen wurden antike Latrinalia gefunden, etwa in Pompeji.

Klograffiti sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Studien, da sie viel über die Atmosphäre in einer Institution oder ganz allgemein über das menschliche Kommunikationsbedürfnis aussagen können. Das Studium von Klograffiti kann Gegenstand der Kulturwissenschaften sein, etwa in der Soziolinguistik, den Kommunikationswissenschaften, der Sexualforschung und der Psychologie, aber auch der Bildwissenschaften.

Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema veröffentlichte die zwischen 1904 und 1913 erschienene Zeitschrift Anthropophyteia – Jahrbücher für ethnologische, folkloristische und kulturgeschichtliche Sexualforschung. Im Forschungsteam der Zeitschrift saßen unter anderem auch der Sexualforscher Iwan Bloch und Sigmund Freud.

„Ich finde, dass Klosprüche eine große Bühne verdient haben. Sie sind die demokratischste aller Kunstformen, weil sich jeder verewigen kann. Und sie sind für jeden zugänglich. Man kann so viele schöne Sachen an die Wand schreiben, einige malen auch etwas. Wenn man all das betrachtet, sind Klosprüche meiner Meinung nach kein Schmutz, sondern ein Kollektivkunstwerk. Ein Hoch auf Klosprüche!“ – Joachim Bosse, Label Muschi Kreuzberg

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