FACHFREMD

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

Dissoziative Identitätsstörung

Wie die Reihe „Fachfremd“ ja betont, reden wir hier nicht über Theater, auch wenn es bei diesem Thema zunächst vielleicht so wirken mag, wenn man zum ersten Mal darauf stößt. Aber nein. Kein Theater.

Stattdessen fand ich mich bei meiner stundenlangen Recherche urplötzlich in der Psychologie wieder. Denn ich hatte etwas entdeckt, wovon ich noch nie zuvor gehört hatte:

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS).

Dabei mag man sich durchaus fragen, nachdem ich direkt mit einem solchen einleitenden Satz losgelegt habe: Aber was hat eine DIS angeblich mit Theater zu tun?

Nein, halt stopp – was ist denn eine DIS überhaupt?

Beides zwei der hunderten von Fragen, die ich mir selbst gestellt hatte, als ich begann, mich zuerst auf YouTube von einem Interview und Erklärvideo ins nächste zu klicken und mich dann in Artikeln und Foren zu vergraben.

Hier folgen also ein paar Antworten auf diese Fragen.


Als DIS wird ein Störungsbild bezeichnet, bei dem

in einem einzelnen Körper zwei oder mehrere voneinander getrennte Identitäten leben.

Also nicht wie wir das gewohnt sind – keine verschiedenen Seiten, die wir haben, wenn wir mit unterschiedlichen Menschen reden oder uns an anderen Orten befinden, sondern verschiedene Persönlichkeiten. Die Anzahl dieser Identitäten variiert stark – Tina von D.I.S. Ding auf YouTube beispielsweise hat über vierzig Persönlichkeits„anteile” (wie sie auch manchmal genannt werden) und eine Obergrenze der Abspaltungen gibt es nicht.

Dabei wechselt es, welche der Persönlichkeiten gerade „vorne“ ist, „das Auto steuert“, wie eine andere Betroffene es beschreibt. Diese Anteile können sehr unterschiedlich auftreten oder sich in Aspekten ähneln, sind jedoch alle eine Persönlichkeit für sich, mit eigenen Fähigkeiten, Vorlieben und Interessen.

Es gibt Identitäten, von denen eine eine Sprache spricht, die die andere nicht spricht, die Handschrift ist anders, eine Identität kann Auto fahren, die anderen nicht, sogar körperliche Unterschiede wurden festgestellt: Die Augenfarbe kann sich verdunkeln oder aufhellen und auch tiefgreifendere Dinge wie Glutenunverträglichkeit und sogar Diabetes und Blindheit können etwas sein, unter dem die eine Persönlichkeit leidet, die nächste jedoch nicht.

Denn Menschen mit einer DIS spielen ihre Persönlichkeiten nicht, auch wenn es für andere oftmals danach aussehen mag. Auch wenn Schauspieler*innen sehr intensiv eine Rolle spielen und sich für diese Zeit eine andere Identität aneignen – die Hirnmuster sind, wie beobachtet wurde, beim Theaterspielen deutlich anders, als wenn jemand dissoziiert und in andere Teilidentitäten geht. Diese Methode des Hirnscans ist jedoch noch recht neu und die Krankheit wird bis heute noch viel angezweifelt. Obwohl es inzwischen sichere Diagnosemittel, Instrumente und besagte Gehirnscans gibt, um festzustellen, wann eine DIS vorliegt, ist diese Störung für Nicht-Betroffene so schwer vorstell- und fassbar, dass

ihre Existenz noch immer oft beargwöhnt wird.

Auch die Unbekanntheit der DIS trägt höchstwahrscheinlich zur Skepsis ihr gegenüber bei.

Das, obwohl laut einer Zeit Online Reportage allein in Deutschland mehr als ein Prozent der Bevölkerung mit multiplen Persönlichkeiten lebt. Schätzungen diesbezüglich besagen, dass es weltweit sogar bis zu zwei Prozent sein dürften. (Zum Vergleich: Rothaarige machen ebenfalls zwei Prozent aus.) Davon sind, wie die New York Times berichtet, ein unverhältnismäßig großer Anteil Frauen, was sich aus der Entstehung der DIS erklärt – frühkindlicher Missbrauch, bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern.

In einem Interview von TheMedCircle auf YouTube wurde die Situation von Menschen, die mit einer DIS leben, auch mit der von Homosexuellen vor Jahrzehnten verglichen. Mir kam jedoch eher die modernere bzw. aktuellere Parallele zu dem Bild in den Kopf, das viele Menschen von trans* Menschen haben, besonders nicht-binären.

Trotz langjähriger Forschung und Evidenz der Existenz von DIS aus über fünfzig Jahren ist sie noch immer nicht anerkannt – oder mit Klischees behaftet, wie beispielsweise der Vorstellung eines bösen Alter Egos wie bei Jekyll & Hyde, oder auch anderer

kultureller Horrorgeschichten,

was ebenfalls eine Ähnlichkeit zur Wahrnehmung von trans* Menschen in den Medien aufweist. Auch gibt es wenig Ärzt*innen, die auf die DIS spezialisiert sind, manche glauben nicht einmal daran.

Ein weiteres Klischee, das beide gemeinsam haben: den Verdacht auf das Vortäuschen eines Zustandes, aus welchen Gründen auch immer. Hier ist dies jedoch zumindest ansatzweise rückführbar auf einen medienintensiven Vorfall, von dem die New York Times einmal im Jahre 1988 berichtete und den sie schließlich 2014 noch einmal thematisierte.

Dabei handelte es sich um das Phänomen „Sybil“ – die Studie einer Frau mit 16 Persönlichkeiten, über die 1973 ein allem Anschein nach sehr massentaugliches Buch veröffentlicht wurde. Millionenfach verkauft und anschließend 1976 als Fernsehfilm adaptiert, wiederum von mehreren zehn Millionen angesehen. Die Frau, dessen echter Name Shirley Ardell Mason lautete, sorgte durch diesen Medienboom dafür, dass die Störung 1980 offiziell medizinisch anerkannt wurde.

So weit, so gut.

Dann jedoch begannen Leute damit, sich im Fernsehen massenweise als Person mit DIS auszugeben, wie bei einem heißen Trend, auf den es aufzuspringen galt. DIS wandelte sich von einem äußerst selten diagnostizierten Störungsbild zu einem kulturellen Phänomen. Dieses dauerte von circa der Mitte der achtziger bis zur Mitte der neunziger Jahre – bis erfolgreiche Gerichtsprozesse durchgeführt wurden gegen einige Psychiater, die falsche Diagnosen ausgestellt hatten. Verständlich, dass nachfolgend Verwirrung oder geradezu Misstrauen ausbrach, was die DIS anging. Was bis heute anhält.

Denn wie funktioniert das Ganze überhaupt? Wie kann man sich das vorstellen? Und wie kommt es nun genau zustande?

Menschen erleben diese Störung verschieden, auch wie sie zustande kommt, kann stark variieren. Auch die auf die Behandlung von DIS spezialisierte Psychotherapeutin Michaela Huber bestätigt in einem Interview mit der ZEIT online, es gebe sehr viele verschiedene Möglichkeiten, wie jemand sich spalten könne, es läge jedoch ein klares Muster vor.

Wenn es sehr früh passiert, dass ein Kind

massiven, unumgänglichen Stress und wiederholtes Trauma

erlebt (egal, was für einen Stress, oft jedoch das Leiden unter viel Gewalt, besonders ritualiserter sexueller Gewalt, oft auch in Verbindung mit sektenartigen Strukturen), wachsen manche Teile der Persönlichkeit gar nicht erst zusammen, wie es normalerweise passiert. Die runde Persönlichkeits- und Identitätsbildung kann nicht stattfinden.

Diese Zusammenfügung der Persönlichkeit findet normalerweise sehr früh statt, der generelle Konsens diesbezüglich scheint das 5. Lebensjahr zu sein, spätestens, wie Huber meint, Psychotherapeutin Andrea Eckert vertritt jedoch die These, dass dies noch bis zum 8. Lebensjahr passieren könne. Fest steht jedenfalls: Wenn die Integration bis dahin nicht stattgefunden hat, heißt das, dass sie später auch nicht mehr passiert, demnach können sich später immer noch Persönlichkeiten bilden, auch wenn man bereits älter ist.

Diese Persönlichkeiten dienen als Schutzmechanismen und jede hat einen Grund, da zu sein. Zustande gekommen sind sie als „Abschalt-Mechanismus“ in traumatisierenden Situationen, wobei die Abspaltung den Rest der Persönlichkeit schützt.

Unter anderem dadurch, dass sich eine Persönlichkeit nicht an das erinnern kann, was vorgefallen ist, wenn ein anderer Anteil vorne war.

Diese Amnesie dauert auch im späteren Leben noch an

und ist ein häufiger Grund dafür, dass eine DIS überhaupt entdeckt wird. Sowohl von der Person mit DIS selbst, als auch von Angehörigen. Da das „System“, wie das Zusammenspiel der Persönlichkeiten in einem Körper gemeinhin genannt wird, grundsätzlich darauf ausgelegt ist, in Alltagssituationen zu funktionieren, nicht aufzufallen und mit verschiedenen Handlungsbereichen zurechtzukommen, kann es sein, dass die Symptome gar nicht als DIS identifiziert werden.

Was oft als reine Vergesslichkeit gedeutet wird, kann darin ausarten, dass man sich an Orten wiederfindet, an die man sich nicht erinnert, gegangen zu sein, ohne dass man weiß, wie man wieder zurückfindet. Anstatt harmloseren Dingen, wie keine Erinnerungen daran, wie man den Morgen verbracht hat oder was jemand zu einem gesagt hat.

Damit man jedoch mit DIS ein funktionierendes Leben leben kann, ist eine

Kommunikation zwischen den Anteilen

sehr wichtig und das, worauf eine Therapie der DIS meistens abzielt. Ein gemeinsames Tagebuch ist beispielsweise eine geläufige Methode.

Auch ein Co-Bewusstsein der Persönlichkeiten ist möglich, wobei ein Anteil mitbekommen kann, was passiert, wenn ein anderer Anteil gerade vorne ist, wenn dieser das zulässt. Das System funktioniert ähnlich wie ein Haus mit vielen Bewohner*innen, wobei die Person, die auf dem Balkon steht, vorne ist und die Balkontür im übertragenen Sinne öffnen (und die anderen teilhaben lassen) oder auch schließen kann.

Ansonsten lässt sich schlecht kontrollieren, welcher Anteil hervorkommt, dies wird oft hervorgerufen durch gewisse persönliche Triggerpunkte.

Ein Wechsel kann beispielsweise stattfinden in einer Stresssituation, durch gewisse hervorgerufene Erinnerungen, starke Emotionen oder sensorische Erfahrungen wie Geräusche, Gerüche, Geschmäcke oder auch bestimmtes berührtes Gewebe.

 

In diesen paar Abschnitten konnte ich selbstverständlich bei weitem nicht alles unterbringen, was ich inzwischen über die DIS gelernt habe und sicherlich erst recht nicht alles, was es über sie zu sagen gibt. Ich hoffe jedoch, dass euer Interesse, so wie meines zu Anfang, geweckt worden ist.

Und vielleicht habt ihr ja nach all dem ebenfalls Lust und Muße, euch in die Recherche zu stürzen und diesen ganzen Identitätskomplex etwas besser zu verstehen, weswegen ich abschließend noch einige der Kanäle verlinke, die mir bei meinem Verständnis von alledem stark geholfen haben.

DissociaDID

D.I.S. Ding

ZEIT online

MedCircle

Und damit verabschiede ich mich mit einem herzlichen auf Wiedersehen – und auf mehr Aufklärung.

Ein Beitrag von Ariane Siebel

FACHFREMD

In dieser Reihe begeben wir uns in Disziplinen, die denen des Fachbereichs 2 fern sind. Man muss ja nicht immer über Theater reden.

Dissoziative Identitätsstörung

Wie die Reihe „Fachfremd“ ja betont, reden wir hier nicht über Theater, auch wenn es bei diesem Thema zunächst vielleicht so wirken mag, wenn man zum ersten Mal darauf stößt. Aber nein. Kein Theater.

Stattdessen fand ich mich bei meiner stundenlangen Recherche urplötzlich in der Psychologie wieder. Denn ich hatte etwas entdeckt, wovon ich noch nie zuvor gehört hatte:

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS).

Dabei mag man sich durchaus fragen, nachdem ich direkt mit einem solchen einleitenden Satz losgelegt habe: Aber was hat eine DIS angeblich mit Theater zu tun?

Nein, halt stopp – was ist denn eine DIS überhaupt?

Beides zwei der hunderten von Fragen, die ich mir selbst gestellt hatte, als ich begann, mich zuerst auf YouTube von einem Interview und Erklärvideo ins nächste zu klicken und mich dann in Artikeln und Foren zu vergraben.

Hier folgen also ein paar Antworten auf diese Fragen.

 

Als DIS wird ein Störungsbild bezeichnet, bei dem

in einem einzelnen Körper zwei oder mehrere voneinander getrennte Identitäten leben.

Also nicht wie wir das gewohnt sind – keine verschiedenen Seiten, die wir haben, wenn wir mit unterschiedlichen Menschen reden oder uns an anderen Orten befinden, sondern verschiedene Persönlichkeiten. Die Anzahl dieser Identitäten variiert stark – Tina von D.I.S. Ding auf YouTube beispielsweise hat über vierzig Persönlichkeits„anteile” (wie sie auch manchmal genannt werden) und eine Obergrenze der Abspaltungen gibt es nicht.

Dabei wechselt es, welche der Persönlichkeiten gerade „vorne“ ist, „das Auto steuert“, wie eine andere Betroffene es beschreibt. Diese Anteile können sehr unterschiedlich auftreten oder sich in Aspekten ähneln, sind jedoch alle eine Persönlichkeit für sich, mit eigenen Fähigkeiten, Vorlieben und Interessen.

Es gibt Identitäten, von denen eine eine Sprache spricht, die die andere nicht spricht, die Handschrift ist anders, eine Identität kann Auto fahren, die anderen nicht, sogar körperliche Unterschiede wurden festgestellt: Die Augenfarbe kann sich verdunkeln oder aufhellen und auch tiefgreifendere Dinge wie Glutenunverträglichkeit und sogar Diabetes und Blindheit können etwas sein, unter dem die eine Persönlichkeit leidet, die nächste jedoch nicht.

 

Denn Menschen mit einer DIS spielen ihre Persönlichkeiten nicht, auch wenn es für andere oftmals danach aussehen mag. Auch wenn Schauspieler*innen sehr intensiv eine Rolle spielen und sich für diese Zeit eine andere Identität aneignen – die Hirnmuster sind, wie beobachtet wurde, beim Theaterspielen deutlich anders, als wenn jemand dissoziiert und in andere Teilidentitäten geht. Diese Methode des Hirnscans ist jedoch noch recht neu und die Krankheit wird bis heute noch viel angezweifelt. Obwohl es inzwischen sichere Diagnosemittel, Instrumente und besagte Gehirnscans gibt, um festzustellen, wann eine DIS vorliegt, ist diese Störung für Nicht-Betroffene so schwer vorstell- und fassbar, dass

ihre Existenz noch immer oft beargwöhnt wird.

Auch die Unbekanntheit der DIS trägt höchstwahrscheinlich zur Skepsis ihr gegenüber bei.

Das, obwohl laut einer Zeit Online Reportage allein in Deutschland mehr als ein Prozent der Bevölkerung mit multiplen Persönlichkeiten lebt. Schätzungen diesbezüglich besagen, dass es weltweit sogar bis zu zwei Prozent sein dürften. (Zum Vergleich: Rothaarige machen ebenfalls zwei Prozent aus.) Davon sind, wie die New York Times berichtet, ein unverhältnismäßig großer Anteil Frauen, was sich aus der Entstehung der DIS erklärt – frühkindlicher Missbrauch, bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern.

 

In einem Interview von TheMedCircle auf YouTube wurde die Situation von Menschen, die mit einer DIS leben, auch mit der von Homosexuellen vor Jahrzehnten verglichen. Mir kam jedoch eher die modernere bzw. aktuellere Parallele zu dem Bild in den Kopf, das viele Menschen von trans* Menschen haben, besonders nicht-binären.

Trotz langjähriger Forschung und Evidenz der Existenz von DIS aus über fünfzig Jahren ist sie noch immer nicht anerkannt – oder mit Klischees behaftet, wie beispielsweise der Vorstellung eines bösen Alter Egos wie bei Jekyll & Hyde, oder auch anderer

kultureller Horrorgeschichten,

was ebenfalls eine Ähnlichkeit zur Wahrnehmung von trans* Menschen in den Medien aufweist. Auch gibt es wenig Ärzt*innen, die auf die DIS spezialisiert sind, manche glauben nicht einmal daran.

Ein weiteres Klischee, das beide gemeinsam haben: den Verdacht auf das Vortäuschen eines Zustandes, aus welchen Gründen auch immer. Hier ist dies jedoch zumindest ansatzweise rückführbar auf einen medienintensiven Vorfall, von dem die New York Times einmal im Jahre 1988 berichtete und den sie schließlich 2014 noch einmal thematisierte.

 

Dabei handelte es sich um das Phänomen „Sybil“ – die Studie einer Frau mit 16 Persönlichkeiten, über die 1973 ein allem Anschein nach sehr massentaugliches Buch veröffentlicht wurde. Millionenfach verkauft und anschließend 1976 als Fernsehfilm adaptiert, wiederum von mehreren zehn Millionen angesehen. Die Frau, dessen echter Name Shirley Ardell Mason lautete, sorgte durch diesen Medienboom dafür, dass die Störung 1980 offiziell medizinisch anerkannt wurde.

So weit, so gut.

Dann jedoch begannen Leute damit, sich im Fernsehen massenweise als Person mit DIS auszugeben, wie bei einem heißen Trend, auf den es aufzuspringen galt. DIS wandelte sich von einem äußerst selten diagnostizierten Störungsbild zu einem kulturellen Phänomen. Dieses dauerte von circa der Mitte der achtziger bis zur Mitte der neunziger Jahre – bis erfolgreiche Gerichtsprozesse durchgeführt wurden gegen einige Psychiater, die falsche Diagnosen ausgestellt hatten. Verständlich, dass nachfolgend Verwirrung oder geradezu Misstrauen ausbrach, was die DIS anging. Was bis heute anhält.

Denn wie funktioniert das Ganze überhaupt? Wie kann man sich das vorstellen? Und wie kommt es nun genau zustande?

 

Menschen erleben diese Störung verschieden, auch wie sie zustande kommt, kann stark variieren. Auch die auf die Behandlung von DIS spezialisierte Psychotherapeutin Michaela Huber bestätigt in einem Interview mit der ZEIT online, es gebe sehr viele verschiedene Möglichkeiten, wie jemand sich spalten könne, es läge jedoch ein klares Muster vor.

Wenn es sehr früh passiert, dass ein Kind

massiven, unumgänglichen Stress und wiederholtes Trauma

erlebt (egal, was für einen Stress, oft jedoch das Leiden unter viel Gewalt, besonders ritualiserter sexueller Gewalt, oft auch in Verbindung mit sektenartigen Strukturen), wachsen manche Teile der Persönlichkeit gar nicht erst zusammen, wie es normalerweise passiert. Die runde Persönlichkeits- und Identitätsbildung kann nicht stattfinden.

Diese Zusammenfügung der Persönlichkeit findet normalerweise sehr früh statt, der generelle Konsens diesbezüglich scheint das 5. Lebensjahr zu sein, spätestens, wie Huber meint, Psychotherapeutin Andrea Eckert vertritt jedoch die These, dass dies noch bis zum 8. Lebensjahr passieren könne. Fest steht jedenfalls: Wenn die Integration bis dahin nicht stattgefunden hat, heißt das, dass sie später auch nicht mehr passiert, demnach können sich später immer noch Persönlichkeiten bilden, auch wenn man bereits älter ist.

 

Diese Persönlichkeiten dienen als Schutzmechanismen und jede hat einen Grund, da zu sein. Zustande gekommen sind sie als „Abschalt-Mechanismus“ in traumatisierenden Situationen, wobei die Abspaltung den Rest der Persönlichkeit schützt.

Unter anderem dadurch, dass sich eine Persönlichkeit nicht an das erinnern kann, was vorgefallen ist, wenn ein anderer Anteil vorne war.

Diese Amnesie dauert auch im späteren Leben noch an

und ist ein häufiger Grund dafür, dass eine DIS überhaupt entdeckt wird. Sowohl von der Person mit DIS selbst, als auch von Angehörigen. Da das „System“, wie das Zusammenspiel der Persönlichkeiten in einem Körper gemeinhin genannt wird, grundsätzlich darauf ausgelegt ist, in Alltagssituationen zu funktionieren, nicht aufzufallen und mit verschiedenen Handlungsbereichen zurechtzukommen, kann es sein, dass die Symptome gar nicht als DIS identifiziert werden.

Was oft als reine Vergesslichkeit gedeutet wird, kann darin ausarten, dass man sich an Orten wiederfindet, an die man sich nicht erinnert, gegangen zu sein, ohne dass man weiß, wie man wieder zurückfindet. Anstatt harmloseren Dingen, wie keine Erinnerungen daran, wie man den Morgen verbracht hat oder was jemand zu einem gesagt hat.

 

Damit man jedoch mit DIS ein funktionierendes Leben leben kann, ist eine

Kommunikation zwischen den Anteilen

sehr wichtig und das, worauf eine Therapie der DIS meistens abzielt. Ein gemeinsames Tagebuch ist beispielsweise eine geläufige Methode.

Auch ein Co-Bewusstsein der Persönlichkeiten ist möglich, wobei ein Anteil mitbekommen kann, was passiert, wenn ein anderer Anteil gerade vorne ist, wenn dieser das zulässt. Das System funktioniert ähnlich wie ein Haus mit vielen Bewohner*innen, wobei die Person, die auf dem Balkon steht, vorne ist und die Balkontür im übertragenen Sinne öffnen (und die anderen teilhaben lassen) oder auch schließen kann.

Ansonsten lässt sich schlecht kontrollieren, welcher Anteil hervorkommt, dies wird oft hervorgerufen durch gewisse persönliche Triggerpunkte.

Ein Wechsel kann beispielsweise stattfinden in einer Stresssituation, durch gewisse hervorgerufene Erinnerungen, starke Emotionen oder sensorische Erfahrungen wie Geräusche, Gerüche, Geschmäcke oder auch bestimmtes berührtes Gewebe.

In diesen paar Abschnitten konnte ich selbstverständlich bei weitem nicht alles unterbringen, was ich inzwischen über die DIS gelernt habe und sicherlich erst recht nicht alles, was es über sie zu sagen gibt. Ich hoffe jedoch, dass euer Interesse, so wie meines zu Anfang, geweckt worden ist.

Und vielleicht habt ihr ja nach all dem ebenfalls Lust und Muße, euch in die Recherche zu stürzen und diesen ganzen Identitätskomplex etwas besser zu verstehen, weswegen ich abschließend noch einige der Kanäle verlinke, die mir bei meinem Verständnis von alledem stark geholfen haben.

DissociaDID

D.I.S. Ding

ZEIT online

MedCircle

Und damit verabschiede ich mich mit einem herzlichen auf Wiedersehen – und auf mehr Aufklärung.

Ein Beitrag von Ariane Siebel