Digitale Lehre im Hauruck-Verfahren
Ein Beitrag von Eve Bernhardt
Als die ersten Meldungen von einem neuartigen Virus zu mir durchgesickert kamen, wäre mir ein digitales Semester, so wie ich es jetzt erlebe, nicht in den Sinn gekommen…
Digitalisierung im Hauruck-Verfahren. Das Corona-Virus hat das Undenkbare zur Notwendigkeit gemacht. Lernen muss seit März 2020 zu Hause stattfinden. Zunächst waren Schüler*innen betroffen, nach Ende der Semesterferien auch die Studierenden.
Hörsäle gefüllt mit mehreren hundert Studierenden, eigentlich ein Normalzustand, sind zur Zeit unvorstellbar, denn eine Eindämmung des Virus wäre hier schier unmöglich.
Also bleiben die Universitäten zu. Während die Jüngeren nach und nach wieder zur Schule gehen dürfen, scheint eine Rückkehr in die Präsenzlehre oder auch eine Mischform aus dieser und digitaler Lehre an Universitäten noch in weiter Ferne.
Digitale Lehre
- Keine Ausbreitung von Krankheitserregern
- Teils flexiblere Studienzeiten
Präsenzlehre
- Direktere Kommunikation und Soziale Interaktion
- Produktive Lernumgebung
Obwohl die digitale Lehre momentan relativ gut zu funktionieren scheint, sollte sie aber auch weiterhin als Notlösung betrachtet und keinesfalls zum Dauerzustand werden, zumindest nicht zum einzigen. Funktionieren Veranstaltungen wie Vorlesungen vergleichsweise gut, so leiden besonders interaktive Lehrformate unter der aufgezwungenen Digitalisierung: Philosophie- oder Literaturseminare, die vom gemeinsamen Sprechen über Texte leben. Kunst- und Theaterseminare.
Und auch Vorlesungen verlieren an Qualität, denn Fragen bleiben zumeist ungeklärt. Viele Vorlesungen werden als vorproduziertes Video zur Verfügung gestellt, ohne die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen. Ist die Vorlesung doch einmal live und findet als Videokonferenz statt, dann stellt das Sprechen vor einem Publikum, das unsichtbar, unüberschaubar ist, eine Hemmschwelle dar. Hinzu kommen technische Schwierigkeiten, schlechtes W-LAN, ein kaputtes Mikro, unzureichende Hardware… Viele der Studierenden besitzen keinen eigenen Drucker, müssen aber gleichzeitig einen Text vor Augen haben und den Präsentationsfolien des/der Dozierenden folgen.
Es gibt Zeiten, die Ausnahmesituationen notwendig machen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie schnell Schulen und Universitäten ihren gesamten Betrieb auf den Kopf gestellt haben und auch, wie gut die digitale Lehre funktioniert. Trotzdem kann sie mit der Präsenzlehre an vielen Punkten nicht Schritt halten.
Es wäre sicherlich fahrlässig, im Wintersemester sämtliche Kurse so stattfinden zu lassen wie vor der Covid-19 Pandemie, aber ein ähnliches Modell wie in den Schulen ist möglicherweise denkbar. Ein Hybrid zwischen digitaler und Präsenzlehre, sodass interaktive Kurse zumindest in kleinem Rahmen wieder eine ähnliche Qualität zurückerlangen können, wie vor der Pandemie (ganz selbstverständlich nur, solange sich die Lage nicht wieder verschlechtert.)