[et_pb_fullwidth_header_extended title="Die bunte Brille: Wie umgehen mit Rassismus und Sexismus in alten Texten?" _builder_version="4.9.2" _module_preset="default" title_text_align="center" use_background_color_gradient="on" background_image="https://www.uni-hildesheim.de/kulturpraxis/wp-content/uploads/2021/03/Header-bunte-Brille-hoffentlich-klein-genug.jpg" background_layout="dark" text_shadow_style="preset1" _i="0" _address="1.0" /]

Ein Beitrag von Kaja Sturmfels

Diese Argu­mente gehören entkräftet

Wie über­zeugst du deine Dozierenden?

Fragen für Seminar-Diskussionen

Quellen

Kommen­tare

Für wen ist dieser Beitrag?

Dieser Beitrag richtet sich grund­sätz­lich an andere Student*innen, weiter unten geht es viel darum, wie Dozie­rende davon über­zeugt werden können, dass die Thematik wichtig ist und in ihren Veran­stal­tungen behan­delt werden sollte — aber wenn du Dozent*in bist und gerade diese Zeilen liest, nur zu! Ich würde mich freuen. Ich fände es sogar enorm sinn­voll. Denn viel­leicht gehörst du, nachdem du dich mit meinem Beitrag ausein­an­der­ge­setzt hast, nicht mehr zu denje­nigen, die erst über­zeugt werden müssen.
Außerdem ist der Beitrag, auch wenn er bei Philo­so­phie einge­ordnet ist, nicht ausschließ­lich für Philo­so­phie-Menschen. Wenn du Philo­so­phie nicht als Fach hast, sind einfach ein, zwei Punkte nicht ganz so rele­vant für dich.
Und sollte jemand, der*die gar nichts mit Uni am Hut hat, auf diesen Beitrag gestoßen sein: Herz­lich will­kommen! Schau doch mal rein. Das Konzept der bunten Brille ist univer­sell. Und wer weiß, was du von meinen Ausfüh­rungen sonst noch so gebrau­chen kannst.

Das, worauf ich in diesem Beitrag nicht eingehen kann

Der Titel lautet ja „Wie umgehen mit Rassismus und Sexismus in alten Texten”. Streng genommen meine ich damit nur alte Theorie-Texte. Wer sich also auf Anre­gungen für den Umgang mit Ismen in Fiktion gefreut hat, da muss ich leider enttäu­schen. Zum einen war der Work­shop eben zu Theorie-Texten, zum anderen ist dieser Beitrag bereits sehr, sehr lang.
Und wenn wir schon dabei sind: Auf den Umgang mit Ismen in aktu­ellen Texten gehe ich natür­lich auch nicht ein.
Da das alles aber genauso wichtig und span­nend ist: Schreibt dazu doch gerne Kommen­tare! Nicht nur, wenn ihr total viel darüber wisst, sondern genauso, wenn ihr Fragen habt, viel­leicht kann ich sie ja beant­worten oder es finden sich andere, die sie beant­worten oder es entspinnt sich eine inter­es­sante Diskus­sion aus Mutma­ßungen.
(Gene­rell würde ich mich über alle Arten von konstruk­tiven Kommen­taren sehr freuen.)

Aris­to­teles war Skla­ven­halter, Thomas Hobbes und John Locke besaßen Anteile an der Royal African Company, die mit Kolo­nia­li­sie­rung Geld verdiente, Imma­nuel Kant beschreibt eine Rassen­hier­ar­chie und Hannah Arendt führt an, es sei „mit ihrer Welt­lo­sig­keit gege­bene Unwirk­lich­keit der Einge­bo­re­nen­stämme”, die zu Geno­ziden „verführt” habe.
Wie viel davon wuss­test du? Bei mir war es, bevor ich einen Work­shop belegt und für diesen Beitrag recher­chiert habe, gerade mal die Kant-Info. Und die auch nur, weil ich Alice Hasters’ Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten gelesen habe. In der Schule wurde nichts davon erwähnt und das, obwohl ich von der neunten bis zur zwölften Klasse Philo­so­phie-Unter­richt hatte und sämt­liche der genannten Philosoph*innen durch­ge­nommen wurden.
An der Uni sah es nicht viel besser aus. Ich erin­nere mich an exakt zwei Semi­nare, in denen die Thematik aufge­griffen wurde. Das eine war kultur­wis­sen­schaft­lich und es kamen kriti­sche Stellen in einem Text vor. Die Dozentin führte dann eine Abstim­mung durch, ob wir über diese Stellen spre­chen wollten. Wir wollten. Heraus kam eine Diskus­sion nicht nur zu den entspre­chenden Absätzen im Text, sondern auch über die Frage, wie wir gene­rell mit Rassismus in alten Werken umgehen sollten. Sonder­lich ertrag­reich war die aller­dings nicht. Denn das Ergebnis lautete: Wir hatten keinen Plan. Wir wussten nicht, wie wir in diesem Moment vorgehen sollten und wir wussten nicht, wie wir über­haupt vorgehen sollten. Waren die Stellen in Ordnung, weil der Text aus der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts stammte und das damals leider noch der Zeit­geist war? Mussten wir dem Ausschnitt jegli­chen Rassismus abspre­chen, weil der Autor anderen seiner Texte zufolge kein Rassist gewesen zu sein schien? Warum lasen wir diesen Text über­haupt, hätte nicht ein unpro­ble­ma­ti­scher gefunden werden können, in dem die Theorie, die wir gerade behan­delten, eben­falls beschrieben wurde?
Schließ­lich gingen wir über. Zum, ja, zum was? Wer jetzt „zum eigent­li­chen Thema” gesagt hätte, hat noch einiges zu lernen — aber keine Sorge, genau dafür schreibe ich ja diesen Beitrag.
Im zweiten Seminar, eins aus der Philo­so­phie diesmal, war das Fest­halten am „eigent­li­chen Thema” sogar noch deut­li­cher. Die Sitzung war zu Kant, der Rassismus-Aspekt wurde inner­halb von ca. zwei Minuten im Einstiegs-Referat abge­han­delt und kam danach nicht wieder vor. Aller­dings verwies meine Kommi­li­tonin inner­halb dieser zwei Minuten auf einen Work­shop von der Uni Jena, der bald für die Uni Hildes­heim statt­finden sollte: Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Anti­se­mi­tismus in klas­si­schen Werken der Philosophie?

Ich horchte auf. Das war doch genau das rich­tige für mich nach diesem Diskus­sions-Desaster neulich. Zwar ging es ausschließ­lich um Philo­so­phie, aber das Zeug würde sich doch sicher­lich über­tragen lassen. Ich schrieb also eine Mail und ergat­terte noch einen der Plätze.
Doch was ist das eigent­lich für ein Titel? Rassismus, Sexismus, Anti­se­mi­tismus. Was ist mit der Diskri­mi­nie­rung anderer Reli­gionen als des Juden­tums? Und Klas­sismus? Und Ableismus? Und streng genommen geht es bei Rassismus ja ledig­lich um das Aussehen, das auf eine bestimmte Abstam­mung schließen lässt. Vorur­teile aufgrund von Natio­na­lität und Kultur sind da theo­re­tisch gar nicht einbe­griffen.
Nun, im Work­shop wurde ange­führt, dass wir uns nicht darauf konzen­trieren sollten, welches Schild­chen sich einer Aussage anheften lässt, sondern darauf, ob sie als Legi­ti­ma­tion für Ausbeu­tung verwendet werden kann.
Ich denke, wir sollten bei der bunten Brille sämt­liche Ismen einbe­ziehen und auch auf Inter­sek­tio­na­lität achten (also darauf, dass verschie­dene Ismen sich oft nicht trennen lassen, da Personen von mehreren auf einmal betroffen sind). In diesem Beitrag werde ich mich aller­dings der Einfach­heit halber auf Rassismus und Sexismus beschränken und auf spezi­fi­sche Defi­ni­tionen verzichten.
Aber was ist das denn nun eigent­lich genau, die bunte Brille?

Die bunte Brille ist im Prinzip einfach ein catchy Name, den ich mir ausge­dacht habe, für ein Verhalten, das wir immer und überall an den Tag legen sollten: Acht­sam­keit in Bezug auf Diskri­mi­nie­rung.
Also, die bunte Brille ist, im Gegen­satz zur rosa Brille, zum dauer­haften Tragen gedacht, damit wir erkennen können, wenn ein Buch Sexismus repro­du­ziert oder ein Bewer­bungs­ver­fahren rassis­tisch abläuft. Und dann etwas tun können, um diese Verhält­nisse zu ändern.
Bei alten Texten sieht die Sache natür­lich etwas anders aus. Wir können keine kriti­schen Leser­briefe an Aris­to­teles schreiben.
Aber wir können die Werke nutzen, um über unsere aktu­elle Gesell­schaft zu reflek­tieren. Bei Schriften, die vor 50, 100 oder auch 500 Jahren geschrieben wurden, stellt sich ja immer die Frage, warum wir sie über­haupt noch lesen. Oder zumin­dest sollte sie sich stellen. „Weil das Kant ist” ist nämlich keine gute Antwort darauf.
Ich denke, ganz allge­mein formu­liert lässt sich sagen, dass wir solche Texte lesen, um etwas zu lernen. Und wofür lernen wir? Für unser Leben in der Jetzt­zeit. Da ist es nur logisch, dass wir die alten Konzepte auch auf unsere Realität über­tragen. Doch dabei werden gewisse Fragen gar nicht erst gestellt oder viel zu selten. Fragen wie:
- Würde das in einer nicht-euro­päi­schen/-US-ameri­ka­ni­schen Kultur über­haupt funk­tio­nieren?
- Der Autor äußert sich hier sexistisch/ rassistisch/ …, hat das Einfluss auf seine weitere Theorie? Und was sagt es über uns aus, dass wir diese immer noch benutzen?
- Wird ein ähnli­ches Argu­ment heut­zu­tage nicht von Rechtspopulist*innen verwendet?
Solange wir diese Fragen nicht stellen, solange wir sie nicht außer­halb von Gesprächs­runden stellen, in denen Rassismus oder Sexismus genau das Thema ist, solange verkennen wir die Realität. Denn Rassismus ist nicht wie Fußball oder Garten­ge­stal­tung. Kein Bereich, der sich von anderen Berei­chen trennen lässt, auf die er dann wenig oder gar keinen Einfluss nimmt. Rassismus ist überall, er ist struk­tu­rell, er ist insti­tu­tio­nell, er ist in unseren Köpfen veran­kert. Und wenn wir ihn da raus­be­kommen wollen, müssen wir das aner­kennen. Wir dürfen die bunte Brille nicht für eine Talk­show mit Karamba Diaby auf- und danach wieder absetzen. Wir müssen sie aufbe­halten.
Und das bedeutet an der Uni: Wir müssen immer dann über Ismen reden, wenn sie eine Rolle spielen. Und das ist viel öfter der Fall, als die meisten denken. Bei einem Erzähl­theorie-Seminar reicht es viel­leicht aus, die Text­aus­wahl diverser zu gestalten. Wenn wir über Gegen­warts­li­te­ratur spre­chen, reicht das nicht — und auch nicht, wenn es um alte Theorie-Texte geht.
Was brau­chen wir also für Alttext-Diskus­sionen mit bunter Brille?

Zunächst eine Art Agenda. Wir wollen über Ismen reden. Um sie letzt­end­lich abzu­schaffen. Dazu wollen wir sie genau so betrachten, wie sie heute auch auftreten: Als Teil von Theo­rien und Welt­bil­dern. So können wir etwas über die dama­lige Realität lernen (z.B. „alle Menschen sind gleich viel wert” = Außer Frauen. Und Kindern. Und Nicht-Europäer*innen.) und die Fehler der „großen Geister” aner­kennen. Denn solange wir Menschen auf Sockel stellen und glauben, sie seien unfehlbar (gewesen), werden wir weiterhin Fehler vertu­schen, statt sie zu beheben.
Damit sind wir auch schon bei unserer Realität, über die wir natür­lich eben­falls etwas lernen wollen, nicht zuletzt, um unser Verhalten in Bezug auf Ismen zu verbes­sern — und sie nicht am Ende noch in Haus­ar­beiten zu repro­du­zieren.
Diese (bzw. eine ähnliche, die hier wurde schließ­lich nur von einer Person geschrieben und wie war das, anzu­er­kennen, dass niemand unfehlbar ist?) Agenda müssen wir wohl so oft wieder­holen, bis sie irgend­wann auf der Univer­si­täts-Webseite auftaucht.
Die eigent­liche Lehre sollte dann meines Erach­tens so ablaufen, dass zunächst eine Einfüh­rung über das Leben der behan­delten Person, ihre Werke und ihr Verhältnis zu Ismen gegeben wird. Eine Zusam­men­fas­sung der entspre­chenden Debatte, sollte es eine geben, kann eben­falls nicht schaden. Daraufhin kann die Thematik dann beim Lesen von Texten und bei Diskus­sionen berück­sich­tigt und reflek­tiert werden.
Zuvor müssen wir uns aller­dings die Entkräf­tung einiger Argu­mente vor Augen führen. Jeden­falls müssen das alle, die genauso wenig Ahnung haben wie die anderen und ich in der zu Anfang erwähnten Diskus­sion. Das voll­stän­dige Ausmaß meiner Ahnungs­lo­sig­keit offen­barte sich übri­gens, als wir für den Work­shop einige Feuil­leton-Artikel lesen sollten. Ich bin es gewohnt, Argu­mente, die keine wirk­li­chen Argu­mente sind, heraus­fil­tern und die, die welche sind, gegen­ein­ander abwägen zu können, um so an meiner Meinung fest­zu­halten, sie zu ändern oder mir über­haupt erst eine zu bilden. In dem Fall konnte ich das nicht.
Wenn es dir genauso geht, keine Sorge, ich bin mir relativ sicher, dass das nicht bedeutet, dass wir dumm sind, sondern ledig­lich, dass unser Blick noch nicht geschärft genug ist (bzw. war, aber wem will ich was vorma­chen, meine bunte Brille hat garan­tiert auch noch nicht die Diop­trien-Zahl, die eigent­lich nötig wäre). Wir brauch(t)en also Hilfe. Die kam für mich in Form des Work­shops und kommt für dich in Form dieses Kastens hier. Der ist also offi­ziell ein Erste Hilfe-Kasten.
Wobei, eine Beson­der­heit hat er: Du kannst dein Wissen und deine Fähig­keiten testen, indem du erst versuchst, das Argu­ment selbst zu entkräften, bevor du den Text aufklappst.

Zeit­geist, Skandal oder irrele­vant — diese Argu­mente gehören entkräftet.
Die rassistischen/ sexis­ti­schen Äuße­rungen sind histo­risch zu erklären. Stich­wörter: Kind seiner*ihrer Zeit, Zeit­geist, damals üblich

Ein Argu­ment wie dieses zielt darauf ab, rassis­ti­sche und sexis­ti­sche Stellen zu rela­ti­vieren, um sich nicht weiter mit der Thematik ausein­an­der­setzen zu müssen. À la „Das war damals eben so, aber jetzt ist das ja nicht mehr so, also brau­chen wir uns damit gar nicht zu beschäf­tigen.” Dass das ein Weg ist, auf dem wir es niemals in eine Anti-Diskri­mi­nie­rungs-Gesell­schaft schaffen werden, haben wir ja oben bereits geklärt.
Abge­sehen davon ist das Argu­ment, konse­quent in der oben stehenden Formu­lie­rung betrachtet, ziem­lich inhaltslos. Alle Haltungen sämt­li­cher Menschen, die exis­tieren, exis­tieren werden oder exis­tiert haben, sind „histo­risch zu erklären”. Weil diese Menschen, ausge­stattet mit einer gewissen Basis, ihrer DNA, Erfah­rungen machen (vom Eltern­haus bis hin zu Gesprä­chen mit Enkel­kin­dern), die ihre Ansichten formen.
Das war bei Denker*innen aus vergan­genen Jahr­hun­derten ganz genauso. Und ich halte es für durchaus wichtig, diesen Punkt im univer­si­tären Kontext anzu­spre­chen. Schließ­lich könnten wir daraus nicht zuletzt Erkennt­nisse darüber gewinnen, warum Parteien wie die AfD so erfolg­reich sind.
Aber das bedeutet nicht, dass Ismen in alten Texten mit einem „damals dachten alle so” abgetan werden können. Denn zum einen lernen wir dann, wie gesagt, nichts und zum anderen dachten damals eben nicht alle so. Ein Zeit­ge­nosse von Kant war beispiels­weise Johann Gott­fried Herder. Der hatte in Bezug auf Rassismus deut­lich fort­schritt­li­chere Ansichten. (Was Sexismus angeht aller­dings nicht, also sprecht ihn nicht gleich heilig.)
Ein kleines Gedan­ken­ex­pe­ri­ment dazu ist die folgende Aufgabe: Versucht doch mal, den heutigen Zeit­geist zu defi­nieren. Gar nicht so einfach, oder? Es gibt eine derar­tige Viel­falt an Meinungen, Strö­mungen, Bewe­gungen — tja, groß anders wird das damals auch nicht gewesen sein. Es scheint nur so, durch Verein­fa­chungen für den Geschichts­un­ter­richt und fehlende Quellen. Durch unseren jetzigen Blick auf vergan­gene Jahrhunderte.

Die rassis­ti­schen und sexis­ti­schen Anteile sind uner­heb­lich, da sie im Anbe­tracht der übrigen Verdienste des Autors*der Autorin nicht ins Gewicht fallen.

Oh ja, bloß den Philo­so­phen auf dem Sockel lassen. Dabei besteht das Ziel einer Rassismus- und Sexismus-kriti­schen Betrach­tung über­haupt nicht darin, Personen zu entehren und zu erklären, dass ihre Verdienste nichts mehr wert seien. (Wobei durchaus die Frage gestellt werden sollte, ob das, was als Verdienst betrachtet wird, wirk­lich immer so toll war.)
Es geht nicht um Schuld.
Klar, um die Dinge beim Namen zu nennen, können wir zu Anfang einmal aufführen, woran die Autor*innen (mit)schuldig waren.
Aber ich bevor­zuge das Wort Verant­wor­tung. Denn mit Schuld asso­zi­iere ich sofort Sühne, Buße, Wieder­gut­ma­chung. Ganz abge­sehen von der Grund­satz­frage, ob das sinn­volle Konzepte sind und wenn ja, wann: Diese Menschen können nichts wieder­gut­ma­chen. Sie können auch nicht mehr bestraft werden. Sie sind tot. Das einzige, was noch möglich wäre, wäre, ihnen ihre Fehler zu verzeihen — aber das sollten wir eben­falls nicht tun. Dann sind wir ganz schnell wieder bei Verherr­li­chung und es heißt, der Ruf sei reha­bi­li­tiert.
Nun, der Ruf soll nicht reha­bi­li­tiert werden, der Ruf soll in Zukunft einfach ehrlich sein. „Dieser Mensch hat diese und jene schlauen Sachen geschrieben, aber er hatte auch diese und jene diskri­mi­nie­renden Ansichten.” Fertig. Im echten Leben halte ich Verzeihen für sehr wichtig, sowohl für die Person, die verzeiht, als auch für die, der verziehen wird. Aber hier?
Es geht ja nicht um unsere Freund*innen, es geht um Menschen, die wir nie persön­lich kannten und die bereits tot sind. Auch wenn bei manchen Zeitungs­ar­ti­keln schnell der Eindruck entsteht, der*die Verfasser*in würde sehr wohl einen Freund vertei­digen.
Aber wir sind hier nicht vor Gericht, wir sind an der Univer­sität. Wir wollen niemanden verur­teilen, wir wollen etwas lernen. Und wir können sowohl von den beein­dru­ckenden geis­tigen Leis­tungen früherer Denker*innen lernen als auch aus ihren Fehlern.
Eine wunder­bare Lektion bei dieser Ange­le­gen­heit ist außerdem, dass sich gute und schlechte Taten nicht gegen­ein­ander aufwiegen lassen. Wenn jemand tausend Kindern ein Zuhause geschenkt und eins getötet hat, werden dir die Eltern dieses einen Kindes was husten, wenn besagter Mensch zum allge­meinen Wohl­täter erklärt wird.
Genauso ist das mit Kant und Co.

Das ist ein skan­da­löser Einzelfall.

Nein ist es nicht.

Wir sollten Texte dieser Person aus sämt­li­chen Univer­si­täten verbannen.

Nein, sollten wir nicht. Auch Schwarze Philosoph*innen sind nicht dieser Meinung. Anke Graneß, die gerade ein Projekt mit dem Titel „Geschichte der Philo­so­phie in globaler Perspek­tive” durch­führt und zwar nirgendwo anders als an unserer Uni, hat afri­ka­ni­sche Philo­so­phie als einen ihrer Forschungs­schwer­punkte und erklärt in einem Deutsch­land­funk-Beitrag, sie kenne keine afri­ka­ni­schen Philosoph*innen, die sagen, wir müssten Kant und Geistesgenoss*innen nun wegwerfen. Statt­dessen erklären sie, dass wir sie kritisch lesen, rassis­ti­sche Struk­turen aufde­cken und mit Kant gegen Kant argu­men­tieren sollten. Dazu später mehr.
Mit groß ange­legten Boykotten würden uns Chancen zum Lernen entgehen. Nicht nur über Ideen wie den Kate­go­ri­schen Impe­rativ, sondern auch über Rassismus und Sexismus. Es gibt schließ­lich immer noch mehr als genug Menschen, die sich so gut wie gar nicht mit diesen Themen ausein­an­der­setzen. Wenn die Uni nicht der perfekte Ort ist, um sie darauf zu stoßen, was sollte es dann sein? Und auch wir, die uns bereits damit beschäf­tigen, können immer noch dazulernen.

Bevor du darüber reden kannst, musst du erstmal sämt­liche Werke dieser Person gelesen haben. Ein Text lässt sich nicht einzeln betrachten.

Klar, es wäre fantas­tisch, wenn wir uns alle immer überall perfekt auskennen würden und auf höchstem Level disku­tieren könnten. Das ist aber nunmal unmög­lich. Und dementspre­chend sollten wir uns nicht den Mund verbieten lassen. (Wozu gibt es schließ­lich Gespräche zwischen und Texte von Expert*innen, wenn nicht dafür, damit wir nicht alles selbst im Original lesen müssen?) Es ist durchaus sinn­voll, den eigenen Kennt­nis­stand reflek­tiert zu betrachten und zu akzep­tieren, dass es Leute gibt, die tiefer in der Dialektik Georg Wilhelm Fried­rich Hegels stecken als du oder ich.
Aber dass diese Leute, oftmals Weiße Männer 50+, gleich­zeitig auch besser über Rassismus und Sexismus Bescheid wissen, ist relativ unwahr­schein­lich.
Ich denke, sie sollten sich darauf einlassen, von uns zu lernen. Gleich­zeitig sollten wir uns aber auch darauf einlassen, von ihnen zu lernen.
Außerdem ist es für ein möglichst genaues Verständnis davon, wie ein*e Autor*in einen Text gemeint hat (ironisch oder nicht-ironisch ist hier zum Beispiel eine entschei­dende Frage), natür­lich unab­dingbar, ihn im Lebens- und Werk­zu­sam­men­hang zu betrachten. Deswegen plädiere ich ja auch für eine Einfüh­rung zu Beginn jeder Einheit.
Aber wie der Text bei Leser*innen ankommt, ist mindes­tens genauso wichtig. Oder sogar noch wich­tiger. Wenn tausende Menschen einen Text auf eine bestimmte Art und Weise inter­pre­tieren und dementspre­chend handeln, welche Rolle spielt dann noch, was der*die Verfasser*in ursprüng­lich damit sagen wollte?
Ein Text kann also sehr wohl einzeln betrachtet werden. Damit wird schlicht und ergrei­fend die Perspek­tive vieler, vieler Leser*innen nach­ge­stellt. Und auch wenn jemand eigent­lich kein*e Rassist*in war, kann ein einzelner Text trotzdem rassis­tisch sein. Nicht nur wegen miss­ver­ständ­li­chen Formu­lie­rungen, auch wegen unter­be­wusst verin­ner­lichten Mustern aufseiten des Autors*der Autorin.
Also, um nochmal die univer­si­täre Eloquenz raus­hängen zu lassen: Ich halte Unter­su­chungen der Produk­tions-Rezep­tions-Diskre­panz für überaus rele­vant. Und dafür ist es total hilf­reich, die Texte außer­halb des Kontexts zu betrachten.

Aber wenn sich ein Text auch einzeln betrachten lässt, können wir uns dann nicht einfach die unpro­ble­ma­tisch schei­nenden raus­su­chen, so inter­pre­tieren, wie wir sie inter­pre­tieren wollen und die Ismen vergessen?

Können wir, aber dann werden wir sie nie los. Also, die Ismen, nicht die Texte. Warum sollte es über­haupt so erstre­bens­wert sein, bestimmte Gedanken zu extra­hieren oder „mit Autor*innen zu denken”? Ist es nicht viel besser, Gedanken kritisch zu begut­achten und sie weiter­zu­ent­wi­ckeln?
Das gleiche (also „Tren­nung ist nicht”) gilt übri­gens für Autor*in und Werk. Wenn jemand in offi­zi­ellen Schriften nie etwas deut­lich Rassis­ti­sches hat verlauten lassen, aus anderen Quellen aber klar ist, dass entspre­chende Vorur­teile exis­tierten, sollte das auch erwähnt und beim Lesen der Texte im Hinter­kopf behalten werden. Begriffs-Defi­ni­tionen sind hier z.B. immer eine span­nende Frage. Ist mit „Mensch” wirk­lich „Mensch” gemeint oder „Weißer, männ­li­cher Erwach­sener”?
Und wenn in den behan­delten Texten wirk­lich nichts zu finden ist, wurde vorher trotzdem ein Stück­chen mehr über Ismen aufge­klärt, das ist doch absolut positiv.
Also, zusam­men­ge­fasst: Wir sollten Autor*in und Werk nicht trennen, aber wir sollten die Hinter­gründe ab und an beiseite lassen, um die „unbe­darfte Rezipient*innen”-Perspektive einzu­nehmen. Und die Hinter­gründe, die wir nicht kennen, müssen wir eben gezwun­ge­ner­maßen weglassen. Wir haben trotzdem ein Recht, über diese Texte zu sprechen.

Der Rassismus ist im Laufe des Werks über­wunden worden.

Das ist natür­lich schön und gehört defi­nitiv in die Einord­nung am Anfang. Aber solange die Person keine über­ar­bei­tete Neuauf­lage ihrer älteren Schriften heraus­ge­geben hat, müssen wir uns wohl trotzdem mit ihren rassis­ti­schen Gedanken ausein­an­der­setzen.
Und selbst wenn es eine über­ar­bei­tete Neuauf­lage gäbe, würde ich die eher weniger als saubere Alter­na­tive benutzen, sondern lieber mit dem Ursprungs­text verglei­chen, das wäre doch mal enorm span­nend. Da das i.d.R. nicht möglich sein wird: Frühere und spätere Texte zu verglei­chen bietet sich hier auch an.
Wie gesagt: Es geht nicht um Schuld und Reha­bi­li­tie­rung. Rela­ti­vie­rung ist nicht cool, insbe­son­dere, wenn dann noch ein „deshalb müssen wir uns damit nicht beschäf­tigen” hinter­her­ge­schoben wird.

Wir befinden uns hier im histo­ri­schen oder sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Bereich, das hat mit Philo­so­phie nichts zu tun.

Und das nennt sich Dethe­ma­ti­sie­rung.
Ist erstens Unsinn, weil die Philo­so­phie nach Kant tradi­tio­nell in vier große Fragen unter­teilt wird und eine davon lautet „Was ist der Mensch?”. Wenn da Rassismus und Sexismus keine Rolle spielen sollen, müsste es eher „Was ist der theo­re­ti­sche Fantasie-Mensch?” heißen.
Und zwei­tens habe ich ja oben bereits ausge­führt, dass Ismen kein geson­derter Themen­be­reich sind, sondern in allem drin­ste­cken, also auch genau so behan­delt werden sollten.
Zu guter Letzt: Klar, die minu­tiöse Ausar­bei­tung, wann Hobbes von wem inwie­fern beein­flusst wurde, ist eher Aufgabe der Geschichts­for­schung. Aber das heißt nicht, dass eine etwas rudi­men­tä­rere Ausfüh­rung für Philo­so­phie und Kultur­wis­sen­schaften nicht rele­vant ist. Insbe­son­dere an einer Uni wie der Univer­sität Hildes­heim, ich meine hallo, Inter­dis­zi­pli­na­rität lässt grüßen.

Das sind bloß Meinungsbekundungen.

Weil philo­so­phi­sche Theo­rien sich immer hundert­pro­zentig von Meinungen unter­scheiden lassen, da erstere absolut logisch gefol­gert sind, ja? Klar doch.
Philo­so­phie oder mensch­li­ches Denken gene­rell ist nunmal keine Mathe­matik. Sind alle nicht-rassis­ti­schen/-sexis­ti­schen Ideen Kants wirk­lich reine Logik oder bemerken wir nur nicht, wie viel Meinung da drin­steckt, weil wir diese heute noch teilen?
Ganz abge­sehen davon, dass, selbst wenn sich Meinung und Theorie halb­wegs ausein­an­der­halten lassen, erste letz­tere immer noch beein­flusst und wir das berück­sich­tigen sollten.
Wenn wir unsere heutige Zeit reflek­tieren wollen, müssen wir Meinungen jeden­falls ganz klar in den Blick nehmen.
Und ist dieser Meinungs-Theorie-Komplex nicht an sich schon eine ziem­lich philo­so­phi­sche Frage?

Und was ist mit Empirie? (Bzw. Pseudo-Empirie.) Die ist doch nun wirk­lich das Gegen­teil von Theorie.

Und trotzdem für sie rele­vant. Sollte also auch berück­sich­tigt werden. Beob­achten ist eigent­lich sogar ziem­lich essen­ziell für Philosoph*innen. So was wie „Hm, im Traum wissen wir in der Regel nicht, dass wir träumen”. Worauf dann Gedanken folgen wie „Woher wollen wir also wissen, dass wir tags­über wirk­lich wach sind?”.
Für Kultur­wis­sen­schaften brauche ich das ganze, glaube ich, gar nicht erst näher zu begründen.

Werksim­ma­nent ist das unbedeutend.

Mh-hm und woran wird das fest­ge­macht? An dem, was der*die Verfasser*in wahr­schein­lich darüber gedacht hat? Für Kant z.B. war die Rassen­theorie durchaus sehr bedeu­tend.
Viel­leicht quan­ti­tativ? In dem Fall fände ich es ziem­lich erstaun­lich, dass gewisse Sätze wieder und wieder zitiert werden, obwohl sie nur ein einziges Mal gesagt, bzw. geschrieben wurden.
Oder viel­leicht doch eher, weil wir diese Ansichten heute nicht mehr teilen? Das bedeutet aber leider nicht, dass sie keine Bedeu­tung mehr hätten. Ein „das ist für das Werk unbe­deu­tend” sagt im Prinzip auch „das ist für uns unbe­deu­tend” und somit mal wieder „wir sollten uns nicht damit beschäf­tigen”.
Ich denke, so ein Satz kann nur von jemandem kommen, der sich nicht gegen Rassismus und Sexismus engagiert.

Kriti­sche Betrach­tung, schön und gut, aber deswegen gleich mit „Rassist” oder „Sexist” um sich zu werfen, ist eindeutig über­trieben. Die Begriffe gab es ja damals noch nicht einmal. Stich­wörter: Anachro­nismus, vulgär, popu­lis­tisch, ungerecht

Ich denke, viele Menschen schre­cken vor ehrli­chen Bezeich­nungen zurück. Vor Aussagen wie: „Er war ein Rassist und ein Sexist, aber wir lesen seine Texte trotzdem.” Denn das klingt so, als würden wir über den Rassismus und Sexismus hinweg­sehen.
Was exakt das ist, was wir tun, wenn wir Personen nicht als Rassist*innen bezeichnen. Mensch. Unan­ge­nehme Wahr­heiten.
Ja, diese Wörter klingen radikal und sind (zu Recht) extrem negativ konno­tiert. Deswegen bin ich der Meinung, dass wir sie nicht stets und ständig verwenden sollten. Wenn wir vor jedes „Kant” ein „Rassist und Sexist” setzen, geraten wir schnell in eine verur­tei­lende Schiene, die uns beim Lernen keinen Deut weiter­hilft. Aber das heißt nicht, dass wir diese Wörter über­haupt nicht verwenden sollten.
Es geht nicht darum, jemanden als Rassist*in zu über­führen, wie gesagt, die Menschen sind tot, also sollten wir darauf auch nicht den Fokus legen, wenn wir die Texte analy­sieren (sondern darauf, was wir daraus lernen können), aber wenn der Fall klar ist, warum es nicht einmal ausspre­chen?
„Er war ein Sexist” kann m.E. durchaus mal hilf­reich sein, um nicht ins oben erwähnte „ja, die Stelle ist sexis­tisch, aber das war ja damals normal” zu verfallen.
Und apropos damals: Ja, die Begriffe gab es damals so noch nicht. Aber wir wollen ja auch keine Zeit­reise machen und Menschen „wacht auf, seht ihr nicht, dass er ein Rassist ist” zurufen, sondern mit alten Texten über unsere heutige Zeit reflek­tieren. Und heute gibt es diese Begriffe.
Was ich tatsäch­lich nicht für sinn­voll halte, ist, vergan­gene Denker*innen pauschal für ihre Wort­wahl zu kriti­sieren. Denn auch bei Sprache gilt, wurde sie genutzt, um jemanden zu diskri­mi­nieren, ja oder nein? Und wenn das N‑Wort vor 200 Jahren als Synonym für „Schwarzer Mensch” verwendet wurde, ohne dass in dem Text diskri­mi­nie­rende Aussagen erkennbar wären (was natür­lich in den seltensten Fällen vorkommen dürfte, aber durchaus möglich wäre), dann sollten wir das so akzep­tieren. Auch wenn hier natür­lich wieder gilt: Produktions-Rezeptions-Diskrepanz.

Habt ihr nichts Drin­gen­deres zu tun? Euch mit aktu­ellem Rassismus ausein­an­der­zu­setzen zum Beispiel?

Tun wir ja. In dem Fall eben mit etwas anderem Ansatz.
Außerdem „das und das ist wich­tiger” lässt sich so in den seltensten Fällen sagen. Reali­täts­näher ist „ich finde beides wichtig”. Zum Beispiel wäre es doch theo­re­tisch eindeutig wich­tiger, gegen den Klima­wandel vorzu­gehen als Zeit in eine roman­ti­sche Bezie­hung zu inves­tieren, oder? Tja nun.

Aber wie sieht das Ganze denn nun prak­tisch aus? Wir können die Domäne schließ­lich nicht einfach mit Regen­bogen-Schein­wer­fern anstrahlen und plötz­lich ist die bunte Brille Norma­lität.
Kein Problem, weitere Erste Hilfe-Kästen stehen schon bereit.

WAS TUN BEI ALTEN TEXTEN…

…in einem einzelnen Vortrag?

Die Über­schrift verein­facht natür­lich ein biss­chen, gemeint ist: Was kannst du tun, wenn in einem Vortrag Stellen mit erkenn­baren Ismen bespro­chen werden oder es um Autor*innen geht, von denen du weißt, dass Rassismus oder Sexismus an anderer Stelle bei ihnen auftau­chen, das im Vortrag aber nicht entspre­chend thema­ti­siert wird.

Möglich­keit 1: Während des Vortrags melden.

Zu beachten:
- Keine Beschul­di­gungen à la „Diese Stelle ist rassis­tisch, wie können Sie es wagen, einfach darüber hinweg­zu­gehen!”. Der*die Dozent*in wird dann höchst­wahr­schein­lich in eine Abwehr­hal­tung verfallen, sodass keine produk­tive Diskus­sion möglich ist. Außerdem läufst du so Gefahr, als Moral­apostel abge­stem­pelt zu werden, sodass niemand deine Kritik ernst­nimmt und dich auch niemand unter­stützt.
- Besser: Höflich nach­fragen, ob noch eine Diskus­sion zu Rassismus/ Sexismus/ … geplant ist. Bei Vernei­nung „Warum nicht?” fragen, nach der Antwort kurz (!) die eigene Haltung erläu­tern.
- Den Wunsch äußern, dass Ismen beim nächsten Vortrag dieser Art thema­ti­siert werden. Bei entspre­chender Einschät­zung der Stim­mung in die Runde fragen, wer das noch so sieht.
- Zu eigener Diskus­sion im Anschluss an den Vortrag einladen (in dieser wirst du voraus­sicht­lich haupt­säch­lich damit beschäf­tigt sein, die oben genannten Argu­mente zu entkräften und das Konzept der bunten Brille zu erklären) oder auch dazu, einen Mail­ver­teiler zu gründen, in dem dazu passende Infos verschickt werden können.
- Kurz fassen. Je länger du brauchst, desto größer die Wahr­schein­lich­keit, dass du als nervig und dein Anliegen somit als weniger wichtig abge­stem­pelt wird. (So funk­tio­nieren Menschen leider nunmal.) Es sei denn, der Vortrag war vorher unglaub­lich lang­weilig, in dem Fall könn­test du mit einer längeren Unter­bre­chung die Sympa­thie deiner Kommiliton*innen gewinnen und deine bunte Brille-Mission bei ihnen starten.
- Wenn du selbst nicht betroffen bist, auf keinen Fall pater­na­lis­tisch werden, also „Ich glaube, Personen in diesem Raum könnten davon betroffen sein”.
Wenn du selbst betroffen bist, die Betrof­fen­heit als Argu­ment am besten auch weglassen, da schwingt sonst mit, dass Nicht-Betrof­fene sich da eigent­lich gar nicht mit beschäf­tigen müssen, außerdem wirkst du dadurch u.U. weniger profes­sio­nell (je nachdem, wie der*die Dozent*in drauf ist), was wiederum die Ernst­nahme deiner Kritik schmä­lern könnte.
Vorteile:
- Alle kriegen es mit, sodass du zum einen auch deine Kommiliton*innen auf die Thematik aufmerksam machst und zum anderen ihre Unter­stüt­zung gewinnen kannst, sodass die Wahr­schein­lich­keit steigt, den*die Dozent*in zum Nach­denken anzu­regen.
- Der*die Dozent*in ist gezwungen zu antworten und das auch noch möglichst souverän, um nicht das Gesicht zu verlieren.
- Die Aktion bleibt im Gedächtnis.
Nach­teile:
- Erfor­dert ziem­lich viel Mut.
- Du musst dich kurzfassen.

Möglich­keit 2: Dozent*in nach dem Vortrag ansprechen.

Zu beachten:
- Auch hier keine Beschul­di­gungen, besser Feed­back nach dem „belegtes Brot”-Modell: Erst eine Sache nennen, die du am Vortrag gut fandst, dann mit „ich fand es aller­dings schade, dass” weiter­ma­chen.
- Die wich­tigsten Grund­züge der bunten Brille nennen, aber nicht zu sehr ins Detail gehen, das wirkt erschla­gend und kann somit eben­falls zu einer Abwehr­re­ak­tion führen.
- Wie oben den Wunsch nach Thema­ti­sie­rung beim nächsten Mal äußern und anbieten eine Mail mit weiteren Infos zu schreiben.
- Wenn entspre­chende Argu­mente aufkommen: Die oben ausge­führten (oder eigene) Entkräf­ti­gungen benutzen.
- Wie bei Möglich­keit 1: Nicht pater­na­lis­tisch werden/ nicht die Betrof­fen­heits-Schiene.
Vorteile:
- Es kann gut sein, dass der*die Dozent*in ohne den Zeit­druck, weil der Vortrag weiter­gehen muss und ohne die Angst, vor allen dumm dazu­stehen, besser auf die Kritik eingehen kann.
- Braucht nicht so viel Mut wie sich im Vortrag zu melden.
Nach­teile:
- Even­tuell muss der*die Dozent*in schnell weg und kann deswegen nicht mehr mit dir disku­tieren (oder benutzt das als Ausrede, um nicht mit dir disku­tieren zu müssen).
- Deine Kommiliton*innen kriegen nicht wirk­lich was davon mit, werden also auch nicht ins Konzept der bunten Brille einge­führt und können dich nicht unterstützen.

Möglich­keit 3: Dozent*in nach dem Vortrag eine Mail schreiben.

Zu beachten:
- Auch hier: Feed­back à la belegtes Brot, du würdest dich freuen, wenn es in zukünf­tigen Vorträgen — und auch Semi­naren (siehe den Kasten ganz rechts) — berück­sich­tigt wird, etc.
- In Bezug auf die bunte Brille kannst du theo­re­tisch so weit ins Detail gehen, wie du willst. Es bietet sich außerdem an, im Vorhinein schon einige der oben genannten Argu­mente zu entkräften. Aller­dings soll­test du auch kein Mani­fest in Mail­form verfassen, ab einer gewissen Wort­zahl sinkt die Moti­va­tion, die Mail komplett zu lesen dann doch.
- Hau noch nicht absolut alles raus, sondern heb dir weiter­füh­rende Argu­mente auf, für den Fall, dass du eine inter­es­sierte, aber noch skep­ti­sche Antwort bekommst.
- Betone, dass du dich über einen Austausch, also erstmal eine Rück­mel­dung auf deine Mail, sehr freuen würdest.
- Verlinke weitere Infos, so gibst du ihm*ihr die Möglich­keit, sich eine eigene Meinung zu bilden, die nicht nur auf deinen Gedanken beruht. Außerdem wirkt das weniger erschla­gend, als wenn alles in deinem Text steht. Einige passende Links findest du im Kasten unten.
- Wenn du Freund*innen hast, die auch bei dem Vortrag waren und deiner Meinung sind, kannst du das wunderbar erwähnen, um zu betonen, dass du mit deinen Ansichten nicht alleine dastehst.
Vorteile:
- Weniger/ kein Mut erfor­der­lich.
- Du hast Zeit, nochmal Dinge nach­zu­schauen und Argu­mente zusam­men­zu­tragen.
- Du kannst an den Formu­lie­rungen feilen, um über­zeu­gend, aber gleich­zeitig eben nicht beschul­di­gend zu wirken, die Kritik kommt so u.U. besser an als in münd­li­cher Form.
- Der*die Dozent*in kann sich in Ruhe mit deiner Mail ausein­an­der­setzen und muss nicht direkt reagieren, kann also mehr über die eigenen Ansichten reflek­tieren.
Nach­teile:
- U.U. ist die E‑Mail-Adresse nicht auffindbar oder die, die sich finden lässt, wird von der Person gar nicht wirk­lich genutzt.
- Deine Kommiliton*innen bekommen nichts davon mit, lernen also nichts über die bunte Brille und du wirkst wie ein Einzel­fall (es sei denn, du konn­test anbringen, dass Freund*innen von dir das ähnlich sehen).
- Du hast als Schrift weniger Impact als als echte, spre­chende Person.
- Viel­leicht liest er*sie die Mail gar nicht.
- Er*sie muss nicht reagieren, kann die Kritik also einfach abtun.

… in einer regu­lären Veran­stal­tung im Semester?

Auch hier macht es sich die Über­schrift etwas leicht — aber schau dir einfach die einzelnen Möglich­keiten an für die Details.

Möglich­keit 1: Vorher handeln.

- Bei den meisten Veran­stal­tungen gibt es Lite­ra­tur­listen, du kannst also schauen, ob alte Werke dabei sind und, wenn du dir nicht sicher bist, wie sich die Lage verhält, den Namen des Autors*der Autorin, kombi­niert mit dem Stich­wort „Rassismus” oder „Sexismus”, in eine Such­ma­schine eingeben. Wenn du etwas findest: Mail schreiben.
- Wenn du Freund*innen hast, die die Veran­stal­tung auch belegt haben, frag sie, ob sie dich bei deinem Anliegen unter­stützen würden. In dem Fall kannst du an den Anfang deiner Mail stellen, dass du diese im Namen mehrerer Studie­render verfasst.
- Kurz begründen, warum die Thematik wichtig ist, dann fragen, ob die Reflek­tion von Ismen geplant ist. Also nicht davon ausgehen, dass dem nicht so ist, das wirkt sonst über­heb­lich (und wie gesagt, je sympa­thi­scher du rüber­kommst, desto eher wirst du Gehör finden), außerdem kann es ja durchaus sein, dass einige Dozent*innen dich über­ra­schen.
- Ausführen, dass, wenn noch nichts Entspre­chendes vorge­sehen ist, du dich sehr freuen würdest, wenn die Planung ein wenig umge­stellt werden könnte und du dies­be­züg­lich auch Anre­gungen parat hättest.
- Diese Anre­gungen, die du bei Inter­esse im weiteren Mail­ver­lauf kundtun kannst, sind:
-> Über die Text­aus­wahl reflek­tieren und über­legen, ob diese diver­si­fi­ziert werden könnte (nur, weil wir gewisse Texte trotzdem lesen sollten, heißt das ja nicht, dass wir ausschließ­lich diese Texte lesen sollten).
-> Zu Anfang allen das Konzept der bunten Brille erklären und die Wich­tig­keit der Thematik bewusst machen. (Das ergibt wahr­schein­lich eine erste Diskus­sion, in der Argu­mente wie die oben genannten entkräftet werden müssen.)
-> Regeln für den Umgang mitein­ander (also z.B. Signale dafür, wenn eine Aussage gerade nicht okay war oder jemand eine Auszeit braucht) und für diskri­mi­nie­rungs­sen­sible Sprache (also z.B. die Verwen­dung von Ausdrü­cken wie „N‑Wort”, „Z‑Wort”, „I‑Wort” statt den vollen Wörtern und Bezeich­nungen wie „BIPoC” oder „Schwarze Menschen” statt anderen, nicht selbst gewählten Begriffen) fest­legen. Ziel ist hierbei natür­lich, dass niemand während der Diskus­sion verletzt wird und Ismen nicht repro­du­ziert werden. Zum Öffnen eines angst­freien Gesprächs­raums siehe auch hier.
-> Kriti­sche Ausgaben der Texte verwenden, sollten diese exis­tieren und zu beschaffen sein. (Die Kommen­tare dann aber natür­lich auch nicht unan­ge­fochten stehen lassen und als auto­ma­tisch richtig abhaken.)
-> Zu allen Autor*innen eine kurze Einfüh­rung geben. Anbieten, dass diese in Form von Refe­raten durch Studie­rende durch­ge­führt werden könnten.
-> Und natür­lich, der Kern der bunten Brille: Während aller Themen im Seminar reflek­tieren, was Ismen für diese bedeuten.
- Je nach Bedarf Argu­mente entkräften und weitere Infos verlinken (siehe Kasten unten).
- Hilfe anbieten, aber nicht alle Verant­wor­tung auf dich abladen lassen.

Möglich­keit 2: Während­dessen handeln.

- Wenn dir im Verlauf eines Semi­nars auffällt, dass entspre­chende Werke ohne die Reflek­tion von Ismen behan­delt werden, kannst du dich natür­lich, ähnlich wie beim Einzel­vor­trag, spontan melden und den Wunsch nach Refle­xion und Diskus­sion äußern oder du planst das Ganze und tust dich mit anderen zusammen (das hat mehr Gewicht).
- Sprich also alle im Kurs (mal abge­sehen davon, dass es immer blöd ist Leute auszu­schließen, je mehr, desto besser und wer weiß, wer alles mitmacht, von dem*der du es nicht erwartet hättest) darauf an, was du vorhast und frag, ob sie mitma­chen wollen. D.h. schick eine Rund­mail, schreib in die Kurs-Whatsapp-Gruppe, wenn es eine gibt, ruf in die Runde, wenn die Lehr­kraft den Raum verlässt (im Online-Semester natür­lich schlechter möglich), o.Ä.
- Sprich außer Freund*innen keine Einzel­per­sonen an, von denen du denkst, dass sie bestimmt mitma­chen wollen. Denn in dem Fall kann es sein, dass sie mitma­chen, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen, eigent­lich aber gar nicht sicher in der Materie sind. So eine Person kann die Gruppe im Zwei­fels­fall sogar schwä­chen.
- Sprich keine Betrof­fenen mit „Du als Betroffene*r, willst du mitma­chen” an. Ist, wie gesagt, pater­na­lis­tisch. Außerdem müssen Betrof­fene nicht auto­ma­tisch bei einer solchen Aktion mitma­chen wollen und auch nicht auto­ma­tisch Diskriminierungs-Expert*innen sein.
- Bereitet euch gut auf das Gespräch vor, also tragt nochmal alle Argu­mente zusammen, über­legt, wer was sagt, etc.
- Nutzt am besten eine Sprech­stunde für das Gespräch und blockiert mehrere Termine hinter­ein­ander. Wenn die Sprech­stunden-Zeiten ganz ungünstig liegen, könnt ihr ihn*sie auch nach einer Sitzung anspre­chen, aber da ist es gut möglich, dass er*sie nicht viel Zeit hat. Auch eine Idee ist, die Sache am Anfang einer Sitzung anzu­spre­chen, damit werft ihr euren Dozenten*eure Dozentin aller­dings ziem­lich ins kalte Wasser, einzeln anspre­chen ist eindeutig netter. Ansonsten könnt ihr natür­lich auch eine Mail schreiben, aber das hat, wie gesagt, weniger Impact.
- Entscheidet, ob ihr euch wünscht, dass bisher behan­delte Texte nochmal aufge­griffen werden oder nicht und nutzt als Wunsch für den übrigen Seminar-Verlauf die Anre­gungen aus Möglich­keit 1. (Oder andere, wenn euch andere einfallen, das sind hier alles natür­lich nur Ideen und Vorschläge.)
- Bietet u.U. an, nochmal entspre­chende Infos per Mail weiter­zu­leiten.
- Wenn der*die Dozent*in sich weigert, könnt ihr eine kleine Peti­tion versu­chen, die möglichst alle Kursteilnehmer*innen unter­schreiben, um euer Anliegen zu verstärken. Um Unter­schriften zu sammeln solltet ihr im Gegen­satz zu vorher unbe­dingt Einzel­per­sonen anspre­chen, damit sie mitma­chen.
- Wenn er*sie sich immer noch weigert, könnt ihr einen Boykott versu­chen, also euch so lange weigern, das Seminar zu besu­chen, bis Ismen reflek­tiert werden. (Bringt natür­lich nur was, wenn viele mitma­chen.)
- Außerdem könnt ihr euch an ein Unter­stüt­zungs­an­gebot der Uni wenden, bzw. Beschwerde einlegen.
- Wenn die Person verspricht, sich beim nächsten Mal um Ismen-Reflek­tion zu bemühen, könnt ihr euch natür­lich auch damit zufrieden geben. Weitere Kompro­misse wären eine einzelne Sitzung zu der Thematik oder Nicht-Pflicht-Sitzungen. (Wider­strebt mir logi­scher­weise enorm, das vorzu­schlagen, aber ist besser als nichts.)

Möglich­keit 3: Im Nach­hinein handeln.

- Wenn du diesen Beitrag zu spät gelesen oder aus sons­tigen Gründen während des Semi­nars nichts unter­nommen hast, ist eine Reak­tion im Nach­hinein natür­lich besser als gar nichts. In dem Fall kannst du eine ähnliche Mail wie beim Einzel­vor­trag schreiben.
- Bei Evalua­tionen kannst und soll­test du diesen Punkt natür­lich auch einbringen, aber am besten schickst du zusätz­lich noch eine Mail, damit ein Austausch möglich wird.

LINKS ZUM WEITERGEBEN AN DOZIERENDE UND SELBST LESEN

- Liste mit Büchern zu Rassismus (in Deutsch­land), falls noch nicht klar ist, warum das Thema wichtig ist (kommt natür­lich beson­ders gut, wenn du einige der Bücher oder auch alle selbst gelesen hast): https://www.gofeminin.de/aktuelles/lesenwerte-bucher-uber-rassismus-s4013311.html

- Außerdem dieses Buch, das dazu über­leitet, wann Sprache diskri­mi­nie­rend wird: https://heimatkunde.boell.de/de/2012/04/01/wie-rassismus-aus-woertern-spricht-ein-nachschlagewerk-zu-sprache-deutschem-kolonialismus

- Ein kleiner Online-Glossar zu diskri­mi­nie­rungs­sen­si­bler Sprache: https://www.amnesty.de/2017/3/1/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache

- Die Hand­rei­chung der Uni Jena: https://wieumgehenmitrsa.uni-jena.de/

- Kultur­praxis-Beitrag zum Öffnen eines angst­freien Gesprächs­raums: https://www.uni-hildesheim.de/kulturpraxis/conscious/

- U.U. bietet sich auch eine meiner anderen Quellen an, kannst ja mal reinschauen.

- Einige Zeit, nachdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, bin ich auf einen sehr inter­es­santen Artikel von Philip A. Ewell gestoßen, in dem es um Rassismus und Musik­theorie geht. Sehr gut als Verdeut­li­chung und Ergän­zung des Konzepts der Bunten Brille geeignet, plus weitere Aspekte der Rassismus-Thematik und natür­lich Musik­wis­sen­schaft-Spezi­fi­sches. Unbe­dingte Lese­emp­feh­lung!
https://mtosmt.org/issues/mto.20.26.2/mto.20.26.2.ewell.html?fbclid=IwAR1dSc4pSk6bBaW79vRFPJbLFMF1tXsr79t4iSorWnm_OU3lpJ9EnWGcd20

- Diesen Beitrag hier kannst du natür­lich eben­falls verlinken, wenn du willst.

Für einzelne Vorträge dürfte damit soweit eigent­lich alles geklärt sein, aber für Semi­nare fehlt doch noch ein Punkt. Was passiert, nachdem du deine Dozent*innen (und deine Kommiliton*innen) entspre­chend bear­beitet hast? Nachdem die oben aufge­führten Argu­mente entkräftet wurden, also klar ist, warum mit der bunten Brille an die Thematik heran­ge­gangen werden sollte, nachdem ihr euch auf Regeln zum Umgang mitein­ander geei­nigt habt und nachdem entspre­chende Einfüh­rungen gegeben wurden — wie sollten die eigent­li­chen Diskus­sionen aussehen? Also abge­sehen von den Grund­zügen, dass die Ismen immer mitre­flek­tiert werden sollten, anstatt sie in einer einzelnen Sitzung geson­dert abzu­han­deln.
Nun, ich finde noch sehr wichtig, dass wir immer unsere eigene Posi­tion und die der anderen bedenken sollten, um niemanden zu bevor­munden, auszu­schließen oder ander­weitig unge­recht zu behan­deln. Es kann hier auch nicht schaden, einzu­be­ziehen, dass es sowohl leichter als auch schwerer sein kann über etwas zu reden, von dem wir selbst betroffen sind. (Ich finde es z.B. leichter über Sexismus zu spre­chen als über Rassismus.) Und wir sollten immer zwischen Denken und Fühlen unter­scheiden. Zusam­men­ge­fasst also: Als wer denke oder fühle ich hier gerade?
Ansonsten kommt es aufs Seminar an und ihr solltet in der Praxis erproben, was am besten funk­tio­niert, aber im Folgenden Erste Hilfe-Kasten (das ist der letzte, verspro­chen) findest du einige Fragen, die als Anre­gungen dienen können. Kamen teil­weise auch schon vor hier, aber so hast du sie nochmal auf einen Blick.

Fragen für Diskus­sionen mit bunter Brille

- Was für eine Text­sorte ist das eigent­lich, bzw. was ist es an welcher Stelle (Meinung, Beob­ach­tung, Zusam­men­fas­sung anderer Texte, etc.)?
- Sind Ismen für die im Text erör­terte Theorie konsti­tu­ie­rend, also baut die Theorie darauf auf?
- Werden die Ismen in die Argu­men­ta­tion des Textes einge­glie­dert, also mit der Theorie begründet?
- Wider­spre­chen sich Theorie und rassis­ti­sche oder sexis­ti­sche Stellen viel­leicht sogar? (Kann also mit dem Text gegen den Text argu­men­tiert werden?)
- Könnten rassistische/ sexis­ti­sche Stellen als Legi­ti­ma­tion für Unter­drü­ckung verwendet werden? Fordert der Text viel­leicht sogar zu entspre­chenden Hand­lungen auf? Bzw. wurde er im Lauf der Geschichte tatsäch­lich auf diese Weise verwendet?
- Welche verschie­denen Lesarten/ Inter­pre­ta­tionen sind (auch je nach Wissens­stand der lesenden Person) möglich?
- Wird in späteren Werken eine andere Ansicht des Verfassers*der Verfas­serin deut­lich? Wie hätte er*sie den vorlie­genden Text zu diesem Zeit­punkt viel­leicht ausge­legt?
- Wird Voka­bular verwendet, das heut­zu­tage eine andere Bedeu­tung hat/ anders konno­tiert wird als damals?
- Ist mit gewissen Formu­lie­rungen (wahr­schein­lich) etwas anderes gemeint als das, was wir heute damit meinen würden? (Z.B. Mensch nicht als Begriff für Mensch, sondern für Mann.)
- Was für Quellen werden im Text verwendet?
- Hätten bei Zitaten auch andere, nicht-rassis­ti­sche/-sexis­ti­sche Quellen heran­ge­zogen werden können?
- Ist die Posi­tion im Text in Bezug auf Ismen einheit­lich?
- Wird die Theorie heut­zu­tage noch verwendet? Wurden rassistische/ sexis­ti­sche Parts dabei über­nommen?
- Lässt sich die Theorie heute noch konstruktiv verwenden? Müsste sie umge­schrieben werden, damit das der Fall ist? Wenn ja, wie (welche Fakten und Perspek­tiven müssten dabei z.B. einbe­zogen werden)?
- Kann die Theorie sogar dafür benutzt werden, rassis­ti­sche und sexis­ti­sche Hier­ar­chien abzu­schaffen? Wenn nein, könnte sie entspre­chend umge­schrieben werden und wie müsste das dann aussehen?
- Finden sich Analo­gien zu (viel­leicht subtiler formu­lierten) Argu­menten in heutigen Diskursen?
- Liegen der Theorie euro­zen­tri­sche Konzepte (z.B. Beto­nung der Indi­vi­dua­lität) zugrunde? Würde diese Theorie in nicht-euro­päi­schen/-US-ameri­ka­ni­schen Kulturen noch gelten? (Insbe­son­dere inter­es­sant, wenn die Theorie allge­mein­gül­tigen Anspruch erhebt.)
- Gibt es andere Texte, die uns die Perspek­tiven bieten können, die in diesem Text fehlen?

Fazit: Lasst uns die bunte Brille aufsetzen. Lasst sie uns an der Uni aufsetzen, bis nicht mehr darüber abge­stimmt wird, ob wir über Rassismus spre­chen wollen, sondern das normaler Bestand­teil des Lehr­plans ist. Bis uns allen klar ist, dass Rassismus und Sexismus keine Sonder-Themen sind, die mensch kurz abhan­deln kann, um dann „zum eigent­li­chen Thema” zurück­zu­kehren, sondern Teil von vielen, vielen Inhalten. Bis wir verin­ner­licht haben, dass es nicht darum geht, Autor*innen zu verur­teilen, sondern darum, zu lernen und es besser zu machen.
Lasst uns die bunte Brille tragen. Bis wir sie nicht mehr brau­chen. Was nicht nächste Woche der Fall sein wird, sondern eher nächstes Jahr­hun­dert. Also, wenn du das hier nicht gerade 2121 im Geschichts­un­ter­richt liest: Tragen wir sie unser Leben lang.

MEINE QUELLEN (NEBEN DEM WORKSHOP)

- https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-denken-dekolonisieren-rassismus-bei-immanuel-kant.974.de.html?dram:article_id=484019

- https://www.deutschlandfunkkultur.de/rassismus-bei-hannah-arendt-blind-fuer-den-widerstand-der.2162.de.html?dram:article_id=487933

- https://www.deutschlandfunkkultur.de/rechtfertigung-von-sklaverei-und-gewalt-die-dunkle-seite.2162.de.html?dram:article_id=481603 (hier kommt das Hannah Arendt-Zitat vom Anfang her)

- https://wieumgehenmitrsa.uni-jena.de/