woke:

"in hohem Maß poli­tisch wach und enga­giert gegen (insbe­son­dere rassis­ti­sche, sexis­ti­sche, soziale) Diskri­mi­nie­rung "

Duden

Im ersten Teil meines Beitrages ging es um die Umfrage, die ich durch­ge­führt habe. Hier geht es nun weiter mit den Inter­views. Personen aus der Umfrage, der Quali­täts­ma­nage­ment-Kommis­sion, eine Ansprech­person für sexua­li­sierte Diskri­mi­nie­rung und ein Studi­en­ab­bre­cher erzählen über ihre Erfah­rungen am Kultur­campus. Dabei gehen sie auf die geäu­ßerten Vorwürfe der Diskri­mi­nie­rung, des Elitär­seins, der Cancel Culture, der Selbst­in­sze­nie­rung sowie die Poli­ti­sie­rung von Thema­tiken ein.

Um einen tieferen Einblick in die Gesell­schaft des Kultur­campus zu gewinnen, führte ich neben der Umfrage auch Inter­views mit acht unter­schied­li­chen Personen durch. Diese Personen reprä­sen­tieren aufgrund ihrer diver­genten Posi­tionen verschie­dene Perspek­tiven. Einer­seits betrachtet jemand die Domäne als ein “frucht­bares Biotop, wo man sich austau­schen kann” und das zudem diskri­mi­nie­rungs­sen­sitiv sei. Ande­rer­seits gibt eine andere Person zu bedenken, dass “aufs erste und zweite Hinsehen” dieser Campus so wirke “als wäre Tole­ranz das Wich­tigste und man wäre offen für alles”, man höre viel von Sich-gegen­seitig-ausleben-lassen, Zuhören, Aufein­ander-eingehen und Rück­sicht nehmen. “Aber irgendwie habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Werte nur für bestimmte Gruppen galten”. Doch schließt das eine das andere aus? Oder ist es mögli­cher­weise sogar so, dass beides möglich ist und wir am Kultur­campus ambi­va­lente Reali­täten erleben?

Die Ergeb­nisse der (nicht reprä­sen­ta­tiven) Umfrage aus dem ersten Beitrag verweisen auf eine Diskre­panz zwischen dem Anspruch auf Tole­ranz und Offen­heit sowie der empfun­denen Realität der Teilnehmer*innen: Trotz posi­tiver Rück­mel­dungen über enga­gierte Lehre und eine hilfs­be­reite Gemein­schaft, berichten einige von Ausgren­zung, Diskri­mi­nie­rung und einem Gefühl des Unwohl­sein, welches Fragen nach der tatsäch­li­chen Inklu­si­vität und Woke­ness der Domäne aufkommen lässt. Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hast klicke hier.

Wie war das nochmal mit der Diskri­mi­nie­rung? — Kurzer Exkurs

Fangen wir mal an, wo wir aufge­hört haben: bei der Diskri­mi­nie­rung am Kultur­campus. Aus der Umfrage kam die Erkenntnis, dass es sie auf jeden Fall zu geben scheint. Doch weil es auch keine einseh­baren Statis­tiken dazu auf der Uniweb­site gibt, meldete ich mich bei Prof. Dr. Maike Gunsi­lius. Sie ist dezen­trale Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte für den Fach­be­reich 2 und als solche auch Ansprech­person für sexua­li­sierte Beläs­ti­gung, Diskri­mi­nie­rung und Gewalt. Als Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte beschäf­tigt sie sich mit Fragen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit in Forschung und Lehre für Mitar­bei­tende und Studie­rende des Fach­be­rei­ches. Sie begleitet Ausschrei­bungen und Bewer­bungs­ver­fahren und bietet als Ansprech­person Betrof­fenen von sexua­li­sierter Beläs­ti­gung, Diskri­mi­nie­rung und Gewalt vertrau­liche Erst­be­ra­tung, z. B. bei Unsi­cher­heiten zur Einord­nung von Erfah­rungen sowie Handlungsmöglichkeiten.

Doch manchmal ist Diskri­mi­nie­rung nicht ganz eindeutig, und man ist sich unsi­cher, ob es nun welche ist oder nicht. Ab wann ist also etwas Diskriminierung?

“Das ist in der Tat nicht immer leicht einzu­ordnen, aber es gibt klare Defi­ni­tionen zu Diskri­mi­nie­rung im Artikel 3 des Grund­ge­setzes, zu Benach­tei­li­gung in §1 und 2, und zu Beläs­ti­gung in §3 und 4 des Allge­meinen Gleich­be­hand­lungs­ge­setzes. Diese liegen auch der aktua­li­sierten univer­si­tären Leit­linie zum Schutz vor sexua­li­sierter Beläs­ti­gung, Diskri­mi­nie­rung und Gewalt zugrunde.” (Dr. Maike Gunsilius)

Die folgenden Begriffs­de­fi­ni­tionen beziehen sich “auf Benach­tei­li­gungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethni­schen Herkunft, des Geschlechts, der Reli­gion oder Welt­an­schauung, einer Behin­de­rung, des Alters oder der sexu­ellen Iden­tität” (AGG §1). Der Para­graph 3 des AGG (Allge­meines Gleich­be­hand­lungs­ge­setz) besagt1:

(2) Eine indi­rekte Benach­tei­li­gung liege vor, wenn scheinbar neutrale Vorschriften, Krite­rien oder Verfahren eine Person aufgrund der oben genannten Gründe benach­tei­ligt.

(3) Unter Beläs­ti­gung defi­niere man uner­wünschte Verhal­tens­weisen, die mit den oben genannten Gründen zusam­men­hängen und bewirken oder bezwe­cken, dass die Würde einer Person verletzt wird. Dazu gehöre auch die Erschaf­fung eines verach­tenden Umfeldes gegen die Person.

(4) Unter Sexu­elle Beläs­ti­gung begreife man uner­wünschte sexuell bestimmte Verhalten, Hand­lungen, Auffor­de­rungen, Berüh­rungen und Anmer­kungen oder Zeigen und sicht­bares Anbringen von porno­gra­phi­schen Inhalten, welche bezwe­cken oder bewirken, dass die Würde einer Person verletzt sowie ein verach­tendes Umfeld geschaffen wird.

Klas­sismus wird in den Begriffs­de­fi­ni­tionen nicht inbe­griffen. Genauso wie in der Univer­sität, denn ursprüng­lich wollte ich mich an die Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­be­auf­tragten der Univer­sität Hildes­heim richten, leider gibt es sie aber nicht. Auch Ansprech­per­sonen für andere Diskri­mi­nie­rungs­formen wie Rassismus, Ableismus oder Klas­sismus habe ich online nicht auffinden können. An wen soll man sich also wenden, wenn man nicht konkret von sexua­li­sierter, sondern von anderen Formen der Diskri­mi­nie­rung betroffen ist?

“Die Ideen- und Beschwer­de­stelle, sie ist im Moment die Anlauf­stelle an der Univer­sität dafür, mit der wir Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte eng zusam­men­ar­beiten. Man kann sich dort beschweren und beraten werden. Als Ansprech­per­sonen für sexua­li­sierte Beläs­ti­gung, Diskri­mi­nie­rung und Gewalt sind wir nicht für alle Formen von Diskri­mi­nie­rung explizit aus- oder fort­ge­bildet, auch wenn wir sexua­li­sierte Diskri­mi­nie­rung natür­lich verschränkt mit weiteren Diskri­mi­nie­rungs­formen sehen.” (Dr. Maike Gunsilius)

Leider war aber die Ideen- und Beschwer­de­stelle zum Zeit­punkt meiner Recherche nicht besetzt. Weshalb ich auch keine näheren Infor­ma­tionen zu weiteren Diskri­mi­nie­rungs­formen heraus­finden konnte. Die eigent­liche Frage, die aber noch im ersten Beitrag offen­blieb, ist: Wie sieht es mit Diskri­mi­nie­rungs­vor­fälllen am Kultur­campus aus?

Maike Gunsi­lius erzählt mir, dass es keine klaren und aussa­ge­kräf­tigen Statis­tiken bezüg­lich dessen gebe. Die Ansprech­per­sonen und das Gleich­stel­lungs­büro sammeln seit dem letzten Jahr anony­mi­siert Berichte zu Fällen sexua­li­sierter Beläs­ti­gung, Diskri­mi­nie­rung und Gewalt, sie gehen jedoch davon aus, dass viele Fälle nicht ange­spro­chen werden und deshalb auch eine hohe Dunkel­ziffer exis­tiere. Die Zahl der Fälle, die im Rahmen der vertrau­li­chen Bera­tung berichtet werden, liege für den Fach­be­reich 2 momentan im einstel­ligen Bereich. Gemeinsam mit ihren Kollegen*innen bemerke sie eine Zunahme an Bera­tungs­ge­sprä­chen. Wobei sie betont, dass es vermut­lich an dem höheren Bewusst­sein für die Proble­matik liege und nicht an den stei­genden Fallzahlen.

Wer wurde interviewt?

Ich habe mit acht verschie­denen Personen vom Kultur­campus ein Gespräch gehabt. Neben der Dozie­renden Prof. Dr. Maike Gunsi­lius sprach ich ebenso mit Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt, Studi­en­dekan des FB2 und Vorsit­zender der QM-Komis­sion. Darüber hinaus inter­viewte ich Nina, Meret, Vivi­enne sowie zwei weitere Studie­rende, die anonym bleiben wollen. Die neunte Person ist der Studi­en­ab­bre­cher, welcher eben­falls bevor­zugt, anonym zu bleiben.

Das mag ich…

Fangen wir mal mit den guten Erfah­rungen der Inter­viewten an. Im Großen und Ganzen stimmen viele mit den genannten posi­tiven Aspekten in der Umfrage überein.

Vivi­enne studiert im 6. Semester BA Inter­na­tio­nale Kommu­ni­ka­tion und Über­setzen und besucht die Lite­ra­tur­kurse am Kultur­campus. Als Außen­ste­hende nehme sie die Domä­ne­stu­die­renden nicht nur als offen, kreativ und indi­vi­duell wahr, sondern auch als eine wirk­liche Gemein­schaft. Zumin­dest im Vergleich zum Bühler­campus. Außerdem scheint ihr die Extro­ver­tiert­heit vieler Personen an dem Kultur­campus zu sympa­thisch zu sein. Ihrer Meinung nach herr­sche auch deshalb eine krea­tive und warme Atmosphäre.

Nina studiert im 6. Semester BA Krea­tives Schreiben und ist Mitglied in der QM-Kommis­sion. Sie erlebt es als ein super frucht­bares Biotop, wo man sich austau­schen könne. Wobei sie den Kultur­campus als “sehr reflek­tiert und gestaltbar” erlebt mit einer guten Gesprächs­kultur. Darüber hinaus schätzt sie sehr den Willen und das Inter­esse der Dozie­renden, den*die Student*in weiter­zu­bringen. Meret studiert im 7. Semester MA Kultur­ver­mitt­lung, arbeitet nebenbei in der Studi­en­be­ra­tung und ist ein ehema­liges Mitglied der QM-Kommis­sion. Die Studie­renden nimmt sie als sehr offen, moti­viert, hilfs­be­reit und locker wahr. Zudem mag sie gerne die Menta­lität und stelle auch “eigent­lich keinen Konkur­renz­druck” fest. Dabei finde sie die Dozent*innen nicht nur wert­schät­zend, sondern auch inter­es­siert an studen­ti­schen Belangen. Wobei sie denkt, “Dozie­rende machen wahr­schein­lich mehr als sie müssten”.

Eine andere Studentin studiert im 6. Semester BA Kultur­wis­sen­schaften. In persön­li­chen Begeg­nungen mit einzelnen Personen hat sie ausschließ­lich gute Erfah­rungen gemacht. Grund­sätz­lich habe sie das Gefühl, dass “die Menschen an der Domäne tolle Leute sind”. Darüber hinaus betrachtet sie den Kultur­campus als einen “total inklu­siven und tollen Ort. Und das versucht er ja auch zu sein”. Ihre Kommi­li­tonin ist im 9. Semester und studiert eben­falls BA Kultur­wis­sen­schaften. Sie “finde es so schön, dass margi­na­li­sierte Personen hier an der Domäne ihren Raum haben und sich hier ausspre­chen können”. Außerdem seien die meisten Dozie­renden ihrer Meinung nach sehr wohl­wol­lend, wobei viele “auch voll nied­rig­schwellig” seien.

Diskri­mi­nie­rung

Wie wir schon aus der Umfrage wissen, haben fast die Hälfte der Befragten Diskri­mi­nie­rung entweder selbst erfahren oder mitbe­kommen. Sexismus und Klas­sismus wurde dabei mit am häufigsten genannt. Eine der Betrof­fenen ist unter meinen Gesprächspartner*innen.

Die Kuwi Studentin im 9. Semester ist Halb­britin und bezeichnet sich als “biss­chen chitty –chatty”. In dem Gespräch erzählt sie mir über ihre Erfah­rung mit (inter­na­li­siertem) Sexismus, wobei sie Folgendes in der Umfrage schreibt:

“Oftmals fühle ich mich als sehr weib­lich gele­sene Person in meiner Femin­in­ität, nicht ganz richtig am Platz. Ich hatte Situa­tionen, in denen ein Dozent über mich als 'Mädchen­kind' gespro­chen hat, oder in meiner Gesangs­prü­fung mir gesagt wurde, ich würde in dieser Gesell­schaft nicht ernst genommen werden, wenn ich so weich und hoch spräche. Ich finde es manchmal schade, dass wir zwar viel über die Dekon­struk­tion von Macht­ver­hält­nissen und dem Patri­ar­chat spre­chen, aber dies zu wenig passiert.”

Unsere Kommi­li­tonin erfuhr Sexismus aufgrund ihrer offen­sicht­li­chen Weib­lich­keit, wie sie mir selbst erklärt. Denn “dadurch merke ich, dass ich weniger ernst genommen werde, weil ich eben auch noch eine hohe Stimme habe. Und dann gefragt zu werden, in einer Prüfungs­si­tua­tion, wo ich die Person nicht kenne, ich habe die vorher noch nie in meinem Leben gesehen, dann gefragt werde, ob ich Sport mache”. Dabei beschreibt sie, dass es ihr Unwohl­sein in der Prüfung nur noch verschlim­mert habe, da auch nun ihre Körper­lich­keit im Fokus stand.

Weiterhin, als das Thema von Sexismus auf Klas­sismus geschweift ist, hatte dieselbe Studentin das Gefühl geäu­ßert, dass man viel auf Sexismus und Rassismus achte, aber wenig auf Klas­sismus. Sie spüre diesen zwar nicht an sich selbst, “aber ich spüre es, wenn ich mit Freunden*innen rede”. Es werde oft wenig die Perspek­tive von Menschen aus anderen Klassen und anderen Lebens­rea­li­täten beleuchtet. “Also, ich habe das Gefühl, es wird oft eine Norm voraus­ge­setzt und oft eine gewisse Realität propa­giert. Und ich habe oft das Gefühl, dass die Realität, die propa­giert wird, eigent­lich nicht der Lebens­rea­lität der Menschen entspricht und auch nicht mitbe­dacht wird”. Es gäbe nicht den Rela­ti­vismus, indem man berück­sich­tigt “wo was herkommt”, statt­dessen greife man auf das Schwarz-Weiß-Denken zurück.

Elitär­sein und Elfenbeinturm

Das Thema des Elfen­bein­turmes liege, wie ich erfahren habe, schon länger in der Mari­en­burger Luft. Wobei es aber ein wenig igno­riert zu werden scheint. Durch die Gespräche erfuhr ich, dass die Domäne mal mit unter­schied­li­chen Graf­fi­ti­zügen darunter auch mit dem “Elfen­bein­turm [mit einem Pfeil auf das Thea­ter­in­stitut]”, beschmückt wurde. Leider wurde anschlie­ßend keine Diskus­sion darüber geführt, weswegen Meret der Meinung ist, dass es struk­tu­rell da mehr Inter­ven­tionen brauche. Sie hätte es gut gefunden, als erste Maßnahme zunächst darüber in einer Versamm­lung gemeinsam zu sprechen.

Der Pfeil des Graf­fi­ti­zuges war auf das Thea­ter­in­stitut gerichtet, obwohl eine der Studen­tinnen findet, dass im Thea­ter­in­stitut viel über Nied­rig­schwel­lig­keit geredet wird. Dabei stellt sie es in Vergleich mit dem Musik­in­stitut, welches nochmal “ein anderes elitäres Verständnis” habe als andere Insti­tute. Wo sie als Beispiel die Gesangs­prü­fung als “total elitäre” Situa­tion wahr­nehme, “wo du vor Leuten vorsingen musst, die nicht mal gesehen haben, was dein Prozess ist. Und später hat man ein Prüfungs­ge­spräch, zu dem man sich eigent­lich kaum vorbe­reiten kann, wo einem alle mögli­chen Fragen gestellt werden”. Gerade der hohe akade­mi­sche Anspruch zeige ihr den Elfen­bein­turm im Musikinstitut.

Einen mögli­chen Grund für diesen Anspruch findet man in Dr. Ismaiel-Wendt’s Motiven in der Eignungs­prü­fung. Denn bezogen auf sein Fach Musik gibt er zu, dass er eine Menge in der Prüfung voraus­setze. “Ich setzte sogar etwas voraus, was theo­re­tisch ich nicht erwarten kann von einem*er Schüler*in, die in Deutsch­land das Abitur gemacht hat. Sondern ich setzte etwas voraus, was diese*r Schüler*in wahr­schein­lich in einer Musik­schule gelernt hat”. Wenn er die Frage stellt “Sie haben gerade das und das auf der Gitarre gespielt, welche harmo­ni­sche Stufe ist das?”, sei ihm der Selek­ti­ons­pro­zess durch das Stellen dieser Frage bewusst. “Trotzdem halte ich an so einer Frage fest, wohl­wis­send, dass sich nicht jede Person in Deutsch­land Instru­men­tal­un­ter­richt leisten konnte. Trotzdem halte ich an so einer Frage fest, weil ich wissen möchte, hat sich diese Person schonmal mit Musik machen beschäf­tigt. Und wenn sie bei uns anfängt zu studieren, wird Energie genug da sein, sich darin einzu­ar­beiten, weil sie hier auch Instru­men­tal­un­ter­richt bekommen wird”. Dabei berück­sich­tige man auch die moderne Art des Musik­ma­chens in der Eignungs­prü­fung, beispiels­weise in Bezug auf die Arbeit mit Ableton (Soft­ware für Musikproduktion).

Eine Studentin hinter­fragt aber aufgrund des hohen akade­mi­schen Anspruchs das Ziel des Musik­in­sti­tuts, und vermutet eine Wahr­neh­mungs­ver­schie­bung. “Wollen die jetzt plötz­lich Musiker*innen ausbilden, die super akade­misch sind, oder wollen sie eigent­lich weiter­aus­bilden, die dann in Musik­ver­mitt­lung arbeiten”. Deshalb glaubt sie, müsse ein gewisser Stan­dard erhalten bleiben, da wir an einer Univer­sität sind, weshalb sie sich fragt, was genau der Ansatz und das Ziel der Insti­tu­tion sei.

Johannes Ismaiel-Wendt beschreibt dabei, dass beispiels­weise der Instru­men­tal­un­ter­richt nicht “bei 0 ansetzen kann. Das kann eine Hoch­schule nicht leisten. Also wer an das Instru­men­ten­spielen heran­ge­führt werden möchte, müsste zur Musik­schule gehen und nicht ein Univer­si­täts­stu­dium machen”. Demnach bildet das Musik­in­stitut nicht aus, sondern weiter.

Weiter geht es auch mit der Wissens­vor­aus­set­zung und dem Name-Drop­ping, die mit dem elitären Sein oft verknüpft wird. Meret nimmt keine Wissens­vor­aus­set­zung wahr, im Gegen­satz zu Vivi­enne und einer weiteren Kommi­li­tonin. Dabei stören sie unter­schied­liche Faktoren.

Denn Vivi­enne bemerkt in ihren Lite­ra­tur­kursen, dass manche Dozent*innen gerne nur ihren Weg gehen. Wie sie mir weiterhin erklärt “führen Dozie­rende ihre Meinung und ihr Wissen aus und lassen dann das eine andere Person spre­chen. Und dann reicht es auch schon zu dem Thema”. Die andere Studentin bemän­gelt, dass “ein paar Dozie­rende voll Name-Drop­ping" betreiben, oder manchmal Fach­be­griffe benutzen, ohne diese näher zu erläu­tern. Weshalb sie denkt, dass es “cool wäre, wenn Dozenten*innen Begriffe nochmal in zwei Sätzen erklären würden”, damit sicher­ge­stellt werden kann, dass alle zumin­dest ein grobes Verständnis von den jewei­ligen Fach­be­griffen haben.

Die Über­for­de­rung einiger Studie­render könne Johannes Ismaiel-Wendt ganz gut nach­voll­ziehen. Denn er denkt “wer sich in die Univer­sität begibt, begibt sich in eine Über­for­de­rungs­si­tua­tion. Und kann gar nicht alles verstehen, und kann gar nicht alles wissen und kennen. Das ist unge­fähr so wie ein Baby eine Sprache lernt. Das wird einfach zuge­schüttet mit Worten und isoliert erstmal nur "Da". Und so funk­tio­niert das auch im Studium. Wir bewegen uns eigent­lich in Unkenntnis, und ein Studium ist eigent­lich dazu da, einige dieser Verknüp­fungs­pfade aufzu­bauen. Also das Ziel kann ja gar nicht sein, dass jemand, der oder die Lite­ratur studiert, irgendwie genau das kennt, was der Professor meint, das man heut­zu­tage kennen muss”. Seiner Ansicht nach sei das Mehr­fä­cher-Studium dazu da, Verknüp­fungen zwischen den einzelnen Fächern herzu­stellen und somit einen Pfad einzu­gehen, “der gar nicht nach Möglich­keit existiert”.

Zum Vorwurf des Elitär­sein gegen­über manchen Dozie­renden hat er eben­falls eine inter­es­sante These aufge­stellt: “Ich glaube, dass Ängste Dinge oft falsch wahr­nehmen lassen. Wenn ich viel­leicht so einen Vortrag von einem Kollegen aus dem Lite­ra­tur­in­stitut gehört habe, der auf extrem hohem Niveau argu­men­tiert und spricht, dann kann ich mir vorstellen, dass wenn ich mit solchen Leuten gar nicht vertraut bin, wenn meine soziale Herkunft mich nicht mit solchen Leuten vertraut gemacht hat, dass ich die Leute voll falsch lese. Also, dass ich die als elitär lese, dass ich gar nicht wahr­nehmen kann, was Anette Pehnt oder Guido Graf z. B. tun für ein anderes, erwei­tertes Lite­ra­tur­ver­ständnis. Für mich werden die immer elitär sein, wenn ich voller Angst bin”.

Cancel Culture und Übersensibilität

Cancel Culture :

ist ein “syste­ma­ti­scher Ausschluss oder Boykott von Personen oder Orga­ni­sa­tionen aufgrund von vorge­wor­fenen [mora­li­schen, poli­ti­schen] Verfeh­lungen, um gesell­schaft­li­chen Druck auszuüben“.

Duden

Nimmst du an der Domäne eine Cancel Culture wahr?

Stille im Gespräch. Auf diese Frage antwor­teten nahezu alle der befragten Studie­renden auf die gleiche Art und Weise. Die Unter­hal­tung verstummte. Der Denk­pro­zess war im Gesicht geschrieben, bis leise und vorsichtig ange­fangen wurde, eine Antwort zu formulieren.

“Ich frage mich, ob wir hier ein biss­chen zu über­sen­si­bi­li­siert sind und man deshalb bestimmte Meinungen nicht sagt. Da frage ich mich auch, ob man nicht dann Diskurse dementspre­chend schmä­lert aus Angst, komisch ange­guckt zu werden. Es wäre mehr Fehler­freund­lich­keit ange­sagt. Obwohl mir diese Situa­tion so nie passiert ist”. (Meret)

Die Antworten auf die Frage sind unter­schied­lich ausge­fallen. Die Kern­kritik ist jedoch nahezu bei allen identisch. 

Nina hat den Eindruck, dass “eine Meinung haben dürfen manchmal ungleich verteilt“ ist. Eine Cancel Culture nehme sie am Kultur­campus defi­nitiv nicht wahr, wohl aber gele­gent­lich einen “Empö­rungs-Hype”. “Aus einer poli­ti­schen Reflek­tiert­heit heraus Klei­nig­keiten hoch­zu­sti­li­sieren und andere Leute zu richten.“ Da kippe die poli­ti­sche Wach­sam­keit verein­zelt in ein Messen mit zwei­erlei Maß, indem “für die eigene Posi­tion sehr viel Frei­heit oder sehr viel Geltung bean­sprucht wird, die gleich­zeitig anderen poli­ti­schen Stimmen nicht so zuge­standen wird”. Das sei aber nicht typisch Hildes­heim, sondern eher eine Begleit­erschei­nung der woken Bewe­gung insgesamt.

Eine andere Studentin schätze es wert, dass versucht wird “so liebe­voll mitein­ander umzu­gehen”, doch gleich­zeitig bemerkt sie, wie der starke Wille “inclu­sive zu sein”, wieder ausgren­zend ist. Denn ihr fehle manchmal die Kommu­ni­ka­tion unter­ein­ander, da in Semi­naren teil­weise Ausgren­zung statt Aufklä­rung statt­finde. Durch die hohe Achtung auf die poli­tisch korrekte Ausdrucks­weise, gerate oft der soziale Hinter­grund der spre­chenden Person in den Hinter­grund. Sie hebt insbe­son­dere die Arbeiter*innenkinder hervor, die, bevor sie an den Kultur­campus gekommen sind, beispiels­weise noch nie mit der Gender­sprache oder Ähnli­chem in Berüh­rung waren. Weshalb es in solchen Situa­tionen eines freund­li­chen Hinweises und einer Aufklä­rung bedürfe, aber leider nicht immer passiere. “Dass ich auch in Semi­naren sitze und das Gefühl habe, ich kann gar nicht was sagen, weil ich habe das Gefühl, wenn ich versuche es zu sagen, es dann falsch aufge­griffen werden wird, weil es falsch aufge­griffen werden will”. Die Grenzen werden ihrer Meinung nach manchmal zu schnell hoch­ge­zogen. “Auch wie Dozis schonmal gecan­celt wurden, wobei man gucken muss, dass manche 60+ sind. Ihr müsst auch Menschen in ihren Kontexten betrachten, in ihrer posi­tio­ning, also was sind ihre Hinter­gründe, wo in der Gesell­schaft stehen sie. Und mir fehlt manchmal dieses Verständnis an der Domäne dafür, aus welchen Lebens­si­tua­tionen oder Sinus-Milieus die Menschen kommen”.

Ihre Kommi­li­tonin meint, dass man gele­gent­lich für etwas Kleines “fertig­ge­macht” wird, was eigent­lich nicht von großer Rele­vanz sei. “Das ist der Versuch von sehr viel Inklu­si­vität, die dafür sorgt, dass Leute die tatsäch­lich da sind, nicht inklu­diert werden”. Vivi­enne hat keine Cancel Culture an der Domäne wahr­ge­nommen, wenn nur aus Erzäh­lungen, weshalb sie dazu auch keine Äuße­rung abgeben kann.

Bisher lässt sich aus den Aussagen zusam­men­fassen, dass es keine Cancel Culture in ihrem Sinne gebe. Dafür sei aber eine schnelle Empö­rungs­hal­tung durchaus wahr­nehmbar. Die Über­sen­si­bi­lität sowie die hohe Achtung auf poli­tical correct­ness seien dabei die mögli­chen Gründe für diese Haltung. Infol­ge­dessen führe es durch den starken Willen der Inklu­si­vität zur Exklu­si­vität von bestimmten Perso­nen­gruppen. Darüber hinaus dros­sele man durch die Ausgren­zung einen perspek­tiv­rei­chen Diskurs, weshalb man sich mehr Aufklä­rung und Fehler­freund­lich­keit wünsche.

Doch wer ist das “Problem”? 

Ein Groß­teil meiner studen­ti­schen Gesprächspartner*innen haben das Gefühl, dass es eine Minder­heit sei, die für die Sprech­angst im Raum sorge. Eine Studie­rende erklärte es so, dass eine Mino­rität extreme Meinungen mit so viel Selbst­ver­ständ­lich­keit vertrete, dass es schwierig sei, diese in Frage zu stellen.

Dahin­ge­hend wurde auch in der Umfrage der Vorwurf an die Dozenten*innen geäu­ßert, dass diese keinen Perspek­tiv­wechsel fördern. Diesem konnte aber kaum jemand in den Inter­views zustimmen. Im Gegen­teil beschreibt sogar jemand, dass “aus persön­li­cher Erfah­rung Dozie­rende fast immer versucht haben, den Perspek­tiv­wechsel zu fördern”. Nur um die Ecken hörte man von seinen Kommilitonen*innen, wo es nicht so war. Derweil fügte sie eine inter­es­sante Anmer­kung hinzu, “es ist nicht eine Gruppe an Leuten, die alles schlimm machen, aber so fühlt es sich manchmal an”. Ist also viel­leicht manchmal unsere Angst, etwas zu sagen, unnötig?

Selbst­in­sze­nie­rung

Insze­nie­rungen sind am Kultur­campus Alltag. Doch was ist mit der Selbst­in­sze­nie­rung? Denn schon in der Umfrage wurde die These geäu­ßert, ob der woke und überaus gebil­dete Studie­rende nicht nur Teil einer Selbst­in­sze­nie­rung sei. Denn auch meine Interviewpartner*innen haben von einer gewissen Perfor­mance gesprochen.

Eine Studentin behauptet “Selbst­in­sze­nie­rung ist ein Domäne-Problem”. Doch warum? Da kommen wir auch wieder zurück zum Thema Name-Drop­ping und Nutzen von Fach­be­griffen. In den Gesprä­chen erzählen mir die Studie­renden, dass sie ein Gefühl haben, dass einige ihrer Kommilitonen*innen bewusst Begriff­lich­keiten verwenden oder Name-Drop­ping betreiben, um zu zeigen “was sie für einen Begriff gelernt haben”. Die Proble­matik dabei erklärt Vivi­enne, denn, “wenn dann irgendwas erzählt wird, dann muss man sofort wissen, was sie meinen. Und ich sitz da und denke mir, ich habe gefühlt kein Wort verstanden, auch wenn du Deutsch sprichst. Ich verstehe nicht, wovon du gerade redest. Und dann wollen viele Leute auch nicht noch dazu irgend­etwas erklären oder Fragen beant­worten”. Dadurch wirke man auch “ein biss­chen bildungs­elitär”. Aber auch Johannes Ismaiel-Wendt hat Ähnli­ches beob­achtet: “Was Name-Drop­ping betrifft, bin ich häufiger von Studie­renden scho­ckiert als von Kollegen*innen. Sie betreiben das manchmal sehr viel heftiger. […] Und wenn mensch dann nach­fragt „was meinst du eigent­lich damit oder was hat die Person eigent­lich dazu gesagt“ oder so, dann wird es manchmal sehr still, und dann ist das irgendwas mit Macht und Foucault. Dann fragt man nach, was genau der*diejenige damit meint, und dann bewegt sich da viel auf einem Podcast Niveau, habe ich manchmal das Gefühl, um das böse zu formulieren”.

Offen­sicht­lich kommt die Selbst­in­sze­nie­rung einiger Studie­render nicht so gut bei meinen Gesprächspartnern*innen an. Weshalb ich mir die Frage stelle, aus welchen Gründen diese Art von Insze­nie­rung eigent­lich zu exis­tieren sein scheint?

 

Politik und Wissenschaft

Politik und Wissen­schaft sind zwei Perspek­tiven, aus denen ein Thema idea­ler­weise betrachtet werden sollte. Wird es zu einem Problem, wenn einer der Bereiche deut­lich im Vorder­grund steht? Es wurde nämlich der Vorwurf geäu­ßert, dass viele der Semi­nare stark poli­ti­siert werden, wodurch der wissen­schaft­liche Aspekt stark in den Hinter­grund gedrängt werde.

Eine Studentin stimmt dem Vorwurf zu. Sie habe dabei das Gefühl, dass so viel über die Politik geredet wird, dass man manchmal nicht mehr am ursprüng­li­chen Thema und der Realität dran sei. Ihrer Kommi­li­tonin mangelt es eben­falls manchmal an der wissen­schaft­li­chen Perspek­tive. Es gebe zwar “coole Dozie­rende, die coole wissen­schaft­liche Semi­nare anbieten”, genauso wie Studie­rende die daran Inter­esse haben. Leider erlebte sie viele Semi­nare, bei denen ”theo­re­tisch das Thema wissen­schaft­lich gewesen wäre oder hätte sein können”, es aber ledig­lich zu einem Erfah­rungs­aus­tausch gekommen ist. “Was fein ist, das kann‘s geben. Gerade auch in Übungen voll gewollt”. Es nehme ihrer Ansicht nach aber Über­hand, wobei sie das Gefühl habe, dass es mit der Angst vorm Hinter­fragen verknüpft sei. Dabei ginge das starke poli­ti­sche Inter­esse ihrer Erfah­rungen nach “eher von Studie­renden” aus.

Ihr ist es bewusst, dass alle Themen, mit denen sich der Kultur­campus ausein­an­der­setze, irgendwo eine poli­ti­sche Ebene besitzen. Dies könne man auch nicht außer Acht lassen “und das wollen wir auch nicht. Aber in manchen Situa­tionen wäre es hilf­reich zu unter­scheiden, ob wir über das Thema, was auch immer es gerade ist, eher poli­tisch oder eher wissen­schaft­lich spre­chen wollen. Es gibt viele Themen, bei denen ich – und ich glaube viele an der Domäne – poli­tisch gesehen sagen würden: „darüber können wir gar nicht spre­chen, das steht gar nicht zur Debatte, das ist nicht hinter­fragbar“. Aber ich glaube ganz fest daran, dass alles hinter­fragbar und auch immer wieder zu hinter­fragen ist — eben aus einer wissen­schaft­li­chen Perspek­tive. Auch wenn wir nach der Diskus­sion zum glei­chen Ergebnis kommen, und auch wenn wir poli­tisch denken, dass die Frage nicht okay ist. Wir müssen das Fragen trotzdem zulassen, dafür ist der univer­si­täre Raum da!“.

Studi­en­ab­bre­cher 

Stimmen, die wir bisher gehört haben, sind Studen­tinnen von der Domäne. Auch wenn sie stel­len­weise Verbes­se­rungs­be­darf benannt haben, studieren sie weiterhin am Kultur­campus. Wie lautet aber die Stimme von jemandem, der das Studium abge­bro­chen hat? Dieser jemand ist ein ehema­liger Kultur­wis­sen­schaften Student, der nach zwei Semes­tern das Studium abge­bro­chen hat. Sein Name bleibt anonym, doch nicht der Grund für seinen Abbruch. Wie waren diese zwei Semester für ihn?

“Es ist ein ambi­va­lentes Ding für mich gewesen, weil auf der einen Seite habe ich ganz viele Menschen kennen­ge­lernt, insbe­son­dere unter den Studie­renden, die wirk­lich sehr kreativ und sehr unter­neh­mens­freudig waren. Und wirk­lich mal outside the box gedacht haben. So wie am Campus habe ich das noch nicht erlebt, dass diese Menschen tatsäch­lich versu­chen, die Grenzen von dem, was sie machen, wieder und wieder zu über­winden, und wieder und wieder sich neuen Heraus­for­de­rungen stellen und wieder und wieder irgendwie versu­chen, neue Wege zu finden mithilfe von allen mögli­chen Formen der Kunst emotional Menschen zu bewegen und rele­vant zu bleiben. Und ich habe da viele tolle Freund­schaften geschlossen sowie viele tolle Bekannt­schaften gemacht. Und das hat mir total viel gegeben und das fand ich total schön.” Das sei die posi­tive Seite des Studiums gewesen.

Leider scheint es aber für ihn auch eine große nega­tive Seite gehabt zu haben. “Weil aufs erste und zweite Hinsehen wirkt dieser Campus so, als wäre Tole­ranz das Wich­tigste und man wäre offen für alles und es gäbe irgend­welche ideellen Werte, im Sinne von man muss sich ausleben lassen, man muss sich zuhören, man muss aufein­ander eingehen, man muss aufein­ander Rück­sicht nehmen. Das sind Dinge die hört man relativ viel. Aber irgendwie habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Werte nur für bestimmte Gruppen galten, bezie­hungs­weise hier anders gelebt wurden, als ich sie empfunden hätte”.

Ein großes Thema, wie er es selbst beschreibt, sei poli­tical correct­ness gewesen. Wobei ihn dasselbe stört, wie die rest­li­chen Gesprächspartner*innen, nämlich die starke Poli­ti­sie­rung von Thema­tiken. Der Fokus lag des Öfteren auf der poli­ti­schen Ebene, wodurch die wissen­schaft­liche Ebene, wie zuvor bemän­gelt, in den Hinter­grund rückte. “Und das fand ich für mich sehr schade”. Es seien zwar natür­lich “alles wich­tige Debatten, die zu führen sind”, doch er kam an die Domäne, um künst­le­ri­sche Thema­tiken zu lernen sowie sich weiter­zu­bilden und nicht “mora­li­sche Richt­li­nien” vorge­tragen zu bekommen.

Dabei habe er das Gefühl, dass die Domäne versuche, ”immer auf dem neusten Stand des höchst­fluiden Diskurses zu bleiben”. Die Proble­matik bestünde in seinen Augen darin, dass Personen, die nicht auf demselben Stand der Dinge waren, “verhät­schelt” wurden. Wenn man dem nicht zuge­stimmt habe, hat man “halt irgendein ‑ismus aufge­drückt bekommt”. Zu mindes­tens habe er es so erlebt und mitbekommen.

Darüber hinaus bemerke er, dass “heut­zu­tage wieder sehr gerne in Gruppen gedacht wird. Also man ist schwarz, musli­misch, jüdisch, christ­lich, eine Frau, eine Trans­person etc.”. Dann gebe es noch die Gruppe der alten, weißen Cis-Männer. “Und ich gehörte jetzt nicht in die Kate­gorie alt, aber sehr wohl weißer Cis-Mann”. Infol­ge­dessen wurde ihm mehr­mals in Debatten gesagt: “Du als weißer Cis-Mann kannst dazu nichts sagen”. Theo­re­tisch auf die Situa­tion betrachtet, wird in dem Fall die Meinung einer Person aufgrund ihres Geschlechts und der Haut­farbe als weniger Wert wahr­ge­nommen. “Und das fand ich irgendwie entlar­vend und traurig für eine Bewe­gung, die eigent­lich so auf Inte­gra­tion und Inklu­sion und wir-alle-gemeinsam und gegen Diskri­mi­nie­rung und Margi­na­li­sie­rung aus ist”.

Der Grund­aus­löser für seinen Abbruch scheint mit einem bestimmten Vorfall verknüpft zu sein, der das Fass ein biss­chen zum Über­laufen brachte. Im Rahmen eines Semi­nars wurde er nämlich von seinem Dozenten “quasi als Rassist” beti­telt. Mitt­ler­weile ist er der Meinung, dass es ein Miss­ver­ständnis gewesen sein muss und er falsch verstanden wurde, wobei keine Bemü­hungen unter­nommen “wurden, mich richtig zu verstehen, weil ich weiß, dass das, was ich gesagt habe oder das was ich sagen wollte, defi­nitiv nicht rassis­tisch war und auch nicht als Rassismus inten­diert war. Absolut nicht, über­haupt gar nicht”.

Zur Wahrung der Anony­mität kann ich leider nicht die inhalt­liche Situa­tion beschreiben. Seinen Erzäh­lungen nach stellte der Dozent eine Frage, woraufhin er eine Antwort abgab, die stel­len­weise anek­do­tisch gewesen sei. Dabei vermute er selbst, dass das Problem die Anek­dotik in der Antwort war. Was genau jedoch rassis­tisch gewesen ist, weiß er bis heute nicht, da er nicht aufge­klärt wurde. “Dementspre­chend wurde erwartet, dass ich es selbst sehe, was keinen Sinn ergibt, weil dann hätte ich es nicht gesagt. Ich hätte mir schon gewünscht, dass mir das erklärt worden wäre. Mir wurde keine Möglich­keit gegeben, in diesem Fall zu lernen. Wenn ich wirk­lich etwas Rassis­ti­sches gesagt habe, gedacht habe oder einer rassis­ti­schen Auffas­sung war, dann wäre das ein super Moment gewesen, mir das aufzu­zeigen und mir das zu erklären. Das wurde nicht gemacht”. Der Vorfall führte dazu, dass für ihn anschlie­ßend der Aufent­halt in Kultur­cam­pus­nähe eine “enorme Druck­si­tua­tion” bedeu­tete. “Einfach weil ich ganz viel meiner Energie darauf verwenden musste, zu gucken, dass ich niemandem auf die Füße trete”. Daraufhin entschloss er in den ersten Tagen der Semes­ter­fe­rien abzubrechen.

Fazit- Meine Meinung

Jetzt stellt sich nach all der Kritik und den Meinungen die Frage: Ist der Kultur­campus woke oder scheint er nur so? Nun, ich denke, das gene­relle Problem des Kultur­campus ist der Anspruch, divers, inklusiv und woke zu sein. Dies gelingt aber meiner Ansicht nach nicht immer, denn zum einen ist die Domäne nicht divers genug und zum anderen erzeugt dieser Anspruch auto­ma­tisch Druck, der wiederum zu Ausgren­zungen führen kann. Denn wenn man zwang­haft versucht, so poli­tisch korrekt wie möglich zu handeln und sich zu verhalten, wird es zur Prio­rität. Dadurch könnten andere Meinungen, die nicht dem “woke” und poli­tisch korrekten Bild entspre­chen oder davon abwei­chen, mögli­cher­weise nicht akzep­tiert werden. Viel­leicht gibt es unbe­wusst die Denk­weise “Wenn du nicht auf unserer Seite bist, dann bist du gegen uns”. Der Grund, vermute ich, liegt im (indi­rekten) Zwang, der dazu führt, dass man das Gefühl hat, beweisen zu müssen, dass man anti­dis­kri­mi­nie­rend, tole­rant, inklusiv usw. ist. Um also nicht als into­le­rant ange­sehen zu werden, verstummen einige Personen, um sich gar nicht erst der “Gefahr” auszu­setzen. Andere folgen lieber dem Anspruch, indem sie diesen auch offen in Kursen vortragen, da es sich für sie so gehört. Dadurch treiben sie den Druck weiter und auf diese Weise entsteht ein Teufels­kreis. Dies führt zu einem Ausschluss von den anwe­senden Personen.

Die Kritik an den Wissens­vor­aus­set­zungen ist verständ­lich, jedoch glaube ich, dass das Problem gene­rell im univer­si­tären System liegt, das von Natur aus klas­sis­tisch ist. Diese Struk­turen lassen ein elitäres Verhalten zu. Im Allge­meinen passiert das meiste, was am Kultur­campus geschieht, meiner Erfah­rung nach, auch an anderen Univer­si­täten (-manchmal sogar in stär­kerem Maße). Es steht jedoch nicht so stark in der Kritik, weil die anderen Univer­si­täten nicht den Anspruch an sich selbst gesetzt haben, anders zu sein als alle anderen. 

Dementspre­chend finde ich den Kultur­campus im Vergleich sehr ange­nehm und deut­lich woker als andere Unis, die ich kenne. Es ist zwar schwierig etwas an den (klas­sis­tisch-) univer­si­tären Struk­turen zu ändern, aber wir können an unserem Umgang mitein­ander arbeiten. Deshalb auch von mir nochmal die Bitte: mehr “Fehler”-freundlichkeit und Aufklä­rung. Bleibt locker, einfach sein anstatt zwingen etwas zu sein.

  1. Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­stelle des Bundes: Allge­meines Gleich­be­hand­lungs­ge­setz. Oktober 2023. Internet: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/AGG/agg_gleichbehandlungsgesetz.pdf?__blob=publicationFile#:~:text=(3)%20Versto%C3%9Fen%20Besch%C3%A4ftigte%20gegen%20das,Versetzung%20oder%20K%C3%BCndigung%20zu%20ergreifen. S. 10 ff. Zuletzt besucht: 07.04.2024 ↩︎

Ein Beitrag von: Jana Zimmer­mann, veröf­fent­licht am 13.05.2024