Wenn ich Räume betrete, Freund*innen besuche oder in eine WG einge­laden werde, ruhen meine Blicke oft auf dem glei­chen Element: Die Bücher, verteilt auf Bret­tern an Wänden, geordnet in Regalen oder am Boden gesta­pelt. Entspre­chend intim fühlt es sich auch an, wenn andere Personen meine „Samm­lung“ betrachten. Immer schwingen da gemischte Gefühle mit: Stolz auf ein paar schöne Ausgaben, das Bedürfnis mich zu recht­fer­tigen, dass ich die Groschen­ro­mane wirk­lich nur für ein Seminar gekauft habe, aber seit einiger Zeit auch ein anders Unwohl­sein.
„Zeig mir was du liest und ich sag dir wer du bist“? So weit würde ich nicht gehen. Eigent­lich. Denn ich habe ange­fangen, meine Buch­rü­cken­reihen nicht mehr nur als die Summe ange­sam­melter Werke zu sehen, sondern Muster gesucht. Die Frage ist nicht was liest du, sondern wen. Und das sagt zwar etwas über einen Menschen aus, viel mehr aber über die Gesell­schaft, in der er sich bewegt, aus.


"Your Books­helf May Be Part Of The Problem" (1) beti­telte Juan Vidal seinen Artikel, in dem er die Lesenden zur Unter­su­chung ihrer Bücher­re­gale auffor­dert. Er gibt Gedan­ken­an­stöße und Moti­va­tion, über das eigene Lese­ver­halten nach­zu­denken; darauf aufbauend, dass das, was wir lesen, unseren Blick auf und unser Wissen über die Welt beeinflusst.

bestands­auf­nahme

Wessen Bücher liegen, lehnen, lagern in meinem WG-Zimmer?

36

Bücher aus Epik, Lyrik und Drama in meinem WG Zimmer.

14

nicht deut­sche Autor*innen

5

Autor*innen of Colour

3

Autorinnen

Zufall?

Ist es nur Zufall, dass der Anteil von BiPoC Autor*innen und explizit *innen so gering ist?

17

Bücher, die ich mir für Schule oder Uni gekauft habe oder weil ich dachte, dass man das doch gelesen haben muss. Alle davon wurden von weißen männ­li­chen Autoren geschrieben.

Meine Schuld?

Dass sich der Inhalt meiner Bücher­re­gale aus einer durchaus proble­ma­tisch propor­tio­nierten Autor*innenschaft zusam­men­setzt, habe ich selbst zu verant­worten, aber nicht alleine. Inner­halb einer Gesell­schaft, die männ­liche "Genie"-Bilder hoch­leben lässt, habe ich vor und während meines Lite­ra­tur­stu­diums gelesen, was mir als wichtig und rele­vant vermit­telt wurde.

ja, aber nein, doch schon.

Wenn ich meine eigene gesell­schaft­liche Posi­tion jedoch wirk­lich verstehen und meine Perspek­tive auf diese verän­dern will, muss ich mich von dieser für allge­mein­gültig erklärten Lite­ratur lösen.

Aber wir brau­chen doch einen Kanon!

Vor allem zu Beginn des Studiums begeg­nete mir der Kanon­be­griff als etwas scheinbar Allmäch­tiges, das zwar hinter­fragt wird, sich aber trotzdem nicht so richtig ändert.

"Liste muster gültiger Autoren, Werke"

"Kanon" auf Duden online. URL:  https://www.duden.de/rechtschreibung/Kanon_Lied_Leitfaden_Norm#listview-root (Abruf­datum: 10.03.2021)

1

Marcel Reich-Rani­ckis Kanon nimmt im Band Romane genau eine Autorin auf: Anna Seghers mit „Das siebte Kreuz“. Alle anderen sind, Über­ra­schung, weiße deutsch­spra­chige Männer.

ja, aber

Die Frage nach einem Kanon wich­tiger lite­ra­ri­scher Werke ist eine politische.

Kunst, Kultur und ihr Konsum prägen unsere Denk­weisen, unsere Sicht auf die Welt. Lite­ratur und andere ästhe­ti­sche Formen können eine bestehende Sicht bestärken. Sie können sie aber auch hinter­fragen und neue Perspek­tiven eröffnen.

"Books, when people come to them early enough or at the right time, have the power to be trans­for­ma­tive. And for a lot of readers, this is the right time — witness the many anti-racist book lists circu­la­ting on social media"

Juan Vidal: Your Books­helf May Be Part Of The Problem (1)

Deco­lo­nize your bookshelf

Den einen rich­tigen Umgang mit dem eigenen Lese­ver­halten und dem zuge­hö­rigen Bücher­regal (das wir symbo­lisch auch für gelie­hene Bücher stehen lassen), gibt es nicht. Zumin­dest kenne ich ihn nicht, wer weiß. Was ich teile, sind Leit­fragen, die uns in diesem Prozess unter­stützen können.

Who are you?

Wessen Sätze lese ich da eigent­lich?
Wer steckt hinter dem Namen auf dem Cover?

Können Werk und Autor*in getrennt werden?

Hier scheiden sich die Geister. Fakt ist: Wenn ein*e Autor*in diskri­mi­nie­rende Ansichten hat, spie­gelt sich das meist auch in den Büchern wieder. Rassismus, Anti­se­mi­tismus, Trans­feind­lich­keit und alle anderen Diskri­mi­nie­rungs­formen stoppen nicht an der Schwelle zur Fiktion.

–> Infor­miere dich über den*die Autor*in!

wer schreibt wen?

Wer schreibt wie über wen? Wenn beispiels­weise weiße Autor*innen Schwarze Figuren schreiben, wenn Männer Frau­en­fi­guren schreiben, oder cis Autor*innen nicht binäre Figuren, sollten wir aufhor­chen. Wie werden Personen(-gruppen) dargestellt?

wen lese ich nicht?

Und warum? Welche Stimmen werden gefeiert und entspre­chend gut verkauft? Welche Autor*innen stützen unhin­ter­fragt mein bestehendes Welt­bild? Welche hingegen eröffnen neue Blick­winkel und Möglich­keiten zu lernen?

"These women were not silent but silenced"

femi­nis­ti­sches Kollektiv fAktiv in einem Rede­bei­trag am 8. März 2021 in Hildesheim

Es gibt sie, die schrei­benden FLINTA*s, die Autor*innen of Colour, die Schwarzen und Indi­genen Publi­zie­renden. Wir müssen nur noch lesen.

Best­sell-ER

Ein kurzer Blick in aktu­elle Listen (März 2021)

6 von 20

70% der Autor*innen der Spiegel Best­seller Hard­cover Belle­tristik sind Männer (nutzen das Pronomen er).

3

dieser 20 Autor*innen sind nicht weiß.

Und jetzt?

Ein wunder­bares Mittel für diver­seres, span­nendes, diskri­mi­nie­rungs­armes Lesen ist der gute alte Lese­kreis in all seinen Erschei­nungs­bil­dern. Denn vier oder fünf Personen entde­cken mehr lesens­werte Bücher als eine. Und so können wir uns direkt über zu lesende und gele­sene Bücher austau­schen. Die immer glei­chen alten Stimmen werden wir wenig vermissen und dafür umso mehr von queeren, margi­na­li­sierten, von nicht-weißen Stimmen lernen.

Ein Beitrag von Rebecca Fisch

 

Quellen:

(1): Juan Vidal: Your Books­helf May Be Part Of The Problem. URL: https://www.npr.org/2020/06/06/870910728/your-bookshelf-may-be-part-of-the-problem?t=1614941022080 (Abruf­datum: 10.03.2021)

(2) Spiegel Besteller Hard­cover Belle­tristik, 11/2021. URL: https://www.bestsellerliste.de/spiegel-bestseller-hardcover-belletristik/ (Abruf­datum 15.03.2021)