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Bei untergehender Sonne skatet eine Person am DIY-Skatepark in Hildesheim
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Auf vier Rollen durch Hildesheim: Skateboarding-Kultur

  • 12. Juli 2023
  • Linda Mustafa

Skateboarding ist eine Subkultur, die meist mit großer Passion gelebt wird. Gleichzeitig wird sie von Menschen, die abseits dieser stattfinden, meist nicht bewusst wahrgenommen. Ich habe mit fünf Skater*innen aus Hildesheim über die lokale Szene gesprochen und deren unterschiedliche Perspektiven abgebildet. Was zeichnet die Hildesheimer Skateboarding-Community aus? Welche Wünsche bestehen? Wie veränderte sich die Szene vom Boom 2001 bis heute? Das erfahrt ihr hier.

Mit 15 Jahren begann ich mit dem Skaten und damit meine Umgebung durch diese Linse wahrzunehmen: Wege, Straßen und Stadtraum wurden beiläufig daraufhin betrachtet, ob sie skatebar sind. Als ich nach Hildesheim zog, hörte ich zunehmend mit dem Skaten auf, doch freute mich weiterhin Street-Spots an Wachsspuren zu erkennen, bei offenem Fenster nachts jemanden vorbeirollen zu hören, oder einfach Leute auf Boards zu sehen. Gleichzeitig fiel mir auf, dass ich von der Szene nur wenig mitbekomme und fragte mich, wie die Hildesheimer Skateboarding-Kultur aussieht.

Ich begab mich also auf die Suche. Ich unterhielt mich mit Menschen, die unterschiedlich lang dabei sind, und fing vergangene und gegenwärtige Stimmungen, Perspektiven und Wünsche ein.

Skateboarding-Kultur

Skateboarding ist Hobby, Sport oder Lifestyle. Dabei zeichnet sich eine internationale Sprache ab, bei welcher sich Mitglieder der Community an äußeren Merkmalen erkennen. Die Kultur ist geprägt durch Offenheit: Es gibt kein Gegeneinander. Während einerseits ein großer Reiz darin besteht, sich selbst stets zu überwinden und dabei durch Ehrgeiz individuelle Ziele zu erreichen, ist zugleich Frustration ein Gefühl, das auf der Tagesordnung steht.

Vor diesem Hintergrund ist eine grundlegende Stimmung auch hier zu erwarten. Doch was genau ist signifikant für die Szene in Hildesheim?

Tony Hawk, ein Jutebeutel und die Hildesheimer Straßen

Ich sprach mit Johannes, der 2001 im Alter von 13 Jahren in Hildesheim mit dem Skaten anfing. „2001 war das Jahr in dem Skateboarding den großen Boom erlebte“. Das habe sich in Verkaufszahlen, wie auch im Aufkommen mannigfaltiger Skateboarding-Magazine gezeigt und sei durch das neue Video-Spiel Tony Hawk’s Pro Skater, das 1999 auf den Markt kam, bedingt gewesen. Skateboarding wurde zum Trend. Mit einem Jutebeutel, der ausschließlich eine Flasche Wasser umfasste, begab sich Johannes mit einem Freund auf die Straßen Hildesheims. Da es zu diesem Zeitpunkt nur einen maroden Skatespot gegeben habe, fuhren sie auf den Straßen, sprangen von Stromkästen, Treppen und Mauern herab und filmten dabei möglichst krasse Tricks. „Wieso an den heruntergekommenen Spot, wenn ganz Hildesheim Skatepark ist?“ Alle seien auf demselben Level gewesen. Die Bestrebung immer neues auszuprobieren, immer weiter kommen zu wollen, führte dazu, dass Skatespots erweitert wurden. 

Chris skatet seit etwa 15 Jahren in Hildesheim und erzählte mir, dass der Skatepark in Ochtersum hinter dem Hohnsen See, früher aus Holz bestand. Jedes Jahr musste er selbstständig repariert werden, was auf Dauer teuer wurde. An seiner ehemaligen Schule, der RBG, habe es eine Skateboarding-AG gegeben; Mit der AG-Betreuerin, fuhren sie zum Skatepark, bei dem sie die ältere Generation Skater*innen kennenlernten, die für die Jugendlichen damals Idole darstellten.

Eigenengagement in der Szene: zwischen DIY-Skatepark und Satire-Contests

Gemeinsam mit Leuten aus der Szene baute Johannes ab 2018 einen eigenen Skatepark, der Kreo genannt wird und hinter dem Skatepark am Hohnsen situiert ist. Nach jahrelanger Skateboarding-Erfahrung, habe er gut einschätzen können, welche Obstacles langfristig Spaß machen würden. Dabei stellten die Skater*innen einen Antrag an die Stadt, mit dem Hinweis, dass sie alles selber machen und über das notwendige Know-How verfügen würden. Mit einem 3D-Model, einem Werbevideo und einer Liste bereits verwirklichter Projekte wurde der Antrag an die Stadt gereicht, die die Aktion als kurios wahrnahm, aber zustimmte. Letztlich, so Johannes, habe ein solcher Erfahrungsschatz im Vorhinein gar nicht existiert: „Man muss einfach damit anfangen“.

Auch über YouTube ist Johannes aktiv gewesen: Er entwickelte eine Fake Company. Weil er sein Skateboard und seine Skateschuhe stets solange verwendete, bis sie gänzlich kaputt waren, nannte er den YouTube-Kanal Used Skatebaords. Auf dem Account wurden beispielsweise Tutorials hochgeladen, wie ein Contest zu gewinnen sei oder wie man es schaffen würde gesponsert zu werden. Der als Satire konzipierte Content richtete sich gegen die Kommerzialisierung von Skateboarding. Während es nämlich kleine Companies gewesen sind, die Skateboarding groß und zugänglich gemacht hatten, waren es Adidas, Nike, Monster und Redbull die Kund*innen abgriffen und die kleinen Companies pleite gehen ließen. 

In ähnlichem Geiste wurde in Hildesheim ab 2012 die sogenannte Skateboarding WM veranstaltet, als Seitenhieb, wie auch als Hommage auf die Contests Street League und X Games. Letztere sind international bekannte Events, bei denen sich Skater*innen battlen. Das Event, wie auch der Content für YouTube, waren neckischer Haltung. Bekannte Skater*innen bekamen Wind von der Skateboarding WM und fuhren nach Hildesheim um teilzunehmen. So auch Redbull: Die Company sponserte die Veranstaltung, kam mit „Proll-Karre“, Moderationsanlage und Live-Screening angefahren. Das Event fand letztmalig 2015 statt.

Im Laufe der Jahre soll es immer wieder unterschiedliche Contests gegeben haben, zurzeit sei es ruhiger. Mir wird erzählt, dass sich die Szene grundsätzlich geändert habe. Während zu Beginn eher ein harter Ton Regelfall gewesen sei, wird der Eindruck formuliert, dass mittlerweile mehr Rücksicht innerhalb der Szene genommen würde; Es sei nicht mehr notwendig sich zu beweisen. Regel sei, dass erfahrene Skater*innen, junge oder neue Menschen am Park pushen, so Chris. „Ich habe das selbst so erlebt und möchte das weitergeben“. 

Hierarchien oder familiäre Strukturen?

Die Altersspanne in der Hildesheimer Skateboarding-Szene sei weit. So finden am Skatepark Kinder in Begleitung ihrer Eltern, Schüler*innen, Jugendliche, Student*innen, Arbeitende, die „Alten Hasen“ usw. zusammen.

In den Gesprächen stoße ich bei der Frage danach, wie sich die Community zwischenmenschlich gestaltet, auf unterschiedliche Wahrnehmungen. So wird einerseits betont, dass es am Anfang schwer sein kann, Anschluss zu finden und man aus Angst davor, im Weg zu stehen, meist eingeschüchtert ist. Andererseits wird statiert, dass keine Autoritäten herrschen; „Jeder hat mal angefangen“.

Weiterhin begegne ich dem Begriff familiär wiederholt. Anders als in größeren Städten bilden sich in Hildesheim keine Gruppen, vielmehr bleibe die Community zusammenhängend. Skateboarding sei eine grundsätzlich hilfsbereite Subkultur; Bei Verletzungen kümmere man sich um einander. 

Park- und Street-Skaten

Während meiner Beschäftigung mit der Szene, habe ich mich gefragt, wie das Verhältnis von Park-Skaten und Street-Skaten in Hildesheim aussieht.

Street-Skateboarding ist das Skaten im öffentlichen Raum. In Hildesheim gebe es einige gute Spots, beispielsweise an der HAWK, an der Steingrube, am Kino und am Hindenburgplatz. Dennoch würde es gegenwärtig, anders als in der Vergangenheit, nicht so viel praktiziert. Während das interessante am Street-Skaten Lösungen für Hürden zu finden sei, würden viele dennoch aus Bequemlichkeit, sowie aufgrund von Körperbeschwerden oder der sich als schwer gestaltende Suche nach einer Street-Crew das Park-Skaten präferieren. 

Der Skatepark in Ochtersum gestaltet sich als wesentlicher Schauplatz der Subkultur in Hildesheim. Während der Corona-Pandemie sei dort besonders viel los gewesen. Dieser wird als grundsätzlich gut, jedoch auch als etwas zu klein und ein wenig verbaut beschrieben: „Es fehlt manchmal an neuen Eindrücken“, so Do Khai.

Die sich seit Längerem in Planung befindende Erweiterung, lässt auf sich warten. Die Kooperation mit der Stadt könnte noch besser aussehen, insbesondere die Bereitstellung von Toiletten und eines Trinkwasserspenders, sei überfällig.

Inklusives Rollensportverständnis

An der Schnittstelle von Community und Stadt wirkt der Rollen e.V. als zentraler Akteur. Dieser ist ein gemeinnütziger, auf Gegenseitigkeit beruhender Verein, der 2022 am Skatepark bei einem spontanen Beisammensein gegründet wurde. Robin ist ein Vorstandsmitglied des Vereins und erzählte mir, dass zentrales Ziel des Vereins sei, soziale Benachteiligung zu verringern. Über den Rollen e.V. werden Sach- und Geldspenden erlangt, sodass mit Menschen geteilt werden könne, die keinen Zugang zu Equipment oder der Subkultur haben. Zu Beginn seien Finanzierungsmöglichkeiten nur bedingt vorhanden gewesen, sodass vieles aus eigener Tasche gezahlt werden musste. 

Der Verein organisiert Veranstaltungen und unterstützt Einzelpersonen durch Mitbetreuung und dem Bieten eines rechtlichen Rahmens bei Projektvorhaben. Wesentlich ist, dass der Verein sich nicht nur an Mitglieder der Skateboarding-Community richtet, sondern alle Mitglieder der Rollensportarten – Skateboarding, Scootering, BMX und Rollerblading – als eine Gemeinschaft denkt. Durch eine inklusive Gestaltung und Selbstwahrnehmung könne der Verein als positives Beispiel für ein Zusammenkommen vorangehen. 

Gründung Rollen e.V.
Empowerment Skate-Event

Im September 2022 fand das Empowerment Skate Event am Skatepark statt, welches von Privatpersonen veranstaltet wurde. Dabei wurde ein Ich sprach mit May, die maßgeblich an der Organisation des Events beteiligt war. Sie habe viel positives Feedback von teilnehmenden FLINTA* erhalten, welche die Veranstaltung als empowerend wahrgenommen haben.

Eindrücke vom Event

Sie erzählt mir weiterhin, wie es für sie war mit dem Skateboarden anzufangen. Obgleich es sich im Laufe der letzten Jahre besserte, sei Skateboarding immer noch sehr männlich dominiert. Als Frau auf dem Skatepark zu Beginn eingeschüchtert zu sein, so May, könne angesichts der männlichen Dominanz zwar gegeben sein, jedoch sei Skateboarding ein grundsätzlich rougher Sport, bei dem man viel abbekomme. Ihr Appell richtet sich an FLINTA*: Der Skatepark sei ein Ort, an dem alle akzeptiert werden.

Do Khai skatet nahezu täglich: „Skaten ist Teil den Alltag zu strukturieren, es nicht zu machen fühlt sich komisch an.“ Ähnliches berichtet May; Als sie mit dem Skaten anfing, war sie jeden Tag am Park, der ihr Safe Space wurde. Dort sammelten sich ihre Freund*innen und die Community. „Das schönste ist, wenn du den Trick, den du die ganze Zeit schon probiert hast, stehst und alle dich hypen.“

Vielen Dank an Johannes, Chris, May, Do Khai und Robin, die mir von ihren Erfahrungen und Perspektiven erzählt haben!

Ein Beitrag von Linda Mustafa, veröffentlicht am 12. Juli 2023

Linda Mustafa

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