Schwarze Spiegel – Eine Arno Schmidt Exkursion

Im Sommersemester 2019 fand das Seminar „Schwarze Spiegel“, das sich mit der Werksammlung „Nobodaddy´s Kinder“ von Arno Schmidt befasste, unter der Leitung Guido Grafs statt. In der Exkursionswoche unternahm der Kurs eine Exkursion an den Ort, an dem der Autor ab Ende des Jahres 1940 als Flüchtling einquartiert wurde, den Mühlenhof in Cordingen. Dies ist ein Bericht über diese Exkursion.

Dienstag, den 11.06., um 9 Uhr morgens geht es vom Hildesheimer Hauptbahnhof los. Nach und nach stoßen alle Seminarteilnehmer dazu. Neun – ziemlich müde – Studenten sind wir insgesamt. Unsere zwei Gasthörer sind nicht mitgekommen. Unsere Gruppe besteht hauptsächlich aus Kulturwissenschaftlern und Kreativen Schreibern, die meisten kennen sich nicht untereinander und das wird sich über die nächsten Tage auch wenig ändern. Einige sind gut ausgerüstet für die Natur (Funktionsklamotten und Wanderschuhe), andere nicht ganz so (Jacketts und Schlappen).
Wir kommen in Walsrode an, wo Guido bereits mit Auto, Sohn und Frau – die (Danke dafür!) unser Gepäck fährt, was die anschließende Wanderung deutlich erleichtert – auf uns wartet.

Ein letzter Stopp beim Bahnhofskiosk, in dem es für einen Euro „Matschbrötchen“ gibt, in denen ein Schokokuss zerquetscht wird (wobei das Quetschen freundlicherweise dem Kunden überlassen wird), und wir folgen zunächst den Bahngleisen, aus Walsrode heraus. Überall quillt uns Grün entgegen. Wir versuchen möglichst wenig davon zu berühren, weil Guido uns im Voraus vor den Horden an Zecken gewarnt hat, die nur darauf warten sich an unschuldigem Künstlerblut zu laben.

Anfangs sind die Gemüter froh, es ist nicht zu warm, wir kommen gut voran. Dann stellt sich heraus, dass es sich bei den Schatten, die über den Asphalt huschen nicht um Fliegen handelt, sondern kleine Frösche, von denen wir wohl schon einige zerquetscht haben und die Stimmung sinkt. Wir folgen dem Weg weiter, durch ein kleines verschlafenes Dorf und hinein in das bewaldete Gelände der Eibia, das während dem Nationalsozialismus als Sprengstofffabrik und Zwangsarbeitslager diente. Guidos Sohn stapft zielstrebig voraus, Guido erzählt interessante Fakten (wie er es die nächsten Tage immer wieder tun wird) und wir versuchen, nicht in den Fluss zu fallen. Mit der Zeit drücken die Schuhe und schmerzen die Beine, aber wir wandern weiter, bis wir endlich, endlich den Mühlenhof erreichen. Der Mühlenhof ist wunderschön gelegen, mit einem umliegenden kleinen Park und mehreren kleineren Häusern.

Guido schließt das kleine Häuschen auf, das für die nächsten Tage unsere Unterkunft sein wird. Es besteht aus einem größeren Raum im Erdgeschoss, an dessen Wänden überall Fotos von Arno Schmidt und der Umgebung mit den passenden Schmidt Kommentaren dazu hängen. Im ersten Stock befindet sich eine kleine Wohnung, in der Guido mit Hilfe des Arno Schmidt Stipendiums ein Jahr lang wohnen und seine Magisterarbeit schreiben konnte. Allerdings ist seitdem Zeit vergangen, in den Zimmern stapeln sich Bücher aus der Ortsbibliothek und kistenweise Tassen mit dem Motiv Mühlenhof, außerdem wurde ein Zimmer in den Übungsraum der ansässigen Band verwandelt.

Wir rollen unsere Schlafsäcke aus und laufen dann zum nächsten Supermarkt. Wir einigen uns schnell darauf, einen kleinen Grill zu kaufen und stehen dann unschlüssig vor der Gemüseabteilung. Was grillt man für Vegetarier? Und wer isst überhaupt vegetarisch? Die Fleischabteilung stellt uns vor die nächsten Probleme. Kauft sich jeder selbst Fleisch? Oder legt man doch lieber zusammen? Und lieber Frisches oder aus der Tiefkühltheke? Müssen wir nicht auch etwas für das Frühstück besorgen? Wir schlurfen planlos durch die Gänge. Guido versteckt sich ratlos und verlegen im Müsligang.

Nach insgesamt vierzehn gelaufenen Kilometern kommen wir abends ziemlich erschöpft wieder zurück zu unserem Häuschen. Wir grillen gemütlich am Mühlenfluss und nachdem Guido nach Hause gefahren ist, wird auch die eine oder andere Flasche Wein unter Arno Schmidts wachsamen Blick geöffnet.

Am Mittwochmorgen werden wir von einem fremden Mann geweckt, der laut stampfend durch sämtliche Räume läuft. Etwas verdutzt begrüßen wir ihn und Alex, ein Urgestein der Kreativen Schreiber, beginnt ein Gespräch mit ihm. Anscheinend ist er die Person die „nach dem Rechten sieht“, was man dem Haus allerdings kaum anmerkt. Nach einem kleinen Frühstück stößt Guido zu uns und meint, unsere Anwesenheit hätte sich wohl über die örtlichen Buschtrommeln verbreitet. Dann führt er uns in das Gelände der Eibia. Inzwischen ist das Gebiet etwas verwildert, es stehen nur noch ein paar der ehemaligen Bunker, da einige nach dem Krieg gesprengt wurden. Guido hat sogar einen Schlüssel zu einem der noch existierenden Bunker, der allerdings nicht funktioniert.

Am Abend können wir nicht noch einmal Grillen, da jemand unseren Grill geklaut hat (davor aber die verwendete Grillkohle in einem Mülleimer entsorgt hat). Lucas und Lena probieren den lokalen Dönerladen aus, in dem die Frauenweltmeisterschaft auf dem Fernseher in der Ecke läuft, Deutschland gegen Spanien, das Essen ist auch ziemlich gut.
Den Donnerstagvormittag verbringen wir, indem wir kleine Exkursionen unternehmen, die unsere Texte inspirieren sollen. Wir schleichen durch die Walddorfschule, die Siedlungen oder den Ortskern, der aus einem eingravierten Stein besteht. Manche bleiben auch auf dem Gelände der Mühle und schreiben dort. Nachmittags machen wir uns auf zur Bushaltestelle. Wir haben Glück und sind so früh dran, dass wir auch noch zur nächsten Haltstelle laufen können, weil die vorhergesehene nicht befahren wird. Dann geht es mit dem Bus nach Walsrode und von dort aus mit dem Regio nach Hildesheim.

Was bleibt nach drei Tagen in dem Ort, an dem Arno Schmidt Teile seines Lebens verbracht hat? Nicht viel. Ein bisschen mehr Misanthropie vielleicht, die den Autor vermutlich stolz machen würde. Unsere Texte. Und die Freude, nicht von einem Wolf, Wildschwein oder einer Zecke angefallen worden zu sein.

Ein Beitrag von: Lena Beyer

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