Klassismus. Was ist das überhaupt? Als Student*in wenig Geld haben gleich Klassismus? Ein Beitrag über ArbeiterKind.de, den Begriff Klassismus und die Frage ab wann ich davon betroffen bin und wann nicht.

Ich sitze auf dem Rad, bin auf dem Weg zur Uni. Es ist 9:46 Uhr, sonnig, etwas kühl und die Domäne liegt vor mir. Der Bus hat die ersten Studierenden abgeladen und sie spazieren die Straße entlang: Als ob sich eine verschworene Gemeinschaft auf dem Weg zu einem regelmäßigen Treffen befindet, das wichtig und gleichzeitig nicht so bedeutend zu sein scheint: Das Uni-Seminar.
„Ich werde manchmal gefragt, warum ich meine Opfer-Geschichte so in den Vordergrund stelle. Für mich ist es eher eine Erfolgsgeschichte.“
Janna Voigt, Bundeslandkoordinatorin bei ArbeiterKind.de bei ArbeiterKind.de
Ich passiere das Tor, schließe mein Fahrrad ab und schreite über den Hof. Ich studiere. Ich bin Teil einer bestimmten Gruppe, die sich Akademiker*innen nennt und hier fühle ich es so richtig, das Akademiker*innen Dasein: Blasiert gucken, nicht jeden grüßen, schreiten, schlaue Worte in den Mund nehmen, zu der ganzen Welt eine differenzierte Meinung haben. Ich versuche mir dieses Verhalten bewusst zu machen und gleichzeitig so zu tun, als ob es nicht da wäre, um möglichst „authentisch“ zu wirken. Alle tun es mir gleich und ich liebe dieses Spiel. Die Universität ist nicht nur ein Ort mit bestimmten Codes und Verhaltensweisen, sondern auch ein Ort des Lernens, des Freiraums und ja… auch ein Ort der Elite. Innerhalb dieser Elite kann man sich sehr besonders fühlen. Vielleicht kennt man diesen Ort auch so gut, dass man nicht wirklich eine Meinung dazu haben muss. Und es gibt Menschen, die denken: Ich passe hier nicht rein. Ich bin dumm. Ich bin fehl am Platz. Mir geht das manchmal so, aber genauso oft genieße ich es und denke: Wow ! Was für ein Privileg an diesem wunderschönen Ort zu sein. – Ich liebe hier übrigens das Hofcafé und seine Kuchen und nein, ich habe nicht das Bedürfnis mich über die Gäst*innen aufzuregen. Sie sind Teil einer sogenannten Mittelschicht, die ich nur zu gut kenne und wirklich nicht der Aufregung wert sind. – Aber kommen wir zu den eigentlichen Fragen dieses Artikels: Was ist Klassismus? Und bin ich ein Arbeiterkind?
What is class anyways?
Janna Voigt, Bundeslandkoordinatorin für Niedersachsen bei ArbeiterKind.de antwortet auf meine Frage folgendes: „Klassismus ist überall dort, wo ich aufgrund meines Habitus Ausschluss erfahre.“ (…) Der Habitus, also die Art und Weise wie ich mich in gesellschaftlichen Zusammenhängen verhalte, und das persönliche Empfinden einem Ort oder einer Situation gegenüber scheinen demnach bei Klassismus eine wichtige Rolle zu spielen. Aber wenn es hier „nur“ um die persönliche Wahrnehmung geht, gibt es vielleicht auch die Möglichkeit nur das Gefühl zu haben von einem Ausschluss betroffen zu sein und somit die eigenen Privilegien aus dem Blick zu verlieren? Dr. Francis Seeck (forscht zum Thema an der Humboldt Universität Berlin und) schreibt im Buch Solidarisch gegen Klassismus: „Klassismus richtet sich gegen Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse, zum Beispiel gegen einkommensarme, erwerbslose und wohnungslose Menschen oder Arbeiter*innenkinder.“ Francis Seeck geht es demnach im Vergleich zu Janna Voigt mehr um politische Komponenten wie Geld, Status, Herkunft. Wohingegen Voigt mehr von einer individuellen Erfahrung des Ausschlusses spricht, die Interpretationsspielraum lässt und sich vor allem durch das Teilen der eigenen Geschichte erschließt.
Class matters
Aufmerksam und bewusst wahrnehmbar wurde das Thema für mich zum ersten Mal während der Pandemie bei einem Zoom Seminar von Dr. Francis Seeck. Hier trafen sich Menschen aus dem Kulturbetrieb, um mehr über Klassismus zu erfahren und sich darüber auszutauschen. Am Ende der Sitzung meldete sich eine Teilnehmerin, die als freie Regisseurin in Dresden arbeitete und sprach in einem beiläufig wirkenden Ton über Theaterprojekte, die man ja für sogenannte Migrant*innen und Hartz 4 Familien machen würde, um aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz Fördergelder akquirieren zu können. Als die Person weiter reden wollte, unterbrach Francis sie vehement: „Ich muss dich an dieser Stelle wirklich unterbrechen. Ich möchte nicht, dass so ÜBER marginalisierte Perspektiven gesprochen wird. Zum Ende des Seminars würde ich euch bitten darüber nachzudenken, wer in diesem Zoom Raum wie viel Redeanteil hatte und euch die Frage stellen, ob die Expertise von Menschen mit Klassismus-Erfahung überhaupt zu Wort gekommen ist.“ Damit war das Meeting beendet und es blieb eine Irritation, eine Kritik im Raum, die wirklich etwas damit zu tun hatte zu verstehen und zu begreifen wie sich Klassismus auf unser Zusammenleben auswirkt und was er für den Alltag bedeuten kann.
Wenn wir von klassistischen Erfahrungen sprechen, sind also der Kontext und die beteiligten Personen von Bedeutung. Wer redet mit wem wie in welchem Raum, warum und worüber? Ist beispielsweise das Verhältnis von Professor*innen zu Studierenden gleich automatisch ein Klassistisches? Wahrscheinlich nicht. Klassismus ist im Vergleich zu anderen Intersektionen eher eine unsichtbarere Form der Diskriminierung und geht oft mit anderen Diskriminierungsformen einher: „Viele Personen, die von Klassismus betroffen sind, sind auch von anderen Diskriminierungsachsen betroffen. Dies sollte sich auch in den Debatten zu Klasse und Klassismus niederschlagen, in denen noch immer der weiße Arbeiter als zentraler Bezugspunkt fungiert.“ Janna Voigt verdeutlicht am Ende unseres Gespräches, dass es ihr persönlich darum ginge, die Komplexität von Bildungswegen anzuerkennen, nicht von bildungsfernen Schichten zu sprechen und daran zu arbeiten das Wissen einer marginalisierten Klasse als anderes Wissen zu begreifen, welches methodisch und inhaltlich in den Wissenschaftsdiskurs einfließen sollte. Der institutionelle Bildungsverlauf sage nichts über die wirkliche Bildung eines Menschen aus.
Does class matter?
An diesem Gedanken bleibe ich während unseres Interviews hängen. Ich denke darüber nach, dass diese Aussage eine ganze Weltsicht von betroffenen Personen und von mir auf den Kopf stellen könnte: Akademiker*innen sind nicht schlauer oder besser, als Nicht-Akademiker*innen. Ich wiederhole das Gesagte noch einmal in meinem Kopf. Jannas Worte erkennen das Wissen anderer Milieus an und verdeutlichen gleichzeitig die Wichtigkeit von Initiativen wie arbeiterkind.de. So wie ich sie verstehe, geht es darum zu vermitteln, dass auch DU einen höheren Bildungsabschluss machen kannst, selbst wenn deine Eltern das vorher nicht getan haben. Vielleicht geht es darum zu begreifen, dass die eigene Ideologie über sich selbst in Bezug zur Welt eventuell falsch gewesen ist und du dich auf den Weg machen kannst, wenn du einen bestimmten Beruf erlernen möchtest, studieren willst. ArbeiterKind macht hier Mut und erweitert Horizonte. An dieser Stelle des Interviews finde ich meine tiefen Selbstzweifel wieder, blicke mit anderen Augen auf meine Vergangenheit und hätte mir so etwas für mich gewünscht. Denn auch Janna Voigt spricht von nicht akademischen Eltern, einer Erfolgsgeschichte von Realschule zu Gymnasium und großen Selbstzweifeln, die durch Bildungslabels, Abschlüsse und Institutionen geschaffen werden.
| ArbeiterKind.de ArbeiterKind.de ist eine gemeinnützige Organisation mit 80 lokalen Gruppen in ganz Deutschland. Erklärtes Ziel von ArbeiterKind.de ist es, dass alle Menschen eine informierte Entscheidung über den eigenen Bildungsweg treffen können. Gerade wenn in der eigenen Familie noch niemand studiert hat, ist der Weg ins Studium häufig besonders schwierig. ArbeiterKind.de macht Mut zum Studium, indem die Ehrenamtlichen Erfahrungswissen teilen und über die Möglichkeiten der Studienfinanzierung informieren. Du möchtest ArbeiterKind.de unverbindlich kennenlernen? Du suchst vielleicht selbst noch Rat und Unterstützung vor dem Studienstart oder im Studium? Dann komme gerne am 07.09.23 um 19:00 Uhr ins PULS vom offenen Treffen von ArbeiterKind.de. Bei Fragen wende dich gerne an Janna Voigt voigt@arbeiterkind.de |
No, it doesn’t !
Aber auch wenn meine Eltern „nur“ einen mittleren Bildungsabschluss haben, bin ich ja trotzdem in einem Haus als Beamtensohn großgeworden. Zugegeben, mit eher weniger kulturellem Kapital. In der Familie ging es eher um pragmatischere Dinge: Wann wird gegessen? Auf welchem Campingplatz macht man Urlaub? Wie sieht der Garten aus? Wann wird die Treppe renoviert? Natürlich hat mich das alles geprägt, aber fühle ich mich vor dem Hintergrund von Armut und Rassismus in Deutschland mit der Bezeichnung Arbeiterkind wohl? Ich für meinen Teil würde sagen, eher nein. Und trotzdem ist mein Blick auf den Ort Universität ein anderer, als der von Akademikerkindern.
Superpowers
Auf die Frage was denn die Superkräfte von Arbeiter*innenkindern seien, antwortet Janna ganz klar: Mutig. Eigeninitiativ. Ausdauernd. Und fügt an: Arbeiterkinder sind wie viele Communitys eine enorm heterogene Gruppe. Pauschalisierungen träfen also nur bedingt zu. Dennoch beobachte sie eine hohe Transferleistung. Es trainiere sich zwischen mehreren Milieus bewegen zu müssen: Was erlebe ich in der Universität? Wie und ob und wann erzähle ich das im Elternhaus? Es gäbe Studien, die belegen, dass Unternehmen mit Arbeiterkindern das Betriebsklima verbessern würden. In den Chef-Etagen hätten sie aufgrund ihrer Biographie höhere Empathiefähigkeit. Und so neigt sich unser Gespräch langsam dem Ende zu. Wir haben uns während des Interviews sehr gut verstanden und kennengelernt. Eventuell ja auch, weil wir ähnliche Erfahrungen teilen. Zum Schluss macht Janna noch auf das nächste Treffen der Arbeiterkinder in Hildesheim im PULS aufmerksam. Vielleicht schaue ich da mal vorbei. . .
Ein Beitrag von: Mario Hoegemann, veröffentlicht am 20.08.2023
1 Kommentar
Ich bin sprachlos!
Mir steht der Mund offen
Ich wusste gar nicht …
das man mir Röntgenblick
auf Studenten schaut:
Du Arbeiter-Kind und Du
Akademiker-Kind.
Ich sehe den Menschen !
Traurig – wenn da jetzt
Arbeiter-Kind.de
gegründet werden muss