Der Weg ist an dieser Stelle nicht das Ziel – das Ziel ist die Uni – aber der Weg dorthin steht in diesem Beitrag im Mittelpunkt. Ich schreibe darüber, warum der Weg zum Campus mein persönliches Highlight des Uni-Alltags ist, warum auch Design-Unternehmen diese Begeisterung teilen und was das Ganze mit Erich Fromms „Liebe zum Lebendigen“ zu tun hat.
Wenn ich zur Uni fahre, bewege ich mich durch die Natur. Mit dem Fahrrad geht es von der Haustür weg bis zum Campus Domäne Marienburg durchs Grüne. An Feldern vorbei, durch lichte Auenwälder und immer am Fluss entlang. Egal, bei welchem Wetter – ich genieße die frische Luft, den weiten Blick und das Gefühl von Freiheit, das aufkommt, wenn man abseits von Verkehrsstraßen unterwegs ist. Kurz gesagt: Ich finde es wunderbar, diese Strecke als „Arbeitsweg“ zur Uni zu haben. Aber woher kommt diese Liebe zum Grünen?
Begeisterung fürs Grüne
Seit Jahren anhaltende Trends wie Waldbaden, städtisches Gärtnern, Imkern oder Survival-Kurse verdeutlichen, dass ich nicht alleine bin mit meiner Begeisterung für naturnahe Aktivitäten. Auch was die Berufswahl junger Menschen angeht, zeigt sich ein Wandel. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Nachfrage an „grünen“ Berufen – damit sind Berufsfelder gemeint, bei denen man sich draußen und in Kontakt mit der Natur befindet oder sich mit ökologischen und landwirtschaflichen Themen auseinandersetzt – in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während sich viele Konzepte zur „Rückbesinnung auf die Natur“ zunächst eher auf die Freizeit bezogen, verbreitet sich nun also verstärkt der Wunsch, auch im Berufsleben an Natur und Landwirtschaft gebunden zu sein. Das IW begründet das wachsende Interesse übrigens mit einem steigenden Bewusstsein junger Menschen für Klima- und Umweltschutz.
Das macht durchaus Sinn, denke ich. In Zeiten der Klimakrise sowie weiterer ökologischer Notstände reicht es nicht mehr, die Natur ausschließlich als Ort der Erholung für einen vom urbanen Leben gestressten Menschen zu sehen. Es braucht politische und gesellschaftliche Anstrengungen zum Schutz und der Erhaltung unseres gesamten Planeten.
Da es darum aber nicht primär in diesem Artikel gehen soll, zurück zu meinem „Arbeitsweg zur Uni“ und der Frage, wieso ich – abseits der Intention, meinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten – so unglaublich gerne mit dem Rad an Feldern und Pflanzen vorbei Richtung Campus brause.
Die Liebe zum Lebendigen und das Biophilic Design
In meiner Recherche stoße ich auf den Begriff der Biophilie. Dazu heißt es: „Biophilie ist das angeborene, biologisch bedingte, menschliche Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur.“ Das ist es, denke ich. Es ist ein menschliches Bedürfnis, Zeit in der Natur verbringen zu wollen. Leider gibt es einen kleinen Haken an der Sache. Das Zitat stammt von einer Unternehmensberatung namens Terrapin Bright Green. Diese verkaufen unter dem erwähnten Zitat unter anderem die Vermittlung des Design-Konzeptes Biophilic Design. Und Biophilic Design ist auf Erfolgskurs. Im Internet findet man zahlreiche Werbeanzeigen, aber auch journalistische Berichte, die das Design, welches Elemente aus der Natur in die Architektur integriert, als gefeierten Lifestyle anpreisen.
Wir sind also wieder bei dem Thema der Transfusion von Job und Natur, mit dem Unterschied, dass sich das Beispiel der steigenden Nachfrage „grüner Berufe“ auf das Bedürfnis nach einer aktiven Auseinandersetzung mit der Natur bezieht, während beim Biophilic Design, der Natur zugeschriebene Auswirkungen auf den Menschen (z.B. ein gesteigertes Wohlbefinden) in den urbanen Job-Alltag eingebaut werden sollen.

Terrapin Bright Green unterteilt sein Design
in drei Kategorien:
Natur wird in Form von Pflanzen, Wasser und natürlichem Licht direkt in das Raumkonzept eingebaut.
Farben, Formen, Bodenstrukturen oder auch bestimmte Muster, die man häufig in der Natur vorfindet, werden in das Raumkonzept integriert.
Psychologische Faktoren, die im Menschen (als ehemals in der Natur lebendes Wesen) angeblich angelegt sind, werden berücksichtigt: Es werden Räume geschaffen, die sowohl das Bedürfnis nach Rückzug als auch nach Risiko (z.B. in Form von Balkonen) aufgreifen.
If you’re feeling less than enthused about working from home, one design philosophy could make you more productive – and, simply, happier.
Mark Johanson, BBC Worklife (06.10.2020)
Die einen finden in diesen Ideen Inspiration, andere werden die Vermarktung von naturnachahmenden Konzepten eher abwerten. Ich werde an dieser Stelle keine konkrete Position beziehen, allerdings möchte ich noch einmal auf den Begriff der Biophilie zurückkommen. Auch wenn das Unternehmen Terrapin Bright Green für jeden leicht verständlich, von dem „angeborenen Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur spricht“, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass sie sich mit ihrer Umschreibung auf einen Begriff beziehen, der zunächst auf die Forschung Erich Fromms zurückgeht. Und dessen Definition von Biophilie ist ein wenig komplizierter.
„Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“
Erich Fromm, in Anatomie der menschlichen Destruktivität.
Aus den Zitaten Fromms kann durchaus der Wunsch des Menschen, sich mit Pflanzen und Natur zu umgeben, herausgelesen werden. Allerdings bezieht sich Fromm in seiner Theorie auf ein pädagogisches Konzept, das er Charakterorientierung nennt und welches weit mehr umfasst, als die Idee einer „biologisch bedingten Liebe zur Natur“.
Biophilie nach Fromm
In seiner humanistischen Pädagogik legte Fromm ein Konzept vor, in dem es unter anderem um die Entfaltung des Menschen und die Unterscheidung zwischen einer produktiven und einer nicht-produktiven Orientierung geht. Laut Fromm hat jede lebende Substanz die primäre (biophile) Tendenz, das Leben zu erhalten, sich zu vervollkommnen und zu wachsen. Sind die Umgebungsbedingungen richtig gewählt, so kann sich die biophile Tendenz entfalten und es kommt zur Entwicklung der produktiven Charakterorientierung.

Die Natur muss gefühlt werden
Zurück zur Frage, woher wohl meine Begeisterung fürs Grüne stammen mag. Auch wenn die Ansätze von Biophilic Design und jene Erich Fromms durchaus interessant sind, so bilden sie dennoch nicht ganz das ab, was für mich hinter der „Sehnsucht nach dem Grünen“ steht. Vielleicht müssen an dieser Stelle mehr Gefühle ins Spiel. Die Worte „Die Natur muss gefühlt werden“ stammen übrigens von dem Naturliebhaber, Wissenschaftler und Autor Alexander von Humboldt. Detaillreich beschreibt Humboldt in seinen Werken die Natur- und Pflanzenwelt an unterschiedlichsten Orten der Welt und zieht daraus wissenschaftliche Erkenntnisse. Durch seine Veröffentlichungen erfreute sich der Autor bereits zu Lebzeiten großer Popuplarität. Und auch heute liegt – anknüpfend an die wachsende Naturbegeisterung – das Schreiben über Natur und Ökologie im Trend. Waren es einst Autoren wie Humboldt, Jean-Jacques Rousseau und Henry David Thoreau, die über ihre Naturerlebnisse schrieben, so sind es heute Natur-Dokus, Landzeitschriften oder Bücher, über ökologische und gesellschaftliche Transformationen, die unser Interesse nach einer Auseinandersetzung mit der Natur aufgreifen. Es gibt sogar ein Literaturgenre, das die unterschiedlichen Formate rund um das Thema Natur – von Sachbuch über fiktive Romane und Gedichte bis Reiseschriftstellerei- umfasst: nature writing.
Obwohl wissenschaftliche Texte ebenfalls unter nature writing zu finden sind (beispielsweise bei Humboldt) steht meist der beobachtende, beschreibende und empfindende Mensch im Mittelpunkt. Vielleicht ist es aber auch gerade die Mischung aus Wissenschaft und Schilderungen subjektiver Erfahrungen, die das Genre – neben seinem inhaltlichen Schwerpunkt – so beliebt macht.
Auf der Suche nach Gründen, wieso die Anfahrt zum Kulturcampus mich derart begeistert (sogar einen ganzen Blogbeitrag widme ich dieser Begeisterung!), bin ich Natur-Trends, Design-Konzepten und Literaturgenres begegnet und auch der ein oder andere wissenschaftlich, theoretische Einschub ist in diesen Text eingeflossen. Abschließend möchte ich nun ein paar Worte subjektiver Beschreibung einfließen lassen… vielleicht kann dabei ein bisschen was gefühlt werden.
Ich steige auf.
Die Arme strecke ich nach vorne, die Hände umgreifen locker das gummiartige Material, mit den Füßen beginne ich zu treten. Für die ersten Tritte brauche ich mehr Kraft, dann komme ich ins Rollen. Ich spüre den Rhythmus meiner Tritte, habe das Gefühl etwas mit meinen Beinen anzukurbeln und je schneller ich werde, desto stärker der Fahrtwind auf meiner Haut und in meinen Haaren.
Immer am Fluss entlang. Erst an meiner rechten, später an meiner linken Seite begleitet mich das tiefgrüne Wasser wie ein unendlich langgezogener See. Ja, See, da ich mehr den Eindruck eines stehenden Gewässers habe, als eines fließenden Stroms.
Tiefhängende Weiden am Ufer, die aussehen, als würden sie sich vornüber beugen und im Wasser betrachten. Das Wasser ein Spiegel, der die Weiden in all ihren Farben auf die Oberfläche projiziert.
Es riecht nach Feuchtigkeit, Wasser, Erde, Blüten, manchmal auch nach erhitztem Asphalt.
Der Blick zu meiner rechten Seite ist nun frei und die weiten Felder breiten sich vor mir aus. Während ich in der Ferne die Domäne Marienburg sehen kann, atme ich tief ein und aus und sauge die gefühlte Grenzenlosigkeit in mir auf.
Ich bewege mich übrigens durchs Innerste – und damit ist ausnahmsweise nicht meine innere Gefühlswelt gemeint – sondern das Innerste-Tal, dessen Name sich vom Fluss Innerste ableitet. Das Innerste-Tal ist Teil eines Naturschutzgebiets, das sich von der Mündung des Flusses Beuster in die Innerste bis zum „rothen Stein“ zieht. Unter den Studierenden wird jedoch selten vom „Innerste-Tal“ gesprochen, meist ist vom Domäneweg die Rede. Ein Weg der von der Innenstadt zum Campus führt und in einem wunderschönen Naturschutzgebiet liegt. Das ist schon etwas Besonderes finde ich und vielleicht ist ja ein Stück Begeisterung durch diesen Artikel übergesprungen…
Tipp: Wer den Weg durchs Naturschutzgebiet abseits der Anfahrt zum Campus entdecken möchte, dem kann ich den Rundweg „Alles im Fluss“ empfehlen. Er ist etwa sechs Kilometer lang, von Lönsbruch bis Marienburg, immer an der Innerste entlang. Weitere Informationen zu Ausgangspunkt, Route und Ziel findet sich auf der Internetseite der Stadt Hildesheim unter Naturschutzgebiet „Am rothen Steine. Entlang des Weges gibt es außerdem interessante Infotafeln zu Tier- und Pflanzenwelt in diesem Gebiet.
Antonia Kammerer, veröffentlicht am 09.08.2023