FLINK - Fremdsprachenlernen in Inklusiven Kontexten (2017-2020)

News: ZDF live Interview "Zweisprachig aufwachsen" in bilingualen Kitas

Die interdisziplinäre Longitudinalstudie FLINK ist Teil des Forschungsverbundprojekts Inklusive Bildungsforschung der frühen Kindheit als multidisziplinäre Herausforderung des Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen. Sie untersucht die Entwicklung sprachlicher und kognitiver Fähigkeiten bei Kindern mit heterogenen Lernvoraussetzungen in zweisprachigen Kitas im Übergang in die zweisprachige Grundschule im Vergleich zu Kindern in einsprachigen Kitas und Grundschulen.

Hintergrund

Im Zuge von Globalisierung und Inklusion werden Lernergruppen zunehmend heterogener in ihren kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten.

Das Potenzial von bilingualen Kitas, in denen eine pädagogische Fachkraft ausschließlich die Fremdsprache (L2) verwendet, und bilingualen Grundschulen, in denen über 50% des Curriculums in der L2 unterrichtet werden, für den Spracherwerb liegt u.a. in der intensiven, kontextgebundenen und natürlichen Verwendung von Sprache sowie den sprachförderlichen Strategien der Veranschaulichung (Kersten et al. 2010, Weitz et al. 2010, Weitz 2015). Neben der Intensität und der Qualität des Sprachinputs zeigen auch die Dauer des L2-Kontakts (Wesche 2002, Kersten et al. 2010, Ponto et al. 2016) sowie kognitive Fähigkeiten, insbesondere die phonologische Bewusstheit, einen Einfluss auf den frühen L2-Erwerb (s. Werkmeister 2015, Kersten & Greve 2015, Kersten et al. i.Vorb.).

Anders als in Untersuchungen an regulären Schulen (z.B. Elsner 2007) werden in den o.g. Studien keine Unterschiede hinsichtlich Geschlecht oder Migrationshintergrund gefunden. Für Kinder mit Unterstützungsbedarf gibt es kaum Evidenz für Nachteile, dafür Hinweise auf Lernvorteile in bilingualen Einrichtungen (s. Paradis et al. 2011, Kersten & Rohde 2015). In umgekehrter Wirkrichtung zeigt der frühe bilinguale L2-Erwerb auch positive Effekte auf kognitive Fähigkeiten wie z.B. Aufmerksamkeit, exekutive Kontrolle oder metalinguistische Fähigkeiten (z.B. Bialystok & Barac 2012, Nicolay & Poncelet 2013). Die aktuelle Veränderung der sozialen Diversität in Vorschule und Grundschule legt zugleich die Frage nach weiteren (psycho-sozialen) Effekten bilingualer Kontexte nahe. Laut Kruse-Heine & Künne (2013:4) ist eine ganzheitliche Sprachförderung der gesamten Persönlichkeitsentwicklung zuträglich. Aspekte wie Wahrgenommen werden, gemeinsame Aufmerksamkeit, gemeinsames Handeln, Motive und Absichten erkennen  (ibid. S. 12, Kuhl et al. 2011), lassen sich auf die sprachlichen Strategien der situativen Verständnisförderung in enger Interaktion mit den Lernern übertragen, die für bilinguale Kontexte typisch sind (Ponto i.Vorb.), wie z.B. besondere Feedback-Techniken, den handlungsbegleitenden Einsatz von Sprache, dem gemeinsamen sprachlichen Handeln durch Bedeutungsverhandlung.

Es ist daher zu prüfen, inwieweit frühe bilinguale Förderung auch über sprachliche und kognitive Aspekte hinaus positive Folgen hat. Bislang wenig untersucht ist etwa die Frage, inwieweit die sprachliche Entwicklung einen Einfluss auf das Selbstkonzept von Kindern hat (Hannover & Greve 2012), da das sprachliche Umfeld die Basis für Vergleiche in sozialen Interaktionen bildet, die das Selbsterleben und dessen Beschreibung beeinflussen (Harter 22012, Kuhl et al. 2011). Im Projekt FLINK werden diese Fragen explorativ untersucht.

Zielsetzung

Die FLINK-Studie befasst sich mit sprachlichen und kognitiven schulischen Vorläuferfähigkeiten heterogener Lernergruppen in mono- und bilingualen Kitas und deren Entwicklung in den ersten beiden Grundschuljahren. Im Fokus stehen die Fragen nach dem Lernstand in der L2 Englisch am Ende der bilingualen Kita und ihrer Entwicklung bis Klasse 2, der Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten und der Deutschkenntnisse bei beiden Gruppen, dem Zusammenhang von sprachlicher und kognitiver Entwicklung, sowie dem Vergleich der sprachlichen Inputstrategien der beteiligten pädagogischen Kräfte. Explorativ wird die Entwicklung des verbalen Selbstkonzepts in beiden Gruppen erfasst und verglichen.

Projektleitung

Prof. Dr. Kristin Kersten (Institut für englische Sprache und Literatur)

Projektkoordination

Ann-Christin Bruhn (Institut für englische Sprache und Literatur)

Alina Wegner (Institut für englische Sprache und Literatur)

Kooperationspartner

Prof. Dr. Werner Greve (Institut für Psychologie)

FMKS Kiel (Verein für Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen)

 

Literatur

Bialystok, E., Barac, R. (2013). Cognitive effects. In F. Grosjean, P. Li (eds.), The Psycholinguistics of Bilingualism. Chichester, England: Wiley-Blackwell, 192–213.

Elsner, D. (2007). Hörverstehen im Englischunterricht der Grundschule. Ein Leistungsvergleich zwischen Kindern mit Deutsch als Muttersprache und Deutsch als Zweitsprache. Frankfurt: Lang.

Hannover, B., Greve, W. (2012). Selbst und Persönlichkeit. In Schneider, W., Lindenberger, U. (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (ehemals Oerter & Montada; 7. Auflage, S. 543-561). Weinheim: Beltz.

Harter, S. (22012). Emerging self-processes during childhood and asolescence. In M.R. Leary, J.P. Tagney (Hrsg.), Handbook of Self and Identity. New York, London: Guilford Press, 680-715.

Kersten, K., Greve, W. (2015). Eine neue Sprache lernen – interdisziplinäre Perspektiven. Vortrag anlässlich des 1. Kooperativen Symposiums Freie Universität Bozen – Universität Hildesheim, Brixen.

Kersten, K., Greve, W., Ponto, K., Hagenfeld, K., Hemme, S., Schilder, L., Werkmeister, N. (i.Vorb.). Cognitive variables and other influencing factors in early second language acquisition. In T. Piske, A.K. Steinlen (Hrsg.), Cognition and Second Language Acquisition. Tübingen. Narr.

Kersten, K., Rohde, A. (2015). Immersion teaching in English with young learners. In J. Bland (ed.), Teaching English Language to Young Learners:Critical Issues in Language Teaching with 3-12 Year Olds. London: Bloomsbury, 71-89.

Kersten, K., Rohde, A., Schelletter, C., Steinlen, A.K. (Hrsg., 2010). Bilingual Preschools. Vol. I: Learning and Development. / Vol II: Best Practices. Trier: WVT.

Kruse-Heine, M., Künne, T. (2013). Sprache – Beziehung – Selbstkompetenz. nifbe-Themenheft 18.

Kuhl, J., Künne, T., Aufhammer, F. (2011). Wer sich angenommen fühlt, lernt besser: Begabungsförderung und Selbstkompetenzen. In J. Kuhl, S. Müller-Using, C. Solzbacher et al. (Hg.), Bildung braucht Beziehung: Selbstkompetenz stärken – Begabung entfalten. Freiburg/Breisgau: Herder, 15-27.

Nicolay, A.-C., Poncelet, M. (2013). Cognitive advantage in children enrolled in a second-language immersion elementary school program for three years. Bilingualism: Language and Cognition 16/03: 597–607.

Paradis, J., Genesee, F., & Crago, M. (2011). Dual Language Development and Disorders: A Handbook on Bilingualism and Second Language Learning (2nd Edition). Baltimore, MD: Brookes.

Ponto, K., Maier, E., Neubauer, L., Couve de Murville, S., Kersten, K. (2016). Assessing linguistic levels of L2 English in primary programs." In J.-U. Keßler, M. Liebner (eds.), Developing and Assessing Second Language Grammars Across Languages. Amsterdam: John Benjamins, 163-192.

Ponto, K. (in prep.) Kommunikative Unterrichtsprinzipien im Fremdsprachenunterricht in der Grundschule. Hildesheim University.

Randhawa, E. (2012). Das frühkindliche Selbstkonzept: Struktur, Entwicklung, Korrelate und Einflussfaktoren. Heidelberg: Pädagogische Hochschule Heidelberg.

Weitz, M., Pahl, S., Flyman Mattsson, A., Buyl, A. & Kalbe, E. (2010). The Input Quality Observation Scheme (IQOS): The Nature of L2 Input and its Influence on L2 Development in Bilingual Preschools. In K. Kersten, A. Rohde, C. Schelletter, A.K. Steinlen, Anja (eds.), Bilingual Preschools. Vol. I: Learning and Development. Trier: WVT, 5-44.

Weitz, M. (2015). Die Rolle des L2-Inputs in bilingualen Kindergärten. Inquiries in Language Learning. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Werkmeister, N. (2015). The Relation Between Cognitive Variables and Receptive Second Language Skills. Unpublished MA-Thesis. Hildesheim University. (Betr. durch K. Kersten, C. Mähler)

Wesche, M. (2002). Early French immersion. How has the original Canadian model stood the test of time?, in Petra Burmeister, Thorsten Piske and Andreas Rohde (eds), An Integrated View of Language Development. Papers in Honor of Henning Wode, Trier: WVT, 357-79.