Junges Musikethnologen-Netzwerk entsteht in Hildesheim

Samstag, 29. Juni 2013 um 07:48 Uhr

Im Center for World Music an der Universität Hildesheim stellen seit fünf Jahren junge Forscher – unter anderem aus Istanbul, Belgrad, Chicago – ihre Doktorarbeiten zur Diskussion.

„Wir wollen die musikethnologische Forschung stärken“, sagt Dr. Thomas Hilder. Seit 2011 arbeitet er am Center for World Music, dem musikethnologischen Forschungszentrum an der Universität Hildesheim. Innerhalb von vier Tagen stellen bereits zum fünften Mal 16 junge Musikethnologen ihre Forschungsarbeiten vor. Mehr als 50 weltweit hatten sich um einen Platz im internationalen Doktoranden-Workshop beworben, denn Angebote dieser Art gibt es nur wenige. „An einem Ort zusammenkommen – das ist wichtig um Vertrauen aufzubauen und sich auch künftig im Forschungsprozess über Ländergrenzen hinweg gegenseitig zu unterstützen“, sagt Thomas Hilder, der in London promovierte und die Konferenz gemeinsam mit den Professoren Raimund Vogels (Hildesheim/Hannover) und Philip Bohlman (Chicago) organisiert. Die Nachwuchswissenschaftler kommen aus Istanbul, Chicago, Belgrad, London, Wien, Illinois, Pittsburgh, aus Südkorea, Iran und Japan.

Eine Reihe von Forschern befasst sich mit Musik im städtischen Raum. Marija Dumnic, University of Arts in Belgrad, untersucht alte urbane Musik in serbischen Städten, wie sie seit dem 18. Jahrhundert traditionell gespielt wird. „Eine Spannbreite an Tönen, ‚orientalische‘ Einflüsse aus dem osmanischen Reich und europäische Einflüsse aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie bestimmen diese Musikrichtung“, erklärt Dumnic. Sie dokumentiert in Tonaufzeichnungen und Interviews, wie im Künstlerviertel Skadarlija in Belgrad noch heute diese Klänge ertönen und wen die Musik im Publikum erreicht. Lauren Flood, Columbia University, untersucht, wie sich Musik verändert, wenn Musiker in New York und Berlin experimentelle Musikinstrumente und elektronisches Equipment selber bauen. „Medien-Formate werden zunehmend interaktiver. Die jungen Tüftler von heute können morgen Mainstream-Produzenten sein“, so Flood.

„Digitale Technologien haben erhebliche Auswirkungen auf die Produktion und den Vertrieb von Musik. Außerhalb von Europa und Nordamerika liegen dazu wenig Studien vor“, sagt Monika Schoop von der Universität Köln. Sie untersucht in ihrer Studie „Everyone is digital now!?“, wie in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, digitale Technik in der Musikproduktion genutzt wird. „In den 90ern benötigte man eine Plattenfirma, um ein Album zu produzieren. In den letzten 10 Jahren stiegen der Internetzugang und digitale Aufzeichnungen. Musik-Labels mussten wegen Piraterie schließen. Nischenmärkte und kleine Labels entstanden on- und offline,  Musiker verbreiten ihre Musik selbst über Plattformen wie ‚Bandcamp‘ und nutzen soziale Netzwerke und Crowdfunding.“ Um in diesem neuen Markt mitzuspielen, „benötigen Künstler dennoch Geld, Infrastruktur und bestimmte Fähigkeiten, mit der Technik umzugehen“, so Schoop.

Musik im Dorfalltag im Norden Irans und von chaldäisch-irakischen Einwanderern in Istanbul

In der iranischen Region Gilan im Norden des Landes leben vor allem zwei ethnische Gruppen, Talesh im Westen und Gilak in der Ostseite, die sich in Dialekten, im Singen und Musizieren unterscheiden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Dörfern. „Diese Region mit ihren faszinierenden kulturellen Identitäten ist der Ausgangspunkt meiner Dissertation“, sagt die Musikwissenschaftlerin Sara Banihashemi von der Universität Hamburg. Sie untersucht die Rolle der Musik im Alltag – im Sport, in der Unterhaltung, in der Ehe und bei religiösen Zeremonien – und hat dies in Filmen und Tonaufzeichnungen dokumentiert. „Bevor die Klänge verloren gehen“, sagt Banihashemi.

Mit der Musik von chaldäisch-irakischen Einwanderern in Istanbul befasst sich Evrim Hikmet Öğüt von der Istanbul Technical University. „Religiöse Minderheiten wie christliche Gemeinden werden im Irak verfolgt. Für viele Asylsuchende und Flüchtlinge ist die Türkei ein Transitland auf den Weg in die USA, nach Kanada und Australien. Wegen bürokratischer Hürden müssen sie in der Türkei ungewisse Zeiträume überbrücken, von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren“, so Öğüt. Welche Rolle spielt in dieser Lebenssituation Musik? Evrim Öğüt dokumentiert, wie in Istanbul ein neues musikalisches Repertoire der chaldäischen Kirche entsteht.

Wie Musik zur europäischen Identität beiträgt

Reneé Holley von der University of Illinois stellt ihr Forschungsprojekt „Singing the European Union: Cultural policy and its constituent voices in Germany” vor. Sie befasst sich mit dem musikalischen Leben in Deutschland und geht der Frage nach, wie sich hierin nationale und EU-Identitäten wiederspiegeln. In einer Studie untersucht sie, wie EU-Kultur-Programme die kreative Leistung von Musikern und Musikorganisationen beeinflussen. Und wie entsteht dadurch ein Gefühl – Holley nennt es „Europe-ness“? „Ich will herausfinden, wie Musik, wie expressive Kultur, zur Agenda der europäischen Integration beiträgt und wie politische Entscheidungsträger dafür kämpfen, um das Motto der EU – United in Diversity –  zu verwirklichen“, sagt die Musikwissenschaftlerin.

Mahsa Pakrevan, University of Alberta, befasst sich mit klassischer persischer Musik in der heutigen iranischen Kultur. In seiner Dissertation untersucht er, wie neue Poesie (She’r-e no) in der iranischen Musik eingesetzt wird und wie das Publikum darauf reagiert. Dabei filmt er Live-Auftritte, interviewt berühmte klassische Musiker. „Ich will herausfinden, welche Haltung Musiker und das Publikum gegenüber dem Begriff der Tradition einnehmen und wo Grenzen und Chancen eines musikalischen ‚Fortschritts‘ stecken“, so Pakrevan. Die Studie schafft eine Grundlage für vergleichbare Forschungsprojekte im Nahen Osten und schlägt eine Brücke zwischen der Musikethnologie und Literatur.

Musikwissenschaftler der Uni Hildesheim unterstützen die Doktoranden, darunter Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt, Prof. Dr. Matthias Rebstock, Dr. Ulrich Wegner und PD Dr. Julio Mendivil. Prof. Dr. Tina Ramnarine, University of London, hält den Hauptvortrag über Orchester im internationalen Vergleich. Im Vorjahr nahmen Musikethnologen aus Peru, Griechenland, USA, Tschechien und Brasilien teil. Das Center for World Music der Stiftung Universität Hildesheim und die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover veranstalten den Doktoranden-Workshop. Die Universitätsgesellschaft Hildesheim und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstützen die Konferenz.

Wer sich für musikethnologische Forschung interessiert, kann Dr. Thomas Hilder vom Center for World Music kontaktieren (Tel. 05121.883-294, E-Mail cwm_hilder@uni-hildesheim.de).

Kontakt für Medien: Pressestelle der Universität Hildesheim, Isa Lange (presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-102 und 0177.8605905)

Die Welt der Weltmusik. Doktoranden stellen ihre Projekte zur Diskussion, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 28.06.2013

Programm und Abstracts der Promotionsprojekte (PDF)


Die Doktoranden Sara Banihashemi, Argun Cakir und Evrim Hikmet Ö?üt mit Professor Raimund Vogels und Thomas Hilder im Center for World Music an der Universität Hildesheim. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim