Anmerkungen zum Austritt aus der GDSU

Prof. Thomas – Anmerkungen zum Austritt aus der GDSU

Offener Brief

An den 1. Vorsitzenden der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU e.V.), sehr geehrter Herr Professor Dr. Hartinger, lieber Andreas!

Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der GDSU, der ich seit ihrer Gründung in Berlin 1992 angehört habe. Selbstredend unterliegen diesem Schritt Gründe, die ich im Folgenden kurz darlegen werde. Zuvor sei aber betont, dass alle Begründungen subjektiv sind, so wie desgleichen meine Mitgliedschaft in der GDSU immer auch eine persönliche Angelegenheit gewesen ist. Die Kontexte lassen sich aus unterschiedlicher Sicht natürlich auch immer in einem anderen Lichte betrachten.

·         Das Finanzgebahren der GDSU findet nicht meine Zustimmung. Bereits in meiner Zeit als Kassenwart hatten wir – in Fortsetzung der zuvorigen Arbeit – recht viel Kapital angesammelt. Seitdem hat es sich nunmehr nochmals mehr als verdoppelt. Und das in einer Zeit, in der es teilweise Minuszinsen gibt. Nach meiner Wahrnehmung wäre es hoch an der Zeit, mit diesen Mitteln gestaltend tätig zu werden, was auch eine gewisse Sichtbarkeit der GDSU mit einschlösse. Meine seinerzeitigen Vorschläge waren gewesen, die Einrichtung von Doktorandinnen- und Doktorandenstipendien für den Sachunterricht vorzunehmen und die Forschungspreise deutlich höher auszustatten und ggf. zu klassifizieren (etwa 1., 2. und 3. Preis).

·         Vielleicht könnten diese und ähnliche Maßnahmen auch dazu beitragen, dass die GDSU eine größere Aufmerksamkeit in einer interessierten Öffentlichkeit erreicht. Nach meinen Alltagserfahrungen ist die GDSU etwa in der Lehrerschaft nahezu unbekannt. Selbst der so erfolgreiche Perspektivrahmen wird nur selten mit ihr in Verbindung gebracht.

·         Dem Perspektivrahmen, der insgesamt überaus angesehen ist, wohnt in einem Kontext nach meiner persönlichen Einschätzung ein Webfehler inne. Dieser liegt für mich in der Benutzung des Adjektivs „einfach“. Bis zu 45x wird das, was die Kinder im Sachunterricht lernen sollen, im Perspektivrahmen als „einfach“ gekennzeichnet. So sollen die Kinder einfache Versuche durchführen, mit einfachen Karten arbeiten, mit einfachen Modellen umgehen oder einfache Aufgaben bearbeiten. Ist ein Fach, das oftmals nur „einfache“ Sachverhalte bearbeitet, nicht selbst „einfach“? Trägt diese Eigenzuschreibung nicht u. U. dazu bei, dass der Sachunterricht bei Dritten ebenfalls als „einfach“ oder gar belanglos wahrgenommen wird? Möglicherweise kann das zur Folge haben, dass der Sachunterricht bei Dritten – auch bei den Wissenschaften – zu wenig Ansehen genießt.

·         Auch in der Entakademisierung des Umgangs miteinander liegt nach meiner persönlichen Meinung ein Hauch unterlassener Wertschätzung. Der Doktorgrad (eben nicht Titel!) etwa gehört urkundenrelevant zum Namen des Menschen. Neuerdings wird er in Anschreiben der GDSU schlicht weggelassen. Warum eigentlich? Auch in Tagungsprogrammen wird alles weggelassen, was auf die akademischen Qualifikationen der Vortragenden und Teilnehmenden verweisen würde. Für mich sind diese Umgangsformen auch Ausdruck deprofessionalisierender Tendenzen.

·         Und schließlich ist da noch die Causa Forschungspreis. Die Vergabepraxis ist in meinen Augen im Einzelfall durchaus nicht angemessen!

Lieber Andreas, ich danke Dir für Deine Arbeit als Vorsitzender der GDSU und darf Dir meinen vollen Respekt bekunden. Gleichwohl bitte ich Dich, meinen Austritt aus der GDSU zu veranlassen. Vielen Dank und mit besten Grüßen!

Prof. Dr. habil. Bernd Thomas

Universität Hildesheim, 7. September 2016