Nachruf auf Prof. Dr. Dietmar Bolscho

Montag, 27. März 2023 - 09:16 Uhr

Nachruf auf Prof. Dr. Dietmar Bolscho


Am 11. März 2023 ist Dietmar Bolscho im Alter von 79 Jahren verstorben. Sein Lebensweg hat viele Spuren hinterlassen.
Nach seinem Studium war Dietmar Bolscho einige Jahre als Lehrer in Schleswig-Holstein tätig und anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der PH Kiel angestellt. Im Jahr 1973 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel promoviert.
Seine Dissertation „Der sozialwissenschaftliche Bereich des Sachunterrichts in der Primarschule – Entwicklung und Erprobung von Curriculumelementen“ gilt noch heute als eines der herausragenden Werke zur Entwicklung des gesellschaftswissenschaftlichen Sachunterrichts und hat inmitten der Dominanz des naturwissenschaftlich ausgerichteten Sachunterrichts zu Beginn der 1970er Jahre die unabdingbare Integration sozialwissenschaftlicher Perspektiven deutlich gemacht. Auch seine umfangreiche Lehrplanstudie zum Sachunterricht von 1978 war ein wichtiger Beitrag zur Curriculumforschung und zeugt von seinem frühen wissenschaftlichen Engagement für das damals junge Fach Sachunterricht.
1976 bis 1981 war Dietmar Bolscho Professor für Grundschuldidaktik an der Universität Frankfurt und in dieser Zeit auch Vorsitzender des Arbeitskreises Grundschule (ab 1991 Grundschulverband). 1981 nahm er den Ruf an die Universität Hannover an und besetzte dort eine der ersten Sachunterrichtsprofessuren in Deutschland, bis zu seiner Pensionierung 2008. Er ist langjähriges Mitglied der Gesellschaft für die Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) und der DGfE-Kommission Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Bereits während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in Kiel begann er, sich mit grundlegenden bildungstheoretischen Fragen zu Umwelterziehung, und später Umweltbildung, in einem eigenen Arbeits- und Forschungsschwerpunkt zu profilieren, oftmals in Kooperation mit Kollegen des dort ansässigen „Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften“ (IPN). Das 1980 von Dietmar Bolscho, Günther Eulefeld und Hansjörg Seybold veröffentlichte Buch „Umwelterziehung. Neue Aufgaben für die Schule“ gilt noch heute als Grundlagenwerk. Internationale Zusammenhänge wurden darüber hinaus in der Untersuchung „Umwelterziehung in Europa“ von 1986 in den Blick genommen. In einem erweiterten Team mit Horst Rode und Jürgen Rost setzte sich die Zusammenarbeit der Kollegen mit den bundesweiten empirischen Querschnittsstudien 1985 und 1990/91 zur „Entwicklung der Praxis schulischer Umwelterziehung in Deutschland“ (1993), die noch heute breit rezipiert werden, fort. In konzeptioneller Hinsicht wurden neue Vermessungen der Umweltbildung vor allem dadurch vorgenommen, dass anders als in Ansätzen mit vorrangig ökologischen Bezügen die Konzeption von Umweltbildung mehrdimensional auf die natürliche, soziale und gebaute Umwelt ausgeweitet wurde. Damit zeigte sich Dietmar Bolscho als einer der Vordenker der sich später entwickelnden Diskussion um Nachhaltige Entwicklung. Zahlreiche Herausgeberbände und Aufsätze nach der Rio-Konferenz 1992 zeugen schließlich für das große Engagement von Dietmar Bolscho für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Er gehörte hier zu den ersten, die sich für die Implementation von BNE in der Grundschule und den Sachunterricht einsetzten. Das ist nicht nur theoretisch-konzeptionell, sondern auch in empirischen Projekten zu dokumentieren: u. a. die Forschungsprojekte „GLOBE“, „Umweltbewusstsein unter dem Leitbild Nachhaltige Entwicklung. Die Bedeutung unterschiedlicher Kontexte von Umwelt für Nachhaltigkeitsbewusstsein“ und "Nachhaltiges Wirtschaften in der Grundschule erfahren" sind hier als Forschungsprojekte zu nennen.Im Rahmen von BNE hat sich Dietmar Bolscho auch bedeutend für eine globale Sichtweise eingesetzt. Sein entwicklungspolitisches Engagement in Bildungskontexten hat er viele Jahre u. a. in die ehemalige „Arbeitsgruppe Interkulturelle Bildung und Entwicklungspädagogik“ (AG Interpäd) der Leibniz Universität Hannover eingebracht und eine Reihe von Publikationen zu inter- und transkultureller Bildung veröffentlicht.
Dietmar Bolscho hat sich stets kontrovers in die wissenschaftlichen Diskursfelder eingebracht.
Er steht für disziplinübergreifende Bezüge, für Offenheit und Flexibilität in inhaltlichen wie methodischen Fragen, für eine konsequente Ausrichtung am Gegenstand, für die kritische Reflexion des Gegebenen und für die konstruktive Betrachtung des Zukünftigen.
Zu würdigen ist schließlich sein Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Eine Reihe von jungen Wissenschaftler:innen, sowohl im Sachunterrichts als auch im Kontext von BNE, hat er auf ihrem Weg zur Weiterqualifikation motiviert, unterstützt und begleitet.
Er war uns ein gutes Vorbild: gründlich und gelassen, fordernd und fördernd, streitbar und großzügig. Alles in allem: fürsorglich und freundschaftlich.


Katrin Hauenschild und Meike Wulfmeyer