Up

Vortag des Ehrenpräsidenten Herrn Prof. Dr. Dr. em. R. Keck

Vortag des Ehrenpräsidenten Herrn Prof. Dr. Dr. em. R. Keck
File Size:
362.42 kB
Date:
23 October 2016

Prof. Dr. Rudolf Keck, Universität Hildesheim, Ehrenpräsident der IAHE

 

Kritischer Rückblick auf 20 Jahre IAHE

Dienstag 17.30 – 18.30 Uhr auf der Feier „20 Jahre IAHE“

 

Als Ehrenpräsident der IAHE meine Grüße zum 20jährigen Jubiläum. Sie sind der Einladung einer Akademie gefolgt, die sich 1995 mit ihrer Gründung an der russischen Universität Bijsk dem Vorhaben gewidmet hat, Brücken zwischen West und Ost zu bauen bei der Neuausrichtung der Pädagogik und des Bildungswesens in den postsozialistischen Staaten, vor allem Russlands mit seinen GUS Staaten.

Reinhard Golz, mein Vorredner, lud 1994 Vertreter der Erziehungswissenschaft aus den östlichen Umbruchstaaten nach Magdeburg ein und mich in der Funktion als Vorsitzender der Historischen Kommission der Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), um eine Diskussion über Neuorientierungen in der Pädagogik im ehemaligen Ostblock zu führen.

Was man vor 20 Jahren mit viel Idealismus und Engagement angefangen hat unter den in Osteuropa allgemein anerkannten Reformkennzeichen „Humanisierung der Bildung“ würde man heute zurückhaltender angehen. Aus der Mitte der Diskutanten in Magdeburg ist der Wille deutlich artikuliert worden, eine Diskussionsplattform zwischen Ost und West zu schaffen.

Zwei Punkte wurden auf dem ersten Kongress in Bijsk geklärt:

1. die Plattform soll auf freier demokratischer Basis und auf universitären Boden gesucht werden, jedenfalls also außerhalb von politischen Bindungen! Aber auch frei gegenüber der Bildungspolitik der Nachfolgestaaten. Deshalb die Form einer „Internationalen Akademie“!

2. „Humanisierung der Bildung“ galt als Formel für: Anders als in der „Sowjetpädagogik“! So artikulierte es deutlich der, dann gewählte erste Präsident der Akademie, Prof. Dr. Michael Berulava, dem es zu verdanken ist, dass eine geforderte Plattform in Bijsk zusammen mit der „Russischen Akademie der Bildung“ zu Stande kam.

In meinem Gründungsvortrag, der als Thema die „Tradition des Europäischen Humanismus“ hatte, wurde als Quintessenz einer Pädagogik der Moderne auf die Europäische Reformpädagogik und ihre auffindbaren verschiedenen Orientierungen in den einzelnen Ländern der Vor- und Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts verwiesen. Sie könne die Orientierung geben für eine Neuausrichtung der Pädagogik in den postsozialistischen Ländern, die gegen die staatliche Normierung nach Vielfalt, nach alternativen Wegen, drängten. Die Diskutanten waren sich einig: weg von allen kollektivistischen Verbarrikadierungen und Systembindungen für möglichst viel Freiheit und vor allem für individuelle Bildungsentscheidungen.

Der Weg der beschritten wurde, lässt sich an den Programmen der einzelnen, alle zwei Jahre stattfindenden Kongressen und an anderem Schrifttum ablesen.

Es erschienen regelmäßig Journale, Jahrbücher und Kongressbände. Seit 2014 gibt es nun das Online-Journal „International Dialogues on Education – Past and Present“ herausgegeben von Reinhard Golz und Olaf Beuchling.  Darauf aufmerksam zu machen ist schon deshalb geboten, weil in diesem Journal die Vorträge des Kongresses eine Veröffentlichung finden.

So sehr sich der Titel „Humanisierung der Bildung“ für die postsozialistischen Länder einigend und werbend umsetzen ließ, so sehr verlangte er doch auf der westlichen Seite nach differenzierender Klärung. Einerseits wurde eine Abgrenzung gegenüber der humanistischen Psychologie in Deutschland vor allem bekannt (z.B. durch Buddrus 1995) angemahnt, andererseits sah man einen Einspruch für notwendig an, unter der Rücksicht der deutschen Humanismustradition in der Pädagogik, der wir den Begriff „Bildung“ verdanken, als Prozess und Ergebnis eines ganzheitlichen Erziehungsbildes in allen Dimensionen des Menschseins, so dass sich im Begriff „Bildung“ bereits die Vorstellung von „Humanität z.B. Humanisierung“ spiegelt. Humanität steht in dieser Tradition für Bildung und Bildung für Humanität. Man konnte von deutscher Seite den Begriff Humanisierung der Bildung nur verstehen als allgemeines Signal des Auf- und Umbruchs in den vom Sowjetdruck befreiten Ländern. Ob er noch dienlich ist für die heutige vom Sowjetdruck, seit über 20 Jahren befreiten Situation, ist eine offene Frage, die sich an die Akademie und ihr Selbstverständnis stellt – eben auch eine Frage der „Identitätssuche“!

Die Frage steht im Raum: Kann und muss das noch als Brückenschlag von West nach Ost artikuliert werden? Eine wichtige Frage ist auch, die zu klären ist: Ob die Öffnung des Themenkatalogs angesichts der Globalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse und Aspekte es sinnvoll ist, sie ausschließlich universitär – unter Ausklammerung des Anwachsens ihrer praktischen Relevanz, ihrer sozialen Kontexte und ständig zunehmenden Lernanforderungskompetenzen im Reflex auf Wirtschaft und Gesellschaft zu diskutieren.

Ich will keine Antworten geben, aber Fragen aufwerfen, die nach 20 Jahren gestellt werden sollten und nach Beantwortung suchen, für eine erfolgversprechende Fortsetzung einer bisher wirkkräftigen internationalen Akademie. Jedenfalls sehe ich mich in meinem kritischen Rückblick durch die sich generierenden Themen der 20 jährigen Kongresse gestützt.

Sie sehen hier das Tableau aller bisherigen Kongresse. Ab dem Kongress in Brixen/Bozen klingt schon an was die Akademie für wichtig erachtete und in ihrer Veröffentlichung, von Graumann, Keck, Pewsner herausgegeben und verantwortet, verdeutlich hat unter dem Titel „Schul- und Hochschulmanagement. 100 aktuelle Begriffe“, die auf einem Vergleich der Managementbegriffe in den Bildungssprachen Deutsch und Russisch beruhen.

Mit dem Kongress in Liepaja wird bereits konkret der Weg bezeichnet, der mit dem Bologna-Prozess aufgewiesen wird.

Es wird für die weitere Programmplanung von Bedeutung sein, für die Denomination der Akademie deutlich zu machen, wo die programmatischen Schwerpunkte der Akademie liegen. Humanisierung der Bildung taugt nicht mehr als spezifische Problemanzeige. Sicher, alles hängt in Zeiten der Globalisierung, mit allem zusammen. Aber das signalisiert eine Pauschalität und Allgemeinheit, die eine Akademie mit speziellen Interessen nicht rechtfertigt. Ich empfehle in dieser Sache den Beginn, eines, wenn nötig, anhaltenden Dialogs.

Im Rückblick zeigen sich Themen, die konstruktiv der gesellschaftlichen Wirklichkeit entnommen sind, die aber nicht mehr spezifisch sind für einen unverzichtbaren Brückenschlag zwischen West und Ost. Jedenfalls steht fest: Wir sind an einem Wendepunkt für die Denomination „Humanisierung der Bildung“ angekommen.

 
 
 
Powered by Phoca Download