Kurzbeschreibung:
Wundt, Allgemeine Geschichte der Philosophie

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden wir erstmalig einen komplett anderen Entwurf der Geschichte der Philosophie unter dem damals zum Leitwort avancierten Begriff der „Kultur“. Paul Hinneberg konzipierte zu Anfang des Jahrhunderts eine Buchreihe unter dem Titel Die Kultur der Gegenwart, die die kulturellen Errungenschaften der damaligen Gegenwart in all ihren Aspekten darstellen sollte. Es handelte sich um ein enzyklopädisches Projekt, das letztlich unvollendet blieb, aber dennoch überraschende Ergebnisse zeitigte. So erschien 1909 erstmalig der Band Allgemeine Geschichte der Philosophie, der unter anderem von Wilhelm Wundt herausgeben wurde. Der Inhalt des Bandes umfasste die folgenden Themen, dargestellt in Form von Aufsätzen:

Wilhelm Wundt, Philosophie der Primitiven Völker; Hermann Oldenberg, Die indische Philosophie; Wilhelm Grube, Die chinesische Philosophie; Tetsujiro Inouye, Die japanische Philosophie; Hans von Arnim, Die europäische Philosophie des Altertums; Clemens Baeumker, Die patristische Philosophie; Ignaz Goldziher, Die islamische und die jüdische Philosophie des Mittelalters; Clemens Baeumker, Die christliche Philosophie des Mittelalters; Wilhelm Windelband, Die Neuere Philosophie.

In diesem Band ist ein philosophisches Spektrum vertreten, dass es in dieser Form noch nicht gegeben hatte. Verschiedenes ist bemerkenswert. Der Aufsatz von Wundt bezieht die damals aufblühende ethnologische Literatur mit ein unter dem Titel „primitive Völker“. Wurden diese bei Brucker noch die „Barbaren“ genannt, so wurden die kleinen Kulturen spätestens seit Taylors Buch Primitiv Culture von 1871 im Rahmen eines kulturellen Entwicklungsschemas als die „Primitiven“ bezeichnet. Wundts Überlegungen bereiten Auslegungen vor, die wir später bei  Lévi-Strauss finden unter dem Stichwort das „Wilde Denken“. Dieses Thema ist für die Philosophie noch immer schwierig und bedürfte im Rahmen einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung einer vertieften Erforschung.  

Die Darstellungen der indischen und chinesischen Philosophie stammen jeweils von einem damals berühmten Indologen bzw. Sinologen. Hier zeigt sich, dass die außereuropäische Philosophiegeschichtsschreibung zu diesem Zeitpunkt in Europa in die Philologien ausgelagert wurde, so dass in den folgenden Jahrzehnten zwar immer wieder Philosophiegeschichten beispielsweise zu Indien und China entstanden, diese aber in der europäischen Fachphilosophie nicht mehr rezipiert wurden.

Der Aufsatz über die japanische Philosophie ist eine weitere Innovation des Bandes. Erstmals stellte ein Japaner, der zuvor Philosophie in Deutschland studiert hatte, selbst die Entwicklung der Philosophie in seinem Land dar. Hier zeigt sich, dass durch die Weltkongresse der Philosophie seit 1900 eine neue Epoche des sich immer weiter vernetzenden Gesprächs in der Philosophie begonnen hatte. 

Ähnliches kann für die Darstellung der islamischen und jüdischen Philosophie festgehalten werden. Auch wenn beide Themen durch den damals berühmten jüdischen Orientalisten Ignaz Goldziher dargestellt wurden, so gilt Goldziher auch als einer der Begründer der modernen Islamwissenschaften. Goldziher hatte somit einen breiten Zugriff auf die hebräischen und arabischen Quellen der Philosophie. Die Zusammenstellung und die Auswahl der Themen wird in dem Band selbst nicht weiter reflektiert. Vermutlich fehlte eine Person in der Fachphilosophie, die den Zusammenhang übergreifend zu diskutieren in der Lage war.

(Auszug aus: Elberfeld, Rolf: Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive. Felix Meiner Verlag: Hamburg 2017, S. 286–87.)