Kurzbeschreibung:
Sandvoss, Geschichte der Philosophie

Ernst R. Sandvoss hat im Jahr 1989 eine zweibändige Geschichte der Philosophie vorgelegt, die in zwei Hinsichten global orientiert ist. Im ersten Band werden Indien, China, Griechenland und Rom jeweils ausführlich behandelt. Im zweiten Band werden dann chronologisch Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart dargestellt. Die Behandlung der Gegenwart ist dabei in besonderer Weise global orientiert. Sandvoss geht in seiner Darstellung weitgehend nationalstaatlich vor, so dass für den Bereich Europas neben England, Frankreich, Deutschland und Italien auch die neueren Entwicklungen beispielsweise in den Niederlanden, Belgien, Österreich, Schweiz, Griechenland, Spanien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Polen, Tschechoslowakei, DDR, Jugoslawien, Bulgarien usw. dargestellt werden. Darüber hinaus bezieht er dann aber auch neben den USA, Indien und Japan alle anderen Weltgegenden mit ein wie Mexiko, Argentinien, Uruguay, Peru, Bolivien, Australien, Süd-Korea, Israel, Islamische Länder, Südostasien, Tibet und Afrika. Ein solcher Überblick ist im Rahmen einer Philosophiegeschichte einmalig, wobei in der Neuauflage von 2001 die neuen Ländernamen nach 1989 in Europa nicht mehr verändert wurden.

„[…] schon vor der Auflösung des eurozentrischen Weltbildes, besonders in den letzten Jahrzehnten, ist das Wissen um fremde Kulturen und damit auch um außereuropäische Philosophie so stark angewachsen, daß eine Beschränkung auf die europäischen Denker kaum mehr zu rechtfertigen ist. Die vorliegende Darstellung der Philosophie, die eine vorläufige Bilanz der philosophischen Errungenschaften von dreitausend Jahren zu ziehen versucht, entspricht also der allgemeinen Horizonterweiterung, wenn sie die indische und die chinesische Philosophie einbezieht und in gebührendem Maß berücksichtigt.

Dabei sollen die Konstruktionen Hegels nicht durch neue ersetzt werden. Wer glaubt heute noch an einen kumulativlinearen Fortschritt philosophischen Erkennens im traditionellen Sinn? Die Evolution der Philosophie verlief nicht geradlinig auf ein bestimmtes Ziel hin. Eine solche Entwicklung ist schon wegen des fehlenden Ideentransfers zwischen den alten Kulturen auszuschließen, und die Annahme einer einheitlichen, konvergierenden Entwicklung, gleichsam die Entfaltung einer Idee in verschiedenen Volksgeistern, geht von unhaltbaren Voraussetzungen aus.

Die Entwicklung der Philosophie vollzog sich eher in Schüben, wobei die Denkansätze in den einzelnen Kulturen durchaus nicht als harmonisch aufeinander abgestimmt erscheinen, sondern jeweils bestimmten spezifischen Bedingungen entsprechen. Vieles ging verloren, e1mges überlebte, weniges erwies sich als fruchtbar. Um dieses Wenige, räumlich und zeitlich weit Verstreute, muß es einer weiterführenden Geschichte der Philosophie zu tun sein. Die Einheit stand nicht am Anfang, sie war nicht vorgegeben, vielleicht steht sie am Ende und ist aufgegeben; das Ende aber ist nicht in Sicht." (Sandvoss, Ernst R.: Geschichte der Philosophie. Bd 1. München 1989, S. 11f.)

Im zweiten Band findet sich ganz am Ende der Abschnitt Philosophie im globalen Zeitalter. Dort heißt es:

„Zu Beginn des dritten Jahrtausends, nach dem Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, im Zeitalter weltumspannender Kommunikation und globaler Verflechtung von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur ist auch die Philosophie zur Gewinnung eines neuen Selbstverständnisses herausgefordert. Philosophie im globalen Zeitalter erscheint nicht mehr glaubwürdig in Verbindung mit dem Absolutheitsanspruch eines Systems, einer Richtung oder einer Schule. Das egozentrische, ethnozentrische, speziell das eurozentrische Denken hat seine Zeit gehabt, es wird von einem polyzentrischen, pluralistischen und globalen Denken abgelöst. Die Wahrheit erscheint nicht mehr wie zur Zeit des europäischen Besitzbürgertums als Besitz von Wissen und Macht, viel eher als Weg der Überwindung von Besitz-, Macht- und Geltungsstreben, als Befreiung vom Wissen, nicht zugunsten von Unwissenheit, Glauben oder Aberglauben, sondern vom besseren Wissen. Der Philosophie als solcher fällt dabei die zwar alte, aber neu zu definierende Aufgabe der Wissensprüfung zu, die zugleich, als Selbstprüfung, eine existentielle Bedeutung hat.

Die Begegnung von westlicher und östlicher Philosophie eröffnet neue Möglichkeiten gegenseitiger Überprüfung der Standpunkte, Richtungen und Methoden. Wenn die Philosophie sie nutzt, hat sie eine Zukunft, sonst kaum." (Ebd., Bd. 2, S. 579.)

Es ist erstaunlich, dass Sandvoss bereits vor fast 30 Jahren Perspektiven für die Philosophiegeschichte und für das globale philosophische Gespräch formuliert hat, die vielleicht erst heute zunehmend an Realität gewinnen. Sandvoss hat sehr klar die Entwicklung einer global orientierten Philosophie gesehen und mit seinen Mittel darauf reagiert.

(Auszug aus: Elberfeld, Rolf: Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive. Felix Meiner Verlag: Hamburg 2017. S. 300–302.)