Beispiele für den Gebrauch der Datenbank "Globale Philosophiegeschichte"

Um die möglichen Erweiterungen der Philosophiegeschichte systematisch zu erforschen, sind im Koselleck-Projekt auch die bisherigen Buchpublikationen zu „globalen Philosophiegeschichten“ gesondert gesammelt worden. Hierzu einige ausgewählte Beispiele:

In deutscher Sprache

liegen derzeit 13 global orientierte Philosophiegeschichten vor unter anderem von Karl Jaspers, Kurt Schilling und Ernst Sandvoss. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts findet eine bemerkenswerte Neuausrichtung statt, die hier eine kurze Erwähnung finden soll: 1909 erschien erstmalig der Band Allgemeine Geschichte der Philosophie, der unter anderem von Wilhelm Wundt herausgeben wurde. Der Inhalt des Bandes umfasste die folgenden Themen, dargestellt in Form von Aufsätzen: Wilhelm Wundt, Philosophie der Primitiven Völker; Hermann Oldenberg, Die indische Philosophie; Wilhelm Grube, Die chinesische Philosophie; Tetsujiro Inouye, Die japanische Philosophie; Hans von Arnim, Die europäische Philosophie des Altertums; Clemens Baeumker, Die patristische Philosophie; Ignaz Goldziher, Die islamische und die jüdische Philosophie des Mittelalters; Clemens Baeumker, Die christliche Philosophie des Mittelalters; Wilhelm Windelband, Die Neuere Philosophie. Für diese Publikation ist besonders hervorzuheben, das mit Inouyes Text, der von 1884-1890 in Heidelberg und Leipzig Philosophie studiert hatte, erstmalig ein moderner japanischer Philosoph selbst die „japanische Philosophie“ vorstellte.

In russischer Sprache

liegen derzeit 12 global orientierte Philosophiegeschichten vor. Insbesondere sticht eine mehrbändige Geschichte der Philosophie hervor, die aus der Perspektive des historischen Materialismus die Weltgeschichte der Philosophie darstellt und in verschiedene Sprachen übersetzt worden ist: Академия Наук СССР, Ин-т Филос.; под ред. М.А. Дынник, М.Т. Иовчук, Б.М. Кедров и др.: История философии: В 6 томах. Москва : АН СССР , 1957-1965. [Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Dynnik, M.A., et al [Hrsg.]: Geschichte der Philosophie in 6 Bänden Moskau: AN SSSR 1957-1965; Übers. ins Japanische 1958, Deutsche 1960-1967, Chinesische 1961-1962, Spanische 1960 und Koreanische 2012].

In französischer Sprache

liegen nur zwei Versuche einer global orientierten Darstellung der Philosophie bzw. Philosophiegeschichte vor. Hier ist insbesondere die Encyclopédie Philosophique Universelle, die von 1989 bis 1998 im Auftrag der UNESCO in Paris erschienen ist. Diese setzt für die globale Philosophiegeschichtsschreibung einen ganz neuen und an pragmatischen Grundsätzen orientieren Rahmen. Die Enzyklopädie ist wie folgt aufgebaut: 1. L’Univers Philosophique (1989); 2. Les Notions Philosophique – Dictionnaire (zwei Bände) (1990); 3. Les Œuvres Philosophique – Dictionnaire (zwei Bände) (1992); 4. Le Discours Philosophique (1998). Der 1. Band führt in einem sehr weitgefassten Rahmen in die Problemfelder der Philosophie ein, wobei die Philosophie grundsätzlich in globaler Perspektive behandelt wird. Der 2. Band, unterteilt in zwei Teilbände, ist ein philosophisches Begriffslexikon, das drei Abschnitte umfasst: 1. Philosophie Occidentale, 2. Pensées Asiatiques (Inde, Chine, Japon), 3. Conceptualisation des Sociétés Traditionelles. Die Differenzierung und die Konzeption bietet somit einen neuen Ansatz, um auf sprachlicher Ebene philosophische Begriffe in unterschiedlichen Kulturkontexten zu thematisieren, ohne dass dabei Differenzen nivelliert werden, aber auch nicht nur die großen Traditionen in Europa und Asien einbezogen werden. Der 3. Band, ebenfalls unterteilt in zwei Teilbände, ist ein philosophisches Werklexikon, dass wie folgt aufgebaut ist: 1. Philosophie Occidentale (Antiquité, Moyen Age, Renaissance, Age Classique, Modernité, Essor des sciences humaines, Pensée contemporaine), 2. Pensées Asiatique (Inde, Chine, Japan, Corée), 3. Conceptualisation des Sociétiés Traditionelles (Afrique, Amérique, Asie du Sud-Est, Europe, Océanie). Dieses Lexikon bietet erstmalig in großer Fülle eine Zusammenschau „philosophischer” Werke aus den verschiedensten Traditionen der Welt. Allein der Teil über Asien bietet Informationen, die bisher in keinem anderen westlichen Lexikon zugänglich sind. Der 4. Band thematisiert den Diskurs der Philosophie im Allgemeinen und in globaler Perspektive. Beginnend mit der Analyse verschiedener Sprachen und ihrer Bedeutung für den philosophischen Diskurs, folgt eine ausführliche Thematisierung unterschiedlichster Nationalphilosophien. In weiteren Sektionen werden das Übersetzungsproblem und die Fragen der philosophischen Komparatistik erörtert. Daran anschließend werden Analysen zur Bedeutung der Textualität in globaler Perspektive durchgeführt. Das Lexikon entwirft in einem breit angelegten Versuch eine Neuorientierung des gesamten philosophischen Diskurses in globaler Perspektive. Dabei ist vor allem das hohe methodische Bewusstsein bemerkenswert, durch das die verschiedenen Ebenen der Diskurse in hoher Differenzierung und jenseits verengter Zentrismen durchgeführt werden. In vielerlei Hinsicht ist diese Enzyklopädie noch immer eine Ausnahmeerscheinung und liefert Ausgangspunkte für vielfältige Überlegungen zur Neukonzeption einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung.

In englischer Sprache

liegen derzeit 21 global orientierte Philosophiegeschichten vor und damit die größte Anzahl im Vergleich zu allen anderen Sprachen. In den letzten zwanzig Jahren kann man gar von einem Boom in der globalen Philosophiegeschichtsschreibung sprechen. Aus den zahlreichen Publikationen sollen folgende hervorgehoben werden: Ninian Smart (1927-2001), britischer Religionswissenschaftler, veröffentlichte im Jahr 1998 das Buch World philosophies, das 2002 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Seine Darstellung der globalen Philosophiegeschichte ist insgesamt regional aufgeteilt und erfasst unter geographischen Aspekten fast die gesamte Welt, nur Australien und Polynesien erhalten keine eigene Darstellung. Neben der regionalen Einteilung ist die Darstellung zugleich historisch differenziert, so dass auch moderne Entwicklungen einbezogen werden. Das Inhaltsverzeichnis gliedert die Themen wie folgt: 1.  The history of the world and our philosophical inheritance, 2. South Asian philosophies, 3. Chinese philosophies, 4. Korean philosophies, 5. Japanese philosophies, 6. Philosophies of Greece, Rome and the Near East, 7.  Islamic philosophies, 8. Jewish philosophies, 9. Europe, 10. North America, 11. Latin America, 12. Modern Islam, 13. Modern South and South-east Asia, 14. China, Korea and Japan in modern times, 15. African philosophies, 16. Concluding reflections. Da dieses Werk auch ins Deutsche übersetzt wurde, ist es die einzige umfassende Darstellung der Philosophiegeschichte in globaler Perspektive in deutscher Sprache nach 1990.

Für die englische Sprache sei an dieser Stelle noch auf das digitale Projekt von Peter Adamson (LMU München) verwiesen, der in einem Podcast unter dem Titel „History of Philosophy without any gaps“ seit 2010 fortlaufend neue Felder der Philosophiegeschichte in globaler Perspektive aufarbeitet.

In italienischer Sprache

liegen derzeit sechs global orientierte Philosophiegeschichten vor. Es ist vor allem der Beitrag von Virgilio Melchiorre (Hg.) Filosofie nel mondo (2014) und von Giovanni Pampanini Storia della filosofia. Un approccio globale (2019) hervorzuheben. Melchiorre behandelt zunächst die „okzidentale“ und die analytische Philosophie. Danach folgen weitere Kapitel zur russischen, islamischen, jüdischen, chinesischen, lateinamerikanischen, afrikanischen, indischen und japanischen Philosophie. Jeder geographische Bereich wird in der Zeitspanne von der Antike bis zur Gegenwart von unterschiedlichen Personen vorgestellt. Pampanini spricht nicht von einer Geschichte der Philosophie, sondern von vielen Philosophiegeschichten, die nebeneinander in der Welt koexistieren. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die jeweils durch ein Kapitel zum historischen Kontext eingeführt werden. Vorschlag: Der erste Teil deckt den Zeitraum von Buddha, durch Jesus, Mohammed und Montezuma bis ins 14. Jahrhundert und jedes Kapitel wird von einer geschichtlichen Einrahmung eingeführt. Der zweite Teil, der die Zeit zwischen dem 15. bis zum 19. Jahrhundert umfasst, ist nach Jahrhunderten strukturiert. Der dritte Teil handelt von den zeitgenössischen Philosophien ab dem 20. Jahrhundert. Einer historischen Einführung folgt eine Gliederung nach Kontinenten, und zwar in "westliche Philosophie" (d.h. Europa, Nord- und Südamerika), Asien und Afrika.

In japanischer Sprache

wurden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts 18 Versuche zur globalen Philosophiegeschichte publiziert. Der jüngste Versuch einer umfassenden Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive stammt aus dem Jahr 2020: 伊藤邦武・山内志郎・中島隆博・納富信留 『世界哲学史』8巻、東京、筑摩書房 (ITŌ Kunitake / YAMAUCHI Shirō / NAKAJIMA Takahiro / NŌTOMI Noburu: Globale Geschichte der Philosophie. 8 Bde. Tokyo: Chikuma Shobō, 2020.) Hier versucht eine Gruppe japanischer Philosophen und Philosophinnen das Feld „World Philosophy“, wie sie es nennen, neu zu strukturieren und darzustellen. Sie beziehen ein weites Feld von Philosophien ein – das Inhaltsverzeichnis ist hier in deutscher Sprache einzusehen. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung europäischer und asiatischer Denktraditionen. Am schwächsten fällt die Beschreibung der afrikanischen Philosophie aus; Philosophien in Lateinamerika fehlen gänzlich. Wie in vielen anderen Darstellungen zeigt sich hier eine geographische Zentrierung, aus der bestimmte Bereiche aus dem Blick geraten. Ein Ergebnis unserer Untersuchungen ist, dass sich in den verschiedenen Philosophiegeschichtsschreibungen Tendenzen zu verschiedenen Zentrismen zeigen und sich dieses Phänomen nicht nur für Europa beobachten lässt. In Geschichten der Philosophie, die in einzelnen Sprachen geschrieben werden, werden insbesondere auch die geschichtlichen Denktraditionen, die sich in den Sprachen entwickelt haben, besonders berücksichtigt.

In spanischer Sprache

In spanischer Sprache liegen zurzeit neun Werke vor, allerdings sind davon nur zwei keine Übersetzungen aus anderen Sprachen, wie dem Russischen, Deutschen und Englischen. Ein interessanter Fall ist die Übersetzung des Werkes von Störig, die durch einen Anhang über die Philosophie Lateinamerikas von Manfredo Kempff Mercado erweitert wurde. Die zwei Originalwerke in spanischer Sprache liegen zeitlich deutlich weit auseinander: Während José Vasconcelos in Historia del Pensamiento Filosófico (1937) neben der griechischen Philosophie auch die indische und jüdische Philosophie behandelt, widmet sich Miguel Cruz Hernández in seinem Werk Filosofías no occidentales (1999) ausschließlich nicht-westlichen Philosophien aus China, Indien, Iran sowie islamischen und jüdischen Philosophien bis ins 20. Jahrhundert.