Kurzbeschreibung: Johann Jakob Brucker

Johann Jakob Brucker (1696-1770) ist einer der wichtigsten Philosophiehistoriker des 18. Jahrhunderts, dessen Philosophiegeschichten in vielfältiger Weise zur Grundlage der weiteren philosophiegeschichtlichen Forschung geworden ist. Er hat in deutscher und lateinischer Sprache in stupender Gelehrsamkeit alles damals verfügbare Wissen über die Geschichte der Philosophie in zwei mehrbändigen Ausgaben zusammengetragen: 

1. Johann Jakob Brucker, Kurze Fragen aus der philosophischen Historie. Leipzig 1731-1736, 7 Bde.

2. Johann Jakob Brucker, Historia critica philosophiae a mundi incunabulis ad nostram usque aetatem deducta. Leipzig 1742-1744, 5 Bde.

Zudem hat er eine zusammenfassende Schrift veröffentlicht, die als erstes Lehrbuch der Philosophiegeschichtsschreibung in Europa gelten kann: Johann Jakob Brucker, Erste Anfangsgründe der philosophischen Geschichte. Leipzig 1736 / Ulm 1751.

Brucker unterteilt die Philosophiegeschichte in 1. Philosophie der Barbaren, 2. Philosophie [ausgehend von den] Griechen, 3. Exotische Philosophie. So umfasst die deutschsprachige Philosophiegeschichte folgende Themen:

1. Band: Philosophie der Barbaren: Philosophie vor der Sintflut, Philosophie der Hebräer, Philosophie der Chaldäer, Philosophie der Perser, Von der Indianischen Philosophie [Indien], Philosophie der Araber und Sabäer, Philosophie der Phönizier, Philosophie der Egypter, Philosophie der Mohren und Libyer, Philosophie der Kelten und Deutschen, Philosophie der Römer, Philosophie der Scythen, Geten, Thrakier, Philosophie bei den Griechen. 

2. Band: Philosophie der Griechen.

3. Band: Philosophie der Römer.

4. Band: Jüdische Philosophie. 

5. Band: Philosophie bei den Arabern und Saracenen, Mittelalterliche Philosophie. 

6. Band: Philosophie in der Renaissance.

7. Band: Philosophie seit der Reformation / Philosophia exotica: Philosophie der Malabaren [Indien], Philosophie der Chinesen, Philosophie der Japaner, Philosophie der Canadeser [Kanadier], 

8. Band: Zusätze.

Im Folgenden seien kurze Zitate aus dem Lehrbuch Erste Anfangsgründe der philosophischen Geschichte angeführt, um Bruckers Einschätzung der Philosophie außerhalb Europas im Ansatz nachvollziehen zu können:

„Der philosophischen Historie erster Priodus von Anfang der Welt bis auf den Anfang der Römischen Monarchie; Erster Theil: Von der barbarischen Philosophie; Das erste Buch: Von der Philosophie vor der Sündfluth; Erstes Capitel: Von der barbarischen Philosophie überhaupt; 

I. Was versteht man durch Barbaren in der philosophischen Historie?
Barbaren nennten die Griechen alle diejenigen Völcker, deren Aussprache rauh und nicht so rund und lieblich lautete als die griechische. Hernach hieß bey den Griechen ein Barbar derjenige, der durch die Gelehrsamkeit nach griechischer Weise seinen Verstand nicht aufgeheitert hatte. Es sind also hier barbarische Völcker, welche keine Griechen sind.

II. So haben dann diese barbarischen Völcker keine Philosophie gehabt?
Wann man den Meynungen der Griechen nachgehet, so muß man freylich ja dazu sagen; wann man auch die Philosophie nach der anfangs gegebenen Bestimmung nimmt, so hat diese Bejahung ihren wahren Grund in der Geschichte. Dann die Griechen sind die ersten gewesen, welche die Erkenntnis der Wahrheit und Glückseligkeit in ein kunstförmiges Lehrgebäude verfasset haben. Versteht man aber durch die Philosophie eine Erkenntnis der zur Glückseeligkeit dienenden Wahrheiten überhaupt, so wie sie sonderlich durch die Sage und Übergabe von den Eltern auf die Kinder gekommen, so kann man diesen barbarischen Völckern eine Philosophie gar wohl zuschreiben.“ (Brucker, Johann Jakob: Erste Anfangsgründe der philosophischen Geschichte. Leipzig 1736 / Ulm 1751, S. 7f.)

„Das dritte Buch: Von der Philosophia exotica; Das erste Capitel: Von der Philosophie der asiatischen Völker überhaupt; 

I. Hat man auch ausser Europa philosophiert? 

Ja; nur muß man mercken, daß man sich von der Philosophie der Ausländer ein wenig einen andern Begriff machen müsse, als man bißher grossen Theils von der Philosophie gehabt. Es dachten und redeten nemlich die Ausländer zwar auch vom Wahren und Guten, sie vermischten es aber mit ihrer Religion, aus welcher das, was philosophisch ist, heraus gesucht werden muß. Weil dieses aber sehr weitläufig ist, so wird einem Anfänger genug seyn, wann er theils merckt, daß unter den Persern noch Überbleibsel von der alten Zoroastrischen Religion und Philosophie zu finden, theils zur Probe etwas weniges von der Philosophie der Indianer [=Inder], Chineser und Japoneser weiß, weil von den Mahometanern schon seines Ortes Bericht gegeben worden ist.“ (Ebd., S. 537f.)

Wie man leicht erkennen kann, legt Brucker zum einen den Maßstab des Diogenes Laertius zugrunde, spricht aber zum anderen den „Barbaren“ doch „Philosophie“ in einem allgemeineren und abgeschwächten Sinne und in Vermischung mit religiösen Motiven zu. Diese Argumentation ist bis heute noch vielerorts zu finden: Philosophie gab es nur bei den Griechen, aber bei großzügiger Betrachtung und einem weiten Verständnis von Philosophie und im Übergang zur Religion kann auch in außereuropäischen Traditionen von Philosophie gesprochen werden. Was allerdings heute gar nicht mehr selbstverständlich ist, ist die Breite der Differenzierungen für außereuropäische Philosophie bei Brucker, die aber im Laufe des 18. Jahrhunderts in den philosophiegeschichtlichen Darstellungen immer weiter abnimmt und letztlich in vielen Darstellungen nur noch China und Indien übrigbleiben.

(Auszug aus: Elberfeld, Rolf: Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive. Felix Meiner Verlag: Hamburg 2017, S. 282–84)