- Donnerstag, 21.7.2022 -

9:30 Uhr – 13:00 Uhr  Kunst, Musik, Rassismus(-kritik) und Academia

 

Fiona McGovern / Johannes S. Ismaiel-Wendt (Universität Hildesheim) (Organisation und Moderation)

"…dass Dir Hören und Sehen vergehen" (Roundtable)

Die musikwissenschaftlichen Teildisziplinen, die Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft sind auf das Engste verwoben mit dem europäischen Kolonialismus und mit Rassismus(-geschichte) – wenn diese nicht sogar die Basis für die Entstehung der Fächer bildet, die sich mit dem vermeintlich Schönen beschäftigen.

Universitäten, Museen und andere Kultur-(förder-)institutionen sind als identitätsstiftend wahrgenommene kulturelle Institutionen mit den großen Herausforderungen belegt, die Verhandlung oft traumatisierender Vergangenheiten mit dringend notwendigen Dekolonisierungsprozessen in Dialog zu bringen. Viele dieser Institutionen in Deutschland greifen die an sie gerichtete Kolonialismus- und Eurozentrismuskritik seit einigen Jahren auf, versuchen ihren Kanon und ihr Personal zu diversifizieren oder zu pluralisieren und legen entsprechende Programme auf: Sie bieten sich an als Mediatorinnen in Restitutionsdebatten und für Provenienzforschung, publizieren Sammelbände zu „Dekolonisation" und zum Thema „Verlernen“ und versuchen sich mit neuen Lehrprogrammen zu profilieren.

Sarah-Indriyati Hardjowirogo (Lüneburg), Christopher Nixon (Dresden), Shanti Suki Osman (Berlin/Oldenburg) und Kathleen Reinhardt (Dresden) reflektieren über The White Racial Frame (J.R. Feagin; P. Ewell) der musik- und kunstnahen Fächer, in denen sie sich bewegen, derzeitige Lagen und Strukturen in der akademischen Ausbildung sowie gegenwärtige Entwicklungen an Kunstinstitutionen, Museen und in der kuratorischen Praxis. Moderation: Johannes Ismaiel-Wendt und Fiona McGovern (Hildesheim).

Die von den Panel-Teilnehmenden in die Diskussion eingebrachten Fragen lauten: Wie kann eine postkoloniale Perspektive zu nachhaltigen Veränderungen im westlichen Wissensregime und Wissenschaftsdispositiv führen? Wie können Kunstmuseen lokal und global wirksam werden durch ein Aufnehmen, eine Konfrontation und ein Neudenken ihrer komplexen historischen Beziehungsgeflechte? Welche kuratorischen Methoden können entwickelt werden, um die Kontinuitäten rassistischer und misogyner Sozialisierungen zu brechen, sie in der Museumsinstitution anzuerkennen und aufzuarbeiten um einen neuen Raum der Begegnungen schaffen zu können? Wie gestaltet sich das Spannungsverhältnis zwischen einmaligen Interventionen und dauerhaften Veränderungen? Wann wird Rassismuskritik zu einer professionalisierten Praxis? Wann ist Schweigen Komplizenschaft, wann ist Schweigen Selbstschutz? Was können wir als Vertreter:innen wissenschaftlicher Disziplinen und Institutionen dazu beitragen und dafür tun, dass Sammlungen einen bewussteren Umgang mit Artefakten (bspw. Musikinstrumenten, Tonaufzeichnungen) aus kolonialen Kontexten pflegen, auch und gerade, wenn deren Provenienz ungeklärt ist? Was können wir dazu beitragen, dass die Einbeziehung ›nichtwestlicher‹ Forschungspositionen in universitären Curricula, Seminarplänen und Literaturlisten eine Selbstverständlichkeit wird?

 

Johannes Salim Ismaiel-Wendt ist Professor für Musiksoziologie und Populäre Musikwissenschaft an der Universität Hildesheim, Deutschland. Er ist Autor von tracks'n'treks. Populäre Musik und Postkoloniale Analyse (2011), post_PRESETS. Kultur, Wissen und populäre MusikmachDinge (2016) und Herausgeber von Translating HipHop (2012), Musikformulare und Presets (2018) und Postcolonial Repercussions. On Sound Ontologies and Decolonised Listening (2022). Ismaiel-Wendt ist Gründungsmitglied des Kollektivs ARK (Arkestrated Rhythm Komplexities), einem Kollektiv für postrepräsentative Klangvorträge und Installationen zu global verwobenen Geschichten von Musik, Sampling-Kulturen und Drum Machines.

 

Fiona McGovern ist Kunsthistorikerin, Autorin und Kuratorin. Seit 2018 lehrt und arbeitet sie als Juniorprofessorin für Kuratorische Praxis und Kunstvermittlung an der Universität Hildesheim und nimmt im Sommersemester 2022 eine Gastprofessur für Kuratorische Studien an der HfG Karlsruhe wahr. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen (künstlerische) Ausstellungspraxis und -theorie, Ethiken des Kuratierens, trans- und interdisziplinäre Ansätze in den Künsten sowie Kunsthistoriographie. Sie ist u.a. Co-Kuratorin der Ausstellung Jill Johnston. Disintegration of a Critic (Bergen Kunsthall, 2019) und Mitherausgeberin der gleichnamigen Publikation. 2016 erschien ihre Monographie Die Kunst zu zeigen zu Rhetoriken künstlerischer Ausstellungsdisplays. Gemeinsam mit Johannes Salim Ismaiel-Wendt initiierte sie das interdisziplinäre Symposium „Ethiken des Kuratierens“ (2020) an der Universität Hildesheim.

 

Sarah-Indriyati Hardjowirogo studierte Phonetik, Systematische Musikwissenschaft und Romanistik in Hamburg und Triest. Sie promovierte an der Leuphana Universität Lüneburg mit einer kulturwissenschaftlichen Arbeit über die theoretischen Folgen zeitgenössischer musikalischer Praxis für den Begriff des Musikinstruments. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin war sie seit 2010 an verschiedenen Lehrstühlen im Bereich der Kultur-, Musik- und Medienwissenschaft tätig. Im Rahmen des Forschungsprojekts 3DMIN war sie 2017 als Kuratorin an der Ausstellung »Good Vibrations« im Musikinstrumenten-Museum Berlin beteiligt. Sie forscht, lehrt und publiziert über Musik und Technikkultur, Audiomedien und Musikinstrumente und adressiert dabei Fragen der kulturellen Konstruktion instrumentaler Identitäten, Konfigurationen und Praktiken. 

 

 

Christopher A. Nixon ist seit 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Technischen Universität Dresden (TUD). 2020 bis 2021 arbeitete er als Kurator für koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart bei der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) und kuratierte dort in Co-Projektleitung eine Ausstellung zur kolonialen Verflechtung der hamburgischen Industrie. Zur Ausstellung erschien das intersektionale Bookazine grenzenlos mit Essays, Lyrik und Fotoarbeiten von BPoC. 2013 bis 2019 lehrte und forschte er an der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) Mainz am Arbeitsbereich Praktische Philosophie. Seine Forschungsschwerpunkte waren und sind: Postkoloniale, Kritische und Politische Theorie, Ästhetik, Sozialphilosophie, Museologie. Lehraufträge erteilten ihm die Hochschule Kaiserslautern, Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, Evangelischen Hochschule Berlin und Alice Salomon Hochschule Berlin. Seine Forschung untersucht, wie sich koloniale Diskurse in visuellen Repräsentationsformen, Wissenschaftsdispositiven und Blickregimen manifestieren. In den kritischen berichten erschien kürzlich sein Aufsatz „Frederick Serving Fruit. Die Zukunft und soziale Verantwortung des postkolonialen Museums“. Derzeit bereitet er seine in Mainz im Fach Philosophie eingereichte Dissertation zur Postkolonialen Ästhetik für die Veröffentlichung vor.

 

Kathleen Reinhardt Kathleen Reinhardt ist Kunst- und Kulturhistorikerin und hat in afroamerikanischer Kunstgeschichte promoviert. Derzeit ist sie Kuratorin für zeitgenössische Kunst am Albertinum, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Ihr kuratorischer Ansatz verbindet ihren wissenschaftlichen Hintergrund in Black Studies und dekolonialen visuellen Kulturen mit post-sozialistischen Sensibilitäten. Im Albertinum verfolgt sie ihr Interesse am Museum als Ort der künstlerischen Forschung und Produktion, an der diskursiven Qualität von Sammlungen, die an eine bestimmte Zeit und/oder ein historisches und ideologisches Narrativ gebunden sind, sowie an der Einbeziehung feministischen Denkens in das Neudenken von Kunstinstitutionen. Zu ihren jüngsten Ausstellungen für das Museum gehörten Marlene Dumas. Skulls (2017), Slavs and Tatars. Made in Dschermany (2018), For Ruth, the Sky in Los Angeles. Ruth Wolf-Rehfeldt und David Horvitz (2018/2022), Demonstrationsräume: Judy Radul, Céline Condorelli und Kapwani Kiwanga (2019, ko-kuratiert mit Isabelle Busch), Hassan Khan. I saw the world collapse and it was only a word (Performance + Künstlerbuch 2019/20) und die von der Kritik hochgelobte Gruppenausstellung 1 Million Roses for Angela Davis (2020/21), die alle von künstlerisch orientierten Publikationen begleitet wurden. Derzeit leitet sie die mehrteilige dreijährige Ausstellungs- und Forschungsinitiative Revolutionary Romances. Transkulturelle Kunstgeschichten in der DDR mit einer für 2023 geplanten großen Abschlussausstellung.

 

Shanti Suki Osman arbeitet zu den Themen diskriminierungskritische Musikvermittlung, intersektionale Musikpädagogik, Diversität im Musikstudium und Feminismen. Sie ist seit 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg und promoviert zum Thema Women* of Colour in deutschen Musikhochschulen. Sie ist dort Mitglied der Arbeitsgruppe DIVERSITY AUDIT, Diversität und Digitalisierung in Lehr-Lern-Räumen und im Wintersemester 2021/2022 war Shanti Suki Osman Gastgeberin der Gastvortragsreihe Diversität in der Musikstudium in Oldenburg. Von 2019 - 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin für Musikwissenschaft am Lehrstuhl "Populäre Musik" an der Humboldt Universität zu Berlin und von 2019 - 2020 war sie Co-Leiterin des von Carmen Mörsch gegründeten Schule und Critical Race Projekt "Die Remise" das Teil der 11. Berlin Biennale war. Außerdem ist Shanti Suki Osman eine Künstlerin, die mit Gesang, Ton und Radio an den Themen Identitäten, Macht und Marginalisierung, Antirassismus und Feminismen, arbeitet.