- Freitag, 21.07.2022 -

15:00 Uhr – 18:30 Uhr Feministische Theorie und Dekolonisierung

 

Anke Graneß (Moderation)

 

Denise Bergold-Caldwell 

Black feminist theory and philosophy – points of departure, settings, and challenges for eurocentric philosophy

(Schwarze feministische Theorie und Philosophie – Ausgangspunkte, Rahmenbedingungen und Herausforderungen für die eurozentrische Philosophie - Vortrag in englischer Sprache)

Schwarze feministische Bewegungen und schwarze feministische Theorie artikulieren sich länderübergreifend und global; sie ziehen Verbindungslinien zwischen verschiedenen afrodiasporischen, afrozentrischen, panafrikanischen Perspektiven und solchen, die sich direkt auf dem Kontinent verorten. Gender und Sexualität, die aus den Kämpfen gegen Versklavung und Überausbeutung hervorgegangen sind, sind oft von Bedeutung, stehen aber in Wechselwirkung mit ihren spezifischen Hintergründen in Analysen und Kämpfen. Am Beispiel verschiedener schwarzer feministischer Kämpfe soll aufgezeigt werden, inwieweit Gender und Sexualität spezifische Ausbeutungslinien mit sich bringen und was dies bedeuten kann.
Darüber hinaus wendet sich dieser Beitrag zentralen theoretischen Kategorien und ihrer Bedeutung für die feministische Theorie aus schwarzer feministischer Perspektive zu und diskutiert, welche Erweiterungen notwendig sind und welche Fragen stärker berücksichtigt werden müssen, um der Frage nach globaler Gerechtigkeit in der feministischen Theorie mehr Gewicht zu verleihen.

 

Denise Bergold-Caldwell, Dr. (phil.) ist Universitätsassistentin (Post-Doc) am Zentrum für Interdisziplinäre Geschlechterforschung (CGI) an der Universität Innsbruck. Sie promovierte in Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und war bis April 2022 stellvertretende Leiterin des Zentrums für Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung an der Philipps-Universität Marburg. Sie interessiert sich für Schwarze feministische Theorie, kritische post- und dekoloniale Theorien und Bildungstheorie(n) in diesen Diskursen. Sie hält Vorträge zu diesen Themen außerhalb von akademischen Kontexten und arbeitet mit und in sozialen Bewegungen. Sie ist Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und im Schwarzen queer-feministischen Kulturforum ADEFRA.

 

Yoko Arisaka

Positioning Feminisms in East Asia vis-à-vis De- and Postcolonial Feminist Debates

(Verortung von Feminismen in Ostasien gegenüber de- und postkolonialen feministischen Debatten - Vortrag in englischer Sprache)

Unter den außereuropäischen und nicht-nordamerikanischen Feminismen haben verschiedene post- und dekoloniale Feministinnen aus Südasien (insbesondere Indien), Südamerika und Afrika wesentliche Beiträge zur Kritik an den anglo-europäischen weißen Feminismen geleistet. Obwohl sie nicht aus dem anglo-europäischen Raum stammen, fehlen merkwürdigerweise die Stimmen aus Ostasien - China, Japan, Korea und Taiwan. Sie sind weder Teil der weißen, anglo-europäischen feministischen Debatten noch der post- und dekolonialen Debatten. Innerhalb Ostasiens war Japan ein Kolonisator Koreas und Chinas. Taiwan wurde von Japan und China kolonisiert. Die Geschichte der innerostasiatischen Antagonismen macht es fast unmöglich, "ostasiatische" Feminismen zu vertreten. Andererseits wurden die Kolonisierungen immer in Form von Notwendigkeiten gegen die angloamerikanische imperialistische Weltordnung dargestellt. In diesem Vortrag biete ich eine Diagnose zur "Verortung ostasiatischer Feminismen" an. Die theoretischen Schwierigkeiten bei der Darstellung der Feminismen in Ostasien zeigen sowohl die Grenzen der "Feminismen des Nordens" als auch möglicherweise die des Südens auf; ob post- oder dekolonial, die Debatten setzen immer noch etwas grundlegend Postaufklärerisches und Heteronormatives voraus: die Macht der "historischen Subjektwerdung" für die Kritik. Aber kann man ohne eine solche Haltung überhaupt eine feministische Kritik üben? Kann es andere Ausdrucksformen geben, die nicht "feministisch" im traditionellen Sinne sind (einschließlich der dekolonialen und intersektionalen), aber dennoch etwas von einem nicht-anglo-europäischen, nicht-heteronormativen, nicht-aufklärungsabhängigen Selbstverständnis bekräftigen? Kann eine solche Haltung jemals zu einer "Kritik" werden - eine "Kritik" wovon?

 

Yoko Arisaka Yoko Arisaka wurde in Japan geboren und zog 1980 in die Vereinigten Staaten. Sie promovierte in Philosophie an der University of California, Riverside (1996). Sie war außerordentliche Professorin für Philosophie in der Abteilung für Philosophie an der Universität von San Francisco (1996-2007). Im Herbst 1997 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des CNRS an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Seit 2005 lebt sie in Hannover, Deutschland. Sie war Fellow am Forschungsinstitut für Philosopohie Hannover (2009-11) und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Geschichte der Philosophie in globaler Perspektive" (Leitung Rolf Elberfeld) am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim (2019-2024). Im Herbstsemester 2022 war sie Gastprofessorin an der Tohoku University in Japan (online). Ihre Forschungsschwerpunkte sind moderne japanische Philosophie (insbesondere Nishida), Philosophy of Race, Feminismus, politische Philosophie und Phänomenologie.

 

 

Veronika Zablotsky

Postcolonial Feminism(s) in Postsocialist West and Central Asia

(Postkoloniale Feminismen im postsozialistischen West- und Zentralasien - Vortrag in englischer Sprache)

1994 bezeichnete Gayatri C. Spivak den postsowjetischen Raum als eine Grenze des postkolonialen Denkens und fragte in Other Asias (2008): "Will Postcolonialism Travel?". Dieser Vortrag untersucht die Resonanzen und Divergenzen postkolonialer und postsozialistischer feministischer Kritik durch eine Diskussion, die ökofeministische Vorstellungen in Armenien, feministische Punk-Kunst in Kasachstan und indigene Herausforderungen an die Umweltzerstörung im Nordosten Russlands analysiert und miteinander verbindet. Insbesondere wird untersucht, wie feministische Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen vor allem postkoloniale/postsozialistische Dialoge im Widerstand gegen Krieg, Extraktivismus und Besatzung inszenieren, indem sie aktuelle feministische Manifeste und Erklärungen genau lesen, wie z.B. Statement of Solidarity with Protectors of Mauna Kea from AEF [Armenian Environmental Front] and Amulsar Protectors (2019), Against War in Quarabag: Decolonial, Antifascist and Ecofeminist Statement from Armenia (2020) und Appeal to Decolonize [the] Russian Federation (2022). Auf dieser Grundlage werde ich über feministische Theorien und Praktiken nachdenken, die die möglichen Bedeutungen und Grenzen der Dekolonisierung im heutigen West- und Zentralasien ausloten, einer Region, die in den postkolonialen Studien und im transnationalen feministischen Denken nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird - zum Nachteil der globalen politischen Theorie.

 

Veronika Zablotsky ist Postdoktorandin am Fachbereich Philosophie der Freien Universität Berlin, wo sie Teil des vom BUA geförderten interdisziplinären Konsortiums Transforming Solidarities: Praktiken und Infrastrukturen in der Migrationsgesellschaft ist. Zuvor war sie Gastprofessorin für Gender Studies am Fachbereich Politik der Justus-Liebig-Universität Gießen und Andrew W. Mellow Postdoctoral Fellow im Sawyer Seminar Sanctuary Spaces: Reworlding Humanism an der University of California, Los Angeles. Sie promovierte in Feministischen Studien an der University of California, Santa Cruz (summa cum laude eq.) mit den Schwerpunkten Politik, Critical Race & Ethnic Studies und Bewusstseinsgeschichte. Ihre Forschungsinteressen konzentrieren sich auf postkoloniale und feministische Ansätze in der politischen Theorie, kritische Flüchtlingsstudien und transnationale Diaspora-Studien.